Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 2 › Seite 175
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-09-15, Seite 175
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Allwiſſenheit 1 · Geſang 1
Gottes Allwiſſenheit.
Bedenke wie wunderbar es iſt, daß Gott von
Ewigkeit alle Dinge vorher weiß, deren Zahl ſo
groß, deren Mannigfaltigkeit ſo unermeßlich iſt.
Er iſt mit ihrer Beſchaffenheit, ihrer Ordnung,
ihrer Stelle bekannt, er ſchaut ſie mit ungetheil⸗
tem Blick. Und nicht blos was vor Augen liegt,
auch das Verborgenſte ſieht er. Kein geheimer
Gedanke, keine Neigung, kein Willensentſchluß,
keine Herzensempfindung kann ihm entgehen. —
Wunderbar iſt ſein Wiſſen im Reich des Guten,
aber noch viel wunderbarer im Reiche des Böſen,
denn es ſteht feſt, daß die Sünde und alles Un⸗
recht nur mit ſeiner Zulaſſung, nicht unter ſeiner
Mitwirkung geſchehen kann. Bedenke nun, wie
ſtaunenswerth es iſt, daß er auch Alles das vor⸗
her wiſſen konnte, was er einem fremden Willen
überlaſſen hat, und zwar einem Willen, der noch
nicht geſchaffen war und auch in dieſer Weiſe von
ihm nie geſchaffen werden ſollte.
Richard, de arca mystica II, 21.
*
Die eitele Sucht.
Es gibt nichts Flüchtigeres, als das Herz des
natürlichen Menſchen. Es iſt eitel, unſtät,
unbeſtändig, es kann in ſich nicht ſtill ſtehen, ſon⸗
dern ſchneller als alle Schnelligkeit zertheilt es ſich
ins Unendliche und läuft nach allen Seiten aus
einander. Bei der Arbeit bleibt es gedrückt, nach
der Ruhe leer; es iſt uneins in ſich, flieht ſich,
wechſelt die Pläne, ändert die Entſchlüſſe, bauet
auf, reißt nieder, baut das Niedergeriſſene neu
auf, vertauſcht das Eine immer wieder mit dem
Andern, weil es will und auch nicht will, und
bleibt daher niemals in demſelben Zuſtende.
Von einem Gedanken geht es ſchnell zum andern
über, um vielleicht durch die Menge der Gegen⸗
ſtände ſatt zu werden, an deren Beſchaffenheit es
ſich nicht ſättigen kann. So elend iſt ein Herz,
das Gott nicht gefunden hat.
Meditationes c. 9.
Der Eigenwille.
—
Der Eigenwille gleicht einem giftigen und tödt⸗
lichen Kraute, deſſen Genuß der erfahrenſte Arzt
ſchon den erſten Menſchen im Paradieſe verbot,
doch wollten ſie ſeiner Vorſchrift nicht gehorchen.
Und da ſie gegeſſen, wurden ſie ausſätzig und
zeugten ausſätzige Kinder. Obwohl dieſe nun
wiſſen, daß ihre Eltern durch jenes Kraut krank
wurden und ſtarben, ſo lieben ſie es doch vor allen
und würzen alle ihre Speiſen damit.
Anſelm, Edameri M. de similitudinibus
S. Anselmi c. 38.
Jeſ. 7, 9.: Glaubet ihr nicht, ſo bleibet ihr
nicht.
Das iſt, werdet ihr nicht glauben, ſo werdet ihr
nicht bleiben. Unſers HErrn Gottes Ding iſt
alles unbegreiflich, dort aber, in jenem Leben, hat
er geſagt, wolle er uns alles zeigen, und wolle
uns Rechenſchaft geben, warum ers alſo gemacht
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habe. Wir Chriſten haben, Gott ſei Dank, einen
großen Vortheil, daß unſer Glaube ſo gewaltig
gegründet iſt in der heiligen Schrift, und ſtimmet
allezeit überein. Das haben demnach der Türke
oder Juden nicht. Luther.
