Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 15 › Seite 119

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-02-28, Seite 119

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Katechismus 3

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So war den Leidenden die Dragonerrüſtung ein
frohes Zeichen, ein Stern des Troſtes, ein Arm
rer Zuflucht.

Breilich dauerte es nicht lange. Der Erz—
biſchof erfuhr die Sache und wurde gewaltig
darüber erzürnt. Schleunigſt ſandte er Couriere
nach Wien und unſere wackern Dragoner wurden
abgelöst. Wie ungerne ſieht man dieſe Männer
des Kriegs mit dem Frieden und der viebe Chriſti
nnter dem Waffenkleide von den Salzburgern
ſcheiden! doch was thut es, — der rechte Lehr—
meiſter, Tröſter und. Hüter iſt nicht mit ihnen
abgelöst worden! — ö
Das Jahr begann ſich zu neigen, und der
Winter ſandte bereits ſeine rauhen Vorboten,
da kam etwas, was die Lutheraner eigentlich
ſelber nicht anders wollten, was aber doch jetzt,
da es kam und wie es kam, die Gemüther aufs
heſtiact ergriff.

Im Anfang des Novembers ließ der Erzbiſchof
Plößlich im ganzen Lande einen Auswan—
derungs-Befehl anſchlagen. Darin
wurden die Lutheraner Rebellen und der Salz—
bund eine Hochverrätherei genannt. Und es
hieß: „Alle Einwohner ohne bewegliches Eigen—
thum, Beiſaſſen, Tagelöhner, Dienſtboten bei—
derlei Geſchlechts ſollen binnen 8 Tagen mit
Sack und Pack über die Grenze ziehen; alle
Arbeiter bei den erzbiſchöflichen Berg-und Salz⸗
wverken, auf Holztriften undSchnielzhütten ſind
ſogleich ihres Dienſtes entlaſſen, des etwaigen
Gnadengeldes verluſtig, und haben binnen 8
Tagen das Land zu meiden; die Bürger und
4 Handwerker ſollen als Meineidige ihre Bürger—
nnd Meiſterrechte verwirkt haben, und müſſen,
wenn ſie nicht Haus oder Gründe haben, binnen
8 Tagen fortwandern. Alle Einwohner mit
unbeweglichen Gütern ſollen je, nach dem Be⸗
ſlande ihres Vermögens, eine Friſt von 1, 2 oder
1 3 Menaten genießen, um ihr Eigenthum zu
verkaufen, aber nicht mehr im Dienſte behalten,
als einen Menſchen von gleicher Confeſſion. Alle
aber, dieſe, wie jene, ſollen bei Verluſt ihres
Beſitthums, ihrer Freiheit und ihres Lebens,
die Befehle der Regierung achten. Ueb rigens
behält man ſich vor, die Rädelsführer beſonders
zur Verantwortung zu ziehen und von der Gnade
der Auswanderung auszuſchließen.“

Unſere guten Glaubensbrüder waren ja wohl
nit dem Gedanken vertraut, nach einer Wohn—

— 117—

wenn dem geglaubt wurde, welcher proteſtantiſcher
Fürſt würde Rebellen aufnehmen?

So hat denn das plötzliche Auswanderungs—
mandat allgemeine Beſtürzung und Betäubung
hervorgebracht. Sie ließen die Arbeit ruhen,
liefen eilfertig zu einander, faßten ſich zitternd
bei den Händen und ſahen ſich mit verſtörten
Blicken an. Sie rannten in ihren Wohnungen
umher, ſuchten von dem Ihrigen noch zu retten,
was zu retten war und griffen häufig nach un—
bedeutenden Dingen, während ſie die werthvollen
außer Acht ließen. Allenthalben herrſchte Angſt
und Verwirrung. So verſtrichen mehrere Tage
über die erſte Friſt. Die höhern Berge
überzogen ſich weit herab mit ihrem weißen Win—
terkleide und der Schnee wehte von ihnen ſchon
in dis Thäler hinein. Da wird es plötzlich ſtil⸗
le, die Widerſacher ziehen ſich zurück, die Pei—
nigungen hören auf. Die beklommenen Herzen
erholen ſich wieder; ſie wagen es, eine inſtändige
Bitte vor den Erzbiſchof zu bringen, er möge
barmherzig ſein und die Friſt allen bis zur Wie—
derkehr des Frühlings verlängern. Sie vertrauen
auf Erhörung und gehen wieder an ihre gewöhn—
lichen Beſchäftigungen. ö

