Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 2 › Seite 14
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-09-15, Seite 14
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bekenntnisſchriften 6 · Bekenntnisſchriften 9 · Werke 20 · Werke 25
dem ſie nun dieſes Letztere thun und ſogleich den
klaren und einfachen Verſtand dieſes Vorbilds
wider das abergläubiſche Zuthun der Papiſten
und das ungläubche geiſttreiberiſche Abthun der
Schwärmer vertheidigen, ſo treten die Symbole
der lutheriſchen Kirche neben jenem Zeugenthum
auch als Lehre und Wehre auf.
Dieſes iſt nun, in der Kürze geredet, das wahre
Verhältniß der Bekenntnißſchriften unſerer Kirche
zum geſchriebenen Worte Gottes; und wer dies
Verhältniß anders auffaßt und darſtellt, der iſt
hierin entweder unwiſſend oder böswillig; und
da ſicherlich die Ohio-Synode dies Verhältniß
allein meinte, ſo will ſie in obigem Beſchluſſe
ſicherlich nichts anders als Folgendes ſagen:
Weil eben die Symbole der lutheriſchen
Kirche die reine und ungefälſchte Erklärung und
Darlegung des Wortes Gottes, und demſelben
in allen Stücken der Heilslehre gleichförmig und
gehorſam ſind; — ferner weil ſie das klare ein⸗
fache Schriftwort, wie es lautet, wider Papiſten
und Schwärmer ſo gründlich und ernſtlich be—
haupten und vertheidigen; — endlich weil ſie
die Summa der Heilswahrheit aus Gottes Wort
(wie z. B. in Luthers Katechismen) ſo einfältig
und gemeinfaßlich und verſtändlich zuſammen⸗
ſtellen; — deshalb und deshalb allein beken⸗
nen auch wir uns, einzeln und als kirchliche Kör⸗
perſchaft, zu dieſen Symbolen und wollen hinfort
auch unſere Candidaten bei der Ordination auf
ſie verpflichten, daß ſie in Uebereinſtimmung mit
ihnen das Wort Gottes auslegen und weder in
papiſtiſche noch ſchwärmeriſche Schriftauslegung
gerathen.
Oder ſollte es der Ohio-Synode gleichgültig
ſein, wenn z. B. in der Lehre von den heiligen
Sacramenten dieſe oder jene ihrer Glieder von
den einfältigen Schriftworten, wie ſie lauten, und
von dem dieſen Worten gemäßen Zeugniß und
Lehre der ſymboliſchen Bücher abgingen und ſich
nach dem Vorgang der Calviniſten und dem Nach⸗
tritt der Herren Schmucker und Kurz aus ihrem
Vernunftdünkel einen andern eingebildeten Sinn
in die Einſetzungsworte hineinlegen und dieſem
gemäß denn auch predigten und lehrten?
Aus jener ſelbigen Verkennung des wahren
Verhältniſſes der lutheriſchen Bekenntnißſchriften
zum Worte Gottes kommt denn auch der Haufe
grundloſer Befürchtungen, die Herr Dr. Kurtz im
Folgenden aus der Verpflichtung zu den ſymbo⸗
liſchen Büchern herleitet. Er meint unter Ande⸗
rem, „daß dies die ergiebige Quelle von Intole-
ranz, Streitſucht, Berdammung und Trennung
unvermeidlich werde, ja Unglauben und Abfall
anbahne“, nennt ſolches Verfahren „Hyperortho⸗
doxie“, die endlich entweder in herzloſe Zweifel⸗
ſucht oder in maßloſe Breitmacherei hinauslaufe,
indem das Gewiſſen der Menſchen alſo geknechtet
und der Geiſt freier Forſchung gehemmt werde;
der römiſche Aberglaube habe in Frankreich die
Gottesleugnung, die Vereidigung auf Bekennt⸗
niſſe in Deutſchland den gröbſten und ſchamloſe⸗
ſten Neuglauben (Vernunftglauben) mit zuwege
gebracht“ u. ſ. w.
lichen Symbolen getrieben wurde.
