Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 5 › Seite 33

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-10-27, Seite 33

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unmöglich ſprechen. Denn da nach dem Worte
Gottes ein unbekehrter Menſch todt in Sünden,
untüchtig zu allem Guten und voll Haß gegen
Gott iſt, ſo kann er unmöglich aus eigenen
Kräften das Gute wollen; denn Chriſtus ſpricht:
Ohne mich könnet ihr nichts thun. Joh. 15,5.
Gott iſt es, der in euch wirket, beides das Wol⸗
len und das Vollbringen nach ſeinem Wohlge⸗
fallen. 555 2, 13. Ferner können auch die
Worte V. 22: Ich habe Luſt an Gottes Geſetz
nach dem inwendigen Menſchen nur von einem
Wiedergebornen verſtauden werden; denn in ei⸗
nem unbekehrten Menſchen iſt noch gar kein in⸗
wendiger oder neuer Menſch, ſondern nur geiſt—
licher Tod.

Der Apoſtel beſchreibt nun das innere Leben
der Wiedergeborenen als einen Kampf zwiſchen
Geiſt und Fleiſch mit den Worten V. 21 — 23.
So finde ich mir nun ein Geſetz, der ich will das
Gute thun, daß mir das Böſe anhanget. Denn
ich habe Luſt an Gottes Geſetz nach dem inwen⸗
digen Menſchen; ich ſehe aber ein ander Geſetz
in meinen Gliedern, das da widerſtreitet dem
Geſetz in meinem Gemüthe, und nimmt mich ge—
fangen in der Sünden Geſetz, welches iſt in mei⸗
nen Gliedern. Ferner Gal. 5, 24. Welche aber
Chriſto angehören, die kreuzigen ihr. Fleiſch
ſammt den Lüſten und Begierden. Alſo auch die
Gläubigen und Geheiligten haben noch das böſe,
ſündliche Fleiſch an ſich, denn ſonſt könnten ſie es
nicht kreuzigen. 1 Cor. 9, 27. Ich betäube
meinen Leib und zähme ihn, daß ich nicht den
andern predige und ſelbſt verwerflich werde. Der
Grund, weßhalb der Apoſtel ſeinen Leib betäubte
und zähmte, d. h. durch Mäßigkeit in Zucht hielt,
war kein anderer, als die Erregung von böſen
fleiſchlichen Lüſten und Begierden zu verhüten,
durch deren Vollbringung er ſich verwerflich ge—
macht hätte. So hatte auch er noch Sünde in
ſich zu bekämpfen.

5. Wer ohne Sünde iſt, der kann auch das
Geſetz Gottes erfüllen; nun bezeugt aber die hei⸗
lige Schrift, daß kein Menſch das Geſetz voll—
kommen erfüllen könne; es giebt alſo keine ſolche
Heiligungs⸗Gnade, welche den Menſchen in die—
ſem Leben ſchon vollkommen machte. Röm. 3,
3. Das dem Geſetz unmöglich war, ſintemal es
durch das Fleiſch geſchwächet ward, das that
Gott u. J. w.

6.
nung, vollkommen zu werden. Da nun aber
alle Chriſten ohne Unterſchied zur Heiligung er⸗
mahnt werden, ſo geht daraus hervor, daß Kei—
ner unter ihnen in dieſem Leben bereits vollkom⸗
men heilig iſt. Hebr. 12, 14. Jaget nach dem
Frieden gegen Jedermann und der Heiligung,
ohne welche wird niemand den Herrn ſehen.
Epheſ. 4, 23. 24. Erneuert euch aber im Geiſt
eures Gemüthes und ziehet den neuen Menſchen
an, der nach Gott geſchaffen iſt in rechtſchaffener
Gerechtigkeit und Heiligkeit.

