Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 15 › Seite 116
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-02-28, Seite 116
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Katechismus 3 · Anhang
Die heil. Schrift ſagt 1. Moſ 2, 19. 20.:
„Er brachte ſie (die Thiere) zu ihm, daß er
ſähe, wie er ſie nennete; denn wie er ſie nen⸗
nen würde, ſo ſollten ſie heißen.
Und der Menſch gab einem jeglichen Vieh
und Vogel unter dem Himmel und Thier auf
dem Felde ſeinen Namen.“
Der hannö v. Kat. ſagt (Kurze Rel. Ge⸗
ſchichte S. 161.):
„Seine Weisheit und Liebe ſorgte dafür, daß
ſie bald zu einiger Sprache und durch dieſe
zu den allernöthigſten Begriffen gelan—
gen möchten.“
und feruer (ebendaſelbſt):
„Er ſetzte ſie in eine Gegend, wo ſie an ver—
ſchiedenen Thieren die Fähigkeiten ihrer Ver—
nunft und Sprache allemä 9 lig entwi⸗
ckehn konnten.“
Die heil. Schrift eignet den erſten Menſchen
nicht bloß Sprache überhaupt zu, ſondern einen
ſolchen Gebrauch derſelben, daß Adam — und
zwar noch vor der Schöpfung des Weibes — im
Stande war, einem jeglichen Vieh und Vogel
unter dem Himmel und Thier auf dem Felde ſei—
nen Namen zu geben.
Die heil. Schrift legt darauf ein beſonderes
Gewicht, indem ſie ſagt, Gott habe die Thiere zu
Adam gebracht, nicht bloß, daß Adam ſie nen⸗—
nete, ſondern, daß er (Gott) ſähe, wie er
(Adam) ſie nennete d. i. daß er ſorgfältig und
mit Wohlgefallen darauf Acht hätte, wie trefflich
Adam dieſe große Aufgabe löſen würde.
Wie groß dieſe Aufgabe war, läßt ſich einiger—
maaßen erkennen, wenn wir bedenken, daß Gott
nach der Schöpfung der Thiere in den Schö—
pfungstagen nicht eine zweite Thierſchöpfung
vorgenommen hat. Demnach find gleich von
Anfang ſo viel Thierpaare erſchaffen worden, als
Arten ſein ſollten und ſo viel Arten, als deren
hernachmals ſein ſollten unter allen Himmels—
ſtrichen auf Erden; denn, wie viel ihrer auch
ſind, ſo haben ſie doch alle ihren Urſprung aus
der Schöpfung und in der Wiege der Schöpfung,
dem Paradieſe. Denn da die Thiere anfänglich
alle gut waren, ſo bedurfte es keiner beſonderen
Auswahl, als hätte der Menſch von irgend einer
Thiergattung etwas zu fürchten gehabt für Leib
und Leben. Auch ziemte es ſich, daß dem Men—
ſchen, der zum Herrn geſetzt war über alle Thie—
re, die ganze Thierwelt in ihrem paradieſiſchen
Umriſſe und Umfange vorgeſtellt würde.
Wenn wir unn auch die Zahl derſelben nicht
anzugeben vermögen, ſo müſſen wir uns doch
ihre Zahl viel größer vorſtellen, als etwa die der
Hausthitre, und wenigſtens nicht geringer, als
die Zahl der Thierarten, die hernachmals Noah
in ſeiner Arche verſorgen ſollte. Auch dürfen
wir ihre Mannichfaltigkeit nicht meſſen nach eini—
gen der größeren Thiere, ſondern müſſen die klei⸗
neren auch mit hineinzählen. Wenn man nun
nur an ein einziges Thierreich gedenkt, z. E. an
das der Bögel —welch eine Mannichfaltigkeit und
Verſchievenheit findet ſich da! Und für das Al—
les ſollte Adam einen Namen wiſſen, den ihm
noch Niemand geſagt hatte.
