Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 15 › Seite 108

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-02-28, Seite 108

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Doch, meine Zuhörer, das Werk der Verbrei⸗
tung der heiligen Schrift in der Sprache. des
Volkes hat nicht nur Rationaliſten und Atheiſten
zu ſeinen Gegnern, ſondern ſelbſt eine große

Parthei mitten in der Ehriſtenheit, nehmlich die

ganze römiſche Kirche. Und während die Schaar
der Ungläubigen unſerer Tage unſeres Werkes
als eines vergeblichen und thörichten
ſpottet, ſo verwirft daſſelbe hingegen die römiſche
Kirche ſelbſt als ein verderbliches u. böſes.
Sie ſpricht: Was thut ihr Proteſtanten, indem
ihr die Bibel allen Menſchen ohne Ausnahme in
die Hände gebt und einen jeden einladet, ſelbſt
zu leſen, zu prüfen und zu entſcheiden? Seht
ihr denn nicht, welches Unheil ihr ſchon damit
angerichtet habt? — Woher kommen unter euch

Proteſtanten die Hunderte von verſchiedenen.

Sekten? Woher kommen unter euch die tauſend⸗
erlei verſchiedenen Meinungen? Woher kommt
unter euch der freche Unglaube, den ihr ſelbſt

beklagt? — Kommit dies alles nicht daher, daß

ihr die Bibel jedem ohne Unterſchied preis gegeben
und einen jeden zum Richten und Urtheilen auf—
gefordert habt? —

Wie nun? meine Zuhörer! können dieſe
Einwürfe gegen die Verbreitung der Bibel in der
Sprache des Volkes etwa wirklich uns die
Freude an unſerem Werke benehmen? Können

dieſe Einwürfe uns etwa wirklich in der Ueber⸗

zeugung wankend machen, daß dieſes Werk ein
gutes, Gott gefälliges und geſegnetes Werk

ſei? — Thörichter Gedanke! — Ein Blick in das.

heilige Bibelbuch ſelbſt zerſtreut alle Gründe gegen
die Verbreitung deſſelben, wie die aufgehende
Sonne die ſie verhüllenden Nebel verſcheucht.
Einen ſolchen Blick laßt uns denn daher auch
jetzt in das heilige Buch ithun, um ſodann um
ſo fröhlicher das Werk zu treiben, zu dem wir
uns verbunden haben.
Text: Joh. 5, 39.

Meine Zuhörer, ich habe euch hier ein Wort
Jeſu Chriſti vorgeleſen, das allen Feinden des
Bibelleſens und der Bibelverbreitung in der
Chriſtenheit ſchon immer wie Feuer auf dem
Gewiſſen gebrannt hat. Es enthält ein zu klares
Zeugniß. Daher ſind auch die Gegner immer
befliſſen geweſen, vor allen andern Worten gerade
dieſes Wort Jeſu Chriſti durch allerhand Ver⸗
drehungen zu entkräften und aus dem Wege zu
räumen. Aber was man auch gegen den darin
liegenden Beweis aufgebracht hat, alle Mühe iſt
bisher verloren geweſen. Das Wort: „Suchet
in der Schrift“, und das darin liegende
gewaltige Zeugniß ſteht noch feſt bis dieſe Stunde
und wird feſt ſtehen, ob auch Himmel und Erde
vergeht, und einſt am jüngſten Tage wird es
noch wider alle diejenigen zeugen, welche ſich dem
Bibelleſen und der Bibelverbreitung frevelnd
widerſetzten. Auf Grund dieſes Wortes laßt
mich euch daher jetzt vorſtellen:

Die Verbreitung der Bibel in der

Mutterſprache ein gutes Werk;
das iſt ſie, denn ſie iſt

1. ein von Gott befohlenes und
2. ein von Gott geſegnetes Werk.

