Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 22 › Seite 174
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-06-22, Seite 174
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Katechismus 3 · Ordination
gläubige Gemeinde ſich gründet und in deſſen
Glauben ſie die Aemter erfüllt, nicht Wort des
Gebotes und Geſetzes, ſondern Wort der Gnade
und Verheißung iſt, ſo ſetzt die Kirche die Ord⸗
nung, in welcher ſie das, was des Amtes iſt, es
heiße, wie es wolle, darreicht, nicht als ge⸗
ſetzlichen Zwang und Gebot, ſondern als
Darbietung an denfreien und un⸗
gezwungenen Glauben der Gemein⸗
de.
v. 17. Dies ſind die Grundzüge der Lehre
von Kirche und Amt, wie ſie in der Gemein⸗
de der Gläubigen gilt und eine gläubige
Gemeinde oder Kirche, ein chriſtlich heilig Volk,
zur Vorausſetzung hat.
§. 18. Nach dem Vorbild der Ordnung der
gläubigen Gemeinde richtet nun auch mit Recht
„die äußere Chriſtenheit“, — die Gemeinſchaſt
der kirchlichen Zeichen oder die ſichtbare Kirche
ihre Ordnung ein; nur daß hiebei viel Schwach⸗
heit und Fehl, Sünde und Schande, Rotten u.
Aergerniß mit unterlaufen kann (ſ. zu Satz 8.).
Dies Leidweſen darf die Gläubigen nicht be⸗
ſtimmen, von einer Kirche, die noch Wort und
Sacrament lauter hat, zu ſcheiden, ſondern muß
da erſt recht geblieben, gekämpft und geſtritten
werden, bis der Herr der Kirche Sieg giebt.
Dies die Harleß'ſchen Theſen. Es mag ſein.
daß dieſe Theſen manche unbeantwortet bleibende
Fragen hervorrufen. Wir müſſen deßwegen
nochmals auf die beigegebenen Zeugniſſe aus
Luther's Schriften verweiſen, in denen ſich die
weitere Ausführung findet und nach deren auf⸗
merkſamer Vergleichung dem Leſer ſchwerlich eine
ſich ihm aufdrängende, die Sache unmittelbar
betreffende Frage unbeantwortet bleiben wird.
— —
Leicht- und Schattenſeiten
der lutheriſchen Kirche in Deutſchland.
Wenn wir hier vorerſt davon Nachricht geben
wollen, daß jetzt in der lutheriſchen Kirche un⸗
ſerer allen Heimath bei allem Jammer unſerer
Zeit mehr und mehr Lichtſeiten hervortre⸗
ten, ſo gehen wir keinesweges von dem Grund⸗
ſatze gewiſſer hieſiger Theologen aus, daß Friede
und Verträglichkeit unter den Theologen in
Abſicht auf Lehrdifferenzen eine Lichtſeite einer
Kirche ſei. Vielmehr rechnen wir gerade dies
mit zu den mehr und mehr hervortretenden Licht⸗
ſeiten der vaterländiſchen Kirche, daß eben jener
Friede, jene Verträglichkeit, jene Scheu vor ei⸗
nem Kampfe, der der Gemächlichkeit und der
Traulichkeit des Zuſammenlebens, Eſſens und
Trinkens ſtörend entgegen tritt, auch drüben
faſt allenthalben zu ſchwinden beginnt. Als
die ſchönſte Lichtſeite erſcheint uns aber dies, daß
man in Deutſchland jetzt mehr und mehr zu der
Einſicht kommt, wie man gerade von Seiten der⸗
jenigen, welche bisher für die Vertreter der lu⸗
theriſchen Rechtgläubigkeit gegolten haben, all⸗
mählig das Vorbild der alten lutheriſchen Lehre
verläßt und ſeine Richtung nach Rom nimmt,
und daß man nun dagegen in die Schranken
tritt und, unangeſehen welche hohe Auktoritäten
4
der Gegenwart dadurch angegriffen werden, für
das gefährdete theure Erbe der Väter immer ent⸗
ſchiedener kämpft.
Der Zeugniſſe hiefür, die uns mit den neue⸗
ſten verſchiedenen deutſchen Zeitſchriften allmo⸗
natlich in die Hände kommen, ſind ſo viele, daß
wir uns damit begnügen müſſen, nur dann und
wann Ein ſolches unſeren Leſern mitzutheilen.
