# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1854 06 22_S175 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) der Getauften, z. B. der durch Jeſuiten mit Hil⸗ ſe von Riechfläſchchen getauften, ſondern die Verſammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die Sacra⸗ mente nach Chriſti Stiftung und Einſetzung ver⸗ waltet werden. Dazu ſetzt die Apologie: „„Dar⸗ um die rechte Kirche iſt das Reich Chriſti, das iſt die Verſammlung aller Heiligen, denn die Gottloſen werden nicht regiert durch den Geiſt Chriſti.“' Die luth. Kirche hat alſo nicht wie ein Profeſſor eine ſchulgerechte Lehre von Kirche geſucht und vorgetragen, über die man weiter hätte disputiren ſollen, ſie mußte die rechte Kir⸗ che gegenüber der falſchen bekennen. Hat man aber die rechte Kirche, ſo kann man dann auch die unrechten erkennen. Wo reines Wort und rechtes Sacrament iſt, da ſind auch Gläu bi⸗ ge, und dieſe ſind die rechte Kirche. Wo aber das Wort und die Sacramente nicht rein ſind, da iſt nicht die rein e Kirche, aber doch immer noch die Kirche, wenn auch unrein und unrecht, wie ihr Wort und ihre Sacramente. Darum ſolgt aus dem 7. Artikel der Augsb. Conf. unwiderſprechlich, daß die luth. Kirche ſich zwar für die rechte Kirche hält, aber keines⸗ weges für die Kirche überhaupt⸗ Wo nur Wort und Sacramente ſind, da iſt die Kirche. Iſt das Wort unrein und die Sacra⸗ mente getrübt, ſo wird es auch die Kirche ſein, ſo gewiß, als die Menſchen, die ungeſunde Spei⸗ ſen eſſen, doch immer noch Speiſe eſſen u. leiblich leben. So hat die luth. Kirche nicht einen eng en beſchränkten Standpunkt, wie ihr wohl von Freund und Feind vorgeworfen wird, ſondern einen wahrhaft ökumeniſchen (nicht ſektireriſchen). Wo nur Wort und Sacramente ſind, da findet ſie noch die Kirche; nur wo blos die Taufe iſt, da verſchwindet ihr die Kirche wie ein ferner Punkt am Horizonte. Nicht als ob ſie hier die Kirche leugnete, ſie kann ſie nur nicht mehr er⸗ lennen; ſie ſieht hier nur noch Trümmer der ſichtbaren Kirche, leugnet es aber nicht, daß in dieſen Trümmern noch Menſchen leben dieChriſten ſind, ja ſie glaubt es, wenn man es ihr verſichert, nur ſagt ſie nicht: dort unter dieſen Trümmern fängt die rechte Kirche an, ſondern da hört ſie auf, da verſchwindet ſie den Augen. Wie hat Chemnitz und Gerhard die Weite dieſer Anſicht zu klaren Gängen in der Geſchichte durchgebil— del!“ „Unleugbar hängt die ganze Anſchauung der Symbole in Beziehung auf die rechte Kirche mit der Lehre von der unſichtbaren Kirche zuſammen. Es bedarf aber keines Beweiſes: die luth. Kirche nennt nur die unſichtbare die rechte. Das iſt unter Freunden und Feinden anerkannt. Die Römer z. B. haben zu allen Zeiten gegen dieſen Kirchenbegriff als einen allbekannt fort u. fort von den Lutheranern feſtgehaltenen gekämpft. Der falſchen ſichtbaren Kirche gegenüber mußten die Reformatoren die rech te zeigen: ſie ſagten, die unſichtbare ſei es. Im 7. Artikel der Augsb. Confeſſion iſt die Gemeinſchaft der Hei— ligen mit rechtem Worte u. rechten Sacramenten nicht anders zu verſtehen, als im unſichtbaren Sinne. Wir wiederholen, was wir oben ge⸗ ſagt, daß die Kirche nicht auch ſichtbar