Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 15 › Seite 125
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-03-18, Seite 125
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nach Kräften mit ein.
einfach. Es heißt: Entleerung des Menſüſen von
aler Religion. Jeder Menſch iſt in ſeinem Gewiſ⸗
en ſich der Wahrheit bewußt: es giebt einen all⸗
nächtigen und gerechten Gott, den Urheber dei⸗
nes Daſeins, der das Gute belohnt und das Böſe
beſtraft, dem du fur alle deine Handluugen ver⸗
autwortlich biſt und der dir gebietet, das Leben,
das Eigenthum und die Ehre deines Nebenmen⸗
ſchen, wie deine eigene zu reſpectiren. Dieſes
Gottesbewußtſein iſt die nothwendige Grundlage
einer jeden burgerlichen Geſellſchaft; ohne das⸗
ſelbe iſt kein Staat möglich und denkbar. Soll
alſo der glorreiche Zuſtand einer allgemeinen
Verthierung eintreten, ſo muß im Menſchen
Vauch die letzte Spur des Gottesbewußtſeins ertöd
tet, die Stimme des Gewiſſens in ihrem letzten
Keime erſtickt, die Sehnſucht nach einer ſeligen
Gemeinſchaft mit Gott vertilgt, mit einem Wor⸗
te, es muß der Sinn für alles Göttliche und
Himmliſche im Menſchen mit der Wurzel aus⸗
gerottet werden: —
Dann wird der kuͤhne Sprung gelingen:
Der Menſch es bis zum Viehe bringen.
Denn, wenn der Menſch an keinen vergel⸗
ienden Gott mehr glaubt, dann verliert er jene
ttil. Scheu, welche ihn früher vom Verbrechen
uurückhielt; dann iſt er bereit, an ſe inem Näch⸗
ſen jede Art von Ungerechtigkeit mit kaltemBlute
iu degehen; ein Gottesläugner iſt völlig Vieh
und zu allen Gräueln, als Mord, Meineid,
Diebſtahl u. ſ. w. fähig.
Das wiſſen die Lichtfreunde und all' die ſchuel—
len Läufer auf der Fortſchrittsbahn; darum ſuchen
ſie vor allen Dingen den Glauben an Gott aus
den Herzen der Menſchen zu bringen. Deßhalb
läſtern ſie einmüthiglich und wie mit einem Mun⸗
de auf Gott und ſein heiliges Wort, auf das
Chriſtenthum und alle chriſtlichen Einrichtungen.
In dieſen Chorus ſtimmt denn auch Herr Schmidt
Nur iſt ihm dabei ein
Verſehen paſſirt. Er ſpricht noch von Religion,
er neunt ſein Blatt ein Organ fuͤr religiöſe Auf⸗
nlärung. Herr Schmdt kann aber als ein er⸗
llärter Gottesleugner keine Neligion haben. Lä⸗
cherlich wäre es, wenn ein Menſch, der ſeinen
Bater ermordet hat, noch viel von ſeiner kindli⸗
chen Liebe ſchwatzen wollte; lächerlich iſt es,
wenn Herr Schmidt, der ſeinen Gott verleugnei
hat, noch von Religion reden will, da das Wort
Religion auch im weiteſten Sinne, doch immer
eine Art und Weiſe bezeichnet, wie der Menſch
ſein Verhältniß zu Gott betrachtet, mithin den
Gottes⸗Begriff einſchließt. Da nun Herr
Schmidt ſeinen Gott verleugnet hat, ſo kann er
ebenſowenig auf Religion Anſpruch machen als
Pferde und Eſel. Darum möge er wenigſtens
ehrlich ſein und ſein Blatt der Wahrheit gemäß
dezeichnen: ein Organ fur⸗ irreligiöſe Verdum⸗
mung, oder wenn ihm das beſſer gefällt, für die
Verthierung der Menſchheit.
uͤbrigens möge Herr Schmidt ſich nicht einbil⸗
den, daß ſein gottesläugneriſcher Unſinn etwas
Neues ſei. Gottes Wort ſagt von den Gottes⸗
läugnern vor faſt 3000 Jahren Folgendes, Pſ.
