Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 5 › Seite 34
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-10-27, Seite 34
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
ßreund und treuer Beiſtand, deine Zuflucht und
deine Burg u. m. a., ſo hätte er doch nicht ſoviel
geſagt, als wenn er ſpricht: Ich bin dein Gott.
Denn Gott iſt und muß alles ſein; wer ſich für
einen Gott dargiebt, der muß alles können und
vermögen. Wenn ich ſage: Ein König, ſo be⸗
deute ich einen Menſchen, der große Ehre, Macht,
Reichthum u. a. m. hat, und für ſeine Untertha—
nen wachet und ſorget. Wenn ich ſage: Ein Va⸗
r, ſo verſtehe ich einen Menſchen, der Kinder
hat, und dieſelben herzlich liebet, ihrer pfleget und
ſch ihrer herzlich annimmt. Wenn ich ſpreche:
En Arzt, ſo zeige ich an einen Menſchen, der um
hie Kranken bekümmert iſt, dieſelben beſuchet und
durch allerlei dienliche Mittel ihnen zur Geſund⸗
heit zu verhelfen trachtet. Wenn ich ſage: Ein
Sachwalter, ein Vormund, ſo meine ich einen
Nann, der ſich der Bedrängten und Beleidigten,
der Wittwen und Waiſen, und anderer Elenden
ſch treulich annimmt, und ihnen mit Rath und
Bat treulich dienet u. ſ. w. Wenn ich aber
ſge, Ein Gott, oder Mein Gott, ſo begreif ich
ſebr, als Himmel und Erden, und alles was
barinnen iſt, mir geben können! Ich verſtehe da⸗
durch einen König, Vater, Arzt, Sachwalter, Vor⸗
nund, und alles was ich zu dieſem zeitlichen und
jtnem ewigen Leben zum Troſt, zum Schutz, zur
hilfe, zur Kraft, zur Pflege, u. ſ. w. bedarf.
Wenn nun der Herr ſpricht: Ich bin dein Gott,
ſe verpflichtet er ſich ſolches alles uns zu ſein,
und mehr als wir denken können. Dies betrachte
renn in deiner Betrübniß, du chriſtliche Seele,
und bedenke, wenn du deinen Katechiſmum auf⸗
thuſt, daß das erſte Wort iſt: Ich bin Gott, ich
will dich leiten, ernähren, verſorgen, ſchützen,
führen und halten, was trauerſt du denn, als
hätteſt du keinen Gott? u. a. m.
Gehe hernach weiter zu den drei Glaubens⸗
Atikeln. Bedenke aus dem erſten, daß dich Gott
Ine alles dein Zuthun, Sorgen und Denken,
uu der Zeit, die ihm beliebte, erſchaffen. aus ſei⸗
nem Nichts hervorgebracht, dich im Mutterleibe
ſo wunderlich und künſtlich bereitet, mit vielen
henlichen Gaben und Kräften Leibes und Ge⸗
pütbs gezieret, dich aus Mutterleibe gezogen,
deine Zuflucht, Vaͤter, Vormund und Pfleger
geweſen, von deinen Mutterbrüſten an, und dich
nun in die zwanzig, dreißig, vierzig oder mehr
Dahr getragen hat, wie ein Mann ſeinen Sohn
Unägt, durch alle den Weg, den du gewandelt haſt,
tis du an dieſen Ort (zu dieſem Alter) gekom⸗
nen biſt; daß alle deine Tage auf ſein Buch ge—
hichnet waren, da ſie noch werden ſollten, und
nerelben keiner da war, daß du noch jetzt in ſeine
väteiliche Fürſorge eingeſchloſſen biſt, und unter
kiner Regierung und Aufſicht lebeſt und wan⸗
delſt, daß du es nimmer ſo gut mit dir ſelber mei⸗
nen kannſt, als er es mit dir meinet, u. ſ. w.
