Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 2 › Seite 172
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-09-15, Seite 172
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gottesdienſt 3 · Loge · Loge 4 · Loge 6
nicht. Im Gegentheil kannſt du es nicht leug⸗
nen, daß gerade diejenigen Gemeindeglieder, die
zugleich Glieder dieſer Geſellſchaften ſind, ſich im
Durchſchnitt wenigſtens am anſtändigſten betra⸗
gen, und allezeit Liebe zur Gemeinde, und Thä⸗
tigkeit und Eifer für ihr Wohl gezeigt haben, und
das kann auch nicht anders ſein, da die Geſell⸗
ſchaften ſelbſt auf Anſtand und Ernſt im Betra⸗
gen ſehen, und keinen unmoraliſchen Menſchen
zulaſſen.
P. Bei Vielen mag das der Fall ſein, weil
ſie dieſen Schritt ohne Nachdenken und Prüfen
gethan haben, und die werden auch wieder aus⸗
treten, ſobald ſie erſt eingeſehen haben werden,
daß es mit dem Chriſtenthum nicht ſtimmt. In⸗
deſſen, daß ein ſehr großer Theil gerade durch die
geheimen Geſellſchaften der Gemeinde und dem
Chriſtenthum entfremdet werden, lehrt die tägliche
Erfahrung leider auch in unſerer Gemeinde, und
wenn's einmal zum „Klappen kommen ſollte, ſo
wird ſich der Eifer und die Thätigkeit für die
Gemeinde“ bald in das Gegentheil verwandeln,
denn jetzt ſchon kann man's ohne Betrübniß nicht
anſehen, wie den Meiſten ihre Geſellſchaft mehr
am Herzen liegt, als die Kirche, die ſie ganz wil⸗
lig und ohne viel Herzeleid fahren laſſen, ja mit
übermüthiger Verachtung von ſich ſtoßen werden,
wenn man bei ihnen einmal den faulen Fleck
anrührt.
C. Nun ja, das mag bei Einzelnen der Fall
ſein, indeſſen braucht es ja gar nicht, wie du
ſagſt, zum Klappen zu kommen. Wir legen ja
der Gemeinde nichts in den Weg, ſo mag ſie auch
uns gehen laſſen!
P. Eine chriſtliche Gemeinde kann nichts
offenbar Unchriſtliches gehen laſſen, ſondern muß
es, wenn auch langſam, wieder zurechtbringen,
oder von ſich thun, oder ſie wird ein dummes
Salz, und muß vom HErrn verworfen werden.
Indeſſen wir redeten von Aergerniſſen, du kannſt
es nicht leugnen, daß Viele euch mit Mißtrauen
anſehen und abſcheuliche Dinge hinter euren
Heimlichkeiten vermuthen, wozu ſie nach dem
Ausſpruch des HErrn ein Recht haben, denn, wer
Arges thut, der ſcheuet das Licht, und kommt nicht
an das Licht, ſollten ſie daran nicht Anſtoß neh⸗
men, namentlich da ſie ſehen, daß ſo viele unter
euch Feinde des Glaubens und der Kirche gewor⸗
den ſind, mit denen ihr, die ihr noch Chriſtum
bekennt, die innigſte Gemein-, ja Brüderſchaft
eingehet? Seid ihr nicht Schuld, daß Miß⸗
trauen, Argwohn, Hader, Zank und Streit in
der Gemeinde entſtehen, die doch auf das Innigſte
als der Leib Chriſti in der Liebe ſollte verbunden
ſein? Seid ihr nicht Schuld, daß ſo das Werk
des HErrn in dem Einzelnen, wie im Ganzen
gehindert wird?
C. Warum hegen ſie Argwohn und Miß⸗
trauen? das iſt doch wahrlich nicht chriſtlich! ſie
haben ja keine Beweiſe, warum warten ſie nicht,
bis man ihnen Veranlaſſung dazu gibt?
P. Das ihut ihr ja eben durch eure Heim-
lichkeiten! Das iſt ja gegen das. Wort Gottes!