14, 1: „Die Thoren ſprechen in ihrem Herzen:
„Es iſt kein Gott. Sie taugen nichts, und ſind
ein Gräuel mit ihrem Weſen.“ Iſt Herrn
Schmidt noch zu rathen, ſo möge er aufhören,
gegen ſein Gewiſſen zu handeln und den All⸗
vit von den Ungläubigen ergriffen wird, iſt höchſt
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mächtigen zu verläſtern und zu verläugnen; er
wird es ſonſt einmal zu ſeinem Schaden erfah⸗
ren, daß es heißt, Gal. 6, 7.: Irret euch nicht,
Gott läßt ſich nicht ſpotten.
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(Eingeſandt.)
Neueſter Fortſchritt.
—
Geehrter Herr Redacteur!
Als ich neulich mit meinem Vetter Chriſtian
ſpazieren gehe, ſo begegnet mir in einer Straße
folqende wunderliche Proceſſion. Auf der einen
Seite nämlich geht ein Eſel, auf der anderen
Seite ein Schwein und in der Mitte — denken
Sie ſich — kriecht auf Händen und Füßen ein —
Menſch. Während ich mich noch darüber ver⸗
wundere, was doch dieſe ſeltſame Erſcheinung
bedeuten möchte, erblicke ich auf dem Rucken des
weiter kriechenden Menſchen ein freies Blatt,
worauf mit großen Buchſtaben die folgenden
Worte ſtehen: „Neueſter Fortſchritt“. Da die
neueſten Aufklärer unwiderleglich bewieſen ha⸗
ben, daß es keinen Gott und keinen Himmel giebt,
ſo iſt es ein erſchreckliches Verbrechen, hinfort
noch aufrecht zu gehen und mit dem aufrechten
Gange anzudeuten, daß der Menſch fur Gott
und den Himmel beſtimmt ſei. Nieder alſo mit
die ſer miſerabelen Erfindung der Prieſterkaſte!
Nieder mit dieſer Schranke, welche uns von un⸗
ſern theuren Glaubensbrudern, den Eſeln und
Schweinen trennet! Die Erde iſt unſer Ein und
Alles! Nur zur Erde laßt uns ſehen und nur
auf allen Vieren fortſchreiten, ſo werden wir un⸗
ſterblichen Nachruhm bei allen vierbeinigen und
zweibeinigen Eſeln und Schweinen erlangen.
Alle wahren Freunde der Gottesleugnung und
der Schweinereligion werden hiemit aufgefordert,
ſich kriechend dieſer Proceſſion anzuſchließen, um
mi einem geſchmackvoll decorirten Schweineſtalle
das Feſt der Verthierung würdig zu feiern. Das
berühmte Muſikchor der alten Kater iſt für die
Wenn Sie nicht beſorgen, Herr Redacteur,
daß das Licht, welches in den mitgetheilten Wor⸗
ten ſtrahlt, fuͤr Ihre Leſer zu ſtark iſt, ſo habe
ich nichts dagegen, wenn Sie dieſelben in Ihrem
werthen Blatte veroffentlichen.
Genehmigen Sie u. ſ. w.
—— ——— .— — ———
Eine Abendmahlsfeier ruſſiſcher Krieger.
Paſtor Hunnius zu Rarva erzählte auf der Pe⸗
tersburger Synode im Jahr 1843 folgende er⸗
freuliche Amtserfahrung: Vor einiger Zeit er⸗
ſchien eines Abends ein junger, kaum erſt aus
dem Kadettenkorps entlaſſener Offizier, und
brachte mir ein Schreiben ſeines in einem benach⸗
barten Städtchen kantonirenden Oberſten des
Inhalts: „Eine Anzahl von ſiebzig Soldaten
lutheriſcher Confeſſion haben ihr Verlangen aus⸗
geſprochen, da ſie gerade in die Nähe eines lu⸗
theriſchen Geiſtlichen gekommen ſeien, dieſe Ge⸗
legenheit zu benützen und auch einmal wieder das
heilige Abendmahl zu genießen; ich möchte ſie
alſo durch die Beichte darauf vorbereiten und ſo⸗
dann ihre Bitte erfüllen.“ Der junge Offizier,
zur griechiſchen Kirche gehörig, fragte: in wie
viel Tagen wohl die Sache abgemacht werden
ganze Nacht engagirt. Es lebe die Aufklärung!“
könne? Ich antwortete ihm: „ZumVoraus kann
ich das nicht beſtimmen; es kemmt eben darauf
an, ob die Leute ſchon auf der Herreiſe ſich auf
dieſe heilige Handlung gehörig vorbereitet haben.
