Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 20 › Seite 132

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-04-26, Seite 132

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nen Chriſtum predigen dürfte.“ Anfangs hielt
er dieſen Gedanken zwar für eine ſchlimme An-—
fechtung und ſeufzte deshalb unabläſſig zu Gott,
ibn daraus zu erretten, doch koͤnnte er im J.
1710 es nicht laſſen, einen „Vorſchlag zur Be—
kebrung u. Erleuchtung der Grönländer“ auf—
zuſetzen u. an die lutheriſchen Biſchöfe zu Ber—
gen und Drontheim zu ſenden. Dieſe antwor⸗
teten ermunternd; als aber die Sache bekannt
wurde, drangen Verwandte und Freunde und
Anfangs auch die eigne Hausfrau Gertrude ſo
mit Klagen und Bitten auf ihn ein, daß er oft
in Verſuchung war, nicht weiter daranzu den—
ken. Da hielt ibm denn der HErr Tag und
Nacht vor ſein Wort Matthäi 10, 37: wer
Vater eder Mutter mehr liebt, denn mich, der
iſt mein nicht werth; ja Gott wandte Gertru⸗
dens Herz, daß auch ihr Wille ſich beugte und
„ſie zuletzt ein eben ſo brünſtiges Verlangen
trug als ihr Mann, Grönland zu ſehen u. daß
das Reich Gottes dort gepflanzt werde.“ Von
dem an that Egede, was in ſeinen Kräften
ſtand, zur Förderung des Werks, um ſo eifri—
ger, da im J. 1714 in Kopenhagen vom gott—
ſeligen Könige Friedrich IV., der auch König
von Norwegen war, ein Miſſionscollegium er—
richtet wurde, welches Prediger des Evangeli—
ums unter die Heiden, z. B. in Oſtindien,
ausſandte. Dennoch ſchien Alles vergebens zu
ſein, da der Krieg, welchen Dänemark damals
mit Schweden führte, kein Friedenswerk der Art
aufkommen ließ. Egede legte zwar im J. 1717
ſein Amt nieder und zog 1718 nach der See—
ſtadt Bergen, um die Sache deſto eifriger und
ungehinderter angreifen zu können. Die Kriegs—
noth ließ nach im J. 1718, da König Karl
XII. ven Schweden vor der Feſtung Friedrichs—
hall erſchoſſen wurde, auch König Friedrich IV.
nahm allmälig ernſtlicheren Antheil an dem Un—
ternehmen, doch erſt im J. 1721, alſo 3 Jahre
ſpäter, wurde ein Schiff, die Hoffuung genannt,
zur Fahrt nach Grönland beſtimmt und Egede
zum Miſſionar berufen. Wie Jakob 14 Jahre
lang um Rahel, ſo hat Hans Egede 14 Jahre
lang um das Predigtamt unter den heidniſchen
Grönländern geworben. ö

Am 3. Mai 1721 fuhr Egede ſammt ſeiner
Familie, die Schiffsmannſchaft eingerechnet in
Allem 46 Menſchen, von Bergen ab und er⸗
blickten ſchon am 12. Juni die Südſpitze von
Grönland. Vor ſich ſahen ſie hohe Eisberge
und Schneefelſen, nirgends eine Oeffnung, ja
nachdem ſie 12 Tage lang zwiſchen dem Treib—
eiſe auf u. abgefahren waren, wurde ihr Schiff
während eines Südſturmes zwiſchen Eisbergen
eingeklemmt. Vor Menſchenaugen war nur
vorauszuſehen, daß das Schiff bald zermalmt
ſein würde. Aber ſchon in der folgenden Nacht,
als Egede, durch inbrünſtiges Gebet geſtärkt,
eben die Seinen und die Schiffsmannſchaft trö⸗
ſtete, legte ſich der Sturm und die Eisberge wi⸗
chen durch ein Wunder Gottes. Am 3. Juli
kamen ſie an einen Hafen, den „Hafen der Hoff⸗
nuag“ bei der Inſel Imerikſok, und am 8. Ju⸗
li begannen ſie ein Gebäude von Torf u. Stein.
Schaarenweis kamen die Grönländer hinzu u.

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bedeuteten Egeden, daß er dort den Winter nicht
werde aushalten können, legten indeß ſelbſt mit
Hand an, als ihre Vermahnungen nicht beach—
tet wurksen. Das Haus wurde vollendet am
31. Auguſt, da Egede in demſelben den 117.
Pſalm predigte. Er begann nun ſein Amt als
Prediger unter den Heiden.

