Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 2 › Seite 11

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-09-15, Seite 11

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Luther 5

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ien. Als Ulrich von Hutten, ein Adeliger aus
Franken, ihm leibliche Hülfe gegen die geiſtlichen
Thrannen anbot, antwortete er: „Die Welt iſt
durcchs Wort überwunden, durchs Wort iſt die
Kirche erhalten, wird auch durchs Wort wieder

Hand angefangen, ſo wird er auch ohne Hand
durchs Wort aufgerieben werden.“

Luthers ganze Arbeit war, wer darf es leugnen?
darauf gerichtet, die Chriſtenheit wieder zurück in
die Schrift zu führen. Darin wurzelte ſeine
ehre in allen Artikeln. Wer damit ihn überwei⸗
ſen konnte, dem wich der ſonſt unbeugſame Mann,
„und wenn es ein Kind war; was der Schrift ent⸗
gegen war, das verwarf er, und wenn es ge⸗
ſchienen hätte, als ſei es durch eine himmliſche Er⸗
ſcheinung beſtätigt. Als daher Luther die Schrift
wieder ans Licht gebracht ſah, da wollte er gern
ſterben, denn nun achtete Luther ſein Werk für
vollbracht. Noch hatte er ſeine Kirchenpoſtille
nicht zur Hälfte vollendet (1522), ſo ſchrieb er
ſchon: „O daß doch Gott wollte, daß mein und
aller Lehrer Auslegung untergingen und ein jeg⸗

Gottes Wort vor ſich nähme! Hinein, hinein,
liebe Chriſten, und laſſet mein und aller Lehrer
Auslegen nur ein Gerüſt ſein zum rechten Bau,
daß wir das bloße lautere Gottes Wort ſelbſt
faſſen, ſchmecken und da bleiben; denn da wohnet
Gott allein in Zion.“

Es iſt darum gewiß: fände ein Heide mitten in
heidniſchen Landen die heilige Schrift, läſe er ſie
aufmerkſam und überließe er ſich dabei der Regie⸗
rung des Heiligen Geiſtes und nähme er das
Schriftwort nicht als Menſchenwort, ſondern (wie
es denn wahrhaftig iſt) als Gottes Wort an, ſo
würde er auf keine andere Lehre, als auf Luthers
Lehre kommen und ein Lutheraner werden mit
Mund und Herzen.

Mag denn, meine lieben lutheriſchen Leſer, die
Welt mit ihren Propheten uns verleumden und
verläſtern, wir hingen abgöttiſch an einem Men⸗
ſchen, wenn wir zu Luthers Reformation zurück⸗
kehren und bei ſeiner Lehre ſteif und feſt auch in
dieſen letzten Zeiten verharren, wo die Verführun⸗
gen immer feiner, und darum auch immer gefähr⸗
licher werden. Wir wiſſen, daß die Welt daran
lügt. Wir wüden nicht einen Menſchen, wir
würden Gott verachten, wenn wir Luthern ver⸗
achteten, den Gott zur Reformation ſeiner Kirche
berufen und auserwählt hat. Wir würden nicht
Menſchenwort, ſondern Gottes Wort verleug⸗
nen, wenn wir Luthers Lehre verleugnen und die⸗
ſelbe auch nur in einem Punkte den Feinden
preisgeben wollten; denn ſeine Lehre iſt nichts
anderes, als das ewige Evangelium. Wir wür⸗—
den nicht einer kirchlichen Partei, ſondern der
Kirche Chriſti ſelbſt untreu werden, wenn wir
unſere theure evangeliſch-lutheriſche Bibelkirche
treulos verließen: denn dieſe iſt ſo gewiß und
wahrhaftig Chriſti wahre Kirche, ſo gewiß der
Grund der Apoſtel und Propheten IEſum
Chriſtum zum Eckſtein hat.

Mögen, das iſt unſer Schluß, andere mit der
Zeit fortgehen auch in Sachen, die die unveränder⸗

gebauet werden: auch der Antichriſt, wie er ohne

V
ſir Erf dNN.

