Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 11 › Seite 86

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-01-03, Seite 86

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zu haben und geneigt, alles gänzlich zu zerrüt—
ten, ehe ſie bekennen ſollten, daß ſie von der
Kirche jemals vor den Weltlichen in ihre
Schranken gewieſen werden könnten. Und dies
habe ich noch neulich ſehen müſſen bei Gelegen—
heit eines Bannes, den ich über einen ihrer Stu—
denten verhängte, der einen Geiſtlichen erſtochen
hatte.
waffneten Jugend meine beſiegelten Anſchläge
am hellen Mittage von den Thoren herabneh—

men und öffentlich zerreißen, zu einem ſo großen
Aergerniß der Ketzer und Kinder, daß dieſes

Reich ſeit den Zeiten der Huſſiten nichts Schreck—
licheres und Verruchteres wider die erzbiſchöfliche
Auktorität geſehen hat.“ (Siehe: J. Flor.
Hammerschmidii Prodrome gloriae Pragenae
P. 519 seqq. J. E. Kapp Sammlung, 1749.
S. 182—199.

Wohlan, Herr „Herold des Glaubens“ von
St. Louis, daß Sie wider die Echtheit des ano—
nymen Prager Jeſuitenbriefes bis daher Zweifel
erhoben haben, das ſoll ihnen hiermit geſchenkt
ſein; Sie mußten das janthun, da Sie ſelbſt
unter dem alle Schamröthe bergenden jeſuitiſchen
Deckmantel der Anongmität in die Welt hinaus
ſchreiben; aber was wollen Sie nun mit dem
von einem hohen Prälaten Ihrer Kirche unglück—
licher Weiſe mit ſeinem Namen unter⸗
zeichneten, an Ihren heiligen Vater Papſt
ſelbſt gerichteten Briefe anfangen, der alle Ihre
Prager, ja alle Jeſniten des ganzen
Böhmerlandes ſo ſchändlich abmalt, daß
Sie nun in jenem Briefſchreiber nichts mehr er—
blicken, als Einen aus tanſend Gleichgeſinnten,
nichts mehr, als eine Species des Genus? —
Nun, wir werden's ſehen. ö

(Für den „Lutheraner.“)
Sollen die Apokryphen des Alten Te⸗
ſtaments ferner den Bibeln beigebun⸗
den werden oder nicht?

Ueber dieſe Frage iſt in Deutſchland ſeit eini—
gen Jahren ein lebhafter Streit in vielen Schrif—
ten geführt worden, von denen die meiſten ge—
gen die Beibehaltung der Apoktyphen ſind.
Einer der lehrreichſten Aufſätze über dieſen Ge—
genſtand iſt ohne Zweifel der im vorjährigen
Julihefte der „Ev. Kirchenzeitung,“ der hier im
Auszuge mit einigen Zuſätzen mitgetheilt wer—
den ſoll.

Die bibliſchen Bücher des A. Teſt. ſind theils
canoniſche, theils apokryphiſche. Die canoni—
ſchen Bücher, alſo benannt von dem griechi—
ſchen Worte Canon d. i. Regel oder Richtſchnur,
ſind ſolche, die für die ganze Kirche die einzige
Regel und Richtſchnur des Glanbens, der Lehre
und des Bekenniniſſe's ſind. Dieſe canoniſchen
Bücher ſind alle die, welche in Luthers Bibel—
überſetzung vom erſten Buche Moſis bis zum
Propheten Maleachi ſtehen; ſie ſind ſämmtlich
von dem heil. Geiſte eingegeben worden, wofür
wir hinreichende Zeugniſſe im Alten und Neuen
Teſtamente haben, z. B. 2 Sam. 23, 1-3. Joh.

Da ließen ſie (eurarunt) von der be

5, 39. 2 Timoth. 3, 16. und eben deshalb ſind
alle jene Bücher canoniſch.