ſein ſolle, das kann, ohne völligen Unſinn zu ſagen, nie⸗ mand behaupten, ſie muß, wie ſie eingeht in die Welt, auch in den Formen der Welt d. h. aber ſichtbar auftreten. Darüber alſo ſoll auch hier nicht weiter geredet werden. Die Frage iſt nur: wie verhält ſich die unſichtbare zur ſichtbaren Kirche, ſind ſie unauflöslich in einander ver⸗ bunden, decken ſie ſich, oder iſt die unſichtbare die eigentliche, die ſichtbare blos die äußerliche und uneigentliche, die blos in die Erſcheinung treten⸗ de, aber ihrem eigentlichen Weſen nie eutſprech⸗ ende? DieBekenntnißſchriften accentuiren (heben hervor) die unſichtbare Kirche, ſie nennen ſie die Gemeinſchaft der Heiligen im 7. Art. der Augsb, Conf. und im 8. ſagen ſie: „„item, wiewohl die chriſtliche Kirche eigentlich nichts anderes iſt denn die Verſammlung aller Gläubigen u. Hei⸗ ligen.“ Man leſe die weitere Auseinanderſetz⸗ ung der Apologie im Artikel von der Kirche da⸗ zu, wo die Kirche nur als eine Gemeinſchaft der Heiligen gefaßt wird. In dem ganzen Artikel redet Melanchthon, obſchon er nicht das Wort unſichtbar gebraucht, doch nur von der heiligen Kirche, die in den Herzen iſt, die „„den heiligen Geiſt und Glauben hat.“ Und von da an geht durch die ganze proteſtantiſche Kirche nur dieſe Lehre. Die proteſtantiſchen Dogmatiker unter⸗ ſcheiden zwiſchen einer Kirche im engern Sinne (ecclesia stricte dicta), und verſtehen darunter die ganze Verſammlung der wahrhaft Gläubigen und Heiligen, die nicht allein die äußerlichen Gnadenmittel haben, ſon⸗ dern auch mit wahrem Glauben des Herzens u. innererWiedergeburt begnadigt ſind; u. zwiſchen Kirche im weiteren Sinne (Ecolesia late dicta), als Gemeinſchaft aller Beru⸗ fenen, die alle äußerlich zuſammenſtehen zum Gebrauche des Worts und der Sacramente u. für Kirchenglieder gehalten werden. Aber kei— nesweges machen ſie damit, ſo wenig wie die Symbole und die Schrift ſelbſt, zwei Kirchen. Sie kennen nur eine Kirche, das iſt die ſichtbar erſcheinende, „aber, ſagt Gerhard, wir ſagen, daß die eine und ſelbige Kirche, der ganze Haufen der Verufenen, doppelt betrachtet wird nach in⸗ nen und nach außen,“ und er meint, als äu⸗ ßerlich Gerufene und als innerlich Gläubige. Die rechte Kirche aber nennen ſie die innerliche. Ich wüßte nicht einen von den alten proteſtan⸗ tiſchen Dogmatikern (Glaubensauslegern), der anders lehrte. Sie halten an den Worten „„Ei⸗ ne, heilige, allgemeine Kirche,“» die ſie nur geiſt⸗ lich, alſo von der unſichtbaren Kirche erklären, feſt. „Aber wendet man ein 1): „„wir müſſen uns hüten, in den Leib Chriſti ſofort den Begriff der unſichtbaren Kirche hineinzulegen. Wenn die alte Kirche der Gemeinde des Herrn die Beſtimmungen: eine, heilige, allgemeine, apoſtoliſche, alleinſeligmachende beigelegt hat, ſo hat ſie dabei nicht an die ſogenannte unſichtbare gedacht, ſondern an die Kirche nach ihrer unſicht⸗ baren und ſichtbaren Seite, an die altkatholiſche.