Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 15 › Seite 118
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-02-28, Seite 118
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Jahresſchluß · Katechismus 3
gänzlich übertönt wurde, ward er, gleich vielen
Andern, die der Herr in der Stille ſich erhielt,
vor den ſchlimmſten Gefahren der Seele durch
Gottes Gnade behütet. Kindlicher Glaube an
ſeinen Gott und Heiland Jeſum Chriſtum und
tägliches Gebet zu demſelben, tief empfundene
Erkenntniß, daß er „allein unter ſeines Heilan⸗
des ſtarker und hoher Hand glücklich durch dieſes
Leben kommen könne“ und herzliche Zuverſicht
zu ihm lebten von früͤh an als die Frucht from⸗
mer Erziehung in ſeiner Seele. Anfänglich für
den Kaufmannsſtand beſtimmt, in welchem er
auch drei Jahre zubrachte, hatte ihn eine unbe—
ſiegbare Neigung zu den Studien der wiſſen—
ſchaftlichen Laufbahn zurückgeführt, und mit
tüchtigen Kenntniſſen ausgerüſtet, konnte er,
nachdem er die Gelehrtenſchulen zu Ratzeburg
und ſpäter die zu Ilfeld beſucht, im Jahre 1812
die Univerſität Göttingen beziehen. Doch ging
ſeine erſte Abſicht keineswegs auf die Theologie.
Natürliche Neigung und Begabung wies ihn
vielmehr zum Siudium der philologiſchen und
Alterthumswiſſenſchaften, wähtend die Theolo—
gie bei dem damals in ihr herrſchenden Ratio⸗
nalismus eher Abſtoßendes als Anziehendes
für ihn haben mußte und auch in den erſten
Jahren ſeines Univerſitätsſtudium ihm ganz fern
blieb. Zufällig fiel ihm ein Band von Luthers
Werken in die Hände und die Worte des deutſchen
Neformators, den er zuvor nicht gekannt, drangen
tief in ſeine Seele, er konnte nicht von ihnen
loskommen. Mächtig zog ihn das Bild des
theuren deutſchen Gottesmannes an, den er ſeibſt
beſchrieben hat als „einen Mann von Eiſen und
Stahl im Kampfe, voll Demuth gegen Gott,
voll Furcht vor Gott, unterwürfig aller göttlichen
und menſchlichen Ordnung, voll Liebe und In—
brunſt, voll Treue und Güͤte, voll Hingebung
und Aufopferung, ernſt und doch fröhlich, eifrig
und doch beſonnen, thätig und nie verdroſſen,
männlich und doch kindlich in allen Verhältniſſen
ſeines Lebens.“ Jene Bewegung gab dem jungen
Catenhuſen Entſcheidung für ſeinen Beruf und
ſein zukünftiges Leben, ſie erweckte in ihm den
Vorſatz, dem Gottes Gnade auch zur Ausfüh—
rung geholfen hat, in gleicher Treue u. gleichem
Gehorſam ſein Leben dem Worte Gottes zum
Dienſte zu ſtellen; zugleich giebt ſie die Erklärung
dafür, in welchem Sinne er nun die Theologie
ſtudirte und wie er zu der theologiſchen Richtung
kam, der er ſein ganzes Leben hindurch conſe—
quent folgte. Sein Wahlſpruch ward von vorn
herein: „Ein Theologe muß Alles lernen, Alles
wiſſen, doch nur, was den Prüfſtein des gött—
lichen Worts aushält, glauben.“ Zwar blieb
ihm auf der Univerſität nur noch kurze Zeit zum
Studium der Theologie, denn er verließ dieſelbe
ſchon 1815, und bereits ein Jahr ſpäter, 1816,
ward er als zweiterprediger der Stadt Lauenburg
in's Amt gerufen, aber um ſo mehr iſt der Eifer und
eiſerne Fleiß zu bewundern, mit dem er die
Theologie ſtudirte und es bald zu bedeutender
Gelehrſamkeit in derſelben brachte (namentlich
ſeine gründliche Kenntniß des Hebräiſchen hatte
er ſich erſt im Amte erworben). Vor Allem
wendete er ſeine ganze Kraft auf das Studium
— 116—
der heiligen Schrift in den Grundſprachen, ſo⸗
dann auf die alten Kirchenväter, die Schriften
Luthers und des Reformationszeitalters. Denn
ſeiner Zeit ſein mochten, vor Allem darauf an,
die über allen Zeitwechſel erhabene ewige Wahr—
heit zu erkennen und ein recht ſicheres Wiſſen
von dem zu erlangen, was der Glaube und die
Lehre der h. Apoſtel und aller rechtgläubigen
Chriſten, die je gelebt, geweſen iſt; und da
mußte er ſich ja bald ven der Theologie ſeiner
Zeit, die ſich ſo leicht als eine von Gottes Wort
abweichende answies, ganz auf die früheren
Zeiten zurückgewieſen ſehen; und ſo iſt es nicht
zu verwundern, daß er ſich mit ganz entſchiedener
Vorliebe in die alten Väter und beſonders Luther
hineinzuſtudiren und hineinzuleben ſuchte.