Die apokryphiſchen Bücher hingegen
ſind ſolche, deren Verfaſſer nicht unter die heili—
gen Menſchen Gottes gezählt werden dürfen, die
geredet haben, getrieben von dem heil Geiſte
2 Petri 1, 21., und denen der heil. Geiſt in ſei—

nem Worte nicht Zrugniß giebt. Es ſind dies
alle die Schriften, welche in Luthers Bibelüber—
ſetzung vom Buche Indith bis zum Gebet Ma—
naſſe ſtehen. Im N. Teſtament wird nicht eine
einzige Stelle aus dieſen apokryphiſchen Büchern
ausdrücklich angeführt; dennoch aber finden ſich
in den apokr. Büchern viele Stellen, welche als
Parallelſtellen zu Ausſprüchen des N. Teſt. an⸗
zuſehen ſind.

Die Unterſcheidung zwiſchen canon. und apo—
kryphiſchen Büchern wurde zwar in der chriſtli—
chen Kirche, beſonders von dem 3ten Jahrhun⸗

dert an, durch Origenes und Hieronymus im—

mer allgemeiner, allein ſchon im Jahre 393 that
die Kirchenverſammlung zu Hippo den Miß—
griff, die genannten Bücher als zum Canon des
A. Teſt. gehörend zu erklären.
die Vermengung zwiſchen canon. und apokryph.
Büchern, namentlich in der abendlänviſchen Kir—
che, immer mehr überhand, bis endlich die Re—
formation Dr. Luthers auch hierin die ſchon im
Zeitalter der Kirchenväter erkannte Wahrheit
wieder an's Licht brachte.

Dr. Luther nämlich wies in ſeiner deutſchen
Bibelüberſetzung den Apokryphen ihre Stelle
zwiſchen den canon. Bächern des Alt. und N.
Teſtaments an und beugte der Gleichſtellung
derſelben mit den canon. Büchern, aber auch jeg—
licher Geringſchätzung durch die meiſterhafte Ue—
berſchrift vor: „Apokrypha, das ſind
Bücher, welche der heiligen Schrift
nichtegleich zu achten und doch nütz—
lich und gut zu leſen ſind.“
Urtheil kann mit Recht als das Urtheil der gan⸗
zen luth. Kirche angenommen werden, da in ihr
die luth. Bibelüberſetzung entſchieden kirchliches
Anſehen genießt.

Wöhrend nun die Reformirten im Allgemci—
nen mit dieſem Urtheil übereinſtimmen, ſind die
Römiſch-Catholiſchen in entſchiedenem Gegenſatz
dagegengetreten. Man wollte nämlich die herr—
ſchende Praxis, die apokr. Vücher den canon.
gleichzuſtellen, nicht aufgeben, weil man damit
den Proteſtanten das Zugeſtändniß gemacht hät⸗
te, daß dieſelben in einem wichtigen Punkte die,
Jahrhunderte hindurch verkannte, Wahrheit an's
Licht gebracht hätten; man verkannte, daß die
Kirche nimmermehr das Recht habe, Bücher, die
aller Zeugniſſe für ihre göttliche Glaubwürdig—
keit ermangelten, zu der Würde von canon. Bü—
chern zu erheben; man beharrte in der längſt
herrſchend gewordenen Vermengung von Men—
ſchenwort und Gotteswort, und endlich wollte
man die ſcheinbaren Beweisſtellen für gewiſſe
Lehren nicht gern verlieren, z. B. das Buch To-—
biä für die Lehre von Schutzengeln, das 2 Buch
der Maccab. 12, 42 für das Fegefeuer und die
Fürbitte für die Todten. Daher ging die Kir⸗
chenverſammlung von Trident, die vom Jahre

Dieſes

Von da an nahm

1545 an gehalten wurde, ſo weit, daß ſie alle die⸗
jenigen mit dem Fluche belegte, welche nicht alle
in der röm. Vulgate oder latein. Bibelüberſ⸗
tzung enthaltenen Bücher für heilig und cans⸗
niſch hielten.

