Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 2 › Seite 10

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-09-15, Seite 10

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Luther 2 · Lutheriſche Kirche 5

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wollte nicht reformiren, und er konnte und mußte.
Wie hätte er, wir wiederholen es, ohne Gottes
beſondere Regierung dazu ſo vorbereitet werden,
wie hätte er in jener Zeit der Finſterniß ohne
Gottes Erleuchtung zu einer ſolchen unvergleich—
lichen Erkenntniß konnnen, wie hätte er ohne Got—
tes Stärkung einen ſolchen heroiſchen, durch nichts
zu beugenden Geiſt haben und wie hätte er ohne
Gottes Schutz und Hülfe ſo glorreich alles
hinaus führen und endlich durch einen ſanften
und ſeligen Tod als Sieger von dem Kampfplatz
abtreten können? Wohl uns, Luthers Werk hat
Gamaliels Probe ausgehalten: „Iſts Gottes
Werk, ſo wirds beſtehen; iſts Menſchenwerk, wirds
untergehen.“

Zwar ſchien es ſo, als ob mit dem Anbruch
dieſes Jahrhunderts die lutheriſche Kirche endlich
doch werde untergehen; wie eine alles dahin raf⸗
fende Peſt drang der Rationalismus, die Ver⸗
nunftreligion, in unſere Kirche ein und hierauf
wurde in Deutſchland eine neue Kirche, die ſoge—
nannte evangeliſche, gebaut, welche unſere Kirche
nuit einem Male verſchlingen zu wollen ſchien;
auch ſchien es noch vor wenigen Jahren in Ame⸗
rika durch die Untreue derer, die die Wächter auf
den Zinnen unſeres Zions allhier ſein ſollten, mit
unſerer Kirche zu Ende gekommen zu ſein; die Mau⸗
ern unſerer Bekenntniſſe hatte man niedergeriſſen,
mitten in unſern vormaligen Burgen flatterte nun
das Banner der Setten und ſchon frohlockte der
Feind, mit unſerer Kirche ſei es aus. Aber was
iſt geſchehen? Der ſcheinbar bereits verdorrte
Baum, den Luthers Hand gepflanzt hat, zeigt ge—
genwärtig wieder, daß er in dem ewigen Worte
des lebendigen Gottes wurzelt; ſchon grünet und
blüht er wieder, ſchon machen wieder Tauſende
Wohnung unter ſeinen ſchattigen Zweigen und
pflücken ſeine ſüßen Früchte.

So hat es denn Gott unwiderſprechlich klar
bezeugt, daß Luther ſein Knecht und Geſandter,
nemlich von ihm ſelbſt zum Reformationswerk
berufen war. War er dies aber, müſſen wir alſo
nicht zu ihm zurückkehren? Iſt es nicht ein arger
Widerſpruch, es zugeben, daß Luther der auser⸗
wählte Mann Gottes war, weil man es nicht leug⸗
nen kann, und doch die durch ſeinen Dienſt
erneute Kirche verlaſſen und ſich an Männer hän⸗
gen, die die Reformation wieder haben reformiren
wollen nach ihrer Vernunft und nach ihrem Her⸗
zen? —

Es iſt jedoch freilich wahr: alles, was bisher
vorgeſtellt worden, würde ſeine Kraft, das zu be⸗
weiſen, was wir beweiſen wollen, verlieren, ſtimmte
Luthers Lehre nicht mit Gottes Wort. Denn
warnend ſpricht der HErr von der letzten Zeit:
„Es werden falſche Propheten aufſtehen, und große
Zeichen und Wunder thun, daß verführet werden
in den Irrthum (wo es möglich wäre) auch die
Auserwählten.“ Matth. 24, 24. Und was den
glücklichen Erfolg und das Beſtehen eines Werkes
betrifft, ſo wiſſen wir aus Gottes Wort, daß das
Werk des Antichriſts, das Pabſtthum, auch glück⸗
lich hinausgehen und bis zur Wiederkunft des
HErrn zum Gericht beſtehen ſoll. Aber wir
Lutheraner können getroſt ſein, denn das, was

leicht zu widerlegen ſei.“

Luther gelehrt und die ganze nach ihm genannte
Kirche bekannt hat, iſt nichts anderes, als das
ewige Evangelium.