*
Ermunterung zum Singen.
(Aus Valerii Herbergers evangeliſcher Herzpoſtille am
Sonntag Cantate.)
Cantate Domino canticum novum, d. i.
Singet dem HErrn ein neues Lied.
Da läuft das Ringlein der heutigen Predigt zu⸗
ſammen. Darum ſtehet im Oſtergeſange fein
beiſammen: 1. daß wir ſollen fröhlich
ſein, 2. Gott loben und ihm dankbar
ſein und ſingen Halleluja. Die liebe
Chriſtenheit ſoll Jungfrau Gottlobia heißen.
Sie ſoll Gottes Capelle, Chor und Cantorei ſein;
alle. frommen Herzen ſollen wackere Symphoni-
achi und Adjuvanten ſein. Eure Häuſer ſollen
lauter Singeſchulen ſein. Ihr Eltern und Herr⸗
ſchaften ſollt Freiſänger ſein, wie die deut⸗
ſchen Geſangmeiſter genannt werden, die Kaiſer
Otto aus adeligem Geſchlecht, aus den Ge⸗
lehrten und Handwerksleuten hochgeehrt, privi⸗
legirt und begnadet hat. Stimmt einen ſchönen
Pſalm nach dem andern an, ſinget eine ſchöne
Hiſtoria nach der andern aus Altem und Neuem
Teſtament. Thuet wie Moſe, Mirjam und Is⸗
rael, da ſie Gott erlöſet hat, 2 Moſ. 15, 1. ff.,
wie Hanna, 1 Sam. 2, 1.ff., wie Barak und
Debora, Richt. 5, 1. ff., wie Jeſaias, Capitel 12,
1. ff., wie Hiskia, Eſ. 38, 3. ff., wie David,
Pſ. 103., wie Zacharias, da er ſein Benedictus
ſinget, wie Maria, die ihr Magnificat klinget,
Luc. 1, 46. ff., wie die heiligen Engel, Eſ. 6, 3.
Luc. 2, 14., wie Auguſtinus und Ambroſius, da
ſie ihr Te Deum Laudamus, HéErr Gott dich
loben wir, einen Vers um den andern ſingen.
Gott hat uns zu unſern Zeiten *) eine beſondere
Gnade erzeiget, daß er uns durch den theuren
Mann Dr. Martinum Lutherum die vornehmſten
Artikel chriſtlicher Lehre in ſchöne deutſche Reime
und Geſänge hat ſchließen laſſen. Dasſelbe Ge⸗
ſangbüchlein iſt erſtlich Anno 1525 im Druck
herausgegeben und hernach mit vieler frommen
Männer andächtigen Lobgeſängen gemehrt wor⸗
den. Das laßt euch als ein edles Kleinod be⸗
fohlen ſein, damit ihr daraus eine tägliche
Hausmuſik Gott zu Lob und Ehren anſtim⸗
men könnet. Laſſet das Wort Chriſti reichlich
unter euch wohnen in aller Weisheit; lehret und
vermahnet euch ſelbſtmit Pſalmen und Lobgeſän⸗
gen und lieblichen Liedern, und ſinget dem HErrn
in eurem Herzen nach St. Pauli Lehre, Col. 3,
16. Jetzt ſtimmt an: Allein Gott in der Höh'
ſei Ehr und Dank für ſeine Gnade u. ſ. w. Bald
laſſet ſchallen: Ehr ſei Gott in dem höchſten
Thron, dem Vater aller Güte und IEſu Chriſt,
ſeinem liebſten Sohn, der uns allzeit behüte, und
Gott dem Heiligen „‚Geiſte, der uns ſeine Hülfe
*) Herberger iſt 1561 geboren und 1627 als Paſtor in
Frauſtadt in Polen ſelig geſtorben.
