Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 11 › Seite 81
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-01-03, Seite 81
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Jahresſchluß
einen ſolchen Eindruck, daß man ein kleines
heimweh nach demſelben in die Heimath zurück⸗
mägt. Da erheben ſich mächtige Kegel mit präch—
ugen Wäldern bewachſen; weit üb er ſie ſtarren
rothe und graue Felsmaſſen in die Luft, an deren
ſchroffen Seiten hin und her Bäume und Gras⸗
ſecken hängen, ihre Spitzen aber ſind kahl und
nackt; und über dieſe ſtrecken ſich fürchterliche
Rieſen hoch in die Wolken und über die Wolken
4* hinaus, deren Schultern und Häupter mitSchnee
Winter und Sommer hindurch bedeckt ſind. Was
für ein Leben hat hier die Natur! Tauſend Quel⸗
len rinnen aus dem Eis und Schnee der Gebir—
ge oder aus deren inneren kalten Behältern; von
den Felſen hoch herabſtürzende, brauſende Gieß⸗
läche machen Luft und Boden, dazu auch das
herzerzittern, während ihr Waſſerſtaub das Auge
nunderbar ergötzt, wenn ſich in ihm die Sonnen⸗
ſrahlen brechen und ihn in den Farben des Re⸗
genbogens ſpielen laſſen, und wunderbar befruch⸗
ten dieſe Waſſer die Abhänge uns Gründe mit
da üppigſten Kräutern, den herrlichſten Blumen
und dem ſaftreichſten Graſe. In ſtarker Strö—
nung von Oſt gen Weſt zwiſchen grünen Ufern
dahin rauſchend bildet die Salzach erſt ein großes,
oft mehr als eine Stunde breites Thal, dann ſich
auf einmal nordwärts wendend, treten die Berge
thtem Ufer näher und näher, bis fie einmal gar
üiber den Fluß zuſammen fallen, wie zwei
kmpfende Stiere mit ihren Stirnen und die
gluthen ſich wirbelnd, kochend und ziſchend hin⸗
durch dvrängen. Und tritt man denn endlich aus
deſen „Ofen der Salzach“ wieder heraus, ſo
ffnet ſich das Land gegen Bayern her in einen
goßen Halbkreis, an welchem vorne die einzig
ſcöne Stadt Salzburg grenzt, mit ihrer ſtolzen
RVeſte Hohenſalzburg und den ringsumher liegen⸗
den vielen hundert weißen Landhäuſern und
Hiuschen in dem friſch grünen Grunde, von treff⸗
lihen Baumanlagen umkränzt. — Die Bewohner
diſes wunderſchönen Landes, ein ihm entſprech⸗
ender kräftiger, geſunder, treuherziger Menſchen⸗
ſclag, nähren ſich weniger von Ackerbau, mehr
von Viehzucht, zum Theil ab er auch von Berg⸗
bau. Denn in ihrem Innern ſind die Gebirge
nicht nur mit Gold und Silber und andern Me⸗
allen geſchwängert, ſondern auch in reichſtem
Naße mit dem unentbehrlichen Salz, alſo daß
von ihm Land, Stadt und Fluß benannt iſt.
öDoch fällt von dem reichen Ertrag den Bergleuten
ur der Tagelohn ab, indem jener dem Regenten
15 Landes gehört. Dieſer iſt der Kaiſer von
dſreich; vor hundert Jahren noch war es ein
Enbiſchof, ein geiſtlicher Fürſt, deren es zur
damaligen Zeit in Deutſchland mehrere gab.
In dieſes wunderſame Gebirgsland und ſeine
ſtllen Thäler war denn auch ſchon zur Zeit Lu—
thers und zwar beſonders durch die Wirkſamkeit
eines Paul us Speratus *) das nun auf⸗
Vr, der Verfaſſer des herrlichen Liedes: „Es iſt das Heil
uns kommen her, ſtammte aus einer adeligen Familie des
Scwabenlandes und predigte bereits ſchon um 1522 wie zu
Augsburg, Würzburg und Wien, ſo auch zu Salzburg mit
Rohem Eiſer das Evangelium, bis er in Mähren von dem
Bihof zu Olmütz ins Gefängniß geworſen wurde, aus wel⸗
hem er aber wieder entkam, worauf er ſich danu nach Witten⸗
herg wandte. Ebenſo finden wir um dieſe Zeit den Drl
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gehende Licht des Evangeliums gedrungen, trotz.