Betrachte denn weiter aus dem andern Artikel,
daß der Sohn Gottes Jeſus Chriſtus dich alſo
gtliebet, daß er ſich ſelbſt für dich gegeben, und
Rich nicht mit Silber oder Gold, ſondern mit ſei⸗
nem heiligen theuern Blute erlöſete und ihm zum
Cizenthum erkauft hat. Erwäge denn aus dem
ritten, daß der heilige Geiſt dir zum Tröſter,
Fürſprecher, Rathgeber, Veiſtand gegeben iſt, daß
— 31—
er dich zur Gemeinſchaft Jeſu Chriſti durch's
Wort berufen, dich erleuchtet, bekehrt, geheiligt
und dein Herz durch ſich ſelbſt verſiegelt hat, daß
er dir verſprochen iſt, daß er ewiglich bei dir blei⸗
ben, und dich bis in den Tod nicht verlaſſen
ſoll, u. a. m.
Thue denn aus dem Gebet des Herrn hinzu
den ſüßen Vater-Namen, welchen dir der Herr
Jeſus in den Mund geleget hat, Gott damit zu
benennen und anzurufen. Bedenke, daß er mehr
Liebe und Treue hat, als alle Väter und Mütter
in der Welt, daß er ein allwiſſender Vater, dem
alles Anliegen deines Herzens, ehe du es meldeſt,
bekannt; ein allgegenwärtiger Vater, der an kei⸗
nem Ort, wo dich dein Glück oder Unglück hin—
bringet, von dir entfernet iſt, deſſen Güte und
Treue dir allenthalben nachfolget; ein allmächti⸗
ger und reicher Vater, der mehr thun kann, als
du bitteſt und verſteheſt; ein allweiſer Vater, der,
was zu deinem Beſten dienet, am beſten weiß,
der, wenn all dein Rathen, Sinnen, Denken
Sorgen aus iſt, an Rath und That keinen Man⸗
gel und tauſenderlei Mittel hat, die dir aber ver⸗
borgen ſind.
Betrachte dann weiter, nach dem vierten
Hauptſtück deines Katechiſmi, daß dieſer Ewig—
Vater in der heiligen Taufe einen ewigen Bund
mit dir gemacht, dir das Recht und die Herrlich—
keit ſeiner Kindſchaft geſchenket, und dich in ſeine
Pflege, Vorſorge und Regierung, Aufſicht auf—
genommen, deinen Namen im Himmel ange—
ſchrieben, und dich in Chriſto Jeſu geliebet und
erwählet hat, ehe der Welt Grund gelegt ward.
Erwäge dann endlich nach dem fünften Haupt⸗
ſtück, daß ſolcher Gnadenbund durch Genießung
des heiligen Leibes und Blutes des Herrn Jeſu
Chriſti im hochwürdigen Abendmahl beſtätigt,
daß du der Vereinigung und Gemeinſchaft mit
Jeſu verſichert, daß die Vergebung der Sünden
und die Hoffnung des ewigen Lebens verſiegelt,
und dir verſprochen wird, daß du aus Gottes
Macht durch den Glauben zur Seligkeit bewah—
ret werden ſollſt, und daß der Gott aller Guade,
der dich berufen het zu ſeiner ewigen Herrlichkeit
in Chriſto Jeſu, dich werde vollbereiten, ſtärken,
kräftigen, gründen u. ſ. vw. Wann du nun ſol⸗
ches alles erwägeſt, und zu Herzen nimmſt, mein
Chriſt, wie kann es dir an Troſt in deiner Trau⸗
rigkeit fehlen.
TTTTTRT
Der alte Gott.
Slebe, des Herrn Han diſt nicht zu kurz, daß Er nicht
helfen könne, und Seine Ohren ſind nicht dicke gewor⸗
den, daß er nicht höre (Jeſ. 59, 1).
Eine alte gottſelige Bauersfrau bekam eine
Lähmung an beiden Füßen, mußte einige Wochen
zu Bette liegen, und glaubte an dieſer Krankhett
zu ſterben. Einmal, da ihre Kinder auf dem
Felde ſind, und ſie dabei vergeſſen haben, das
Vieh herauszulaſſen, hört die alte Mutter den
Hirten blaſen, und das Vieh ſchreien. Dabei
denkt ſie an die Worte der Schrift: „Der Ge⸗
rechte erbarmet ſich ſeines Viehes.“ Ach, denkt
ſie, das kann ich nun nicht thun; o wenn ich
doch aufſtehn und mein Vieh herauslaſſen könn—
te! — Dabei erinnert ſie ſich der Geſchichte von
dem Gichtbrüchigen, und denkt, ob nicht Gott
jetzt eben ſo Viel thun könnte, als Er ehemals
gethan hätte. Nun fing der Glaube bei ihr an
mit dem Unglauben zu ſtreiten. Der Glaube
ſagt: Ja, Gott iſt noch eben derſelbe alte Gott.