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zu widerlegen wäre eigentlich die Sache eines be⸗
ſondern Pamphlets oder einer genauer eingehenden
Arbeit im Lutheran Standard und ſollte ſicher⸗
lich von der Ohio-Synode geſchehen, da ſie doch
der hier zunächſt angegriffene Theil iſt. Wir be⸗
ſchränken uns hier auf eine kurze Entgegnung:
Herr Dr. Kurtz, und die ihm ähnlich geſinnten
Unioniſten, hier und in Deutſchland, iſt in Obigem
nach hergebrachter Oberflächlichkeit und Schein—
macherei verfahren, um wenigſtens in der Ver⸗
dächtigung der kirchlichen Symbole ſeiner Unirerei
im Geheimen Raum zu machen, nachdem die
kreißenden Berge der „großen evangeliſchen Union
und Weltvereinigung“ zu London vor zwei Jah⸗
ren, von deren Herrlichkeit auch Herr Kurtz das
Maul ſo voll nahm, nichts Größeres, als eine —
Maus geboren haben.
In all jenen Anſchuldigungen nämlich, ſowohl
der Symbole halber als der Verpflichtung auf ſie,
iſt eine mehrfache Ungerechtigkeit enthalten, indem
der Ankläger mehrere Punkte der Sache nicht er⸗
kennt oder gefliſſentlich verſchweigt.
Zum Eiſten nänilich iſt mit keinem Worte der
Thatſache Erwähnung gethan, daß das luthe—
riſche Concordienbuch in keinem ſeiner Beſtand⸗
theile eine beſondere Geltung über und außer der
heiligen Schrift haben will, und ſich allezeit und
überall der letzteren unterordnet und in Anwen⸗
dung derſelben ſeinen unbedingten Schriftgehor⸗
ſam allewege nachweiſ't; im Gegentheil läßt
Herr Dr. Kurtz ſeine Leſer unter dem Eindruck
und Vorurtheil, als wollten die ſymboliſchen Bü—
cher, ähnlich den römiſchen Traditionen, einen
Standpunkt über der heiligen Schrift einneh—
men, in welchem Falle allerdings die Vepflich⸗
tung auf ſie der gottloſeſte Gewiſſenszwang und
die elendeſte Menſchenknechtſchaft wäre.
Zum Andern iſt dieſe Wahrheit entweder über⸗
ſehen oder verſchwiegen, daß weder die Bekennt⸗
nißſchriften (in jenem von ihnen ſelber mehrfach
angezeigten Verhältniß zur heiligen Schrift) noch
die gehörige Verpflichtung der Diener der Kirche
auf dieſelben jemals „Intoleranz, Streitſucht,
Verdammung und Trennung, ja Unglauben und
Abfall“ u. ſ. w. erzeugt und angebahnt haben.
Solche Gräuel nämlich ſind nur dann hin und
her zum Vorſchein gekommen, wo ſich die Sünde
der Zeitgenoſſen oder Rachkommen an jene edlen
und reinen Zeugniſſe der Väter gehängt hat und
dadurch ein ſchändlicher Mißbrauch mit den kirch—
Dies geſchah
z. B., wo jene untergeordnete Stellung derſelben
zur heiligen Schrift gewiſſermaßen aufgegeben
wurde, wo man behauptete, auch ſie ſeien von
Gott (wenn auch nur mittelbar) eingegeben (in—
ſpirirt) und deshalb, ähnlich dem Worte Gottes,
die Gewiſſen bindend und verpflichtend, woraus
ſich denn natürlich eine widerwärtige Confeſſio⸗
niſterei und papiernes Pabſtthum entwickerte.
Was konnten aber jene theuerwerthen Zeugniſſe
für ſolche Verkehrtheit und ſolchen Mißbrauch?
Und iſt es gerecht und verſtändig, verräth es auch
nur eine geringe Gabe von unpartheiiſcher ge⸗
ſchichtlicher Wahrheitsliebe, wenn der Hr. Dr. K.
Dieſe und ähnliche Schreckgeſichte des Weitern
deshalb die ſymboliſchen Bücher ſelbſt „die Quelle
von unausſprechlichem und unberechenbarem Un⸗
heile“ in der Kirche nennt?
