# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 09 15_S10 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) wollte nicht reformiren, und er konnte und mußte. Wie hätte er, wir wiederholen es, ohne Gottes beſondere Regierung dazu ſo vorbereitet werden, wie hätte er in jener Zeit der Finſterniß ohne Gottes Erleuchtung zu einer ſolchen unvergleich— lichen Erkenntniß konnnen, wie hätte er ohne Got— tes Stärkung einen ſolchen heroiſchen, durch nichts zu beugenden Geiſt haben und wie hätte er ohne Gottes Schutz und Hülfe ſo glorreich alles hinaus führen und endlich durch einen ſanften und ſeligen Tod als Sieger von dem Kampfplatz abtreten können? Wohl uns, Luthers Werk hat Gamaliels Probe ausgehalten: „Iſts Gottes Werk, ſo wirds beſtehen; iſts Menſchenwerk, wirds untergehen.“ Zwar ſchien es ſo, als ob mit dem Anbruch dieſes Jahrhunderts die lutheriſche Kirche endlich doch werde untergehen; wie eine alles dahin raf⸗ fende Peſt drang der Rationalismus, die Ver⸗ nunftreligion, in unſere Kirche ein und hierauf wurde in Deutſchland eine neue Kirche, die ſoge— nannte evangeliſche, gebaut, welche unſere Kirche nuit einem Male verſchlingen zu wollen ſchien; auch ſchien es noch vor wenigen Jahren in Ame⸗ rika durch die Untreue derer, die die Wächter auf den Zinnen unſeres Zions allhier ſein ſollten, mit unſerer Kirche zu Ende gekommen zu ſein; die Mau⸗ ern unſerer Bekenntniſſe hatte man niedergeriſſen, mitten in unſern vormaligen Burgen flatterte nun das Banner der Setten und ſchon frohlockte der Feind, mit unſerer Kirche ſei es aus. Aber was iſt geſchehen? Der ſcheinbar bereits verdorrte Baum, den Luthers Hand gepflanzt hat, zeigt ge— genwärtig wieder, daß er in dem ewigen Worte des lebendigen Gottes wurzelt; ſchon grünet und blüht er wieder, ſchon machen wieder Tauſende Wohnung unter ſeinen ſchattigen Zweigen und pflücken ſeine ſüßen Früchte. So hat es denn Gott unwiderſprechlich klar bezeugt, daß Luther ſein Knecht und Geſandter, nemlich von ihm ſelbſt zum Reformationswerk berufen war. War er dies aber, müſſen wir alſo nicht zu ihm zurückkehren? Iſt es nicht ein arger Widerſpruch, es zugeben, daß Luther der auser⸗ wählte Mann Gottes war, weil man es nicht leug⸗ nen kann, und doch die durch ſeinen Dienſt erneute Kirche verlaſſen und ſich an Männer hän⸗ gen, die die Reformation wieder haben reformiren wollen nach ihrer Vernunft und nach ihrem Her⸗ zen? — Es iſt jedoch freilich wahr: alles, was bisher vorgeſtellt worden, würde ſeine Kraft, das zu be⸗ weiſen, was wir beweiſen wollen, verlieren, ſtimmte Luthers Lehre nicht mit Gottes Wort. Denn warnend ſpricht der HErr von der letzten Zeit: „Es werden falſche Propheten aufſtehen, und große Zeichen und Wunder thun, daß verführet werden in den Irrthum (wo es möglich wäre) auch die Auserwählten.“ Matth. 24, 24. Und was den glücklichen Erfolg und das Beſtehen eines Werkes betrifft, ſo wiſſen wir aus Gottes Wort, daß das Werk des Antichriſts, das Pabſtthum, auch glück⸗ lich hinausgehen und bis zur Wiederkunft des HErrn zum Gericht beſtehen ſoll. Aber wir Lutheraner können getroſt ſein, denn das, was leicht zu widerlegen ſei.