Arbeiten der Geiſter, welches in den letzten Jahr-
zehnten in der deutſchen evangeliſchen Theologie
erwachte, und mit ſo innigerer Freude begrüßte
er das neu ſich regende Leben, je mehr es ſich
dem alten ewigen Evangelium und dem Glauben
der Bäter wieder zuneigte; aber nie, auch nicht
bei den neueſten Ereigniſſen und Wendungen in
der Theologie verließ ihn die rechte Nüchternheit,
mit der ſein durch Gottes Wort geſchärftes Auge
auch bei der gläubigen und kirchlichen Theologie
der Neuzeit das Irrthümliche vom Wahren zu
ſcheiden wußte. Er erkannte es, daß wir luthe—
riſchen Chriſten in dieſer Zeit namentlich auch
der modernen Gläubigkeit gegen über für Haus
und Altar zu kämpfeu haben, daß es einen
Streit nicht um einzelne Lehrſätze, ſondern um
Principien (Grundſätze) gilt. Darum wie ſeine
ſchmerzlichſte Klage war: „Gottes Wort und
der Glaube iſt aus unſern deutſchen Vateslande
gewichen; Luther, obgleich dem Namen nach
allen bekannt, iſt doch ſeinem Geiſte und ſeinem
Weſen nach nur von Wenigen gekannt!“ — ſo
war die Summa ſeiner theologiſchen Ueber—
zeugung die: „Wir müſſen wieder zu
Luther hinan!“
(Schluß folgt.)
— —
——
(Eingeſandt.)
Die Auswanderung
der evangeliſch lutheriſchen Salzburger
in den Jahren 1731, 32 u. 33.
(Fortſetzung)
Bald nach der bereits erzählten Begebenheit,
noch im Herbſt 1731, kamen die vom Kaiſer er—
betenen Hilfstruppen. Sechstauſend
Mann Infanterie und Kavallerie ſtrömten in
das Land ein und drangen überall hin, ſelbſt in
die vergeſſenſten Schlupfwinkel. Nun erreichte
das Ouälen u. Leiden eine ungeheure Höhe.
Die Soldaten quartirten ſich in die lutheriſchen
Häuſer ein, wirthſchafteten darin mit Fluchen
und Toben, zehrten den Wohlhabenden ihre
beſten Stücke, den Armen ihr letztes Brot auf,
erbrachen Kiſten und Schränke und plünderten,
ſpürten den etwa verborgenen Schätzen nach und
raubten, und ſelber die Ehre der Frauen und
Jungfrauen war nicht ſicher vor ihrer Frechheit.
es kam ihm, was auch die allgemeinen Meinungen.