Zum Dritten iſt auch davon kein Wörtlein ge⸗
ſagt, daß theils im Gegenſatz zu ſolchem Miß⸗
brauch, theils durch von Gott verhängte Straf—
gerichte für die Undankbarkeit und Verachtung!
des lautern Evangeliums und des reinen Bekennt⸗
niſſes „kräftige Irrthümer“ oder gar der vernei⸗
nende Un- und Vernunftglauben, die freche Leug⸗
nung des Bibelgottes aufkam. Dieſer Nicht⸗
gebrauch alſo und jener Mißbrauch der Symbole
der lutheriſchen Kirche iſt nicht die Schuld dieſer
Zeugniſſe und hebt ihren rechten Gebrauch nicht
auf. Dieſer nämlich iſt ſo fern von Vergötte⸗
rung als Verwerfung derſelben und beſteht darin,
ſie, von dem Apoſtoliſchen Symbol an bis zur
Concordienformel, nur als Zeugen für die
Heilswahrheit des göttlichen Wortes, auch wider
allerlei Irrthümer, anzuerkennen, und nachdem
man durch Vergleichung mit der heiligen Schrift
ihren völligen Schriftgehorſam kennen gelernt hat,
allerdings auch ihnen gemäß dieſelbe
Wahrheit zu lehren. Es hält ſich hier ähn—
lich, als mit der Kirche, wenn ſie „der Pfeiler
und die Grundfeſte der Wahrheit“ vom Apoſtel
genannt wird; denn dieſes iſt ſie nicht inſofem,
als ob ſie etwa neben und über der heiligen Schrift
aus ſich ſelbſt die Wahrheit zur Seligkeit hervor⸗
brächte, oder durch ihr Zeugniß von der Schrift
dieſe erſt zu dem machen wollte, was ſie iſt (wie die
Papiſten wähnen) ſondern inſofern, als ſie die
in der heiligen Schrift ein für allemal überlieferte
Wahrheit unabläſſig bezeugt, bekennt, lehrt, aus⸗
breitet und fortpflanzt.
Zum Vierten iſt auch davon nichts gemeldet,
wie ſelbſt an den Kämpfen und Streitigkeiten
mehr innerhalb der lutheriſchen Kirche, die z. B.
nach Luthers Tod ausbrachen, die Bekenntniß⸗
ſchriften durchaus unſchuldig ſind, ſondern der
Irithum oder der geiſtliche Hochmuth wechſelſeiti⸗
ger Gegner, die beide aus der heiligen Schrift
und der Wahrheitsmitte dieſer Zeugniſſe nach ent⸗
gegengeſetzten Enden herauswichen.
So behauptete z. B. Georg Major, Profeſſor
der Theologie zu Wittenberg, gute Werke ſeien
nöthig zur Seligkeit, und es ſei unmöglich, daß
Jemand ohne gute Werke ſelig werde. Dieſem
Satze widerſprach Nik. Amsdorf, indem er be⸗
hauptete, gute Werke ſeien ſchädlich und verderb⸗
lich zur Seligkeit. Ferner ſtellte Victorinus;
Striegel den Satz auf, die Erbſünde ſei ein leich⸗
ter Zufall (aceidens) gleich einem mit Knoblauch
beſtrichenen Magneten, wodurch nicht das ganze
Weſen der menſchlichen Natur verderbt, ſondern
nur obenhin geſchwächt ſei. Im Widerſpruch da—
gegen gerieth Matthias Flacius in den entgegen⸗
geſetzten Irrthum, indem er die Behauptung auf-
ſtellte, die Erbſünde ſei das Weſen der menſch-
lichen Natur ſelber. Desgleichen waren über das
Verhalten des Menſchen bei der Bekehrung durch
die Gnade des Heiligen Geiſtes ſich widerſpre⸗
chende Irrthümer zum Vorſchein gekommen. Die
Einen nämlich ſagten, der Menſch könne hiebei
mitwirken, ſich mindeſtens zum Empfangen der
bekehrenden Gnade bereiten und anſchicken, dit
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