Ich muß ſie daher vor allen Dingen ſprechen,
und wenn ich ſie in der rechten Faſſung treffe,
werde ich ſie ſchon am folgenden Tage zum heili⸗
gen Abendmahl nehmen und ſodann entlaſſen.“
Demzufolge erſchien er den andern Morgen mit
ſeiner ganzen Schaar. Sie hatten nach Narva
einen weiten, ſehr angreifenden Marſch durch
eine völlig unwirthbare und moraſtiſche Gegend
unter vielem Regen zu machen gehabt, und wa⸗
ren daher ziemlich ermüdet. Als ich ſie angere⸗
det, faud ich, daß es Deutſche, Letten, Eſthen,
mit Dörptſcher und Revalſcher Mundart und
Finnländer waren, ja es fanden ſich ſogar auch
Ruſſen unter ihnen, jedoch auch dieſe evangeliſch
lutheriſcher Confeſſion. Sie baten um einen Tag
Ruhe und Erholung, da ſie von dem beſchwerli⸗
chen Marſche ſehr angegriffen ſeien, und zum
augenblicklichen Empfang des heil. Abendmahls
weder äußerlich noch innerlich vorbereitet waͤ⸗
ren. — Ich äußerte daher gegen ihren Führer
mein Bedauern, daß ich nicht heute ſchon ſeinen
Wunſch erfüllen, ſondern vorerſt noch eine Vor⸗
bereitung mit den Leuten vornehmen muͤſſe. Er
fand das anfangs ſehr befremdend, gab ſich aber
endlich darein, und ſchickte mir nicht lange dar⸗
nach die Leute zur Beichte. Um mich ihnen ver⸗
ſtändlich zu machen, mußte ich mich verſchiedener
Sprachen und Mundarten bedienen, die ich zum
Theil ſelbſt nicht alle geläufig reden konnte, und
worin ich mich daher nicht ſo verſtaͤndlich zu ma⸗
chen vermochte, wie ich gewünſcht hätte. Deſio
mächtiger und eindringlicher aber redete der Herr
ſelbſt durch Sein Wort zu ihren Herzen. Gluck⸗
licherweiſe war ich durch die Gute der nordame⸗
rikaniſchen Bibelgeſellſchaft und die freundliche
Bereitwilligkeit ihres Agenten in Petersburg kurz
zuvor in den Beſitz einer Anzahl von Neuen Te⸗ ö
ſtamenten der verſchiedenen ruffiſchen Sprachen
gekommen, die hier vorkommen. Daher rief ich
die Soldaten ſogleich nach der Beichte zu mir und
erklärte ihnen, Jeder, der leſen könnte, ſollte ein
Reues Teſtament von mir bekommen, wenn er
es begehrte. Ich ließ ſie einzeln vortreten, und
prüfte Jeden, ob er das Neue Teſtament in ſeiner
Sprache leſen könnte. Aber nur etwa die Hälfte
war es im Stande. Die Letten und Eſthen la⸗
ſen unſtreitig am beſten, die Finnläͤnder ziemlich
mittelmäßig, am ſchlechteſten die Deutſchen,
welche überhaupt die verdorbenſten der ganzen
Abtheilung zu ſein ſchienen, was ſich daraus er⸗
klärt, daß die Deutſchen in der Regel nur ſchlechte
Subjekte unter die Rekruten treten laſſen. —
Jedem, der leſen konnte, ſchenkte ich ein Neues
Teſtament, und unvergeßlich bleibt mir der Ein⸗
druck, den dieſes Geſcheuk auf die meiſten der
Empfänger machte. Ein alter Schnurrbart, ein
Lette von Geburt, deſſen entſchloſſenes Weſen,
deſſen ſtrenge Miene die tapferſte Furchtloſigkeit
verkundigte, ein Mann, der über den Balkan
marſchirt und vor Varna und Beniloff geſtanden,
der Praga geſehen, Wola erſtuͤrmt und in War⸗
ſchau eingezogen war, ergriff das Buch, als. ic
es ihm gab, kußte es unter Thränen und ſprach
„Herr, ich danke Ihnen! Seit eilf Jahren ſahe
ich keine Kirche meines Glaubens, hoͤrte kein
Gotteswort in meiner Mutterſprache, konnti
nicht zum Tiſch des Herrn, meines theuern, hoch
ö
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