# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 09 15_S11 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ien. Als Ulrich von Hutten, ein Adeliger aus Franken, ihm leibliche Hülfe gegen die geiſtlichen Thrannen anbot, antwortete er: „Die Welt iſt durcchs Wort überwunden, durchs Wort iſt die Kirche erhalten, wird auch durchs Wort wieder Hand angefangen, ſo wird er auch ohne Hand durchs Wort aufgerieben werden.“ Luthers ganze Arbeit war, wer darf es leugnen? darauf gerichtet, die Chriſtenheit wieder zurück in die Schrift zu führen. Darin wurzelte ſeine ehre in allen Artikeln. Wer damit ihn überwei⸗ ſen konnte, dem wich der ſonſt unbeugſame Mann, „und wenn es ein Kind war; was der Schrift ent⸗ gegen war, das verwarf er, und wenn es ge⸗ ſchienen hätte, als ſei es durch eine himmliſche Er⸗ ſcheinung beſtätigt. Als daher Luther die Schrift wieder ans Licht gebracht ſah, da wollte er gern ſterben, denn nun achtete Luther ſein Werk für vollbracht. Noch hatte er ſeine Kirchenpoſtille nicht zur Hälfte vollendet (1522), ſo ſchrieb er ſchon: „O daß doch Gott wollte, daß mein und aller Lehrer Auslegung untergingen und ein jeg⸗ Gottes Wort vor ſich nähme! Hinein, hinein, liebe Chriſten, und laſſet mein und aller Lehrer Auslegen nur ein Gerüſt ſein zum rechten Bau, daß wir das bloße lautere Gottes Wort ſelbſt faſſen, ſchmecken und da bleiben; denn da wohnet Gott allein in Zion.“ Es iſt darum gewiß: fände ein Heide mitten in heidniſchen Landen die heilige Schrift, läſe er ſie aufmerkſam und überließe er ſich dabei der Regie⸗ rung des Heiligen Geiſtes und nähme er das Schriftwort nicht als Menſchenwort, ſondern (wie es denn wahrhaftig iſt) als Gottes Wort an, ſo würde er auf keine andere Lehre, als auf Luthers Lehre kommen und ein Lutheraner werden mit Mund und Herzen. Mag denn, meine lieben lutheriſchen Leſer, die Welt mit ihren Propheten uns verleumden und verläſtern, wir hingen abgöttiſch an einem Men⸗ ſchen, wenn wir zu Luthers Reformation zurück⸗ kehren und bei ſeiner Lehre ſteif und feſt auch in dieſen letzten Zeiten verharren, wo die Verführun⸗ gen immer feiner, und darum auch immer gefähr⸗ licher werden. Wir wiſſen, daß die Welt daran lügt. Wir wüden nicht einen Menſchen, wir würden Gott verachten, wenn wir Luthern ver⸗ achteten, den Gott zur Reformation ſeiner Kirche berufen und auserwählt hat. Wir würden nicht Menſchenwort, ſondern Gottes Wort verleug⸗ nen, wenn wir Luthers Lehre verleugnen und die⸗ ſelbe auch nur in einem Punkte den Feinden preisgeben wollten; denn ſeine Lehre iſt nichts anderes, als das ewige Evangelium. Wir wür⸗— den nicht einer kirchlichen Partei, ſondern der Kirche Chriſti ſelbſt untreu werden, wenn wir unſere theure evangeliſch-lutheriſche Bibelkirche treulos verließen: denn dieſe iſt ſo gewiß und wahrhaftig Chriſti wahre Kirche, ſo gewiß der Grund der Apoſtel und Propheten IEſum Chriſtum zum Eckſtein hat. Mögen, das iſt unſer Schluß, andere mit der Zeit fortgehen auch in Sachen, die die unveränder⸗ gebauet werden: auch der Antichriſt, wie er ohne V ſir Erf dNN. — 11 liche ewige Wahrheit betreffen: in dieſen Sachen bleibt der „Lutheraner“ mit Gottes Hülfe bei ſeinem alten Motto: Gottes Wort und Luthers Lehr' Vergehet nun und nimmerniehr! Amen! * „Wir (Chriſten) ſind alle Heilige, und ver⸗ verflucht ſei der, der ſich nicht einen Heiligen nennet und rühmet. Luther. Correſpondenz aus Hannover über die gegen⸗ wärtigen kirchlichen Zuſtände und Ausſichten in Deutſchland. . . Ich ſetze voraus, daß Du von den unge⸗ heuren Begebenheiten, die die ganze Phyſiognomie un ſeres Volkes umgeſtaltet haben, durch Zeitungen und auf anderem Wege, Nachricht erhalten haſt; darum will ich Dich damit nicht weiter ausführ⸗ lich behelligen. Der Geiſt, der ſchon lange unter uns rumorte, und nur durch künſtliche Mittel kaum zurückgedrängt werden konnte, der iſt zum Ausbruch gekommen, er iſt zur Herrſchaft gelangt, I CAE EN i e ee — was ohne Frage, wenn Gott nicht außer⸗ ordentlich dazwiſchentritt und ſein: „bis hierher und nicht weiter“ ſpricht, geſchehen muß — ſo wird Alles aus ſeinen Fugen gelöſ't werden, und wir haben dann nur den Anfang des Endes er⸗ lebt. Aber wer weiß denn, was Er im Sinne hat, wer hat Seinen Rath erforſcht? Das aber ſcheint mir gewiß zu ſein — werden wir nicht durch ſchwere göttliche Gerichte bis aufs Blut ge— züchtiget, daß wir in der Angſt Ihn ſuchen — ſo iſt es aus mit der deutſchen Nation. Wie durch frevelhafte Empörung und zweckloſen Aufruhr unter Blutvergießen