Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 22 › Seite 175
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-06-22, Seite 175
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gebet 29 · Katechismus 3 · Ordination 3
der Getauften, z. B. der durch Jeſuiten mit Hil⸗
ſe von Riechfläſchchen getauften, ſondern die
Verſammlung aller Gläubigen, bei welchen
das Evangelium rein gepredigt und die Sacra⸗
mente nach Chriſti Stiftung und Einſetzung ver⸗
waltet werden. Dazu ſetzt die Apologie: „„Dar⸗
um die rechte Kirche iſt das Reich Chriſti, das
iſt die Verſammlung aller Heiligen, denn die
Gottloſen werden nicht regiert durch den Geiſt
Chriſti.“' Die luth. Kirche hat alſo nicht wie
ein Profeſſor eine ſchulgerechte Lehre von Kirche
geſucht und vorgetragen, über die man weiter
hätte disputiren ſollen, ſie mußte die rechte Kir⸗
che gegenüber der falſchen bekennen. Hat man
aber die rechte Kirche, ſo kann man dann auch
die unrechten erkennen. Wo reines Wort und
rechtes Sacrament iſt, da ſind auch Gläu bi⸗
ge, und dieſe ſind die rechte Kirche.
Wo aber das Wort und die Sacramente nicht
rein ſind, da iſt nicht die rein e Kirche, aber
doch immer noch die Kirche, wenn auch unrein
und unrecht, wie ihr Wort und ihre Sacramente.
Darum ſolgt aus dem 7. Artikel der Augsb.
Conf. unwiderſprechlich, daß die luth. Kirche ſich
zwar für die rechte Kirche hält, aber keines⸗
weges für die Kirche überhaupt⸗
Wo nur Wort und Sacramente ſind, da iſt die
Kirche. Iſt das Wort unrein und die Sacra⸗
mente getrübt, ſo wird es auch die Kirche ſein,
ſo gewiß, als die Menſchen, die ungeſunde Spei⸗
ſen eſſen, doch immer noch Speiſe eſſen u. leiblich
leben. So hat die luth. Kirche nicht einen eng en
beſchränkten Standpunkt, wie ihr wohl von
Freund und Feind vorgeworfen wird, ſondern
einen wahrhaft ökumeniſchen (nicht ſektireriſchen).
Wo nur Wort und Sacramente ſind, da findet
ſie noch die Kirche; nur wo blos die Taufe iſt,
da verſchwindet ihr die Kirche wie ein ferner
Punkt am Horizonte. Nicht als ob ſie hier die
Kirche leugnete, ſie kann ſie nur nicht mehr er⸗
lennen; ſie ſieht hier nur noch Trümmer der
ſichtbaren Kirche, leugnet es aber nicht, daß in
dieſen Trümmern noch Menſchen leben dieChriſten
ſind, ja ſie glaubt es, wenn man es ihr verſichert,
nur ſagt ſie nicht: dort unter dieſen Trümmern
fängt die rechte Kirche an, ſondern da hört ſie
auf, da verſchwindet ſie den Augen. Wie hat
Chemnitz und Gerhard die Weite dieſer Anſicht
zu klaren Gängen in der Geſchichte durchgebil—
del!“
„Unleugbar hängt die ganze Anſchauung der
Symbole in Beziehung auf die rechte Kirche mit
der Lehre von der unſichtbaren Kirche zuſammen.
Es bedarf aber keines Beweiſes: die luth. Kirche
nennt nur die unſichtbare die rechte. Das iſt
unter Freunden und Feinden anerkannt. Die
Römer z. B. haben zu allen Zeiten gegen dieſen
Kirchenbegriff als einen allbekannt fort u. fort
von den Lutheranern feſtgehaltenen gekämpft.