allezeit leiſte u. ſ. w. Oder aber: Nun lob,
mein Seel, den Herren u. ſ. w. Nun freut euch,
liebe Chriſten gemein u. ſ. w. Freue dich, du
werthe Chriſtenheit u. ſ. w. Wenn ich vor einem
ſolchen Hauſe vorüber gehe, da man ſo lieblich
ſinget, ſo gefällt mir es tauſendmal beſſer, als
das ſchönſte Zeiſig-Gebäuerlein (und Canarien⸗
vogelgeſang); mich dünket, als ſei ich nicht weit
vom Himmel und höre die Engel ſingen. Seid
gewiß, ihr lieben Hausväter, die heiligen Engel
ſind nicht weit von euch, wenn ihr eure Stimmen
mit reinem Herzen, alſo Gott zu Ehren klingen
laſſet. Gott iſt nicht ein Feind der Muſik, wie
der Unmenſch Solimannus, der türkiſche Kaiſer,
welcher die kunſtreiche Muſik, die ihm Francis⸗
cus I., König in Frankreich, als ein hohe Gabe
verehrt hatte, erſtlich mit Verwunderung hörte,
endlich aber aus Beiſorge, ſeine Türken zu Con⸗
ſtantinopel würden dadurch etwas ſittſamer wer⸗
den, nach zerbrochenen Inſtrumenten ihrem Herrn
wieder zurück ſandte. Siehe, wie eine ſchöne
Muſik hat Gott ihm auf dem Felde und in den
wüſten Wäldern durch ſo viel wohlſingende Vö⸗
gelein zugerichtet. Das ſind alles ſtumme Lob⸗
ſänger des göttlichen Ruhmes; ſo bald die Mor⸗
genröthe anbricht, ſo läßt ſich die Lerche hören.
Aber Menſchenklang und Engelgeſang iſt ihm der
liebſte unter allen. Ein polniſcher König, Aler⸗
ander, der nur fünf Jahre regiert hat, kurz vor
Sigismundo I., der war beſchwert, daß er ſeinem
Kapellmeiſter, mit Namen Finke, etliche hundert
Floren ſollte zur Beſoldung geben und ſprach:
Wenn ich einen Finken in's Gebäuer ſetze, der
ſingt mir durchs ganze Jahr und koſtet mir kaum
einen Ducaten, es thut mir ebenſoviel. Aber
unſerm lieben Gott im Himmel gefällt
der Menſchen- und Engelgeſang über
aller Finken⸗ und Nachtigallen⸗
Geſchrei. Iſt's doch ſein beſonders Kunſtſtück
im Menſchen, daß er ihn alſo erſchaffen, daß er
nicht allein reden, ſondern auch ſingen, und daß
er im Singen zugleich auch mitreden und ver⸗
ſtändliche Worte ausſprechen kann. Die Gelehr⸗
ten ſagen, des Menſchen Kehle ſei wie eine um⸗
gekehrte Schalmei. Nun iſt's ein Kunſtſtück über
alle Kunſtſtücke, daß der Menſch durch dieſe ſeine
umgekehrte Schalmei den Geſang aus allen Cla⸗
vibus nehmen, auch in dem ſubtilſten Semitonio
anſtimmen und richtig ausführen kann.
Wie ein jedes Inſtrument geſtimmt iſt, alſo
bleibts; aber der Menſch kann ſeine Schalmei in
einem Augenblick bald mit einem geſchwinden
Gedanken in alle Inſtrumente auf Erden richten,
welches ſonſt kein Pfeifwerk oder Saitenſpiel thun
kann. Iſt das nicht ein Wunder, daß es der
Menſch alsbald in den Ohren fühlt, wenn im
Geſange etwas übel klingt! Wie ſollte es denn
dem Werkmeiſter nicht herzlich wohlgefallen, wenn
alles ihm zu Ehren wird abgerichtet? Darum
ſinget: Alles, was Athem hat, lobe den HErrn,
Halleluja! wie der letzte Pſalm ſagt. „Kein
großer Herr läßt ihm umſonſt ſingen, Gott wird
ſeine freigebige Hand an euch auch beweiſen, ſo
ihr ihm täglich werdet mit Andacht im Hofe recht
machen.“
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