7. Der Apoſtel Paulus bekennt von ſich, daß
er das Ziel vollkommener Sündloſigkeit noch
nicht erreicht habe, indem er ſagt, Phil. 3, 12—
15. Nicht, daß ich es ſchon ergriffen habe, oder
ſchon vollkommen ſei; ich jage ihm aber nach, ob

Wer vollkommen iſt, bedarf keiner Ermah⸗

— 30—

ich es auch ergreifen möchte, nachdem ich von
Chriſto Jeſu ergriffen bin. Meine Brüder, ich
chätze mich ſelbſt noch nicht, daß ich es ergriffen
habe, Eins aber ſage ich: Ich vergeſſe, was da⸗
hinten iſt, und ſtrecke mich zu dem, das da vorne
iſt; und jage nach, dem vorgeſteckten Ziele nach,
dem Kleinod, welches vorhält die himmliſche Be⸗
rufung Gottes in Chriſto Jeſu. Wie viele nun
unſer vollkommen ſind, die laßt uus alſo geſinnet
ſein.—Zu des Apoſtels Zeiten fehlte es nicht an
falſchen Propheten, welche ſich großer Heiligkeit
rühmten, weßhalb ſich der Apoſtel zu der Er—
mahnung veranlaßt ſah: Laſſet euch niemand
das Ziel verrücken, der nach eigener Wahl ein⸗
hergehet in Demuth und Geiſtlichkeit der Engel,
deß er nie keins geſehen hat und iſt ohne Sache
aufgeblaſen in ſeinem fleiſchlichen Sinn. Col.
2, 18. Dazu kam, daß der Apoſtel unter den
Chriſten in hohem Anſe hen ſtand, ſo daßvielleicht
Einige auf die Meinung geriethen, der Apoſtel
habe wohl ſchon das Ziel der Vollendung er—
reicht, ſei ſchon ſündlos und vollkommen. Die-—
ſem allen tritt nun der Apoſtel V. 7—11.R entge—
gen und bezeugt, daß er gegen Chriſtum Alles
für Schaden und Dreck halte, daß Chriſtus ſein
Ein und Alles und ſeine Gerechtigkeit ſei. Nach⸗
dem der Apoſtel ſo den Herrn Chriſtum geprieſen
hat, demüthigt er ſich ſelbſt und bezeugt mit den
deutlichſten Worten, er habe den Kampfpreis

men. Er will ſich alſo nicht in den Geruch brin—
gen, als ſei er ein großer Heiliger, vielmehr lehnt
er alle eigene Ehre auf das Entſchiedenſte ab
und bekennt ſich für einen Sünder. Und dieſe
Demuth iſt bei ihm nicht etwa bloß ein frommer
Schein, ſondern der aufrichtigſte Ernſt. Darum,
wie er ſich Epheſ. 3, 8. den allergeringſten unter
allen Heiligen und 1 Tim. 1, 15. den vornehm⸗
ſten unter den Sündern nennt, ſo wiederholt er
mit großem Nachdruck: Meine Brüder, ich ſchätze
mich ſelbſt noch nicht, doͤß ich es ergriffen habe,
damit wir ihn ja richtig verſtehen ſollen, daß er
ſich nicht für einen vollkommenen Heiligen, ſon—
dern für einen armen Sünder halte, der ſeine Ge⸗
rechtigkeit nicht in ſeinen Werken, ſondern allein
in Chriſto ſuche. Dadurch will Gott auch uns
zur Demuth reizen. Wenn der Apoſtel ſich ſelbſt
erniedrigt und ſagt, er habe das Ziel der Sünd—

größte Blindheit und Hoffart, wenn wir uns
deſſen rühmen wollten. Zugleich aber bezeugt
der Apoftel eins, daß er mit allem Eifer dem vor—
geſteckten Ziele ſeiner Vollendung nachjage. Wie
ein Wettläufer ſich nicht umſieht, um ſelbſtgefäl⸗
lig die von ihm bereits durchlaufene Strecke zu
berechnen, ſondern unaufhaltſam nach vorne ſich
ſtreckend dem Ziele zueilt: ſo vergißt auch der
Apoſtel, was dahinten iſt, d. h. er ſieht nicht
ſelbſtgefällig darauf zurück, wie weit er es ſchon
im Chriſtenthum gebracht habe, nicht auf ſeine
guten Werke, noch auf ſeine Tugenden, noch auf
die Stufe der Heiligung, die er bereits erlangt:
das alles, was dahinten iſt, vergißt er; nur das
Eine hat er im Auge, das leuchtende Ziel der
Krone der Gerechtigkeit, dauach ſtreckt er ſich, dem
jagt er unaufhaltſam nach. Wie viele nun un⸗