Die Fähigkeit, Worte zu ſprechen, war dabei
nicht ein Kinderſpiel,
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das Allergeringſte, Adam mußte die Worte erſt
erfinden, und welch ein Maaß der Erfindungs⸗
und Unterſcheidungsgabe gehörte dazu, wenn
ihm die Namen nicht gleich bei'm erſten Dutzend
ausgehen ſollten.
Adam ſollte auch dieſe Aufgabe nicht ſtümper—
haft und ungeſchickt löſen, ſondern das Rechte
treffen, denn „wie er ſie nennen würde,
ſo ſollten ſie heißen.“ Und er hat dieſe
Aufgabe gelöſt, ſo meiſterlich, daß ihm die Schrift
das Zeugniß giebt:
nem jeglichen Vieh und Vogel unter dem
Himmel und Thier auf dem Felde ſeinen Na—
men.“
So war denn dieſe Benennung der Thiere
ſondern ein würdiges
Schauſpiel für das Auge Gottes und nicht bloß
eine Ehre für Adam, ſondern für Gott den Herrn,
der Adams Schöpfer iſt und der auch in vieſem
Stücke von uns geehrt ſein will. Denn um
deßwillen iſt dieſer anſcheinend geringfügige Zug
aus der Geſchichte Adams in der heil. Schrift
aufgezeichnet und in dicſem Sinne ſellte er dar—
geſtellt werden, iſt auch von gottesfürchtigen und
erleuchteten Männern ſo dargeſtellt wordeu.
Hören wir darüber unſern Vater Luther.
Derſelbe ſagt in ſeiner Auslegung des erſten
Buchs Moſe, die er ſelbſt für ſein Meiſterwerk er—
klärt (Ausg. v. Walch B. I. S. 216 untd 217.)
„Hier werden wir abermal erinnert, zu be—
denken den trefflichen Verſtand und Weisheit,
die in Adam geweſen iſt, welcher, nachdem er
in Unſchuld und Gerechtigkeit geſchaffen war,
alle Thiere anſiehet und weiß, ohne alle ſonder⸗
liche Eingebung und neue Erleuchtung oder
Offenbarung, allein durch die Fürtrefflichkeit
ſeiner Natur, eines jeglichen Natur und Ei—
genſchaft, davon er einem jeden einen Ramen,
ſeiner Natur gemäß und beqnem, giebet.“
und ferner ebendaſelbſt:
„Man hat wohl mancherlei Bücher, ſo der
Bäume und Thiere Art und Eigenſchaft be—
ſchreiben; aber wie viel Zeit und wie lange
Aufmerkſamkeit hat wohl dazu gehöret, ehe
man durch Erfahrung dahinter gekommen iſt?
In Adam aber iſt ein ander Licht und Er—
kenntniß geweſen, der, ſobald er ein Thier an-
geſchen, ſeine ganze Natur und Kraft verſtan—
den hat, viel beſſer denn wir, wenn wir auch
durch unſer ganzes Leben ſolchen Dingen
nachſuchen und nachforſchen.“
Und weiter ebendaſelbſt:
„Wie iſt voch in dem einigen Adam ſo ein
trefflich reiches Erkenntniß und Weisheit gave—
ſen. Wiewohl er aber davon auch ſehr viel
durch den Fall verloren hat, ſo halte ich doch
dafür, daß Alles, was noch in aller weiſen
Leute Büchern iſt, die ſo viel hundert Jahr,
ſint der Zeit an, da die Künſte ſeyn erfunden
worden, geſchrieben haben, zuſammengenom—
men—dieſer Weisheit nicht hat können gleich
ſeyn, die dennoch nach der Sünde in Adam
geblieben, aber darnach immer mählich bei ſei—
nen Nachkommen verdunkelt worden iſt und
nun ſchier gar erloſchen.“
So weit Luther.
