Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 11 › Seite 84
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-01-03, Seite 84
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und noch opfern, während alle Proteſte gegen
ſie Seitens der anderen Jeſuiten nur Gaukel⸗
ſpiel und Blendwerk für die Uneingeweihten, für
den Haufen ſind; denn bei dieſen Geſellen gelten
die Sprüchwörter: Intus ut libet, foris ut moris
est— Loquimur cum vulgo, sentimus cum doc-
tis, das heißt, Im Herzen wie's beliebt, im
Aeußeren wie's Sitte iſt — Wir reden mit dem
gemeinen Pöbel, wir denken aber mit den Ein⸗
geweihten.
Ehe wir nun den verſprochenen Schluß hinzu⸗
ſetzen, können wir nicht umhin, unſere Leſer noch
darauf aufmerkſam zu machen, daß, wenn irgend
etwas, es die Geſchichte der Jeſuiten iſt, welche
es unwiderſprechlich beweiſt, daß das Pap ſt⸗
thum wirklich die Eeclesia malignantium, die
Kirche der Gottloſen oder Verſammlung der
Boshaftigen (Pſ. 26, 5.), die Synagoga Sata-
nae, die Schule des Satans (Offg. 2, 9.), die
Meretrix magna, die Babylon magna, die
Mater fornicationum et abominationum terrae,
die große Hure, die große Babylon, die Mutter
aller Gräuel auf Erden (Offg. 17, 1. 5.), kurz,
die Kirche des Antichriſts ſei, von welchem
geſchrieben ſteht, er ſei „der Menſch der Sünde
und das Kind des Verderbens. Der da iſt ein
Widerwärtiger, und ſich überh ebt über alles, das
Gott oder Gottesdienſt heißt, alſo, daß er ſich
ſetzet in den Tempel Gottes, als ein Gott, und
gibt ſich vor, er ſti Gott ... Welches Zukunft
geſchieht nach der Wirkung des Satans, mit
allerlei lügenhaftigen Kräften, und Zeichen, und
Wundern, und mit allerlei Verführung zur
Ungerechtigkeit unter denen, die verloren werden;
dafür, daß ſie die Liebe zur Wahrheit nicht haben
angenommen, daß ſie ſelig würden“. I2 Theſſ. 2,
3. 4. 9. 10.] Es iſt ja freilich wahr, ein
Pabſt ſelbſt hat den Jeſuitenorden aufge⸗
hoben, allein Päbſte ſelb ſt waren es auch,
welche dieſe Satansſchule beſtätigt, dieſelbe
mit unerhörten Privilegien ausgezeichnet, die
Ordensglieder viele Male als die treueſten
Glieder und Vertheidiger der Kirche belobt, ihr
teufliſches Inſtitutum feierlich gutgeheißen und
beſiegelt und mehrere Jeſuitengenoſſen canoniſirt
und zu Schutzheiligen gemacht haben; ja, ein
Papſt war es auch, der im Jahre 1814 vie
beiſpielloſe Unverſchämtheit hatte, in jener
Bulle, die ſich mit den Worten anfängt „Solli-
citudo omnium“, den (von ſeinem Vorgänger,
unter Androhung des großen Bannes für alle
Erneuerer, auf immerwährende Zeiten aufge⸗
hobenen) Jeſuitenorden kraft ſeiner päpſtlichen
Vollgewalt wiederherzuſtellen. Darin
heißt es zuerſt u. A. von dem geweſenen Jeſuiten
Karnu in Rußland, es ſolle ihm mit anderen
Weltgeiſtlichen erlaubt ſein, „in eine Geſellſchaft
zuſammen zu treten, damit ſie deſto leichter