noch nicht ergriffen und ſei noch nicht vollkom⸗

loſigkeit noch nicht erreicht, ſo wäre es doch die

ſer vollkommen ſind, fährt er fort, die laßt uns
alſo geſinnet ſein. Darin beſteht alſo die chriſt⸗
liche Vollkommenheit und das gereifte Mannes⸗
alter in Chriſto, daß wir Chriſtum als unſere
Gerechtigkeit bekennen, unſere eigene Unvollkom⸗
menheit erkennen und mit allem Eifer der Heili⸗
gung nachjagen.

Unſere Heiligung iſt alſo in dieſem Leben nicht.
mit einem Male, noch zu einer beſtimmten Zeit
vollendet, ſondern ſie ſoll beſtändig wachſen und.
zunehmen; laſſet uns wachſen in allen Stücken.
an dem, der das Haupt iſt, Chriſtus. Epheſ. 4,
15. Gott wird vermehren euren Samen unn
wachſen laſſen das Gewächs eurer Gerechtigkeit,
2 Cor. 9, 10. Wachſet in der Gnade und Er⸗
kenntniß unſeres Herrn und Heilandes Jeſur
Chriſti, 3 Petr. 3, 18. Dieſes Wachsthum in
der Heiligung ſoll nun durch die tägliche Erneu—
erung geſchehen. Ob unſer äußerlicher Menſch
verweſet, ſo wird doch der innerliche von Tage zu
Tage erneuert. 2 Cor. 4, 16. Dieſe Erneue⸗
rung iſt Gottes Werk, indem Gott uns durch,
ſeinen heiligen Geiſt im Glauben erhält und zu
allem Guten treibt, und zugleich auch unſer
Werk, wenn wir dem Triebe des heiligen Geiſtes.
willig Folge leiſten, die Gnadenmittel treulich
gebrauchen, fleißig beten, die aus Schwachheit
begangenen Sünden bußfertig Gott abbitten,=
den böſen Lüſten widerſtehen und aller Tugend
uns befleißigen. ö

Zum Schluſſe führen wir noch einige Wortt
aus Luther an, Erl. A. Bd. 24, S. 73.; Dieſes
Leben iſt nicht eine Frömmigkeit, ſondern ein“
Frommwerden, nicht eine Geſundheit, ſondern
ein Geſundwerden; nicht ein Weſen, ſondern ein
Werden; nicht eine Ruhe, ſondern eine Unruhe.
Wir ſind es noch nicht, wir werden es aber; es
iſt noch nicht gethan und geſchehen, es iſt aber
im Gang und Schwang. Es iſt nicht das En⸗
de, es iſt aber der Weg; es glühet und glänzt
noch nicht alles, es fegt ſich aber alles. 4

Herrmann Fick.

Troſt aus dem Katechismus.“)

Aus ſeinem kleinen Kinder-Katechiſm, wach⸗
man ſonſt eine kleine Bibel pflegt zu nennen,
kann Jedermann ein Troſtbüchlein machen auf—
ſolche Weiſe: Nimm für dir, du troſtbegieriges;
Herz, in deinem Katechiſm, aus den heiligen
Zehen Geboten den Anfang derſelben: Ich biw—
der Herr dein Gott! Erwäge mit Andacht, was⸗
in dieſen kurzen Worten enthalten iſt, nämlich⸗ ö
eine allgemeine Verheißung des großen Herrn
Himmels und der Erden, daß er alles an uns,
thun will, was ein Gott khun ſoll; wir ſollens
erfahren, daß er nicht umſonſt von uns fordert,
daß wir ihn über alle Dinge fürchten, lieben,
vertrauen und uns nach keinem andern Gon;
umſehen ſollen, denn er wolle uns Gottes genu
ſein. Wenn er hätte geſagt: Ich bin der Henr
dein König, dein Vater, dein Arzt, dein Erretttt
und Erhalter, dein Pfleger und Verſorzer, dein

*) Aus Chriſtian Scriver's Seelen⸗Schatz.

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