So kommt der 24. November heran und mit
ihm erſcheint die erzbiſchöfliche Antwort. Aber
was für eine! Unter wildem Geſchrei ſprengen
auf einmal die kaiſerlichen Reiter in das Gericht
St. Johann ein, die Säumenden aufzujagen.
Das war das Zeichen zu einem allgemeinen
Angriff im Gebirge. Von allen Seiten her
hörte man Angſtruf und Wehklagen, nach allen
Seiten hin ſah man die treibenden Schwerter der
Soldaten blinken. Vom Pfluge weg wurden
Knechte getrieben und Mägde von ihrem Vieh,
ohne ihreHerrſchaft noch begrüßen, ihrenLohn ein“
forsern, ihr Eigenthum zuſammenpacken und
mitnehmen zu können. Väter, Mütter riß man
von ihren ſchreienden Kindern weg, wo der
andere Gatte katholiſch war und zurückblieb. Mit
lautem Weinen fielen ſich Herr und Diener in
die Arme, umſchloſſen ſich Bruder und Schweſter,
ſelber oft da, wo der Glaube ſie trennte, und
vorher feindſelig gemacht hatte.

Doch als nun einmal der Aufbruch begonnen
hatte, da durchdrang ſie das Wehen einer höheren
Kraft, eine heilige Begeiſterung durchdrang ihre
Seelen, daß ſie Märtyrer des Evangeliums
ſeien. Selber Katholiken ſchauten mit Verwun⸗

ſlne in der Fremde auszugehen. Als aber jetzi
der Befehl dazu von ihrer ſeitherigen Regierung
erſchien, fühlten ſie es erſt recht in der Tiefe
Ihres Gemüths, was es heiße, dem heimathlichen
Boden, dem Lande der Väter, für immer Ab⸗
ſchied zu geben. Auch hatten ſie ihre zeitlichen
Angelegenheiten noch nicht in Ordnung gebracht,
und ſie ſollten den Wanderſtab ſo ſchnell ergrei⸗
ſen. Und es war der Winter vor der Thüre; in
Regenſchauern, im Schneegeſtöber, im Sturm
und Froſt ſollten ſie über die öden Fluren mit
ihren alten, Kranken und Kindern hinziehen.
. Und wohin? Nach welchem ſichern Ziele, wo
die müden Pilger wieder Ruhe und Erquickung
fänden? Sie waren als Empörer in dem Man⸗
date bezeichnet und überall dafür ausgeſchrieen,

derung auf den Glanz ihrer Angeſchte und
Manche ſchloßen ſich von einem unwiderſtehlichen
Drange getrieben, an ihren Zug an. Ganze
Dörfer ſtanden auf, um in die Verbannung zu
gehen, und bald hatten die Soldaten nur abzu⸗
wehren, damit die Hauptſtadt nicht auf einmal
zu ſehr überſchwemmt würde.

Hierbei muß ich euch, meine l. Leſer, doch
auch einen wunderbaren Vorfall berichten. Es war
bereits finſtere Nacht, da ſchritten bei Radſtadt
einige hundert Flüchtlinge durch den Schnee.
Sie hatten den Weg verloren und ſuchten mit
den Füßen, um nicht in Abgründe zu ſtürzen.
Hinter ihnen her ritten die Soldaten, um ſie zu—
rückzutreiben. Da zeigte ſich plötzlich über ihnen

eine glänzende Lufterſcheinung, ſo daß ſie die

nahe Brücke über den Ensfluß erblickten; die
Verfolger aber wurden in dichte Finſternis ge—
hüllt. Erſchrocken ſtanden die Soldaten ſtill
und riefen: „Mit dieſen iſt Gott oder
der Teufel, wir wollen nichts mit
ihnen zu ſchaffen haben.“ Wir wiſſen
es wohl, wer mit ihnen geweſen iſt!