Sollen wir den Charakter deſſen, was Luther
gelehrt und gethan hat, mit runden Worten be—
zeichnen, ſo müſſen wir ſagen: ſeine Lehre war die
Bibellehre, ſeine Reformation eine Reformation
nach der Bibel, das Chriſtenthum, das er predigte,
ein Bibelchriſtenthum, die Kirche, für die er arbei⸗
tete und kämpfte, eine Bibelkirche und jeder Streit,
den er führte, ein Streit um die Bibel. Wie aber
die Lutheriſche Reformation aus der Bibel, als aus
ihrer eigenen Quelle, gefloſſen iſt, ſo war ſie auch
nichts anderes, als eine große Ueberfluthung der
ganzen Chriſtenheit mit Strömen der Wahrheit
und des Lebens aus der Bibel. Luther wurde
nicht, wie andere, dadurch zur Reformation er⸗
weckt, daß der Aberglaube ſeiner Zeit ſeiner Ver⸗
nunft anſtößig und daß er ein Freund falſcher
Aufklärung und Freiheit geweſen wäre; nein, ehe
er die Bibel in ſeine Hände bekam, war er von
ganzem Herzen Papiſt und zermarterte ſich in der
ängſtlichſten Gewiſſenhaftigkeit mit den vorge⸗
ſchriebenen Büßungswerken. Erſt als ihm in
ſeiner finſtern Klauſe der himmliſche Schein von
dem Lichte der Bibel in ſein Herz fiel, da ſah er
mit Schrecken, in welch' einer finſteren Zeit er
lebe; mit dem Bibellichte beleuchtete er daher nun
auch alles, was er in der verfallenen Kirche fand,
und was damit übereinſtimmte, das behielt er, ob
es auch der menſchlichen Vernunft und dem menſch⸗
lichen Herzen anſtößig erſchien, was aber gegen
die Bibel ſtritt, das verwarf er, mochte es nun
heilig oder unheilig, weiſe oder thöricht erſcheinen.

Betrachten wir Luthern in den Känpfen ſeines
ganzen Lebens, immer handelte es ſich darum, daß
er nicht von der Bibel weichen wollte. Als Luther
vor Cajetan ſeine 95 Sätze wider den päbſtlichen
Ablaß hatte widerrufen ſollen, da ſchrieb er an
Carlſtadt: „Ich will nicht zu einem Ketzer werden
mit dem Widerruf der Meinung, durch welche
ich bin zu einem Chriſten worden; eher
will ich ſterben, verbrannt, vertrieben und verma—
ledeiet werden.“ (Opp. T. XV, 687.) (Luther
meint hier die Lehre der Bibel von der Seligkeit
allein durch den Glauben an Chriſtum.) Bekannt
iſt ferner Luthers letzter Entſcheid, als er in Worms
vor Kaiſer und Reich ſtand und zum Widerruf
ſeiner Lehre gezwungen werden ſollte: „Es ſei
denn“, ſprach er, „daß ich mit Zeugniſſen der heili⸗
gen Schrift überwunden und überwieſen werde und
mein Gewiſſen in Gottes Wort gefangen iſt, ſo
kann und will ich nichts widerrufen. Hie ſteh ich,
ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“

Dasſelbe Zeugniß haben ſelbſt die Feinde Luthern

geben müſſen. Als z. B. 1530 ein durch Melanch⸗
thon erweitertes Glaubensbekenntniß Luthers, die
Augsburgiſche Confeſſion genannt, in der hohen
Reichsverſammlung öffeutlich verleſen worden war,
ſprach Herzog Wilhelm von Bayern zu dem pa—
piſtiſchen Dr. Eck: „Man hat mir bisher viel
anders von der lutheriſchen Lehre geſagt, als ich
heut in ihrem Bekenntniß ſelbſt gehört habe; und
Ihr habt mich auch wohl vertröſtet, daß ihre Lehre