Diesmal zu nächſt das Zeugniß eines Lauenbur⸗
ger Theologen, Namens A. Brömel. Der⸗
ſelbe hat nehmlich in dem zweiten diesjährigen
Ouartalheft der Rudelbach⸗Guerick'ſchen Zeit⸗
ſchrift einen Aufſatz unter der Ueberſchrift:
„Die unſichtbare iſt die rechte Kir⸗
ch e, veröffentlicht, aus welchem wir unſeren
Leſern einige Auszüge mittheilen wollen.
Aufſatz redet zwar nur von Schattenſeiten der
lutheriſchen Kirche Deutſchlands, gehört aber
ſelbſt zu den Lichtſeiten derſelben, daher wir mit
demſelben beide ſchön beiſammen haben.
Im Eingange des Aufſatzes klagt und tröſtet
zugleich der Schreiber darüber, daß die Theolo⸗
gen Deutſchlands über die Frage, was die Kirche
ſei, in Zwieſpalt gerathen ſind. Daß man ſich
auch auf der letzten Leipziger Conferenz darüber
nicht habe einigen können, deßwegen will er auf
dieſe Conferenz keinen „ganz beſondern Schatten
fallen laſſen,“ denn „die Männer, ſagt er ganz
richtig, die in Leipzig redeten, ſeien ja gerade
dieſelben, die ſie in ihrer Heimath ſind, wo es
allenthalben immer „plötzlich zu Tage trete, daß
der Grund aller Differenzen die
Lehre von der Kirche iſt.“ Brömel gibt
daher den Rath, „die Conferenz jetzt lieber ganz
auszuſetzen,“ da durch Hin und her reden die
Sache doch nicht ausgemacht werde, u. fährt
nun folgendermaßen fort: „Unlutheriſche An⸗
ſchanungen von der Kirche werden immer un⸗
lutheriſche Anſichten vom Amte in der Kirche
mit ſich führen, ſo wie wer von der Kirche recht
*) Prof. Dr. Guericke macht hierzu die Bemerkung:
»„daß eine Conferenz, welche ſo, wie jüngſt laut Protokolls
geſchehen, die amerikaniſche Frage gerichtet hat, ſchon
dadurch ſich ſelbſt des ökumeniſch lutheriſchen Charaeters ent⸗
kleidet und ſich die frühere unter eines Rudelbach und Harleß
Präſidium kirchenhiſtoriſch ökumeniſch lutheriſche Bedeutung
als einer „„großen,'“' genommen, ihr ferneres Halten oder
Nichthalten alſo — da freiere (d. h. überall und beſonders in
der Lehre von Der Kirche wirklich ſymboliſche) Lutheraner ſie
doch hin fort ignoriren — ſelbſt indifferenzirt' (d. h. gleich⸗
gültig gemacht) „hat. — Uebrigens urtheilt nicht nur Prof.
Dr. Guericke, der von manchen für Partheimann angeſehen
werden dürfte, ſo von der Leipziger Conferenz. Aehnliche
Stimmen ſind über dieſelbe bald nach der letzten Abhaltung
derſelben in den verſchier enſten Theilen von Deut ſchland laut
geworden. So hatte u. A. der Herausgeber des „Kirchen⸗
blattes für die ev.⸗luth. Gemeinde des Herzogthums Braun-
ſchweig, L. Wolff, ſchon in der diesjährigen Februar⸗
Nummer Folgendes geſchrieben: „Wir glauben nicht zu viel
zu behaupten, wenn wir ſagen: Die Leipziger Conferenz hat
den ökumeniſch luth. Character, der ihr in den erſten Jahren
innewohnte, verloren. Nicht wenig pflegt zur Störung eines
gedeihlichen Verlaufs ſolcher Conferenzen beizutragen, wenn
ſie mit der Zuſtimmung der Mitglieder zu formulirten, ins
Allgemeine hinausgehenden Theorematen (Lehrbeſtimmun⸗
gen) endigen ſollen. Schließlich wird das wahre Ergebniß
der Verhandlung durch Vereinigung über abſichtlich halbdeut⸗
lich gehaltne Sätze verſchattet. Und was iſt mit dem allſeitig
halb-unwilligen Ausſpruche und der unbefriedigten Zuſtim⸗
mung gewonnen? Eigentlich nichts, als ein Gewiſſensdruck,
0 * das nicht gethan hat, was man eigentlich hätte
0 en.