Der Unglaube aber: Ja, um deinetwillen wird
er keine Wunder thun. Ei, ſagt ſie bei ſich ſelbſt,
iſt Gott der alte Gott, ſo will ich aufſtehen. —
Hiermit verſucht ſie es, ſteigt nach und nach aus
dem Bette heraus, und zu ihrer Verwunderung
iſt ſie gſund und munter, treibt das Vieh dem
Hirten zu, und bereitet ihren Kindern die Mit—
tagsmahlzeit, welche ſolches Alles ebenfalls mit
großer Berwunderung anſehn. Der Herr Paſtor
will ſie als eine ſchwache Patientin, wie gewöhn⸗
lich, beſuchen, da kommt ſie ihm im Hofe munter
entgegen mit den Worten: „Der ole God le—
wetnoch“ (der alte Gott lebet noch).
(Wölbings chriſtliche Geſchichten.)
Guter Fund.
Was mir Gewinn war, das abeeuch um Chriſt
willen für Schaden geachtet (Phil, 3, 7).
Peter Paul Vergerius war in Venedig
geboren, und von geringer Herkunft. Aber durch
ſeine trefflichen Anlagen und ſeinen Fleiß ſchwang
er ſich allmälig bis zum Biſchof von Juſtinopel
auf. Er genoß ſehr großes Zutrauen beim
Papſte, der ihm mehrere Geſandtſchaften nach
Deutſchland auftrug, um durch ihn die weitere
Ausbreitung der evaͤngeliſchen Lehre zu hemmen.
Schon war ihm, als Lohn ſeiner Treue, die
Würde eines Kardinals verheißen, als ſich mit
Einem Male Alles änderte. Einige Neider wuß⸗
ten das Gerücht zu verbreiten, Vergerius ſei ein
heimlicher Proteſtant, und brachten dadurch nicht
nur ſeinen Kredit, ſondern auch ſein Leben in
große Gefahr. Er war aber bis jetzt ſo wenig
Proteſtant, daß er ſich entſchloß, die evangeliſche
Lehre öffentlich zu widerlegen, um ſich zu rechtfer⸗
tigen. Doch wie wunderbar ſind die Wege, auf
welchen Gott die Menſchen zur Erkenntniß der
Wahrheit führt. Vergerius dachte eifrigſt nach
über die Widerlegung der Proteſtanten, er las
deßhalb die heilige Schrift, die Kirchen⸗
väter, die Bücher der Reformatoren. Aber die
Gnade wirkte dabei ſo mächtig auf ihn, daß das
Licht der Wahrheit auf einmal in ſeinem Herzen
aufging, und der Ungrund der päpſtlichen Lehre
ihm einleuchtete. Freimüthig bekannte er ſich
nun als einen Anhänger Luthers, wiewohl er
wußte. daß er dadurch ſein ganzes irdiſches Glück
verlieren würde. Seines Bisthums entſetzt,
alles Eigenthums beraubt, flüchtete er ſich unter
beſtändiger Lebensgefahr nach Graubündten.
Hier ſtreute er den Samen des reinen Evange⸗
liums aus. Aber auch hier verfolgte ihn der
Papſt, und wußte es dahin zu bringen, daß man
ihn (1553) nicht länger duldete. In ſeiner Be⸗
drängniß wandte er ſich an den Herzog Chriſtoph
von Würtemberg. Dieſer gab ihm eine Zu⸗
fluchtsſtätte und Brot und Gunſt, welche er vor⸗
züglich dazu benutzte, um denjenigen Evangeli⸗
ſchen Unterſtützung zu verſchaffen, welche um des
Glaubens willen ſich in Bedrängniß vefanden.
(Die ſelben Geſchichten.)
English translation
Not yet translated.