Wir begleiten nun die erſten Auswanderer
nach der Stadt Salzburg. Hier ging es ihnen
aber gar zu jammervoll. Man hatte den Bür⸗
gern, Gott weiß, was alles von ihnen erzählt
ſie wurden für wahre Ungeheuer gehalten, mit
Abſcheu betrachtet und mit dem bitterſten Hohne
behandelt. Scheunen und Ställe wies man ih⸗
nen zur Woöhnung an; und ohne eigene Mittel,
mußten die Meiſten mit kärglichem Brode vor⸗
lieb nehmen, Viele einer wärmendenHülle für ihre
Blöße entbehren. Und in dieſem Zuſtande wur⸗
den ſie noch mehrere Tage mit Ausſtellung ihrer
Päſſe hingehalten. Während dieſer Tage wen⸗
deten die Prieſter alles Mögliche an, Rodekünſte
und andere ſchändliche Mittel, um die Abtrünni—
gen in den Schooß der römiſchen Kirche zurück—
zubringen. Mit gebrochenem Herzen fielen 36
ab; aber an 1000 beharrten treulich in allen
Verſuchungen.

Endlich gegen dem Anfang des Dezembers
kam die erſehnte Stunde, wo ſie ſich auf der
Salzach einſchiffen konnten. Sſe drängten ſich,
um am erſten in den Schiffen zu ſein. Ein
lautes Lebewohl riefen ſie noch ihrer, ach! in
doppelten Sinne unvergeßlichen Heimath zu, —
und ſchwammen hinab gen Bayerland.—

Doch ſchon lange möchte der Leſer gerne
wiſſen, was denn die proteſtantiſchen Fürſten
und der Kaiſer thaten, der Tyrannei des Erz⸗
biſchofs Einhalt. zu thun. Die verſprochene
Auskunft ſoll ihm hier werden.

Schon im Aufang der Verfolgung, 1730,
waren die zuerſt ins Gefängnis geworfenen und
über die Grenze gejagten Männer, Hans
Lerchner und Veit Breme, und
ſpäter noch mehrere Andere, als eigentliche Ab⸗
geordnete der lutheriſchen Partei, nach Regens⸗
burg gegangen, hatten die Auftritte im
Salzburgiſchen treulich berichtet, und um Hilfe
für die Glaubensgenoſſen ſehnlich gefleht. In
Regensburg befanden ſich nämlich Geſandte von
allen proteſtantiſchen Fürſten Deutſchlands, die
für die Sicherheit der proteſtautiſchen Kirche im
geſammien Reiche genaue Sorge iragen und
namentlich ihrer Glaubensgenoſſen in den katho⸗
liſchen Ländern ſich annehmen mußten. Es
befanden ſich in Regensburg auch die Geſandten
der katholiſchen Fürſten Deutſchlands.

Evangeliſcherſeits nahm man ſich, gleich auf
die erſte Botſchaft und Bitte der armen Salz⸗
burger auf das angelegentlichſte an. Man
wendete ſich ſehr ernſt an den Erzbiſchof und
wies ihn auf die Artikel des Weſtphäliſchen
Religionsfriedens hin, da es heißt: „In allen
katholiſchen Ländern Deutſchlands ſollten die zur
evangeliſchen Kirche Uebertretenden entweder
Freiheit ihres Glaubens genießen, oder eine Friſt
von drei Jahren zur Auswanderung bekomme n,
in welcher Zeit ſie ihre Gͤter ohne Schaden ver⸗

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