# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 07 20_S172 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) lieber evangeliſch-lutheriſche Gemeinden gegrün⸗ det hätten, ſie rufen: Behalte deine eigene Miſſion! Obder ſollten die Biſchöflichen, die Methodiſten, die Presbyterianer und überhaupt die ſo thätigen reformirten Kirchen das für dich thun, was du thun ſollteſt? Wie die Wiedertäu⸗ fer nicht für die reformirte Kirche das Miſſions⸗ werk thun können, ſo kann keine andere Kirche für die evangeliſch⸗lutheriſche Kirche miſſioniren: meinen Glauben kann kein anders Glaubender verkündigen; die engliſch-reformirte Kirche wird niemals evangeliſch-lutheriſche Gemeinden unter den Heiden gründen. Nicht zum Neideifer gegen andere Miſſionen werdet ihr, theure Glaubensgenoſſen, euch erhe⸗ ben, ſondern zum Eifer für die Mitarbeit auf dem großen Arbeitsfelde. Unter den, in don Wäldern Amerika's verſunkenen Auswanderern, unter den Wilden, die dort hauſen, in Oſtindien, in Neuholland und anderen Orten, hat die evan⸗ geliſch⸗lutheriſche Miſſion begonnen und ihr Wanderzelt aufgeſchlagen. Wird Gott dazu fer⸗ ner Gnade geben und werdet ihr eure Herzen zu dieſem Glaubenswerke auch lenken, ſo wird von neuen Gemeinden, als von ſproſſenden Zweigen, ein Segen wieder auf den alten Stamm, auf die Kirche, zurückfließen. Das kirchliche Bewußt⸗ ſein wird geſtärkt, ein neues tiefes Aufmerken der verweltlichten Glieder auf das „Wort“ wird die Frucht ſein; die Gemeinde wird erfah⸗ ren, daß ihre Arbeit nicht vergeblich iſt in dem HErrn. Der Kirche Ziel iſt, daß die im Glauben „freie Gemeinde“ bethätigt werde, ſobald einzelne Gemeinden zur Thätigkeit gläubig ſich erheben. Wie die Kirche Gottes der von Gott geſtiftete allgemeine Verein zu allem Guten unter Chriſto, ihrem unſichtbaren Haupte, iſt, ſo ſoll jede einzelne Gemeinde auch ein „freier Verein“ zu allem Gott Wohlgefälligen unter ihren irdi⸗ ſchen Führern ſein. Sind dieſe keine Wölfe oder Miethlinge, ſtehen dieſe in lebendigem Glau⸗ ben der Kirche Gottes, und haben ſie wackere Augen, die kranken Glieder zu erkennen, dann werden ſie auch andere Gemeindeglieder, welche die Gabe haben, Leiblich- und Geiſtlich-Kranke zu pflegen, dazu auffordern; dieſe werden auf ihren Wink freudig an das Werk gehen. Die Gemeinde aber mit ihrem Hirten wird Bei⸗ ſtand mit Rath und That, mit Gebet und Gabe, zu thun nicht aufhören. Durch die Barmherzig⸗ keit Gottes, welche ſie erfährt, wird ſie ſich zu barmherzigen Brüdern und Schweſtern heran zie⸗ hen laſſen und mit Geduld in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben. Der Tropfen Zeit und Kraft wird in Eins gefaßt; die Ge⸗ meinde wird mit ihrem Hirten ein opferndes prie⸗ ſterliches Volk. So kann dann auch die evange⸗ liſch-lutheriſche Kirche, die Gemeinde, und nicht mehr nur ein Einzelner, oder Einzelne, zu denen, die draußen ſind, ſagen: „Komm' und ſiehe!“ Aber Menſchenkind, was ſiehſt du? Wohin deine Augen ſich wenden, ſiehſt du, wenn 17¹ mit natürlichen Augen du dreinblickeſt, nur Schmach über der evangeliſch⸗lutheriſchen Kirche. Und dennoch muß man ihr zurufen im Na⸗ men des HErrn: „Behalte, was du haſt!“, theure Kirche, III. behalte auch deine Schmach. Schmach trägt eben ſchon ihr Name, darum daß ſie nicht evangeliſch in's Zweideutige, Un⸗ gewiſſe, ſon dern, die reine Lehre andeutend, evan⸗ geliſch-lutheriſch heißt; die kleinen Propheten unſerer Zeit können es nicht ertragen, daß der Name und das treue Lehrbekenntniß des gro⸗ ßen Wittenberger Propheten der letzten Zeiten ihrem verflüchtigenden und Gottes Wort fäl⸗ ſchenden Weſen einen Damm. noch in den Weg ſetzt. Schmach trägt ihr Katechismus. In wie manchem Schul- und Confirmations⸗Unterrichte werden die unübertrefflichen Erklärungen Luthers von den zehn Geboten, vom apoſtoliſchen Glau⸗ ben, vom Vater⸗Unſer, von Taufe und Abend⸗ mahl, nicht mehr zum Erlernen aufgegeben, wäh⸗ rend das Unbibliſcheſte und Elendeſte an deren Stelle geſchoben wird. Schmach trägt ihr Bekenntniß. Weg mit der Augsburgiſchen Confeſſion! weg mit Wohl, wenn nur eure Lügenbekenntniſſe weg wären; aber warum ſoll das der Kirche weg? Etwa darum, daß ihr ſagt: „Wir wollen nichts als das Evange⸗ lium“? Aber