Dieſer unrechtmäßigen Erhebung der apokry⸗
phiſchen Bücher ſetzte man ihre unverdiente Ver—
bannung entgegen, namentlich von Seiten der
proteſtant. Bibelgeſellſchaft in England. Seil
ihrer Stiftung im Jahre 1804 war es iht
Grundſatz geweſen, in den von ihr ausgehenden
Bibelausgaben die Apokryphen wegzulaſſen,
worin ihr auch die ſpäter geſtiftete Rordameri—
kaniſche Bibelgeſellſchaft nachfolgte. Dennoch d
aber unterſtützte die engliſche Bibelgeſellſchaft bis
zum Jahre 1826 immer auch ſolche Bibelgeſell⸗
ſchaften des Feſtlandes, welche Bibeln mit Apo⸗
krophen verbreiteten. Um dieſe Zeit aber erhob.“
ſich dagegen von dem proteſtant. Schottland aus
ein ſolcher Widerſpruch, daß endlich jene Bibel⸗
geſellſchaft ſich entſchieden gegen alle Verbreitung
der apokryphiſchen Bücher erklärte und damit
nicht nur die Grundſätze aller Proteſtanten iu
Bezug auf dieſe Bücher verleugnete, ſondem
auch durch ihre Handlungsweiſe Millionen den
Segen derſelben entzog. den ſie ſo lange in der
chriſtlichen Kirche gehabt hatten.

In Deutſchland wurden damals durch dieſe
Streitfrage keine auffallenden Bewegungen her⸗
vorgerufen; denn die dortigen Bibelgeſellſchaf⸗
ten erklärten ſich mit wenigen Ausnahmen füt.
die Beibehaltung der Apofryphen, indem ſie ſich
für nicht berechtigt erklärten, an dem kirchlichen
Herkommen etwas zu ändern. Erſt ſeit einigen
Jahren eutſtand ein lebhafter Krieg gegen dieſe!
Bücher, der jetzt noch fortdauert. Die Angriffe
kommen aus den verſchiedenſten Gegenden und
gehen in gleicher Weiſe von Lutheranern (3. B.
Pfr. Krauſſold in Fürth, Pfr. Kluge in Bern—
ſtadt in Schleſien,‚) von Reformirten u. Nuirttn
aus. Einem aufmerkſamen Beobachter wird es
nicht entgehen, daß alle dieſe Angriffe mehr oder
weniger unter dem Einfluſſe eines ſonſt ſehr eh—
renwerthen Mannes ſtehen, nämlich des Dr.
Marriott in Baſel, des Herausgebers der Zeitz
ſchrift, „der wahre Proteſtant,“ deſſen Aufgabt
die Bekämpfung des röm. Katholicismus iſt. ö
Derſelbe hatte einen Preis für die beſten An—
griffe gegen die Apokryphen ausgeſetzt, worauf
nicht weniger als 19 Schriften eingingen, von
denen 2 den Preis gewonnen, nämlich eine mehr
gelehrte Schrift von Licentiat Keerl, und eine
mehr populäre von dem eben erwähnten Pfr.
Kluge. Beide Schriften wurden im vorigen
Jahre auf dem Kirchentage in Bremen unent⸗
geltlich ausgetheilt. „Wenn man Alles,“ ſagt
der Verfaſſer jenes Aufſatzes, „was in den an⸗
geführten Schriften gegen die Apokryphen auf⸗
geſammelt iſt, in ſich aufgenommen hat, und
dann von Reuem ſich ihnen nähert, ſo fühlt man
ſich nur um ſo mehr angezogen von dem Geiſte
lebendiger Gottesfurcht, der uns aus ihnen ent—
gegenweht. Es gehört nur ein gar geringet
Grad von Unbefangenheit dazu, um dieſen na⸗
mentlich in Büchern, wie Jeſus Sirach, die
Weisheit, Tobias, Baruch, das erſte Buch der

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