“ Luther gelehrt und die ganze nach ihm genannte Kirche bekannt hat, iſt nichts anderes, als das ewige Evangelium. Sollen wir den Charakter deſſen, was Luther gelehrt und gethan hat, mit runden Worten be— zeichnen, ſo müſſen wir ſagen: ſeine Lehre war die Bibellehre, ſeine Reformation eine Reformation nach der Bibel, das Chriſtenthum, das er predigte, ein Bibelchriſtenthum, die Kirche, für die er arbei⸗ tete und kämpfte, eine Bibelkirche und jeder Streit, den er führte, ein Streit um die Bibel. Wie aber die Lutheriſche Reformation aus der Bibel, als aus ihrer eigenen Quelle, gefloſſen iſt, ſo war ſie auch nichts anderes, als eine große Ueberfluthung der ganzen Chriſtenheit mit Strömen der Wahrheit und des Lebens aus der Bibel. Luther wurde nicht, wie andere, dadurch zur Reformation er⸗ weckt, daß der Aberglaube ſeiner Zeit ſeiner Ver⸗ nunft anſtößig und daß er ein Freund falſcher Aufklärung und Freiheit geweſen wäre; nein, ehe er die Bibel in ſeine Hände bekam, war er von ganzem Herzen Papiſt und zermarterte ſich in der ängſtlichſten Gewiſſenhaftigkeit mit den vorge⸗ ſchriebenen Büßungswerken. Erſt als ihm in ſeiner finſtern Klauſe der himmliſche Schein von dem Lichte der Bibel in ſein Herz fiel, da ſah er mit Schrecken, in welch' einer finſteren Zeit er lebe; mit dem Bibellichte beleuchtete er daher nun auch alles, was er in der verfallenen Kirche fand, und was damit übereinſtimmte, das behielt er, ob es auch der menſchlichen Vernunft und dem menſch⸗ lichen Herzen anſtößig erſchien, was aber gegen die Bibel ſtritt, das verwarf er, mochte es nun heilig oder unheilig, weiſe oder thöricht erſcheinen. Betrachten wir Luthern in den Känpfen ſeines ganzen Lebens, immer handelte es ſich darum, daß er nicht von der Bibel weichen wollte. Als Luther vor Cajetan ſeine 95 Sätze wider den päbſtlichen Ablaß hatte widerrufen ſollen, da ſchrieb er an Carlſtadt: „Ich will nicht zu einem Ketzer werden mit dem Widerruf der Meinung, durch welche ich bin zu einem Chriſten worden; eher will ich ſterben, verbrannt, vertrieben und verma— ledeiet werden.“ (Opp. T. XV, 687.) (Luther meint hier die Lehre der Bibel von der Seligkeit allein durch den Glauben an Chriſtum.) Bekannt iſt ferner Luthers letzter Entſcheid, als er in Worms vor Kaiſer und Reich ſtand und zum Widerruf ſeiner Lehre gezwungen werden ſollte: „Es ſei denn“, ſprach er, „daß ich mit Zeugniſſen der heili⸗ gen Schrift überwunden und überwieſen werde und mein Gewiſſen in Gottes Wort gefangen iſt, ſo kann und will ich nichts widerrufen. Hie ſteh ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“ Dasſelbe Zeugniß haben ſelbſt die Feinde Luthern geben müſſen. Als z. B. 1530 ein durch Melanch⸗ thon erweitertes Glaubensbekenntniß Luthers, die Augsburgiſche Confeſſion genannt, in der hohen Reichsverſammlung öffeutlich verleſen worden war, ſprach Herzog Wilhelm von Bayern zu dem pa— piſtiſchen Dr. Eck: „Man hat mir bisher viel anders von der lutheriſchen Lehre geſagt, als ich heut in ihrem Bekenntniß ſelbſt gehört habe; und Ihr habt mich auch wohl vertröſtet, daß ihre Lehre haupten, daß es ſich, was den Unterſchied zwiſchen Eck erwiederte: „Mit den Schriften der Kirchenväter getraue er ſich wohl dieſe Lehre zu widerlegen, mit der heiligen Schriſt aber freilich nicht.