Selbſt dann, wenn nichts dahinter wäre, ſo wäret
ihr doch nicht unſchuldig, ſondern ſchuldig daran,
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daß euer Bruder in die Sünde fiele. Ihr gebt
das Aergerniß, indem ihr nicht thut, wie der
Apoſtel befiehlt: Meidet allen böſen Schein,
1 Theſſ. 5, 22. Und nun bedenke doch den
ſchweren Ernſt unſeres HErrn JEſu Chriſti,
Matth. 18, 6—9.: „Wer aber ärgert der Ge⸗
ringſten Einen, die an mich gläuben, dem wäre
beſſer, daß ihm ein Mühlſtein an ſeinen Hals ge⸗
hängt würde, und er erſäuft würde im Meer, da
es am tiefſten iſt! Wehe der Welt um der Aerger⸗
niß halben! Es muß ja Aergerniß kommen, doch
wehe dem Menſchen, durch welchen Aergerniß
kommt!“ Wahrlich, ich möchte dieß „Wehe“
nicht über mir ſchweben haben, ich würde fürchten,
es drücke mich hinunter in die Hölle; und wenn
ich auch mit den ſtärkſten Banden an die Geſell⸗
ſchaften gebunden wäre, ich wollte ſie zerreißen
nach dem Ausſpruch des HErrn, B. 8.: „So
aber dein Fuß oder deine Hand dich ärgert, ſo
haue ſie ab, und wirf ſie von dir“ u. ſ. w., denn
wenn du trotzdem, daß du ſieheſt, wie dein Bru⸗
der ſich an dir ärgert, dennoch in den Geſellſchaf—
ten bleibſt, ſo werden ſie dir ſelbſt zum Anſtoß und
Aergerniß, worüber du in's Verderben fällſt.
C. Du nimmſt das Alles viel zu ernſt!
Wenn's ſo genau ginge, ſo könnte man ja nichts
thun, aus bloßer Furcht, Aergerniß zu geben!
P. Es iſt Alles ſehr ernſt im Chriſtenthum.
Es war ein ſehr großer Ernſt, als Chriſtlus für
uns ein Fluch ward, und ſein theures, heiliges
Blut für uns Sünder vergoß. Lieber „verdirb
denn nicht mit deiner Geſellſchaft, um welches
willen Chriſtus geſtorben iſt“L. Röm. 14, 15.
C. Nun, dann ſollte man ſich lieber ſtill hin⸗
tern Ofen ſetzen, und weder Hand noch Fuß
regen, damit man nur ja den Scheinheiligen und
Frömmlern keinen Anſtoß gäbe, die eben ihre
ganze Heiligkeit und Frömmigkeit darein ſetzen,
andere zu bemäkeln und zu richten.
P. Da würdeſt du erſt ein rechtes Aergerniß
aufrichten für alle wahrhaft Fromme und Gläu⸗
bige, denn ſolche faule Bäuche und Ofenhocker
ſind vom lieben ſeligen Dr. Luther dermaßen
durchgeſtriegelt, daß ſie wenigſtens einem jeden
tüchtigen Lutheraner ein wahrer Ekel ſind. Nein,
mein lieber Carl, tritt du nur ganz friſch und
fröhlich daher in einem einfältig chriſtlichen Wan⸗
del, und beweiſe dich nach den heiligen zehn Ge⸗
boten als einen rechtſchaffenen Chriſten gegen
Gott, deinen Nächſten und dich ſelbſt, dann
ärgere ſich an dir, wer's nicht laſſen kann. Nun
aber ärgerſt du die Gemeinde und Andere mit
unchriſtlichem Weſen, und ſolchen gehört, nach
dem Ausſpruch unſers HErrn, der Mühlſtein und
die Tiefe des Meeres.
C. Du biſt wahrlich ein harter, gefühlloſer
Doctor.
P. Auf wild Fleiſch gehört Höllenſtein, und
der beißt immer, wenn das Herz und die Hand
des Doctors auch noch ſo weich iſt.
C. Du ſtößt dich auch wohl gar an der
Muſik, Fahnen und Regalien?