* *
geſprochen hätte!
Der
ſetzt:
die ſichtbare,
denkt, auch recht denken wird von dem Amte
in der Kirche und ihrer Verfaſſung.. Suchen
wir aber über die Kirche uns zu verſtändigen, ſo
müſſen wir erſt bemerken: neue Gedanken,
neue wiſſenſchaftlicheUnterſuchungen mit neuen
Reſultaten (Ergebniſſen) müſſen hier falſch
ſein. Was wäre das auch für eine Kirche, die
über ſich ſelbſt Jahrhunderte lang falſch gelehrt
hätte! Und was wäre heut von dem Verſuche,
die Kirche beſſer zu verſtehen, zu erwarten, wo
ſie, aus tauſend Wunden blutend, erſt allmählig
wieder zur Beſinnung kömmt, nachdem ſie in den
Tagen ihrer Kraft ſich vergeblich darüber aus⸗
Wir müſſen bleiben bei dem,
was die Symbole lehren. Man braucht in die⸗
ſer Sache nur hinter ſich zu ſehen, die beiden
einzig folgerechten Moinungen über die Kirche
ſind ausgeſprochen und ſattſam auseinander ge⸗
Rom nennt in ſeinen Bekenntniſſen nur
die lutheriſche Kirche
nennt nur die unſichtbare die eigentliche u.
rechte Kirche. Was heut zu Tage zwiſchen den
alten Beſtimmungen als neu und angeblich tie⸗
fer bereits erfunden iſt oder noch erfunden wer⸗
den wird, das gehört einer der geſchichtlich ſchon
ausgeſprochenen Folgerungen an. Das aber
muß vorab gleich bemerkt werden: die luth.
Kirche hat es nie geleugnet, daß die Kirche auch
eine ſichtbare Geſtalt habe. Darüber iſt kein
Streit. Nur legt die luth. Kirche nicht auf ihre
Sichtbarkeit den Nachdruck — ſee lehrt: die ei⸗
gentliche Kirche iſt die unſichtbare.“
„Es geht nun unter uns eine Definition
(Erklärung) von Kirche umher, die es offen aus⸗
ſpricht, daß ſie nicht mit den ſymboliſchen Feſt⸗
ſtellungen fertig werden könne.. Wie kömmt
es nun, daß man heut zu Tage zu ſolchen ent⸗
gegengeſetzten Anſichten kömmt? Die Erklärung
liegt nahe. Die Alten waren mit der Kirche in
statu confessionis (ſie wurden von den Feinden
gedrungen, ihr Bekenntniß zu thun), ſie waren
mit ganzer Seele dabei, ſeufzend und kämpfend,
bildend und forſchend ſuchten ſie nicht die Kircht
überhaupt, ſondern die rechte Kirche. Ueber⸗
all in den Bekenntnißſchriften iſt daher nicht von
der Kirche überhaupt die Rede, ſondern von der
rechten Kirche. Unter den Neueren, die oft we⸗
niger in statu confessionis als vielmehr in sta-
tu professionis ſich befinden (d. h. ſie wollen ſich
als gelehrte Profeſſoren in ihrer Studirſtube
ausſinnen, was die Kirche ſei), wird nicht die
rechte Kirche geſucht, ſondern die Kirche über⸗
haupt. Wie man fragt: was iſt Staat? oder
wie weiland die Philoſophen frugen; was iſt
Gott? ſo fragt man jetzt: was iſt die Kirche?
Aber ſo kann man ſehr viel über die Kirche dis⸗
putiren und erfährt es doch nicht, was ſie iſt.
Was iſt die wahre Kirche, dieſe Frage iſt Gott
und Menſchen wohlgefällig. Und von dieſer
rechten Kirche reden, wie eben bemerkt worden
iſt, die Bekenntnißſchriften. Im 7. Artikel der
Augsb. Confeſſion wird gelehrt, daß allezeit müſ⸗
ſe eine heilige, chriſtliche Kirche ſein und bleiben,
alſo nicht überhaupt eine Kirche, ſondern eine
heilige, chriſtliche Kirche, und zwar iſt
ddieſe nicht die große, geiſtig unverhundene Maſſe
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