Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 22 › Seite 180

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-06-22, Seite 180

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſang · Geſang 2 · Geſangbuch 6 · Katechismus 3 · Geſang · Gemeindegeſang

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nes in Edeſſe und die Arianer. Ihre Lehren
faßten ſie in Lieder, ſetzten für dieſe die weltlichen
griechiſchen Melodien und erfanden auch ſelbſt

neue dazu und trugen dieſe vor bei ihren Got⸗

tesdienſten, namentlich auch bei Umzügen, die ſie
Nachts durch die Straßen der Städte hielten.
Es war naiürlich, daß die rechtgläubigen Ge⸗
meinden es ihnen gleich zu thun ſuchten, daher
z. B. Ephraem der Syrer dem Bardeſanes ge⸗
genüber viele ſchöne Kirchenlieder dichtete, und
Chryſoſtomus, der Biſchof von Conſtantinopel,
auch dergleichen Umzüge anſtellen ließ, bei denen
prachtvolle Lobgeſänge (Hymnen) in lebhaften
hinreißenden Weiſen vorgetragen wurden. Die⸗
ſer Wetteifer führte indeß zu Streitigkeiten, die⸗
ſe zu einem obrigkeitlichen Verbot wider alle
Umzüge der Art, und um nun auch den äußern
Arianiſchen Schein zu vermeiden, verbannten
die rechtgläubigen Gemeinden des Morgenlan⸗
des alle ſolche Melodien aus ihren Kirchen.
Von dem an galt in der morgenländiſchen, jetzt
Griechiſch genannten Kirche nur das altherge⸗
brachte Pſalmenſingen, welches indeß niemals
ohne Rythmus iſt. ö

Im Abendlande, dem Theile der Chriſtenheit,
in welchem die lateiniſche Sprache vorzüglich ge⸗
redet wurde, ſetzte man unterdeß fort, was man
im Morgenlande aufgab. Bald nach dem Jahre
350 ſchenkten Hilarius von Poitiers, Ambroſius
von Mailand, Auguſtinus von Hippo, Seduli⸗
us aus Irland, Ennodius aus Pavia und an⸗
dere fromme Chriſten der Kirche eine Menge
köſtlicher Lieder, Ambroſius z. B.: Nun komm
der Heideu Heiland (Nr. 36), Sedulius: Was
fürchtſt du Feind Herodes ſehr (Nr. 60), ein
Unbekannter: O Lamm Gottes unſchuldig (Nr.
86).. Sie verließen die bisherige Pſalm und
Hymnenform, welche weder beſtimmte Zahl der
Sylben zu einer Versreihe, noch eine beſtimmte
Reihenzahl zu einer Strophe gefordert hatte;
ein beſtimmtes Maaß von Sylben machte ihnen
die Reihe, ein beſtimmtes Maaß von Reihen die
Strophe und dabei blieb der bisherige regelmä⸗
ßige Wechſel von langen und kurzen Sylben oder
das Versmaaß, der Rythmus der Worte. Es
war natürlich, daß zu ſolchen genau abgeſchloſſe⸗
nen Verſen auch eine beſtimmte Melodie nöthig
war, daß die Lieder nur mit der Melodie zugleich
der Gemeinde bekannt wurden, daß aber auch
dieſe Melodien ſo wenig ohne Nythmus ſein
konnten, wie die Verſe ſelbſt. Ambroſius ſetzte
ſolche Melodien. Er hatte nur 4 Tonarten da⸗
zu, nemlich aus D, E, F. G und konnte daher
nicht über einen weiten Kreis von Tönen gebie⸗
ten, auch beſchränkte ſich ſein Rythmus wohl
auf den Wechſel von langen und kurzen Tönen,
aber dieſe geringen Tonmittel waren ihm genug,
da er eben für kirchliche Geſänge die höchſte Ein⸗
fachheit begehrte; ſo möchte die Melodie zu:
Nun komm der Heiden Heiland, die wenn nicht
von Ambroſius erfunden, doch von ihm geſetzt
iſt, uns faſt zu einfach erſcheinen. Bald klangen
in den abendländiſchen Kirchen dieſe Lieder und
Weiſen, welche die Gemeinde (nicht etwa ein
Chor) mit Luſt und zu großer Erbauung ſang.
Auguſtinus hörte ſie zuerſt in der Kirche zu

Mailand und bekannte hernach: Wie weinte ich
über deine Lobgeſänge und Lieder, o Gott, als
ich durch die Stimme deiner lieblich ſingenden
Gemeinde kräftig gerührt wurde; dieſe Stim⸗
men floſſen in meine Ohren und deine Wahrheit
wurde mir in's Herz gegoſſen; da entbrannte in
mir das Gefühl der Andacht und die Thränen
liefen herab und mir war ſo wohl dabei.