“ „Alſo“, ſetzte der Herzog, ſich verächtlich wegwendend, hinzu, „alſo, wie ich hört, haben die Lutheraner Beweis und Gründe ihrer Lehre in der heiligen Schrift, wir aber außer ihr.“ Der Biſchof von Augsburg ſelbſt, Chriſtoph von Stadion, äußerte bei dieſer Gelegenheit: „E8 iſt alles, was hergeleſen worden, die lautere Wahrheit, das können wir nicht leugnen.“ Ja ſelbſt der Kaiſer, Karl V., als man in Augsburg in ihn drang, wider die Lutheraner Feuer und Schwert zu gebrauchen, rief ſeufßzend aus: „Ach, die Lehre, welche die Lutheraner bekennen, muß wohl mehr Grund haben, als wir vermeinen.“) Es iſt nun freilich wahr: die Reformirten be⸗ ihnen und den Lutheranern betreffe, nicht um die Wahrheit der Bibel, ſondern allein um eine menſchliche Auslegung derſelben handle. Wollte Gott, es wäre ſo! Aber es iſt, leider! nicht alſo. So lange ein Zwingli und Calvin mit Luthern die Reformation der Kirche allein aus der Bibel ſuchten, ſo lange waren ſie einig; ſobald aber die Erſteren von dem einfachen Buchſtaben der Schrift abgehen und lieber ihrer Vernunft und ihrem Herzen folgen wollten, da erhob ſich Luther auch gegen ſie mit demſelben Ernſte, wie gegen den Pabſt und ſeine Gehülfen. Auch in dieſem Streite kämpfte Luther für nichts als für das große Klei⸗ nod, daß die Bibel in ihrer göttlichen, ſchiedsrich⸗ terlichen Autorität bleibe. Luther wußte wohl, was der Teufel wieder unter den Proteſtanten imn Sinne hatte, als er ſie wenigſtens dahin zu brin⸗ gen ſuchte, Ein klares Wort wankend zu machen; er wußte, daß es ſich dabei um nichts Geringeres handelte, als um das Anſehen der ganzen heiligen Schrift. Als daher Luther fand, daß Chriſtus im heiligen Abendmahl ſpricht: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“; ſo konnten keine So⸗ phiſtereien ihn von dem Worte, ſeinem einigen Glaubensgrunde, abbringen; auch hier dachte er daran, daß er auf die heilige Schrift geſchworen habe, darum wankte er auch hier keinen Augen⸗ blick bis an ſeinen letzten Athemzug. Er konnte daher in ſeiner letzten Wittenderger Predigt das merkwürdige Zeugniß ablegen: „Ich habe mehr als dreißig Rottengeiſter vor mir gehabt, die mich haben wollen lehren; aber ich widerlegte all' ihr Ding mit dieſem Spruche: „„Dies iſt mein lie⸗ ber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den höret!““ Und mit dieſem Spruche habe ich mich durch Gottes Gnaden bisher erhalten, ſonſt hätte ich müſſen dreißigerlei Glauben anneh⸗ men. — Ich will gern alle Scheltworte leiden, aber nicht eines Fingers breit weichen von deß Mund, der da ſagt: Dieſen höret!“ ö So verachtete denn auch Luther den Gebrauch jeder andern Waffe, für das Reich Gottes zu fec⸗ *) Dieſe Aeußerung that der Kaiſer, nachdem der Kur⸗— ſächſiſche Kanzler Dr. Pontauus im Namen der proteſtan⸗ tiſchen Fürſten und Stände mit groher Glaubensffeudigktit in Betreff der Augsb. Conf. das Bekenntniß abgelegt hattr: „Sie gründeten ihre Lehre auf Zeugniſſe der heiligen Schrift und ließen ſich daher durch keine Drohung ſchrecken.“ Siehe: Gerhard, Conf. Cath. fol. 178 a.