der himmelhohen Mauern, die es faſt von allen
Ländern abſchneiden und nur wenige Zugänge
bieten. Denn dieſes Licht ſteigt wie die Sonne
auch über die höchſten Schneeberge leicht hinüber
und kann auch von keinem Mauthner und Grenz⸗
wächter aufgehalten werden. Ja, wie die Son⸗
nen ſtrahlen zur Sommerzeit in den engen Thälern
Salzburgs heißer und wirkſamer ſind, als in den
Ebenen draußen, ſo ſcheint auch dieſes Licht der
Seelen hier wärmer eingefallen zu ſein und mehr
Lebenskraft hervorgebracht zu haben unter denen,
die es aufnahmen, als anders wo.
Von dem Worte Gottes wurden zuerſt mehrere
Geiſtliche ergriffen. Dieſe predigten es dann mit
freudigem Aufthun ihres Mundes und das Volk
hörte es mit offenen Ohren, und nahm es voll
Freuden von ganzem Herzen auf, denn es ſah in
der lauteren Predigt des Evangeliums ein längſt
ſchon heimlich gefühltes Sehnen des Herzens
pflötzlich und herrlich geſtillt. Aber freilich drinnen
in der Reſidenz hatte man nicht die geringſte
Freude, als das Gerücht von der neuen Ketzerei“
dahin gelangte. Die lutheriſch geſinnten Geiſtli⸗
chen mußten eiligſt fliehen, einer mußte ſein Be⸗
kenntnis mit ſeinem Kopf bezahlen. Ihre An⸗
hänger ſich äußerlich an die papiſtiſche Kirche noch
anſchließend, erbauten ſich insgeheim aus Bibeln
der lutheriſchen Ueberſetzung und andern guten
Büchern und ihre Zahl wurde nicht geringer,
ſondern wuchs von Jahr zu Jahr um ein bedeu⸗
tendes. So lebte das Evangelium
im Stillen 150 Jahre fort! Wie je⸗
des mal ein Erzbiſchof milder oder ſtrenger geſinnt
war, ſo wurden auch die Evangeliſch geſinnten
mehr in Ruhe gelaſſen oder mehr verfolgt. Als
im Jahre 1685 ein harter Regent den erzbiſchöf⸗
lichen Stuhl beſtieg, brach zuerſt eine größere
Verfolgung aus, ſo daß eine ganze Gemeinde im
Tefferegger⸗Thale mit Zurücklaſſung ihrer Habe
und ihres Gutes und — was ihr Herz bluten
machte — ihrer eigenen Kinder unter 15 Jahren,
den Wanderſtab ergreifen mußte. Unter ihnen
befand ſich der alte Bergmann Joſeph
Schafttberger, der damals ſein rührendes
Erulantenlied dichtete, als er nach langer trauri—
ger Gefangenſchaft von Weib u. Kind fort mußte.
Wiewohl nun zwar der folgende Erzbiſchof
die Lutheriſchen in Ruhe ließ, ſo fehlte es doch nicht
insgeheim an Bedrückungen und Quälereien,
welche ſie aber als Chriſten geduldig ertrugen u.
ſich deſto mehr in ihrem allerheiligſten Glauben
ſtärkten. Fleißig hielten ſie verborgene Zuſam⸗
menkünfte, zu gegenſeitiger Stärkung und Er⸗
munterung, oft in dunkeln Höhlen und tiefen
Klüften. Daheim erbauten ſie ſich emſig fort, in
Luthers, Arnds und andern geſalbten
Schriften; die Alten unterrichteten die Jugend
in Einfalt und mit aller Wärme und Freudigkeit
erlöster Seelen, und der HErr gab Gedeihen,
daß immer mehrere hinzu gethan wurden.
Staupitz als Abt zu St. Peter in Salzburg, wo er auch
1524 ſtarb. Läßt ſich nun auch von ihm, der kleinmüthig und
verzagt geworden, gerade nicht erwarten, daß er dem Evange⸗
io einen großrn Voeſchub leiſtete, ſo hat er daſſelbe doch gewis
auch nicht gehindert, ſondern eher heimlich gefördert.