nach der Weiſe ihres Inſtitutum“
predigen, unterrichten ꝛc könnten. Hierauf wird
erklärt, daß dieſe Reſtauration hiermit „auf
den geſammten Kirchenſtaat und auf alle
anveren Staaten und Länder ausge⸗
dehnt werde“. Weit entfernt, daß in dieſer
Wiedereinſetzungsbulle der in der Aufhebungs⸗
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bulle namhaft gemachten Verbrechen der Jeſuiten
auch nur mit einem Wörtlein Erwähnung gethan
würde, ſo nennt vielmehr Pabſt Pius VII.,
kaum den Klauen Napoleons entronnen, die
Jeſuiten ohne Schaam und Scheu: „die er⸗
fahrenen und muthvollen Arbeiter,
die ſich darbieten, um die Wogen
des Meeres zu brechen“, die an das
Schifflein Petri jetzt anſchlügen. Nicht neue
beſſere Jeſuiten alſo waren es, welche
Papſt Pius VII. wieder in ſeinen Sold nahm,
da er ſeinen Satansſtuhl (Offg. 2, 13.) wieder
erſchüttert wanken ſah, ſondern die alten
Jeſuiten, mit ihrem alten Inſtitutum und
allen ihren alten Gräueln, Bosheiten und
teufliſchen Praren! Wie konnte es auch anders
gehen? Hatte ja doch ſchon der Jeſuitengeneral
Lorenz Ricci auf den Antrag, den Jeſuitenorden
zu reformiren, geantwortet: „Sint, ut sunt,
aut non sint“, das heißt, „Entweder ſeien ſie,
wie ſie ſind, oder ſie müſſen zu ſein aufhören“.
Was hätten ſie aber auch Pabſt Pius VII. zu
ſeinen Zwecken helfen können, wenn er ſie nach
Gottes Wort hätte umſchaffen wollen? Ihm
konnte nur mit ſolchen Jeſuiten gedient ſein,
die laut ihres alten Inſtitutum bereit ſind, wenn
es ihr Oberer gebietet, mit Freuden auch eine
„Todſünde“ zu begehen. Ohne daher die Gabe
der Weiſſagung zu haben, ſondern nur weil er
eingeweiht war in das Geheimniß der Bosheit
12 Theſſ. 2, 7.J, auf welchem das Papſtthum
beruht, hat daher der dritte Ordensgeneral der
Jeſuiten, Franz Borgia lden Benedikt
XIII. im Jahre 1724 wegen ſeiner Verdienſte
um den päpſtlichen Stuhl unter die Heiligen
verſetzte‚! ſchon im 16. Jahrhundert die merk—
würdige Vorausverkündigung gethan: „Wie
Lämmer haben wir uns eingeſchli⸗
chen, als Wölfe regieren wir, wie
Hunde wird man uns vertreiben,
aber wie Adler werden wir uns
verjüngen“. — Wohl iſt es ferner geſchicht⸗
liche Thatſache, daß Päpſte ſelbſt die ſchändlichen
Moralgrundſätze öffentlich verdammt haben.
Innocentius XI. hat u. A. im Jahre 1679 nicht
weniger als 65 Teufelslehren (1 Tim. 4, 1.),
welche er, wie er in ſeiner Bulle ſagt, aus den
Schriften der jeſuitiſchen Moraliſten, inſonder⸗
heit des Azorius, Sanchez, Leß, Laymann,
Filliucius, Tamburini u. A. gezogen hat (die
wir ſeiner Zeit unſeren Leſern noch mitzutheilen
gedenken), verdammt. Allein was waren alle
dieſe Verdammungen andres als ein Komödien⸗
ſpiel? Was waren ſie anderes, als eine Beichte
der Päpſte, welche, ſo wahrheitsgetreu und ſo
wichtig für uns ſie auch iſt, denſelben doch nur
auf der Tortur der Zeitumſtände erpreßt war?
