# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 09 15_S175 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Gottes Allwiſſenheit. Bedenke wie wunderbar es iſt, daß Gott von Ewigkeit alle Dinge vorher weiß, deren Zahl ſo groß, deren Mannigfaltigkeit ſo unermeßlich iſt. Er iſt mit ihrer Beſchaffenheit, ihrer Ordnung, ihrer Stelle bekannt, er ſchaut ſie mit ungetheil⸗ tem Blick. Und nicht blos was vor Augen liegt, auch das Verborgenſte ſieht er. Kein geheimer Gedanke, keine Neigung, kein Willensentſchluß, keine Herzensempfindung kann ihm entgehen. — Wunderbar iſt ſein Wiſſen im Reich des Guten, aber noch viel wunderbarer im Reiche des Böſen, denn es ſteht feſt, daß die Sünde und alles Un⸗ recht nur mit ſeiner Zulaſſung, nicht unter ſeiner Mitwirkung geſchehen kann. Bedenke nun, wie ſtaunenswerth es iſt, daß er auch Alles das vor⸗ her wiſſen konnte, was er einem fremden Willen überlaſſen hat, und zwar einem Willen, der noch nicht geſchaffen war und auch in dieſer Weiſe von ihm nie geſchaffen werden ſollte. Richard, de arca mystica II, 21. * Die eitele Sucht. Es gibt nichts Flüchtigeres, als das Herz des natürlichen Menſchen. Es iſt eitel, unſtät, unbeſtändig, es kann in ſich nicht ſtill ſtehen, ſon⸗ dern ſchneller als alle Schnelligkeit zertheilt es ſich ins Unendliche und läuft nach allen Seiten aus einander. Bei der Arbeit bleibt es gedrückt, nach der Ruhe leer; es iſt uneins in ſich, flieht ſich, wechſelt die Pläne, ändert die Entſchlüſſe, bauet auf, reißt nieder, baut das Niedergeriſſene neu auf, vertauſcht das Eine immer wieder mit dem Andern, weil es will und auch nicht will, und bleibt daher niemals in demſelben Zuſtende. Von einem Gedanken geht es ſchnell zum andern über, um vielleicht durch die Menge der Gegen⸗ ſtände ſatt zu werden, an deren Beſchaffenheit es ſich nicht ſättigen kann. So elend iſt ein Herz, das Gott nicht gefunden hat. Meditationes c. 9. Der Eigenwille. — Der Eigenwille gleicht einem giftigen und tödt⸗ lichen Kraute, deſſen Genuß der erfahrenſte Arzt ſchon den erſten Menſchen im Paradieſe verbot, doch wollten ſie ſeiner Vorſchrift nicht gehorchen. Und da ſie gegeſſen, wurden ſie ausſätzig und zeugten ausſätzige Kinder. Obwohl dieſe nun wiſſen, daß ihre Eltern durch jenes Kraut krank wurden und ſtarben, ſo lieben ſie es doch vor allen und würzen alle ihre Speiſen damit. Anſelm, Edameri M. de similitudinibus S. Anselmi c. 38. Jeſ. 7, 9.: Glaubet ihr nicht, ſo bleibet ihr nicht. Das iſt, werdet ihr nicht glauben, ſo werdet ihr nicht bleiben. Unſers HErrn Gottes Ding iſt alles unbegreiflich, dort aber, in jenem Leben, hat er geſagt, wolle er uns alles zeigen, und wolle uns Rechenſchaft geben, warum ers alſo gemacht 17⁵ habe. Wir Chriſten haben, Gott ſei Dank, einen großen Vortheil, daß unſer Glaube ſo gewaltig gegründet iſt in der heiligen Schrift, und ſtimmet allezeit überein. Das haben demnach der Türke oder Juden nicht. Luther. * Ermunterung zum Singen. (Aus Valerii Herbergers evangeliſcher Herzpoſtille am Sonntag Cantate.) Cantate Domino canticum novum, d. i. Singet dem HErrn ein neues Lied. Da läuft das Ringlein der heutigen Predigt zu⸗ ſammen. Darum ſtehet im Oſtergeſange fein beiſammen: 1. daß wir ſollen fröhlich ſein, 2. Gott loben und ihm dankbar ſein und ſingen Halleluja. Die liebe Chriſtenheit ſoll Jungfrau Gottlobia heißen. Sie ſoll Gottes Capelle, Chor und Cantorei ſein; alle. frommen Herzen ſollen wackere Symphoni- achi und Adjuvanten ſein. Eure Häuſer ſollen lauter Singeſchulen ſein. Ihr Eltern und Herr⸗ ſchaften ſollt Freiſänger ſein, wie die deut⸗ ſchen Geſangmeiſter genannt werden, die Kaiſer Otto aus adeligem Geſchlecht, aus den Ge⸗ lehrten und Handwerksleuten hochgeehrt, privi⸗ legirt und begnadet hat. Stimmt einen ſchönen Pſalm nach dem andern an, ſinget eine ſchöne Hiſtoria nach der andern aus Altem und Neuem Teſtament. Thuet wie Moſe, Mirjam und Is⸗ rael, da ſie Gott erlöſet hat, 2 Moſ. 15, 1. ff., wie Hanna, 1 Sam. 2, 1.ff., wie Barak und Debora, Richt. 