“ Das erſte, was wir hierauf erwiedern müſſen, +) So dit Leipziger Conferenz S. 66. iſt das: die ganze luth. Kirche hat anders über dieſen Punkt gedacht und gelehrt. Alle pro⸗ teſtantiſchen Dogmatiker beziehen das eine, hei⸗ lige allgemeine nur auf die unſichtbare Kirche, wie es auch gar nicht anders möglich iſt. Dann aber, wenn der altkatholiſchen Kirche die unſicht⸗ bare als ſolche fremd geweſen wäre, ſo müßte man ſie vielmehr in dieſem Stücke, wie in ſo manchen andern, nach der Schrift corrigiren u. nach unſeren Bekenntnißſchriften, als umgekehrt unſere Kirche mit ihren Schriftbeweiſen nach der altkatholiſchen Kirche 41). .. Endlich aber, müſſen wir bemerken, kannte die altkatholiſche Kirche die neue, ſicht- und taſtbare römiſche Kir⸗ che mit ihrer Venetianiſchen pallaſtähnlichen Aeußerlichkeit noch nicht. Erſt die völlige Ver⸗ äußerlichung der Kirche des Pabſtes konnte ſchließlich die unſichtbare Kirche als die Perle in der Schale finden laſſen. So gewiß wir die Rechtfertigungslehre nicht bei Cyprian und Hieronymus ſuchen, ſo wenig können wir die Geſtalt der unſichtbaren Kirche bei ihnen ſuchen, oder was daſſelbe iſt, unſeren proteſtantiſchen Kirchenbegriff nach demjenigen, den die altkatholiſche Kirche hatte, corrigiren. Ja, Rechtfertigung und unſichtbare Kirche ſind correlate Begriffe (d. h. in Wechſelbeziehung ſtehende Begriffe); wo über Rechtferti⸗ gung recht gelehrt wird, da muß über Kirche recht gelehrt werden, da muß nothwendig die unſichtbare Kirche in den Vordergrund treten als die rechte, eigentliche Kirche. Nun aber iſt's unter Lutheranern doch hoffentlich keine Frage, daß nie ſo ſcharf und wahr die Rechtfertigung nach der Schrift gelehrt worden iſt als von unſern proteſtantiſchen Vä⸗ tern. Darum aber iſt die Wanderung in die altkatholiſche Kirche behufs der Entdeckung der Kirche einem Proteſtanten nicht erlaubt; ein ſolches Rückwärtsblicken heißt den Reichthum der eignen Kirche überſehen und der Entfaltung des heil. Geiſtes keinen Raum ſchenken. Das aber muß man jedenfalls auch bedenken: aus dem veräußerlichenden, ceremonialgeſetzlichen Gange der altkatholiſchen Kirche iſt das Reich des Pabſtes als ſichere Probe, daß jener altka⸗ tholiſche Kirchenbegriff nicht der rechte ſei, her⸗ vorgegangen.“ „Wir müſſen deshalb bleiben bei dem Begrif⸗ — 17) Das gehört eben zu dem Jammer unſerer Zeit, daß die Theologen, wenn ſie dle Kirchenväter leſen, und wahr⸗ nehmen, daß darin ſich manches findet, was dit römiſche Kirche rechtfertigt, dann meinen, jetzt gehe ihnen ein neues Licht auf. Als ob das nicht ſchon zur Zeit der Reformation unſeren Vätern klar geweſen wäre, daß die Römiſchen allerdings vie⸗ les aus den Vätern für ſich anführen können, nur daß man damals die Glaubensſtärke hatte, unbekümmert um ſoge⸗ nannte Kirchenſatzungen, Väter, Coneilien ꝛc. an die bloßt Schrift ſich zu halten! Wollen unſere jetzigen Theologen nicht dankbar das Licht aunehmen, was Gott aus großer Barmherzigkeit vor 300 Jahren wieder geſchenkt hat, ſondern die göttliche Guadenheimſuchung im Zeitalter der Reformation verachten, ſo ſind ſie verloren. Die Vor⸗ ſtellung von Kirche, wie ſie im Pabſtthum herrſcht, iſt dem Menſchen von Natur die allernatürlichſte; läßt man ſich da⸗ her nicht durch göttliches Gnadenlicht hier leiten, ſo muß man nothwendig endlich der papiſtiſchen An ſchauung zufallen und die Kirche noch einmal demſelben Verderben entgegenführen. L. D. R. d.