# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1854 02 28_S116 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Die heil. Schrift ſagt 1. Moſ 2, 19. 20.: „Er brachte ſie (die Thiere) zu ihm, daß er ſähe, wie er ſie nennete; denn wie er ſie nen⸗ nen würde, ſo ſollten ſie heißen. Und der Menſch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Thier auf dem Felde ſeinen Namen.“ Der hannö v. Kat. ſagt (Kurze Rel. Ge⸗ ſchichte S. 161.): „Seine Weisheit und Liebe ſorgte dafür, daß ſie bald zu einiger Sprache und durch dieſe zu den allernöthigſten Begriffen gelan— gen möchten.“ und feruer (ebendaſelbſt): „Er ſetzte ſie in eine Gegend, wo ſie an ver— ſchiedenen Thieren die Fähigkeiten ihrer Ver— nunft und Sprache allemä 9 lig entwi⸗ ckehn konnten.“ Die heil. Schrift eignet den erſten Menſchen nicht bloß Sprache überhaupt zu, ſondern einen ſolchen Gebrauch derſelben, daß Adam — und zwar noch vor der Schöpfung des Weibes — im Stande war, einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Thier auf dem Felde ſei— nen Namen zu geben. Die heil. Schrift legt darauf ein beſonderes Gewicht, indem ſie ſagt, Gott habe die Thiere zu Adam gebracht, nicht bloß, daß Adam ſie nen⸗— nete, ſondern, daß er (Gott) ſähe, wie er (Adam) ſie nennete d. i. daß er ſorgfältig und mit Wohlgefallen darauf Acht hätte, wie trefflich Adam dieſe große Aufgabe löſen würde. Wie groß dieſe Aufgabe war, läßt ſich einiger— maaßen erkennen, wenn wir bedenken, daß Gott nach der Schöpfung der Thiere in den Schö— pfungstagen nicht eine zweite Thierſchöpfung vorgenommen hat. Demnach find gleich von Anfang ſo viel Thierpaare erſchaffen worden, als Arten ſein ſollten und ſo viel Arten, als deren hernachmals ſein ſollten unter allen Himmels— ſtrichen auf Erden; denn, wie viel ihrer auch ſind, ſo haben ſie doch alle ihren Urſprung aus der Schöpfung und in der Wiege der Schöpfung, dem Paradieſe. Denn da die Thiere anfänglich alle gut waren, ſo bedurfte es keiner beſonderen Auswahl, als hätte der Menſch von irgend einer Thiergattung etwas zu fürchten gehabt für Leib und Leben. Auch ziemte es ſich, daß dem Men— ſchen, der zum Herrn geſetzt war über alle Thie— re, die ganze Thierwelt in ihrem paradieſiſchen Umriſſe und Umfange vorgeſtellt würde. Wenn wir unn auch die Zahl derſelben nicht anzugeben vermögen, ſo müſſen wir uns doch ihre Zahl viel größer vorſtellen, als etwa die der Hausthitre, und wenigſtens nicht geringer, als die Zahl der Thierarten, die hernachmals Noah in ſeiner Arche verſorgen ſollte. Auch dürfen wir ihre Mannichfaltigkeit nicht meſſen nach eini— gen der größeren Thiere, ſondern müſſen die klei⸗ neren auch mit hineinzählen. Wenn man nun nur an ein einziges Thierreich gedenkt, z. E. an das der Bögel —welch eine Mannichfaltigkeit und Verſchievenheit findet ſich da! Und für das Al— les ſollte Adam einen Namen wiſſen, den ihm noch Niemand geſagt hatte. Die Fähigkeit, Worte zu ſprechen, war dabei nicht ein Kinderſpiel, 114 das Allergeringſte, Adam mußte die Worte erſt erfinden, und welch ein Maaß der Erfindungs⸗ und Unterſcheidungsgabe gehörte dazu, wenn ihm die Namen nicht gleich bei'm erſten Dutzend ausgehen ſollten. Adam ſollte auch dieſe Aufgabe nicht ſtümper— haft und ungeſchickt löſen, ſondern das Rechte treffen, denn „wie er ſie nennen würde, ſo ſollten ſie heißen.“ Und er hat dieſe Aufgabe gelöſt, ſo meiſterlich, daß ihm die Schrift das Zeugniß giebt: nem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Thier auf dem Felde ſeinen Na— men.“ So war denn dieſe Benennung der Thiere ſondern ein würdiges Schauſpiel für das Auge Gottes und nicht bloß eine Ehre für Adam, ſondern für Gott den Herrn, der Adams Schöpfer iſt und der auch in vieſem Stücke von uns geehrt ſein will. Denn um deßwillen iſt dieſer anſcheinend geringfügige Zug aus der Geſchichte Adams in der heil. Schrift aufgezeichnet und in dicſem Sinne ſellte er dar— geſtellt werden, iſt auch von gottesfürchtigen und erleuchteten Männern ſo dargeſtellt wordeu. Hören wir darüber unſern Vater Luther. Derſelbe ſagt in ſeiner Auslegung des erſten Buchs Moſe, die er ſelbſt für ſein Meiſterwerk er— klärt (Ausg. v. Walch B. I. S. 216 untd 217.) „Hier werden wir abermal erinnert, zu be— denken den trefflichen Verſtand und Weisheit, die in Adam geweſen iſt, welcher, nachdem er in Unſchuld und Gerechtigkeit geſchaffen war, alle Thiere anſiehet und weiß, ohne alle ſonder⸗ liche Eingebung und neue Erleuchtung oder Offenbarung, allein durch die Fürtrefflichkeit ſeiner Natur, eines jeglichen Natur und Ei— genſchaft, davon er einem jeden einen Ramen, ſeiner Natur gemäß und beqnem, giebet.