Der falſchen ſichtbaren Kirche gegenüber mußten
die Reformatoren die rech te zeigen: ſie ſagten,
die unſichtbare ſei es. Im 7. Artikel der
Augsb. Confeſſion iſt die Gemeinſchaft der Hei—
ligen mit rechtem Worte u. rechten Sacramenten
nicht anders zu verſtehen, als im unſichtbaren
Sinne. Wir wiederholen, was wir oben ge⸗
ſagt, daß die Kirche nicht auch ſichtbar ſein ſolle,
das kann, ohne völligen Unſinn zu ſagen, nie⸗
mand behaupten, ſie muß, wie ſie eingeht in die
Welt, auch in den Formen der Welt d. h. aber
ſichtbar auftreten. Darüber alſo ſoll auch hier
nicht weiter geredet werden. Die Frage iſt nur:
wie verhält ſich die unſichtbare zur ſichtbaren
Kirche, ſind ſie unauflöslich in einander ver⸗
bunden, decken ſie ſich, oder iſt die unſichtbare die
eigentliche, die ſichtbare blos die äußerliche und
uneigentliche, die blos in die Erſcheinung treten⸗
de, aber ihrem eigentlichen Weſen nie eutſprech⸗
ende? DieBekenntnißſchriften accentuiren (heben
hervor) die unſichtbare Kirche, ſie nennen ſie die
Gemeinſchaft der Heiligen im 7. Art. der Augsb,
Conf. und im 8. ſagen ſie: „„item, wiewohl die
chriſtliche Kirche eigentlich nichts anderes iſt
denn die Verſammlung aller Gläubigen u. Hei⸗
ligen.“ Man leſe die weitere Auseinanderſetz⸗
ung der Apologie im Artikel von der Kirche da⸗
zu, wo die Kirche nur als eine Gemeinſchaft der
Heiligen gefaßt wird. In dem ganzen Artikel
redet Melanchthon, obſchon er nicht das Wort
unſichtbar gebraucht, doch nur von der heiligen
Kirche, die in den Herzen iſt, die „„den heiligen
Geiſt und Glauben hat.“ Und von da an geht
durch die ganze proteſtantiſche Kirche nur dieſe
Lehre. Die proteſtantiſchen Dogmatiker unter⸗
ſcheiden zwiſchen einer Kirche im engern
Sinne (ecclesia stricte dicta), und verſtehen
darunter die ganze Verſammlung der wahrhaft
Gläubigen und Heiligen, die nicht
allein die äußerlichen Gnadenmittel haben, ſon⸗
dern auch mit wahrem Glauben des Herzens u.
innererWiedergeburt begnadigt ſind; u. zwiſchen
Kirche im weiteren Sinne (Ecolesia
late dicta), als Gemeinſchaft aller Beru⸗
fenen, die alle äußerlich zuſammenſtehen zum
Gebrauche des Worts und der Sacramente u.
für Kirchenglieder gehalten werden. Aber kei—
nesweges machen ſie damit, ſo wenig wie die
Symbole und die Schrift ſelbſt, zwei Kirchen.
Sie kennen nur eine Kirche, das iſt die ſichtbar
erſcheinende, „aber, ſagt Gerhard, wir ſagen,
daß die eine und ſelbige Kirche, der ganze Haufen
der Verufenen, doppelt betrachtet wird nach in⸗
nen und nach außen,“ und er meint, als äu⸗
ßerlich Gerufene und als innerlich Gläubige.
Die rechte Kirche aber nennen ſie die innerliche.
Ich wüßte nicht einen von den alten proteſtan⸗
tiſchen Dogmatikern (Glaubensauslegern), der
anders lehrte. Sie halten an den Worten „„Ei⸗
ne, heilige, allgemeine Kirche,“» die ſie nur geiſt⸗
lich, alſo von der unſichtbaren Kirche erklären,
feſt.
„Aber wendet man ein 1): „„wir müſſen uns
hüten, in den Leib Chriſti ſofort den Begriff
der unſichtbaren Kirche hineinzulegen.
Wenn die alte Kirche der Gemeinde des Herrn
die Beſtimmungen: eine, heilige, allgemeine,
apoſtoliſche, alleinſeligmachende beigelegt hat, ſo
hat ſie dabei nicht an die ſogenannte unſichtbare
gedacht, ſondern an die Kirche nach ihrer unſicht⸗
baren und ſichtbaren Seite, an die altkatholiſche.“
Das erſte, was wir hierauf erwiedern müſſen,
+) So dit Leipziger Conferenz S. 66.