haupten, daß es ſich, was den Unterſchied zwiſchen

Eck erwiederte: „Mit

den Schriften der Kirchenväter getraue er ſich wohl
dieſe Lehre zu widerlegen, mit der heiligen Schriſt
aber freilich nicht.“ „Alſo“, ſetzte der Herzog, ſich
verächtlich wegwendend, hinzu, „alſo, wie ich hört,
haben die Lutheraner Beweis und Gründe ihrer
Lehre in der heiligen Schrift, wir aber außer ihr.“
Der Biſchof von Augsburg ſelbſt, Chriſtoph von
Stadion, äußerte bei dieſer Gelegenheit: „E8
iſt alles, was hergeleſen worden, die lautere
Wahrheit, das können wir nicht leugnen.“ Ja
ſelbſt der Kaiſer, Karl V., als man in Augsburg
in ihn drang, wider die Lutheraner Feuer und
Schwert zu gebrauchen, rief ſeufßzend aus: „Ach,
die Lehre, welche die Lutheraner bekennen, muß
wohl mehr Grund haben, als wir vermeinen.“)
Es iſt nun freilich wahr: die Reformirten be⸗

ihnen und den Lutheranern betreffe, nicht um die
Wahrheit der Bibel, ſondern allein um eine
menſchliche Auslegung derſelben handle. Wollte
Gott, es wäre ſo! Aber es iſt, leider! nicht alſo.
So lange ein Zwingli und Calvin mit Luthern
die Reformation der Kirche allein aus der Bibel
ſuchten, ſo lange waren ſie einig; ſobald aber die
Erſteren von dem einfachen Buchſtaben der Schrift
abgehen und lieber ihrer Vernunft und ihrem
Herzen folgen wollten, da erhob ſich Luther auch
gegen ſie mit demſelben Ernſte, wie gegen den
Pabſt und ſeine Gehülfen. Auch in dieſem Streite
kämpfte Luther für nichts als für das große Klei⸗
nod, daß die Bibel in ihrer göttlichen, ſchiedsrich⸗
terlichen Autorität bleibe. Luther wußte wohl,
was der Teufel wieder unter den Proteſtanten imn
Sinne hatte, als er ſie wenigſtens dahin zu brin⸗
gen ſuchte, Ein klares Wort wankend zu machen;
er wußte, daß es ſich dabei um nichts Geringeres
handelte, als um das Anſehen der ganzen heiligen
Schrift. Als daher Luther fand, daß Chriſtus
im heiligen Abendmahl ſpricht: „Das iſt mein
Leib; das iſt mein Blut“; ſo konnten keine So⸗
phiſtereien ihn von dem Worte, ſeinem einigen
Glaubensgrunde, abbringen; auch hier dachte er
daran, daß er auf die heilige Schrift geſchworen
habe, darum wankte er auch hier keinen Augen⸗
blick bis an ſeinen letzten Athemzug. Er konnte
daher in ſeiner letzten Wittenderger Predigt das
merkwürdige Zeugniß ablegen: „Ich habe mehr
als dreißig Rottengeiſter vor mir gehabt, die mich
haben wollen lehren; aber ich widerlegte all' ihr
Ding mit dieſem Spruche: „„Dies iſt mein lie⸗
ber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe,
den höret!““ Und mit dieſem Spruche habe
ich mich durch Gottes Gnaden bisher erhalten,
ſonſt hätte ich müſſen dreißigerlei Glauben anneh⸗
men. — Ich will gern alle Scheltworte leiden,
aber nicht eines Fingers breit weichen von deß
Mund, der da ſagt: Dieſen höret!“ ö
So verachtete denn auch Luther den Gebrauch
jeder andern Waffe, für das Reich Gottes zu fec⸗
*) Dieſe Aeußerung that der Kaiſer, nachdem der Kur⸗—
ſächſiſche Kanzler Dr. Pontauus im Namen der proteſtan⸗
tiſchen Fürſten und Stände mit groher Glaubensffeudigktit
in Betreff der Augsb. Conf. das Bekenntniß abgelegt hattr:
„Sie gründeten ihre Lehre auf Zeugniſſe der heiligen

Schrift und ließen ſich daher durch keine Drohung
ſchrecken.“ Siehe: Gerhard, Conf. Cath. fol. 178 a.

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