Wenn in der römiſchen Kirche je ein Mann
auftrat, der für wahren lebendigen Glauben
und wahre Herzensgottſeligkeit und gegen
Pfaffenherrſchaft und päpſtliche Tyrannei eiferte,
da mußte er jederzeit alsbald öffent lich und fei⸗
erlich widerrufen, oder er wurde verbannt oder
mußte brennen: wo hat aber je ein Pabſt von
den Jeſuiten, welche jene verfluchte, alle Sitt—
lichkeit aufhebende Moral gelehrt haben, Wider—
Stuhles für Opfer an, die man der Erhaltung
ruf verlangt? welche unter denſelben *
deswegen in den Bann gethan? welche hat +
verbrannt? Gerade als das teufliſche Moral⸗
ſiren der Jeſuiten in der höchſten Blüthe ſtand,?
haben die Päbſte in ihren Bullen ſich im Lobt
derſelben kaum erſchöpfen können. Die bn
lichſten jeſuitiſchen Moraliſten waren der Päbſte;
eigene Beichtväter, Cardinäle und an
Schützlinge. Und als endlich der unglückliche
Clemens aus Angſt, im widrigen Fallt die
größten Reiche und Staaten, die dem päbſtlicn
Strhle unterworfen waren, zu verlieren, in den
ſauren Apfel biß und den Jeſuitenorden aufhob,“
was geſchah da den Jeſuiten trotz der furchtharrn
Verbrechen, deren ſie vom Pabſt ſelbſt öffentlih
bezüchtigt wurden? Wurde ihnen ein Widermi
abgefordert und eine Buße aufgelegt, wenn ſi;
von der römiſchen Kirche wieder als gute Glieder
anerkannt und behalten werden wollten? Mit
nichten! Man gloriirte vielmehr, als übet.
einen Beweis der Macht und Herrlichkeit der
römiſchen Kirche, daß das von dem Pabſt ſelbſt d
an den Pranger geſtellte jeſuitiſche Geſindel
nichts deſto weniger in der „heiligen römiſchu
Kirche“ bleibe und nicht ſelbſt ſcheide. In,
von päbſtlicher Seite wurde es vermittelt, daß;
die Erjeſuiten aus dem Ertrage ihrer eingezo⸗
genen Güter ſogar Jahrgelder erhalten mußten. 5
Man ſah ſie offenbar von Seiten des päbſtlichen
ganzer Läunder und Völker bei der „heiligen
Mutter“ habe bringen müſſen. Schon dit
Nachfolger Clemens XIVX. zeigte ſich als einen
Jeſuitenfreund, und daß erſt Pius der WM.;
es wagte, ſie öffentlich und feierlich in ihre alln,
Rechte wieder einzuſetzen, kam allein daher, daß
erſt er den dazu paſſenden Zeitpunkt erlebke.
Uebrigens dürfen wir überhaupt nicht vergeſſen,
daß die jeſuitiſchen Moralgrundſätze keines wegs.
Grundfätze ſind, die in der römiſchen Kirche dii
Jeſuiten allein eignen. Sie ſind von den
namhafteſten nichtjeſuitiſchen römiſchen Theol⸗
gen innerhalb und außerhalb religiöſer Ondn,
vielmehr immer hochgeprieſen worden. So
ſchreibt, um nur Ein Beiſpiel anzuführrn,
DUr. Auguſtinus Michel, geweſerer
biſchöflicher Kirchenrath und Profeſſor der“
Theologie zu Freiſingen, in ſeiner „Widerlegunz!
der Erpoſtulation und Proteſtation Pasquiß
Quesnel's“, deutſch herausgegeben zu Auge⸗
burg 1721: „Die Jeſuiten haben ihre larn
Moral-Lehren in ſo weit untadelhaft zn⸗
gebracht, weil ſie das Joch Chriſti und der
Kirche dadurch haben erleichtern und verſüßen
wollen.“ ( S. 32.) Doch die Nichtjeſuiten
der römiſchen Kirche haben nicht nur die jeſui⸗d
tiſche Moral vielfach in ihren Schutz genommu. Y
ſondern ſie haben auch ebenſo oft ſelbſtſtändiz
dieſelben Grundſätze als Lehren der ganzu,
römiſchen Kirche vorgetragen und entwickel.
Wir behalten es uns jedoch für andere Zeiln
vor, noch mehr Zeugniſſe von Nichtjeſuiten aus“
der römiſchen Kirche für die Jeſuitenmonl!
mitzutheilen und ſo zu erweiſen, daß der I⸗
ſuitismus nicht ein Flecken, ſondern die wahrt
Blüthe des Pabſtthums und dieſes daher
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