Mit
—
großer Theilnahme ſah er das neue Ringen und
Bedenkt man nun, daß die Soldaten jener Zen
nicht nur viel rauher und gewaltthätiger waren,
als heutzutage, ſondern auch, vaß dieſe hier in
dem Wahne ſtanden, Gott habe ein Wohlgefallen
an dem Elend der von der katholiſchen Kirche
Abgefallenen: ſo muß einem das Elend unſerer
armen Glaubensgenoſſen ja überaus groß er⸗
ſcheinen. Es läßt ſich daher leicht denken, daß
dieſelben hierdurch meiſtens an den Bettelſtad
geriethen. Und dennoch ſollten ſie ihre Steuern
und Abgaben entrichten. Fehlte es ihnen nun
an den Mitteln, ſo kamen die Bearaten und
Schergen, zogen ihre Grundſtücke ein, nahmen
ihr Bieh, ihr Hausgeräthe weg; ja mehr als
einmal wurde ein Alter, ein Krauker von ſeinem
letzten irdiſchen Troſt, aus ſeinem ärmlichen
Bette geworfen, mit welchem die Obrigkeit ſich
bezahlt machte. ö
Doch „Gott iſt getren, der uns nicht läßt
verſuchen über unſer Bermögen, ſondern macht⸗
daß die Verſuchung ſo ein Ende gewinne, daß
wirs ertragen können“ (1 Cor. 10). Durch
ſeine wunderbare Regierung fügte er es, daß den
Seinen die Tage der Trübſal erleichtert, ja ver⸗
kürzt wurden und das gerade durch einen Theil
der als ihre Dränger und Quäler herbeigerufenen
Soldaten. Gewis, der Leſer wird davon nicht.
ohne Rührung hören können.
Unter den kaiſerlichen Soldaten war nemlich
das Dragonerregiwent „Prinz Eugen“ mit ein⸗
gerückt, das größtentheils in proteſtantiſchen
Gegenden mußte angeworben worden ſein, denn
die Mehrzahl dieſer Dragoner beſtand ans
Lutheranern. Daran hatten freilich die Wiener
nicht gedacht, und die Soldaten hatte auch der
Erzbiſchof nicht nach ihrem Glauben gefragt.
Dieſe lutheriſchen Dragoner nun, ſo wild und
ſchrecklich ſie gegen bewaffnete Feinde ſein moch—
ten, hatten gar keine Luſt, einem wehrloſen Volke
wehe zu thun, um ſo weniger einem Volke, das
ihren eigenen Glauben bekannte und um desſelben
willen ohnedem ſchon unbarmherzig genug mis—
handelt war. Vielmehr nahmen ſie ſich der
Unglücklichen heimlich an, ſo gut ſie konnten.
Die Unterrichteten ſetzten ſich ſogar oft des Nachts
mitten in die Familien, laſen ihnen ein Stück
der heil. Schrift vor, wo noch eine ſolche gerettet
war, und legten es mit herzlichem Eifer aus,
oder hielten ſonſt mit ihnen erbauliche Geſpräche,
ſie über die Wege Gottes zu belehren und ihr
mattes Herz zu erquicken und aufzurichten. Ja
mancher ſchreckhafte bärtige Reiter ſtellte da die
Kinder um ſich herum, nahm ein kleineres auf
den Schooß und ging mit ihnen den lutheriſchen
Katech ismus durch. Und die Kleinen, welche
anfangs ſchen auf den Mann mit dem Schwerte
und ſeinen furchtbaren Bart geſehen hatten,
merkten bald, daß er ein milderes Herz haben
müſſe, als der ſchleichen de Jeſuit, ſchmiegten ſich
mit Vertrauen um ſeine Kniee und an ſeine
Bruſt und ließen ſich mit kindlicher Luſt von
ihm ſchulmeiſtern. Auch muß man es den ka⸗
tholiſchen Dragouern zum Ruhm nachſagen, daß
ſie nach demBeiſpiele ihrer lutheriſchenKameraden
ſich ſchämten, gegen Unbewaffnete Krieg zu
führen und ſich ebenfalls ordentlich betrugen.
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