kann es ein wahres Evangelium geben ohne den dreieinigen Gott, Vater, Sohn und Geiſt, ohne die Lehre vom natürlichen Ver⸗ derben, ohne Chriſtum, den Sohn Gottes, ohne die Rechtfertigung aus Gnade durch den Glau⸗ ben an IEſum Chriſtum, ohne ein wirkliches Theilhaftigwerden des wirklichen, wahren Leibes und Blutes Chriſti, als des zweiten Adams? Das und nichts anderes iſt eben das Augsburgiſche Bekenntniß. Und weil ihr dieſes bibliſche Evangelium nicht wollet, darum iſt das Bekenntniß der evan⸗ geliſch-lutheriſchen Kirche bei euch in der Schmach! Iſt nicht der treue bibelgemäße Glaube an vie⸗ len Orten eine eben ſo ſeltene als ſchmachvolle Erſcheinung geworden? Selbſt manche der heili⸗ gen Schrift ſich wieder zuneigenden „evangeli⸗ ſchen“ Pfarrer ſind zu gleichgültig, um jenen hei⸗ ligen Bekenntnißernſt zu billigen, und auch bei allem Reden von Liebe, dennoch zu intolerant, um ihn zu dulden. Die evangeliſch-lutheriſche Kirche dringet auf eine fortſchreitende Erfahrung und Erlebung der Hauptſtücke, das heißt der Hauptſachen, des klei⸗ nen Katechismus. Ihr Fortſchritt verlangt, daß wir an den Zehn Geboten immer tiefer zur Er— kenntniß des heiligen Willens Gottes und un⸗ ſerer Sünde kommen; daß wir im apoſtoliſchen Glauben immer reicher werden an Friede, Freude, Gerechtigkeit; daß wir an dem Ge⸗ bet des HErrn, dem Vater Unſer, mit tief verſöhntem und befriedigtem Herzen beten lernen. Ihr Fortſchritt erheiſchet, daß wir die Taufgnade immer mehr als das höchſte Gut achten lernen, das geht über aller Welt Luſt und Reichthum; daß wir im Aben dmahl, wäh⸗ rend unſerm Pilgern durch die Fremde, fort⸗ ſchreitend die ſelige Gewißheit haben, daß wir Fleiſch von Seinem Fleiſche, Gebein von Sei⸗ nem Gebeine ſind; daß Er in uns bleibe und wir in Ihm, und viele Frucht bringen in dieſer Lebensgemeinſchaft. Dieſer evangeliſch-luthe⸗ riſche Fortſchritt, dieſer Fortſchritt auf dem Kleinkinderwege, den der HErr ſeinen Jüngern ſo ſehr anpries; dieſer wahrhaft bibliſche und göttliche Fortſchritt iſt in der Schmach, wer will es leugnen? Er bleibe es: „denn vor⸗ wärts, nicht rückwärts“, iſt der Kirche Gottes Loſung. ö Ja, in der Schmach iſt eben auch die evange liſch⸗lutheriſche Liebe. Darf ſie doch kein ande⸗ res Ziel kennen, als Gott über Alles, — alſo auch ſein Wort über Alles zu lieben, das heißt, vorzuziehen, und den Nebenmenſchen zu lieben, wie ſich ſelbſt. Was ſie hat und genießt, wird ſie, von der Liebe Chriſti gedrungen, auch andern anpreiſen und zukommen laſſen. Auch die aus ihrem innerſten Weſen hervor⸗ gehende Erſcheinung iſt in der Schmach; veraltet ſei das Sündenbekenntniß bei Eröffnung des Gottesdienſtes; veraltet das Abſolution⸗ Sprechen über den bußfertigen Zöllner im Tem⸗ pel; veraltet die Taufe als Sacrament der Wie⸗ dergeburt aus Waſſer und Geiſt (Joh. 3, 5.); veraltet die Beichte, und zwar nicht nur die See⸗ len pflegende Privateröffnung und Berathung, ſondern ſelbſt die allgemeine Beichte, dieſer letzte Zaun um den Berg Gottes, dieſe letzte mütter⸗ liche Vorſorge der Kirche, ihre Glieder vor un⸗ würdigem Genuß des Abendmahls zu warnen; veraltet das Sacrament des Leibes und Blutes Chriſti; veraltet der Leib, der die Fülle der Gottheit in ihm wohnend hat, und ewige Schönheit und Jugend allein der dahinfal⸗ lenden Menſchengeſtalt wieder geben und ſichern kann. Verachtet ſind die bekennenden Kinder der Kirche; verachtet die Zahl derer, welche aus der allgemeinen Weltkirche heraus unter die Fahne des Bekenntniſſes treten; verachtet ihr Galiläers⸗ Gewand, denn nicht viele Reiche, nicht viel Mächtige und Hohe tragen gerne der Kirche Schmach. ‚ Ihrer Kinder äußeres Leben auch ſteht in Verachtung (ihr Inneres iſt verborgen mit Chriſto in Gott); verdächtigt werden ſie als Schroffe, Liebloſe, ja ſelbſt als Heuchler ver⸗ ſchrieen. So töne denn nur um ſo dringen⸗ der in ihren Tempeln, Häuſern und Familien die Ermahnung (1 Petri 3, 16. 17.): „Habet ein gut Gewiſſen, auf daß die, ſo von euch afterreden, als von Uebelthätern, zu Schanden werden.“ Und wie ſteht es mit ihrer Miſſion? Da ſie alle Gottesworte predigt — weil ſie alle gleich ehret und keinen unanſtändigen und ſchädlichen Unterſchied macht, weil ſie einfältig jede natür⸗