iſt das: die ganze luth. Kirche hat anders über
dieſen Punkt gedacht und gelehrt. Alle pro⸗
teſtantiſchen Dogmatiker beziehen das eine, hei⸗
lige allgemeine nur auf die unſichtbare Kirche,
wie es auch gar nicht anders möglich iſt. Dann
aber, wenn der altkatholiſchen Kirche die unſicht⸗
bare als ſolche fremd geweſen wäre, ſo müßte
man ſie vielmehr in dieſem Stücke, wie in ſo
manchen andern, nach der Schrift corrigiren u.
nach unſeren Bekenntnißſchriften, als umgekehrt
unſere Kirche mit ihren Schriftbeweiſen nach der
altkatholiſchen Kirche 41). .. Endlich aber,
müſſen wir bemerken, kannte die altkatholiſche
Kirche die neue, ſicht- und taſtbare römiſche Kir⸗
che mit ihrer Venetianiſchen pallaſtähnlichen
Aeußerlichkeit noch nicht. Erſt die völlige Ver⸗
äußerlichung der Kirche des Pabſtes konnte
ſchließlich die unſichtbare Kirche als die Perle in
der Schale finden laſſen. So gewiß wir die
Rechtfertigungslehre nicht bei Cyprian
und Hieronymus ſuchen, ſo wenig können wir
die Geſtalt der unſichtbaren Kirche
bei ihnen ſuchen, oder was daſſelbe iſt, unſeren
proteſtantiſchen Kirchenbegriff nach demjenigen,
den die altkatholiſche Kirche hatte, corrigiren.
Ja, Rechtfertigung und unſichtbare Kirche ſind
correlate Begriffe (d. h. in Wechſelbeziehung
ſtehende Begriffe); wo über Rechtferti⸗
gung recht gelehrt wird, da muß
über Kirche recht gelehrt werden, da
muß nothwendig die unſichtbare
Kirche in den Vordergrund treten
als die rechte, eigentliche Kirche.
Nun aber iſt's unter Lutheranern doch hoffentlich
keine Frage, daß nie ſo ſcharf und wahr die
Rechtfertigung nach der Schrift gelehrt
worden iſt als von unſern proteſtantiſchen Vä⸗
tern. Darum aber iſt die Wanderung in die
altkatholiſche Kirche behufs der Entdeckung der
Kirche einem Proteſtanten nicht erlaubt; ein
ſolches Rückwärtsblicken heißt den Reichthum der
eignen Kirche überſehen und der Entfaltung des
heil. Geiſtes keinen Raum ſchenken. Das aber
muß man jedenfalls auch bedenken: aus dem
veräußerlichenden, ceremonialgeſetzlichen Gange
der altkatholiſchen Kirche iſt das Reich des
Pabſtes als ſichere Probe, daß jener altka⸗
tholiſche Kirchenbegriff nicht der rechte ſei, her⸗
vorgegangen.“
„Wir müſſen deshalb bleiben bei dem Begrif⸗
—
17) Das gehört eben zu dem Jammer unſerer Zeit, daß
die Theologen, wenn ſie dle Kirchenväter leſen, und wahr⸗
nehmen, daß darin ſich manches findet, was dit römiſche Kirche
rechtfertigt, dann meinen, jetzt gehe ihnen ein neues Licht
auf. Als ob das nicht ſchon zur Zeit der Reformation unſeren
Vätern klar geweſen wäre, daß die Römiſchen allerdings vie⸗
les aus den Vätern für ſich anführen können, nur daß man
damals die Glaubensſtärke hatte, unbekümmert um ſoge⸗
nannte Kirchenſatzungen, Väter, Coneilien ꝛc. an die bloßt
Schrift ſich zu halten! Wollen unſere jetzigen Theologen
nicht dankbar das Licht aunehmen, was Gott aus großer
Barmherzigkeit vor 300 Jahren wieder geſchenkt hat,
ſondern die göttliche Guadenheimſuchung im Zeitalter der
Reformation verachten, ſo ſind ſie verloren. Die Vor⸗
ſtellung von Kirche, wie ſie im Pabſtthum herrſcht, iſt dem
Menſchen von Natur die allernatürlichſte; läßt man ſich da⸗
her nicht durch göttliches Gnadenlicht hier leiten, ſo muß man
nothwendig endlich der papiſtiſchen An ſchauung zufallen und
die Kirche noch einmal demſelben Verderben entgegenführen.
L.
D. R. d.
English translation
Not yet translated.