—

11

liche ewige Wahrheit betreffen: in dieſen Sachen
bleibt der „Lutheraner“ mit Gottes Hülfe bei
ſeinem alten Motto:

Gottes Wort und Luthers Lehr'

Vergehet nun und nimmerniehr!
Amen!

*

„Wir (Chriſten) ſind alle Heilige, und ver⸗
verflucht ſei der, der ſich nicht einen Heiligen
nennet und rühmet. Luther.

Correſpondenz aus Hannover über die gegen⸗
wärtigen kirchlichen Zuſtände und Ausſichten
in Deutſchland.

. . Ich ſetze voraus, daß Du von den unge⸗
heuren Begebenheiten, die die ganze Phyſiognomie
un ſeres Volkes umgeſtaltet haben, durch Zeitungen
und auf anderem Wege, Nachricht erhalten haſt;
darum will ich Dich damit nicht weiter ausführ⸗
lich behelligen. Der Geiſt, der ſchon lange unter
uns rumorte, und nur durch künſtliche Mittel
kaum zurückgedrängt werden konnte, der iſt zum
Ausbruch gekommen, er iſt zur Herrſchaft gelangt,

I CAE EN
i e ee

— was ohne Frage, wenn Gott nicht außer⸗
ordentlich dazwiſchentritt und ſein: „bis hierher
und nicht weiter“ ſpricht, geſchehen muß — ſo
wird Alles aus ſeinen Fugen gelöſ't werden, und
wir haben dann nur den Anfang des Endes er⸗
lebt. Aber wer weiß denn, was Er im Sinne
hat, wer hat Seinen Rath erforſcht? Das aber
ſcheint mir gewiß zu ſein — werden wir nicht
durch ſchwere göttliche Gerichte bis aufs Blut ge—
züchtiget, daß wir in der Angſt Ihn ſuchen — ſo
iſt es aus mit der deutſchen Nation. Wie durch
frevelhafte Empörung und zweckloſen Aufruhr
unter Blutvergießen die Umwälzung begonnen
hat, wie die deutſche Nation ihre edelſten Güter
in ſclaviſcher Nachahmung des franzöſiſchen Erb⸗
feindes um ein Linſengericht verkauft hat, das
wirſt Du wiſſen; ebenſo, wie unſere Fürſten nur
noch auf wackeligen Thronen ſitzen, die bald kön—
nen völlig umgeſtürzt werden, wenn Gott nicht
dazwiſchenredet. Als wichtigſte Conſequenz iſt
wohl die auf unſerem Gebiete anzuſehen, daß jetzt
nun auch ausgeſprochener und anerkannter Maßen
das deutſche National- oder Staatsleben ſich als
ſolches vom Chriſtenthum losgeſagt hat, ich meine
durch den anerkannten Grundſatz, daß von nun
an das religiöſe Bekenntniß, es ſei chriſtlich oder
nicht, völlig gleichgültig iſt, um zur Theilnahme
an allen Rechten zu gelangen; wir ſind in dieſer
Beziehung raſch da angekommen, wo ihr in Nord⸗
Amerika von Anfang an waret. Wie damit, ſo
lange es ſo ſteht, eine geſunde Entwickelung des
Nationallebens abgeſchnitten iſt, wenigſtens auf
dem graden Wege, das wirſt Du hoffentlich er⸗
kennen; obwohl ich damit nicht ſagen will, daß es
am Ende, die Sache im großen Ganzen angeſehen,
nicht doch eine heilſame Kataſtrophe iſt, daß das,
was factiſch ſchon lange der Fall war, nun auch
wirklich vor aller Augen da iſt, daß optimiſtiſche
Täuſchungen nun nicht mehr möglich ſind. Was
dem Geiſte, der jetzt in unſerem politiſchen Leben