5, 1. ff., wie Jeſaias, Capitel 12, 1. ff., wie Hiskia, Eſ. 38, 3. ff., wie David, Pſ. 103., wie Zacharias, da er ſein Benedictus ſinget, wie Maria, die ihr Magnificat klinget, Luc. 1, 46. ff., wie die heiligen Engel, Eſ. 6, 3. Luc. 2, 14., wie Auguſtinus und Ambroſius, da ſie ihr Te Deum Laudamus, HéErr Gott dich loben wir, einen Vers um den andern ſingen. Gott hat uns zu unſern Zeiten *) eine beſondere Gnade erzeiget, daß er uns durch den theuren Mann Dr. Martinum Lutherum die vornehmſten Artikel chriſtlicher Lehre in ſchöne deutſche Reime und Geſänge hat ſchließen laſſen. Dasſelbe Ge⸗ ſangbüchlein iſt erſtlich Anno 1525 im Druck herausgegeben und hernach mit vieler frommen Männer andächtigen Lobgeſängen gemehrt wor⸗ den. Das laßt euch als ein edles Kleinod be⸗ fohlen ſein, damit ihr daraus eine tägliche Hausmuſik Gott zu Lob und Ehren anſtim⸗ men könnet. Laſſet das Wort Chriſti reichlich unter euch wohnen in aller Weisheit; lehret und vermahnet euch ſelbſtmit Pſalmen und Lobgeſän⸗ gen und lieblichen Liedern, und ſinget dem HErrn in eurem Herzen nach St. Pauli Lehre, Col. 3, 16. Jetzt ſtimmt an: Allein Gott in der Höh' ſei Ehr und Dank für ſeine Gnade u. ſ. w. Bald laſſet ſchallen: Ehr ſei Gott in dem höchſten Thron, dem Vater aller Güte und IEſu Chriſt, ſeinem liebſten Sohn, der uns allzeit behüte, und Gott dem Heiligen „‚Geiſte, der uns ſeine Hülfe *) Herberger iſt 1561 geboren und 1627 als Paſtor in Frauſtadt in Polen ſelig geſtorben. allezeit leiſte u. ſ. w. Oder aber: Nun lob, mein Seel, den Herren u. ſ. w. Nun freut euch, liebe Chriſten gemein u. ſ. w. Freue dich, du werthe Chriſtenheit u. ſ. w. Wenn ich vor einem ſolchen Hauſe vorüber gehe, da man ſo lieblich ſinget, ſo gefällt mir es tauſendmal beſſer, als das ſchönſte Zeiſig-Gebäuerlein (und Canarien⸗ vogelgeſang); mich dünket, als ſei ich nicht weit vom Himmel und höre die Engel ſingen. Seid gewiß, ihr lieben Hausväter, die heiligen Engel ſind nicht weit von euch, wenn ihr eure Stimmen mit reinem Herzen, alſo Gott zu Ehren klingen laſſet. Gott iſt nicht ein Feind der Muſik, wie der Unmenſch Solimannus, der türkiſche Kaiſer, welcher die kunſtreiche Muſik, die ihm Francis⸗ cus I., König in Frankreich, als ein hohe Gabe verehrt hatte, erſtlich mit Verwunderung hörte, endlich aber aus Beiſorge, ſeine Türken zu Con⸗ ſtantinopel würden dadurch etwas ſittſamer wer⸗ den, nach zerbrochenen Inſtrumenten ihrem Herrn wieder zurück ſandte. Siehe, wie eine ſchöne Muſik hat Gott ihm auf dem Felde und in den wüſten Wäldern durch ſo viel wohlſingende Vö⸗ gelein zugerichtet. Das ſind alles ſtumme Lob⸗ ſänger des göttlichen Ruhmes; ſo bald die Mor⸗ genröthe anbricht, ſo läßt ſich die Lerche hören. Aber Menſchenklang und Engelgeſang iſt ihm der liebſte unter allen. Ein polniſcher König, Aler⸗ ander, der nur fünf Jahre regiert hat, kurz vor Sigismundo I., der war beſchwert, daß er ſeinem Kapellmeiſter, mit Namen Finke, etliche hundert Floren ſollte zur Beſoldung geben und ſprach: Wenn ich einen Finken in's Gebäuer ſetze, der ſingt mir durchs ganze Jahr und koſtet mir kaum einen Ducaten, es thut mir ebenſoviel. Aber unſerm lieben Gott im Himmel gefällt der Menſchen- und Engelgeſang über aller Finken⸗ und Nachtigallen⸗ Geſchrei. Iſt's doch ſein beſonders Kunſtſtück im Menſchen, daß er ihn alſo erſchaffen, daß er nicht allein reden, ſondern auch ſingen, und daß er im Singen zugleich auch mitreden und ver⸗ ſtändliche Worte ausſprechen kann. Die Gelehr⸗ ten ſagen, des Menſchen Kehle ſei wie eine um⸗ gekehrte Schalmei. Nun iſt's ein Kunſtſtück über alle Kunſtſtücke, daß der Menſch durch dieſe ſeine umgekehrte Schalmei den Geſang aus allen Cla⸗ vibus nehmen, auch in dem ſubtilſten Semitonio anſtimmen und richtig ausführen kann. Wie ein jedes Inſtrument geſtimmt iſt, alſo bleibts; aber der Menſch kann ſeine Schalmei in einem Augenblick bald mit einem geſchwinden Gedanken in alle Inſtrumente auf Erden richten, welches ſonſt kein Pfeifwerk oder Saitenſpiel thun kann. Iſt das nicht ein Wunder, daß es der Menſch alsbald in den Ohren fühlt, wenn im Geſange etwas übel klingt! Wie ſollte es denn dem Werkmeiſter nicht herzlich wohlgefallen, wenn alles ihm zu Ehren wird abgerichtet? Darum ſinget: Alles, was Athem hat, lobe den HErrn, Halleluja! wie der letzte Pſalm ſagt. „Kein großer Herr läßt ihm umſonſt ſingen, Gott wird ſeine freigebige Hand an euch auch beweiſen, ſo ihr ihm täglich werdet mit Andacht im Hofe recht machen.“