die Umwälzung begonnen hat, wie die deutſche Nation ihre edelſten Güter in ſclaviſcher Nachahmung des franzöſiſchen Erb⸗ feindes um ein Linſengericht verkauft hat, das wirſt Du wiſſen; ebenſo, wie unſere Fürſten nur noch auf wackeligen Thronen ſitzen, die bald kön— nen völlig umgeſtürzt werden, wenn Gott nicht dazwiſchenredet. Als wichtigſte Conſequenz iſt wohl die auf unſerem Gebiete anzuſehen, daß jetzt nun auch ausgeſprochener und anerkannter Maßen das deutſche National- oder Staatsleben ſich als ſolches vom Chriſtenthum losgeſagt hat, ich meine durch den anerkannten Grundſatz, daß von nun an das religiöſe Bekenntniß, es ſei chriſtlich oder nicht, völlig gleichgültig iſt, um zur Theilnahme an allen Rechten zu gelangen; wir ſind in dieſer Beziehung raſch da angekommen, wo ihr in Nord⸗ Amerika von Anfang an waret. Wie damit, ſo lange es ſo ſteht, eine geſunde Entwickelung des Nationallebens abgeſchnitten iſt, wenigſtens auf dem graden Wege, das wirſt Du hoffentlich er⸗ kennen; obwohl ich damit nicht ſagen will, daß es am Ende, die Sache im großen Ganzen angeſehen, nicht doch eine heilſame Kataſtrophe iſt, daß das, was factiſch ſchon lange der Fall war, nun auch wirklich vor aller Augen da iſt, daß optimiſtiſche Täuſchungen nun nicht mehr möglich ſind. Was dem Geiſte, der jetzt in unſerem politiſchen Leben Anderes, als der abſtracte Humanismus, man will die Entwickelung des natürlichen Menſchen, alſo im Grunde nichts Anderes als das Heiden⸗ thum. Unſer Volk freilich iſt nur zum Theil hin⸗ eingeriſſen in die Bewegung, und auch von den wirklich Hineingeriſſenen ſind es nur Einige, wie immer, die mit vollem Bewußtſein ihr Ziel ver⸗ folgen. Ob nun von dem innerſten Kerne unſeres Volkes, von dem Landvolke aus lich ſehe hier vorzugsweiſe auf Norddeutſchland, im Süden bin ich eben nicht genau bekannt, nur weiß ich, daß es durchgängig in Süddeutſchland viel wilder aus⸗ ſieht) eine Reaction erfolgen wird, wenn ſie es merken und erkennen, wohin man ſie führen will, oder ob Alle, die nicht darum wiſſen, zum Gerichte dafür, daß überall kein Wort Gottes mehr in den Herzen bewußter Weiſe in den Maſſen regiert, in den Strudel hineingeriſſen werden ſollen, das kann ich natürlich nicht wiſſen. Wie total die äußere Geſtalt der Kirche durch den Umſchwung der Er⸗ eigniſſe ergriffen iſt, das liegt auf der Hand jedem, der weiß, wie bisher, wenn auch zum Theil nur noch der Form nach, Kirche und Staat in ihren S , N ae riſche Kirche ſieht einer völligen Umgeſtaltung in ihrer äußeren Stellung entgegen. Das hat ſich, wenn auch, ſo viel ich weiß, noch nicht unter uns, ſo doch in Italien, das in ähnlicher Bewegung iſt, gezeigt, wie die römiſche Kirche bei Revolutionen auf ungöttlichen Wegen ihre Rechnung zu machen weiß; ihr iſt es am Ende recht, wenn alle ſtaat⸗ liche Autorität wankt, damit ſie allein herrſchen könne; und am Ende hat ſie auch gar nicht zu befürchten, daß der anwachſende Weltgeiſt ſie zu⸗ nächſt zum Gegenſtande ſeines Angriffes machen werde, eben darum, weil ſie ihm ſelbſt verwandt iſt. Unſere lutheriſche Kirche aber ſteht auf dem Punkte, wo ſie ſich mitten in der Strömung der Bewegung hineingezogen weiß; ſie kann jetzt nicht mehr mit dem Staate Hand in Hand gehen, denn ihre Vorausſetzung war bei ihrer geſchwiſterlichen Verbindung mit dem Staate, daß der status po- liticus zugleich als status hierarchicus ein orga⸗ niſches Glied der ecelesia war. Von dem Augen⸗ blicke an aber, wo der Staat ſeinen Indifferen⸗ tismus geſetzlich publicirtD(was binnen Kurzem geſchehen wird), iſt das Kirchenregiment, das er bis dahin führte, völlig vernichtet, und es wird und muß für die lutheriſche Kirche die Aufgabe entſtehen, es aus ſich ſelber herauszuſetzen. Ich meines Ortes, und ich glaube die Meiſten mit mir, können ungeachtet aller Schmerzen und Wehen, die eine ſolche Löſung herbeiführen wird, ſo wie die Sachen ſeit lange ſtanden, darin nur das An⸗ brechen einer geſegneten Epoche für Gottes Reich unter göttlicher Gnade erblicken. Denn wenn es auch zu befürchten ſteht, daß die lutheriſche Kirche unter uns an äußerlicher Macht, ich meine an Zahl, verlieren wird, ſobald der Staatszwang, der bisher ſtattfand, aufhört; daß ſich Secten über Secten bilden werden; daß vielleicht ſelbſt die be⸗ kenntnißtreuen Lutheraner, Geiſiliche und Laien, aus ihrem gegenwärtigen Beſitzſtande heraus⸗ treten müſſen, und ganz von vorn an ein Gemein⸗ regiert, als Idee zum Grunde liegt, das iſt nichts weſen gründen; daß die Güter der Kirche ein⸗