Anderes, als der abſtracte Humanismus, man
will die Entwickelung des natürlichen Menſchen,
alſo im Grunde nichts Anderes als das Heiden⸗
thum. Unſer Volk freilich iſt nur zum Theil hin⸗
eingeriſſen in die Bewegung, und auch von den
wirklich Hineingeriſſenen ſind es nur Einige, wie
immer, die mit vollem Bewußtſein ihr Ziel ver⸗
folgen. Ob nun von dem innerſten Kerne unſeres
Volkes, von dem Landvolke aus lich ſehe hier
vorzugsweiſe auf Norddeutſchland, im Süden bin
ich eben nicht genau bekannt, nur weiß ich, daß es
durchgängig in Süddeutſchland viel wilder aus⸗
ſieht) eine Reaction erfolgen wird, wenn ſie es
merken und erkennen, wohin man ſie führen will,
oder ob Alle, die nicht darum wiſſen, zum Gerichte
dafür, daß überall kein Wort Gottes mehr in den
Herzen bewußter Weiſe in den Maſſen regiert, in
den Strudel hineingeriſſen werden ſollen, das kann
ich natürlich nicht wiſſen. Wie total die äußere
Geſtalt der Kirche durch den Umſchwung der Er⸗
eigniſſe ergriffen iſt, das liegt auf der Hand jedem,
der weiß, wie bisher, wenn auch zum Theil nur
noch der Form nach, Kirche und Staat in ihren
S , N ae
riſche Kirche ſieht einer völligen Umgeſtaltung in
ihrer äußeren Stellung entgegen. Das hat ſich,
wenn auch, ſo viel ich weiß, noch nicht unter uns,
ſo doch in Italien, das in ähnlicher Bewegung iſt,
gezeigt, wie die römiſche Kirche bei Revolutionen
auf ungöttlichen Wegen ihre Rechnung zu machen
weiß; ihr iſt es am Ende recht, wenn alle ſtaat⸗
liche Autorität wankt, damit ſie allein herrſchen
könne; und am Ende hat ſie auch gar nicht zu
befürchten, daß der anwachſende Weltgeiſt ſie zu⸗
nächſt zum Gegenſtande ſeines Angriffes machen
werde, eben darum, weil ſie ihm ſelbſt verwandt
iſt. Unſere lutheriſche Kirche aber ſteht auf dem
Punkte, wo ſie ſich mitten in der Strömung der
Bewegung hineingezogen weiß; ſie kann jetzt nicht
mehr mit dem Staate Hand in Hand gehen, denn
ihre Vorausſetzung war bei ihrer geſchwiſterlichen
Verbindung mit dem Staate, daß der status po-
liticus zugleich als status hierarchicus ein orga⸗
niſches Glied der ecelesia war. Von dem Augen⸗
blicke an aber, wo der Staat ſeinen Indifferen⸗
tismus geſetzlich publicirtD(was binnen Kurzem
geſchehen wird), iſt das Kirchenregiment, das er
bis dahin führte, völlig vernichtet, und es wird
und muß für die lutheriſche Kirche die Aufgabe
entſtehen, es aus ſich ſelber herauszuſetzen. Ich
meines Ortes, und ich glaube die Meiſten mit mir,
können ungeachtet aller Schmerzen und Wehen,
die eine ſolche Löſung herbeiführen wird, ſo wie
die Sachen ſeit lange ſtanden, darin nur das An⸗
brechen einer geſegneten Epoche für Gottes Reich
unter göttlicher Gnade erblicken. Denn wenn es
auch zu befürchten ſteht, daß die lutheriſche Kirche
unter uns an äußerlicher Macht, ich meine an
Zahl, verlieren wird, ſobald der Staatszwang, der
bisher ſtattfand, aufhört; daß ſich Secten über
Secten bilden werden; daß vielleicht ſelbſt die be⸗
kenntnißtreuen Lutheraner, Geiſiliche und Laien,
aus ihrem gegenwärtigen Beſitzſtande heraus⸗
treten müſſen, und ganz von vorn an ein Gemein⸗

regiert, als Idee zum Grunde liegt, das iſt nichts weſen gründen; daß die Güter der Kirche ein⸗

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