“ und ferner ebendaſelbſt: „Man hat wohl mancherlei Bücher, ſo der Bäume und Thiere Art und Eigenſchaft be— ſchreiben; aber wie viel Zeit und wie lange Aufmerkſamkeit hat wohl dazu gehöret, ehe man durch Erfahrung dahinter gekommen iſt? In Adam aber iſt ein ander Licht und Er— kenntniß geweſen, der, ſobald er ein Thier an- geſchen, ſeine ganze Natur und Kraft verſtan— den hat, viel beſſer denn wir, wenn wir auch durch unſer ganzes Leben ſolchen Dingen nachſuchen und nachforſchen.“ Und weiter ebendaſelbſt: „Wie iſt voch in dem einigen Adam ſo ein trefflich reiches Erkenntniß und Weisheit gave— ſen. Wiewohl er aber davon auch ſehr viel durch den Fall verloren hat, ſo halte ich doch dafür, daß Alles, was noch in aller weiſen Leute Büchern iſt, die ſo viel hundert Jahr, ſint der Zeit an, da die Künſte ſeyn erfunden worden, geſchrieben haben, zuſammengenom— men—dieſer Weisheit nicht hat können gleich ſeyn, die dennoch nach der Sünde in Adam geblieben, aber darnach immer mählich bei ſei— nen Nachkommen verdunkelt worden iſt und nun ſchier gar erloſchen.“ So weit Luther. „Und der Menſch gab ei⸗ Ach wie ein ärmlicher, dürftiger, geiſtloſer Geiſt nun iſt es, der aus dem hannöv. Kat. redet! Er ſagt zwar, daß der Menſch bald, alſo et⸗ was früher, als etwa unſere Kinder zur Spra⸗ che gekommen, aber nur zu einiger Sprache, d. i. zu einer äußerſt nothdürftigen, die den Na⸗ men Sprache kaum verdient und nur zu den allernöthigſten Begriffen. Es wäre ſehr wenig geſagt, wenn es hieße „zu den nöthi g⸗ ſten Begriffen;“ dem Verfaſſer aber iſt auch das noch zu viel, darum ſagt er zu den al her— nöthigſten. Welche ſind das? Es ſind die, ohne welche auch der dümmſte Menſch nicht be⸗ ſtehen kann, die Begriffe von Eſſen, Trinken, Schlafen u. dergl. — Und das Alles iſt dem Verfaſſer noch nicht ge⸗ nug. Er kann es nicht über's Herz bringen, die Lehre zu unterlaſſen, das Alles ſei nur in einer allmähligen Entwickelung vor ſich ge⸗ ö gangen. Wir fragen nun: Welcher Grund war vor— handen, die Sprache der erſten Menſchen ſich ſo allmählig und ſo unvollkommen vorzuſtellen, da doch die heil. Schrift die Benennung der Thiere der Schöpfung des Weibes vorangehen läßt, und Adam nicht lange in ſeiner Einſamkeit wird ein— hergegangen ſein, weil Gott davon ſagt: „Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei?“ Welcher Grund war vorhanden zu einer Vor⸗ ſtellung, die wohl dem Geiſte der heidniſchen Weltweiſen ähnlich ſieht, aber nicht dem Geiſte“ der heiligen Schriftſteller, da die Schrlft lehrt, daß die erſten Menſchen das Ebenbild Gottes in einer ſolchen Maaße an ſich getragen, daß es vor dem Falle keiner Erlöſung bedurfte, denn ſie wa⸗ ren von der Sünde ſo weitentfernt, daß ſie nicht einmal wußten, was Sünde wäre? — ein Ebenbild, welchem zufolge die geiſtigen unp geiſtlichen Kräfte im vollkommenſten Eben⸗ maaße ſtanden mit einem Leibe, der der Sterb— lichkeit nicht ſollte unterworfen ſein und in Ue⸗ bereinſtimmung mit Gott ſelbſt, zu deſſen Eben— bilde der Menſch in Adam und Eva erſchaffen war— ein Ebenbild, das eben ſo wie es wohl getro⸗ fen war, alſo auch erkennbar ſein ſollte? Davon iſt nun die Sprache der erſten Men⸗ ſchen ein Exempel, von welchem zu wiſſen nicht gleichgültig iſt, weil es dazu dient, die Größe des Verluſtes zu erkennen, welchen das menſch⸗ liche Geſchlecht durch den Fall Adams erlitten hat. Darum wäre es ein geringer Vorwurf, die Erzählung des hannov. Kat. nur an Dürf— tigkeit litte; ſie leidet aber auch an geſchichtlicher Untreue, an Unglauben, und an Schmälerung der Ehre Gottes und der Heilswahrheiten. — wenn an geſchichtlicher Untrene, denn die heil. Schrift lehrt ein ſolches Vorhandenſtin al⸗ ler Kräfte in Adam, wie ſelbige nöthig waren, um vor der Schöpfung des Weibes ein Werk zu vollbringen, wie die Benennung der Thiere war, —wozu noch kommt, daß der Verfaſſer des hannöv. Kat. die Verpflichtung nicht bloß eines Geſchichtſchreibers im Allgemeinen, ſondern ei⸗ nes chriſtlichen Lehrers auf ſich hatte, —