Merkt wohl, der Gemeindegeſang war ryth⸗
miſch und, ſo lange die Gemeinde ſang, ging's
auch nicht anders. Allein etwa 150 Jahre nach
Ambroſius drang das Römiſch Katholiſche We⸗
ſen durch und das leidet den Gemeindegeſang in
der Kirche nicht gern. In der Römiſchen Kir⸗
che wirs ja doch die Prieſterſchaft für die eigent⸗
liche Gemeinde gehalten und mit ihr etwa die
Schaar der Mönche und Nonnen, was brauchen
da auch die armen Laien, das Volk, viel zu ſin⸗
gen; auch lehren ja die Römiſchen, daß in der
Meſſe der Prieſter den Herrn Chriſtum opfere,
zum Beſten aller Gegenwärtigen, ja auch der
Abweſenden und ſogar der Verſtorbenen, wozu
ſollte man da vomVolke mehr fordern als dabei
zu ſein und zuzuſehen? Papſt Gregor, der Gro⸗
ße genannt, ein ſtrenger Mönch, erfüllt von je⸗
nen römiſch katholiſchen Gedanken und auch an
den morgenländiſchen Mönchsgeſang gewöhnt,
machte dem Geſang der Gemeinde ein Ende, in⸗
dem er dem Kirchengeſange allen Rythmus nahm,
ihn alſo in lauter gleich langen Tönen und da⸗
zu einſtimmig langſam dahin ſchreiten ließ, ganz
ähnlich wie man in der neueren rationaliſtiſchen
Zeit die Kirchenmelodien zugerichtet hat u. jetzt
noch meiſtens ſingt. Die Prieſter und die Sän⸗

gerchöre, welche auch mit zur Prieſterſchaft ge⸗

rechnet und demgemäß geſchult wurden, führten
dieſe Geſänge auf an abgeſonderten Plätzen in
der Kirche (Chöre genannt), die Gemeinde, ge⸗
trennt davon, zumeiſt tiefer ſtehend als der Chor
mußte zuhören und in aller Demuth ſich freuen,
daß ſie noch dabei ſein durfte. Zu jedem Ge⸗
ſange, Pſalm u. ſ. f. ſetzten Gregor und ſeine
Rachahmer unveränderlich feſtſtehende Melodien,
bezeichneten dieſe über den Geſangesworten mit
allerlei Strichen oder Häkchen (Neumen genannt)
und machten es damit der Gemeinde völlig un⸗
möglich, noch ans Mitſingen zu denken, da auf
die Weiſe eine zehnjährige Uebung den Chor⸗
ſchülern kaum zur Fertigkeit im Singen brachte.
Choralgeſang nannte man dieſe Gregorianiſche
Weiſe, welche das ganze Mittelalter hindurch
bis zur Reformation die Herrſchaft in der Kirche
behielt. ö
Ihr könnt euch wohl denken, daß die chriſtli⸗
che Gemeinde, namentlich unter den Deutſchen,
die ohnehin gerne ſingen, eben nicht damit zu⸗
frieden war, ſo vom Kirchengeſange ausgeſchloſ⸗
ſen zu ſein, ja denſelben, der fort und fort nur
in der lateiniſchen Sprache vorgetragen wurde,
gar nicht einmal verſtehen zu koͤnnen. Nun er⸗
laubten ihr die Prieſter, beim Gottesdienſt „Ky⸗
rie Eleiſon“ (Herr erbarme dich!) zu ſingen,
nicht mehr, doch aber ſo viel. So oft es daher
irgend anging, erhob die Gemeinde ihre Stim⸗
me und ſang Kyrie Eleiſon, nicht ſelten an 300
Mal bei einem Gottesvienſte, bis man zuletzt

und zerfleiſchten. Das Alles trieb zuin Geſang,!