— 106—
V

Iedermann wird, meine Zuhörer, zugeben:
wenn es allen Menſchen, alſo auch den Raien,
erlaubt, ja geboten iſt, die Bibel in ihrer Mut⸗
terſprache zu leſen, ſo iſt es auch erlaubt, ja
geboten, die Bibel unter allen Menſchen zu
verbreiten. Daß es aber nicht nur erlaubt,
ſondern auch von Gott geboten ſei, daß, wer
nur leſen kann, die Bibel leſe, dies iſt ſo ſelbſt⸗
verſtändlich und ſo oft und ſo klar in der heiligen
Schrift ausgeſprochen, daß man, wenn man es
Chriſten erſt beweiſen ſoll, nur deswegen in
Verlegenheit kommt, weil man kaum weiß, welche
Beweiſe man aus den Tauſenden derſelben
auswählen ſoll.

Bedenket erſtlich; die Bibel iſt das Buch,
welches Gott ſelbſt geſchrieben hat, nehmlich durch
die Hand ſeiner heiligen Propheten und Apoſtel;
iſt es daher auch nur denkbar, iſt es möglich, daß
es einen Menſchen in der Welt gebe, dem es von
Gott verboten wäre, dieſes Sein Buch zu leſen?
Die Bibel iſt die Sonne für die Seelen der
Menſchen, und Gott ſollie zwar ſeine leibliche
Sonne aufgehen laſſen über alle Menſchen ohne
Ausnahme, über Böſe und. Gute, über Gerechte
und Ungerechte, aber ſeine Sonne für die
Seelen der Menſchen, ſollte er nur einigen
wenigen gönnen? Die Bibel iſt der große
Weltbrunnen, angefüllt mitdem Waſſer des ewi⸗
gen Lebens; und während in aller Welt es jedem
freiſteht, ſeinen leiblichen Durſt mit dem Waſſer
der Quellen, Brunnen, Bäche, Ströme und
Seen zu ſtillen, ſollte Gott hingegen vielen
Menſchen wehren, wenn ſie den Durſt ihrer Seele
mit dem Waſſer des ewigen Lebens ſtillen wollen,
das in den Schriften ſeiner Propheten und
Apoſtel quillt und fließt? Wir verabſcheuen ſchon
den Menſchen und weiſſagen ihm Gottes gewiſſen
Unſegen, der dem leiblich Durſtigen ſeinen Brun⸗
nen verſchließt, und wir wollten der ewigen Liebe
zuſchreiben, daß ſie auch nur einer Seele den
Brunnen des ewigen Lebens verſchließe? Die
Bibel iſt die Offenbarung, welche Gott uns in
Finſterniß über Gott und jenes Leben ſchmach⸗
tenden Menſchen gnädig geſchenkt hat, und Gott
ſollte auch nur Einem Menſchen unterſagen, in
das, was er offenbart hat, hinein zu blicken? ja,
Gott ſollte für die meiſten Menſchen gleichſam
einen Vorhang vor ſeine Offenbarung hängen?
Die Bibel iſt der Vrief, den Gott an alle Menſchen
geſchrieben hat, und Gott ſelbſt ſollte den meiſten
Menſchen in der Welt verbieten, dieſen von ihm
auch an ſie gerichteten Brief zu eröffnen und zu
leſen? Ja noch mehr, die Bibel iſt, wie alle
Chriſten zugeben, das himmliſche Geſetzbuch,
welches Gott der Menſchheit vorgelegt und barin
er, was er von jedem Menſchen fordert, hat auf⸗
zeichnen laſſen, und wornach er daher einſt alle
Menſchen richten will — und Gott ſollte ſelbſt es
einem Menſchen wehren, wenn er darin leſen. und
den ihm von Gott geoffenbarten und vorge—
ſchriebenen Willen erkennen will?