P. Die Lappere ien ſind mir zu kleinlich, und
die andern Dinge zu wichtig, als daß ich mich
gerade daran ſtoßen ſollte, obgleich ich nicht leug⸗
nen kann, daß es mich anekelt, wenn ich erwach⸗
ſene Leute, oft mit grauen Haaren, die ſich Chri⸗
ſten nennen, an ſolchen Poſſen und weltlichem
Spektakel Gefallen finden ſehe, und dergleichen
Dinge für einen Chriſten namentlich bei Begräb⸗
niſſen für unanſtändig halte. Ich denke, der
Gang zum Grabe iſt doch zu ernſt, als daß man
an ſolchen weltlichen Aufzug denken ſollte. Ich
für meinen Theil wenigſtens würde mich ſchämen,
mit ſolchen bunten Lappen behängt, durch die
Straßen zu ziehen; doch die Geſchmäcker ſind
verſchieden, wie jener ſagte.
C. Du kannſt dir doch leicht denken, daß alle
dieſe Zeichen und Symbole eine Bedeutung ha⸗
ben, und ich ſehe nicht ein, wie dir das zuwider
ſein kann, da du doch ſonſt ſo für Ceremonien biſt.
(Fortſetzung folgt.)
*
(Eingeſandt von Paſtor Keyl.)
Die urſprüngliche Gottesdienſtordnung in den
deutſchen Kirchen lutheriſchen Bekenntniſſes.
(Fortſetzung.)
In Bezug auf die Verſchiedenheit zwiſchen dem
Gottesdienſte in Städten und auf dem Lande iſt
Folgendes zu bemerken. Im Allgemeinen geben
dafür die Kirchen⸗Ordnungen gleichförmige Vor⸗
ſchriften; nur laſſen ſie auf dem Lande anſtatt der
lateiniſchen Stücke die entſprechenden deutſchen
ſingen, wobei freilich der Küſter den ganzen ſtäd⸗
tiſchen Chor zu erſetzen hat. Die Abweichungen
des Gottesdienſtes in Städten und auf dem Lande
beziehen ſich — mit Ausnahme anderer, nicht hier⸗
her gehörige Punkte z. B. der Bibellection mit
Summarien — mehr auf die Zahl als auf die
Form der Gottesdienſte und mehr auf die Neben⸗
als auf die Hauptgottesdienſte.
Dieſem großartigen Reichthum der lutheriſchen
Kirche ſtellt ſich der Gottesdienſt der reformirten
Kirche als eine ebenſo großartige Armuth gegen⸗
über; denn da die reformirte Kirche nicht in dem
Sinne, wie die lutheriſche einen Haupt-Gottes⸗
dienſt hat und mithin ſtreng genommen demſelben
nichts in der reformirten Kirche verglichen werden
kann, ſo können wir ihm nur den Predigtgottes⸗
dienſt und die Abendmahlsfeier, welche aber nach.
der Anſicht und dem Verfahren der Reformirten
als getrennt anzuſehen ſind, gegenüber ſtellen.
Der Predigtgottesdienſt nun beginnt nach der von
Calvin entworfenen Genfer Gottesdienſtordnung
von 1543, mit dem vom Prediger vom Abend⸗
mahlstiſch aus geſprochenen Sündenbekenntniß,
von welchem überhaupt die reformirte Kirche einen
unerſchöpflichen Gebrauch macht, weil es in ihr,
weder im Wort noch im Sacrament, jemals zu
einer recht vollgültigen Abſolution kommt; auf
das Sündenbekenntniß folgt Pſalmgeſang der
Gemeinde, an deſſen Schluſſe der Previger die
Kamel beſteigt; die Predigt hebt mit einem in das
Vaterunſer ausgehendem Gebete an und ſchließt
damit, daß der Prediger Glaubensbekenntniß,
Gebet, Vaterunſer und Segen ſpricht; und
Pſalmgeſang der Gemeinde ſchließt alsdann den
Gottesdienſt. Dieſe ganze Ansſtattung iſt freilich
ſo durchſichtig, daß es einer Erklärung ihres Sin⸗
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