Doch dieſe äußere Ruhe währie wieder nur
eine Zeitlang. Ein neuer Erzbiſchof kam auf und
mit ihm brach en für die Bekenner des Evangeli⸗
ums die Tage einer gro ßen Noth herein, von der
alle früheren Verfolgung en und Nöthen nur ein
Vorſpiel waren.
Im Jahre 1727 wurde Leopold Anton
von Firmian Erzbiſchof von Salzburg,
ein Mann ſtolzen Sinnes, harten Herzens und
finſtern Angeſichts. Ihm zur Seite, an ſchlimnm⸗
men Eigenſchaften ſeinen Herrn aber noch über⸗
treffend, ſtand ſein Kanzler Chriſtian von
Röll, ein ſehr pfiffiger und verſchlagener Kopf,
ein gefühlloſer Menſch, der ganz ruhig zu ſein
ſchien, wenn er noch ſo viele Menſchen ins Elend
und zum Tode brachte, ein arger Mammons⸗
knecht, des Herz zum Goldklumpen ſprach: „Du
biſt mein Troſt“. Dieſer Erzbiſchof und ſein
Miniſter faßten daher gleich nach ſeinem Regie⸗
rungsantritt den Entſchluß, die lutheriſche Ketz⸗
erei mit Stumpf und Stiel aus ihrem Gebiet
auszurotten und die Anhänger derſelben entweder
zur Verleugnung ihres Glaubens zu zwingen
oder aus dem Lande zu jagen. Der Kanzler
hoffte dabei aus dem Vermögen der Ketzer eine
ſchöne Summe Geldes zu gewinnen, der Erz⸗
biſchof ſich dadurch die Gunſt ſeines Oberherrn,
des Papſtes, in hohem Grade zu verdienen.
Auf Befehl der Regierung durchzogen ſofort
ganze Haufen Jeſuiten unter dem Namen
„Bußprediger“ das Land und an ſie, die Meiſter
im Verfolgungshandwerk, ſchloſſen ſich zu tüch⸗
tigen Geſellen die Prieſter der Ortſchaften an.
So drangen ſie bei Tag und Nacht in die Häuſer
ein, durchſtöberten alle Schränke und Winkel nach
luth. Büchern, ſtellten mit allen, der Ketzerei
verdächtigen Leuten ein Examen an, ließen ſie
auchtohne Ende Roſenkränze abbeten, Meſſen
beſuchen, Umgänge und Wallfahrten halten u.
dgl. m., um ſich von ihrer papiſtiſchen Recht⸗
gläubigkeit möglichſt zu überzeugen. Jedes
Eramen, auch wenn es noch ſo gut beſtanden
war, mußte mit 7 Gulden bezahlt, jede Ver⸗
ſäumnis der Meſſe, der Wallfahrt ꝛc mit Geld
gebüßt werden. Wehe aber dem, der als ein
Lutheraner erkannt wurde. Er wurde öffentlich
in der Kirche dem Teufel übergeben, durfte nicht
mehr das Sakrament des Altars genießen, nicht
mehr Taufzeuge ſein ꝛc; und wenn er ſtarb, wur⸗
de ſeinem Leichnam die Ruheſtätte in geweihter
Erde verſagt. Ja, man ſollte es kaum glauben,
ſelbſt über Kinder wurde im Voraus der Fluch
ausgeſprochen, wenn ſie einmal ihren ketzeriſchen
Eltern nicht fluchen würden.
So verfuhren die Geiſtlichen und man muß
ehrlich bekennen, daß die weltlichen Beamten mit
ihnen wetteiferten, Auch ſie ſtürmten mit ihren
Bütteln in die friedlichen Wohn ungen, riſſen die
Evangeliſchen heraus, warfen ſie in tiefe Gefäng⸗
niſſe und wenn dieſelben nach langer, ſchwerer
Haft wieder freigelaſſen wurden, ſo mußten ſie
entweder ungeheuere Strafgelder erlegen, oder
wurden von Weib und Kind, Haus und Hof
hinweg über die Grenze gejagt. Gelang es aber
einem ſolchen Bekenner den nahenden Quälern
zu enifliehen, ſo wurde ſein Bildnis mit Unter⸗
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