Doch hier ſpricht vielleicht mancher: „Ich
gebe zu, hiernach ſcheint es allerdings ſo, als ob
das Leſen und daher auch die Verbreitung der
Bibel von Gott geboten ſein müſſe; aber kann

+

Man ſich in ſolchen Schlüſſen nicht irren? Wie?
wenn nun Gott doch das Leſen und Verbreiten

der Bibel in der Mutterſprache aus unbegreflichen

Gründen verboten hätte?“ — Wohlan, ſo laßt
uns in die Bibel ſelbſt gehen und da Goͤtt ſelbſt
darüber hören. &-

Wie ſpricht erſtlich Chr itus 3 ſubſti in unſerm
Terte? — Er ſagt: „Suchet in der
Schrift!“ Er ſpricht alſo den Befehl, die
Bibel zu leſen, ſo klar und beſtimmt aus, daß
ihn kein Menſch mißverſtehen kann. Und wer
ſind die, an die ſich Chriſtus mit dieſem ſo un⸗
zweideutigeu Befeyle wendet? Sind es etwa
allein die ſogenannten Geiſtlichen, die Hohen⸗
prieſter, Prieſter und Leviten? oder doch nur
allein die Gelehrten, die Schriftgelehrten, die
Alteſten des Volkes, die Oberſten der Phariſäer
und dergleichen? Nein, in dem Vorhergehenden
wird uns ausdrücklich bezeugt, daß Chriſtus
dieſe Worte an die „Juden,“ nehmlich an das
ganze verſammelte und ihn umringende Volk ge⸗
richtet habe. Und zwar fordert Chriſtus von
dieſen, daß ſie in der Schrift nicht nur leſen—
ſondern „ſuchen“, das heißt, nach dem Orgi⸗—
naltext, darin auf das genaueſte forſchen und
mit Fleiß und Eifer in den Sinn derſelben einzu⸗
dringen ſuchen ſollen. Iſt es hiernach nicht
klarer, als die Mittagsſonne, daß es Chriſti
Befehl iſt, daß alle Menſchen, auch die Laien,
die Bibel leſen?

Doch wir gehen weiter. Sprechen ſich etwa
über dieſen Punkt hingegen die Propheten und
Apoſtel anders aus? Mit nichten. Nicht nur
haben alle Propheten von Moſes an von
Zeit zu Zeit die ganze zu ihren Zeiten vorhandent
Schrift dem ganzen Volke, Männern, Weibern
und Kindern, von Wort zu Wort vorleſen laſ⸗
ſen, ſondern ſie fordern auch in ihren Schriften
alle Welt zum Anhören und Leſen ihres geſchrie⸗
benen Wortes wiederholt und feierlich auf. So
ſchreibt unter Andern Jeſajas ſogleich zu Anfang
ſeiner Weiſſagungen: „Höret, ihr Himmel, und
Erde, nimm zu Ohren, denn der Herr redrt“.
Die ganze Welt unter allen Himmelsſtrichen, allt
Völker der Erde, Juden und Heiden, fordert
alſo Jeſajas auf, zu vernehmen, was er geſchrieben
hat; daher er denn auch im 34. Cap. fortfährt:
„Suchet nun in dem Buch des Herrn und leſet,
es wird nicht an einem derſelbigen fehlen; man
vermißt auch nicht dieſes noch das. Denn Er iſt
es, der durch meinen Mund gebietet; und ſein
Geiſt iſt es, der es zuſammenbringt.“ — Und
was thun die Apoſtel? Sie haben erſtlich faſt
alle ihre Schriften und Briefe theils an einzelne
Laien, theils an ganze Gemeinden in Städten
und Ländern grrichtet; aber damit ja kein Zweifel
obwalten könne, daß Alle auch wirklich ihre
Schriften und Vriefe leſen ſollen, ſo geben ſie
dies hie und da auch ausdrücklich zu erkennen.
So ſchreibt unter Andern Johannes in ſeinem
1. Briefe: „Ich ſchreibe euch Vätern, ich
ſchreibe euch Jünglingen, ich ſchreibe euch
Kindern.“ Ferner ſchließt Paulus ſeinen 1.
Brief an die Theſſal. mit den ernſten Worten:
„Ich beſchwöre euch bei dem HErrn, daß ihr
dieſe Epiſtel leſen laſſet alle heilige Brüder“;

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