nur noch Kyrieles oder Kyrieleis oder gar nu
ein unverſtändliches Jubelgeſchrei hörte. Daß
dieſe ſchönen Worte auf die Weiſe unverſtändlich
wurden, mißfiel manchem wackern Chriſten und
ſo machten ſie allmälig deutſche Lieder dazu, die
dann mit Kyrie Eleiſon ſchloſſen; wegen des
Eleiſon nannte man ſie Leiſen und bezeichnete
mit dieſem Worte bald alle deutſchen geiſtlichen
Lieder. Bei den Haupigottesdienſten, Meſſen
u. ſ. f. durfte zwar das Volk dergleichen Leiſen
nicht anſtimmen, aber deſto mehr ſangen ſie die⸗
ſelben bei Feſttagen, Bittgängen, Wallfahrten.
Um 1150 entſtand z. B. der erſte Vers des Oſter⸗
liedes Nr. 98; um 1250 ſang das Volk zu
Pfingſten den erſten Vers von Nr. 136. Großt

und ſchwere Trübſale, Peſt und Hungerjahre um

1350 erfüllten die Herzen mit Angſt und Zittenn

vor dem Zorne Gottes und dem Jüngſten Ge⸗I
richt, ſo daß große Schaaren von Büßenden in

Deutſchland umherzogen, Flagellanten odet
Geißler genannt, weil ſie ſich öffentlich geißelten

und ſo ſang man in dieſer Zeit z. B. das Litd
eines Ritters: ö
O ſtarker Gott, all unſere Noth
Befehl'n wir, Herr, in die Gebot,
Laz uns den Tag mit Gnaden überſcheinen.

Ja daß die Prieſterſchaft in dieſer Zeit ſchon
oftmals der Gemeinde deutſchen Geſang in den
Kirchen verſtatten mußte, bezeugt eine Strophe
aus dem damals viel geſungenen Oſterliede:
Du lange guot, des jares tiurſte quarte

in ſröuden groz lat ir iuch hiute hören,
lat klingen hellen ſüezen klan,
ir lein (Laien) in kirchen, ir pfaffen in
Iden koeren,
zum widergelt ſi iur geſam'. ‚
nu ſinget: chriſius iſt erſtanden
wohl hiute vou des todes banden.

Es war das Bewußtſein des Prieſterthums
aller Chriſten, welches ſich in dieſem Streben,
beim Gottesdienſte mit zu ſingen, Luft machtt.
Als daher Johannes Huß in Böhmen um 1410.
der Chriſtenheit insgemein dieſe prieſterliche
Würde wieder zuſprach, da konnte es nicht feh⸗

len, daß, wo ſeine Lehre galt, auch die ganzen

Gemeinden ihre Lieder in den Kirchen ſangen
und Lieder auf Lieder entſtanden. Die Kirchen“
verſammlung zu Coſtnitz (Conſtanz am Boden⸗
ſee), welche den Huß verbrannte, erließ zwar eü,
Verbot gegen das Singen der Gemeinde, Kirche
und Kaiſer zogen gegen die Huſſiten und ver⸗
brannten die Kirchen in Böhmen, aber die Hu⸗
ſiten ſangen ihre Lieder in ihren Feldlagern und
bei ihren Schlachten, und als dieſer entſetzliche
Krieg beendet war, hatten ſie mehr geiſtliche Ge⸗
ſänge denn zuvor. Die Taboriten, welche vun
ihnen übriggeblieben waren, dazu einige Wal⸗
denſer, in Gemeinden geſammelt unter dem Na⸗
men der Böhmiſchen und Mähriſchen Brüder,
ſangen fortan bei ihren regelmäßigen Gottes⸗
dienſten jene Lieder mit einander und fügten auch
manche hinzu, ſo daß im Jahre 1504 ihr Biſchof
Lucas 400 derſelben drucken laſſen konnte, das
erſte Geſangbuch eines abendländiſchen Volles.
Nr. 314. 100. 205 in unſerm Geſangbuch ſtam⸗
men z. B. von den Böhmiſchen Brüdern, u. die
Melodie „Vater unſer im Himmelreich“ iſt wohl

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