„Und der Menſch gab ei⸗
Ach wie ein ärmlicher, dürftiger, geiſtloſer Geiſt
nun iſt es, der aus dem hannöv. Kat. redet!
Er ſagt zwar, daß der Menſch bald, alſo et⸗
was früher, als etwa unſere Kinder zur Spra⸗
che gekommen, aber nur zu einiger Sprache,
d. i. zu einer äußerſt nothdürftigen, die den Na⸗
men Sprache kaum verdient und nur zu den
allernöthigſten Begriffen. Es wäre ſehr
wenig geſagt, wenn es hieße „zu den nöthi g⸗
ſten Begriffen;“ dem Verfaſſer aber iſt auch
das noch zu viel, darum ſagt er zu den al her—
nöthigſten. Welche ſind das? Es ſind die,
ohne welche auch der dümmſte Menſch nicht be⸗
ſtehen kann, die Begriffe von Eſſen, Trinken,
Schlafen u. dergl. —
Und das Alles iſt dem Verfaſſer noch nicht ge⸗
nug. Er kann es nicht über's Herz bringen, die
Lehre zu unterlaſſen, das Alles ſei nur in einer
allmähligen Entwickelung vor ſich ge⸗ ö
gangen.
Wir fragen nun: Welcher Grund war vor—
handen, die Sprache der erſten Menſchen ſich ſo
allmählig und ſo unvollkommen vorzuſtellen, da
doch die heil. Schrift die Benennung der Thiere
der Schöpfung des Weibes vorangehen läßt, und
Adam nicht lange in ſeiner Einſamkeit wird ein—
hergegangen ſein, weil Gott davon ſagt: „Es
iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei?“
Welcher Grund war vorhanden zu einer Vor⸗
ſtellung, die wohl dem Geiſte der heidniſchen
Weltweiſen ähnlich ſieht, aber nicht dem Geiſte“
der heiligen Schriftſteller, da die Schrlft lehrt,
daß die erſten Menſchen das Ebenbild Gottes in
einer ſolchen Maaße an ſich getragen, daß es vor
dem Falle keiner Erlöſung bedurfte, denn ſie wa⸗
ren von der Sünde ſo weitentfernt, daß ſie nicht
einmal wußten, was Sünde wäre? —
ein Ebenbild, welchem zufolge die geiſtigen
unp geiſtlichen Kräfte im vollkommenſten Eben⸗
maaße ſtanden mit einem Leibe, der der Sterb—
lichkeit nicht ſollte unterworfen ſein und in Ue⸗
bereinſtimmung mit Gott ſelbſt, zu deſſen Eben—
bilde der Menſch in Adam und Eva erſchaffen
war—
ein Ebenbild, das eben ſo wie es wohl getro⸗
fen war, alſo auch erkennbar ſein ſollte?
Davon iſt nun die Sprache der erſten Men⸗
ſchen ein Exempel, von welchem zu wiſſen nicht
gleichgültig iſt, weil es dazu dient, die Größe
des Verluſtes zu erkennen, welchen das menſch⸗
liche Geſchlecht durch den Fall Adams erlitten
hat.
Darum wäre es ein geringer Vorwurf,
die Erzählung des hannov. Kat. nur an Dürf—
tigkeit litte; ſie leidet aber auch an geſchichtlicher
Untreue, an Unglauben, und an Schmälerung
der Ehre Gottes und der Heilswahrheiten. —
wenn
an geſchichtlicher Untrene, denn die
heil. Schrift lehrt ein ſolches Vorhandenſtin al⸗
ler Kräfte in Adam, wie ſelbige nöthig waren,
um vor der Schöpfung des Weibes ein Werk zu
vollbringen, wie die Benennung der Thiere
war, —wozu noch kommt, daß der Verfaſſer des
hannöv. Kat. die Verpflichtung nicht bloß eines
Geſchichtſchreibers im Allgemeinen, ſondern ei⸗
nes chriſtlichen Lehrers auf ſich hatte, —
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