Die Grönländer, welche damals ihre Win—
terzelte bezogen, wichen zuerſt ſcheu vos den
fremden Leuten zurück, doch um die Weihnachts—
zeit wurden ſie dreiſter; einer der Begleiter Ege—
de's, Aron, namentlich fand Wohlgefallen bei
einem Grönländer, Arok, der fortan Fürſprecher
Egede's bei ſeinen Landsleuten wurde. Doch
hatte er viel Noth wegen des ſcheuen Weſens der
Heiden, nicht minder aber auch von ſeinen eig—
nen Leuten, welche oft über den Mangel an gu—
ten Nahrungsntitteln u. die Mühſale der Jagd
murrten und ſich nach Hauſe ſehnten, wie die
Kinder Israel nach den Fleiſchtöpfen Egyp—
tens. Aber Hans Egede glaubte und konnte
beten und ſo erhielt er einen Sieg nach dem an—
dern. Wie ſchwer war nicht die Grönländiſche
Sprache zu lernen! Aufangs mußte er ganz
leiſe mit den Grönländern ſtammeln und ihnen
durch Zeichen einigen Eindruck von Gott in's

Herz zu geben ſuchen. Er merkte ſich bald das
Wort „Pina“ zu deutſch: wie heißt das? Da—
mit nun erkundete er die Namen aller mögli—
chen Gegenſtände und ſchrieb ſie ſich auf. Oft
malte er den Grönländern ſeine Predigt mit al—⸗
lerlei Bildern in den Sand oder Schnee.
zu mußte er auch viel neue Worte für ihre
Sprache erfinden; denn, ſpricht er, ſintemal
dieſe Menſchen allem Gottesdienſt fremd ſind,
und ich nicht Worte in ihrer Sprache zu finden
vermag, mittelſt welcher die weſentlichen Ge—
beimniſſe unſeres Glaubens (wie Schöpfung,
Glaube, Liebe) ihnen erklärt werden könnten,
ſo muß man für's erſte ſolche Wörter aus un⸗
ſerer Sprache dazu entlehnen, welche durch Zei—
ſchen und Bilder weiter erklärt werden können,
bis ſie den Sinn davon einigermaßen faſſen.
Um dieſe Arbeit zu treiben, mußte er ſo viel wie
möglich unter den Grönläudern ſelbſt leben.
Da fuhr er denn oft auf ſchwachem Boote durch
die brauſende eiſige See, deren Wellen vom
Sturm hereingeworfen u. ſogleich zu Eis wur—
den, daß er von dieſer Laſt gedachte unterzuſin⸗
ken; bald war er in Gefahr, vom Sturm in die
offene See hinausgetrieben zu werden; bald
war er zwiſchen Klippen und Eisbergen einge—
klemmt, die ihn zu zermalmen drohten; dann
drohten ihm die Füße zu verfrieren, ſo daß er ſie
üder dem Segeln zum Schiffe hinaus in's Waſ⸗
ſer herabhängend halten mußte, weil ſie ſonſt
gärzlich erſtarrten; die Grönländer, ſo tüchtige
Seeleute ſie ſind, ſtaunten oft über ihn und
wagten nicht, es ihm gleich zu thun. Ein an⸗
der Mal wanderte er Meilen weit im tiefen
Schnee über Berg und Thal gegen den ſchnei—
denden Wind an, verfehlte auch wohl die ge—
ſuchten Wohnungen und mußte auf offenem
Felde übernachten; und wenn er Häuſer und
Grönländer fand, welche Qual, da zu liegen
in den ſchmutzigen Hütten unter den ſchmutzigen

Da⸗

Menſchen, während der Schnee hereinſtürmte
und unter der Laſt deſſelben unterweilen das
Dach einbrach u. Alles zu zerſchmettern drohte.
Faſt ſtets im Winter kam er mit den Kleidern
am Leibe feſtgefroren nach Hauſe, ſo daß ſein
Predigermantel, in welchem er gewöhnlich ging,
aufrecht ſtehen konnte. Allein dieſe Mühſal
kümmerte ihn nicht, getroſt arbeitete er ſelbſt vor—
wärts und erzog auch ſeine Söhne, Paul und
Niels, die das Grönländiſche als ihre zweite
Mutterſprache lernten, zu grönländiſchen Pre—
digern. So ſtumm oder ſtammelnd auch da⸗
mals ſeine Liebe ſein mußte, bald lernten die
Grönländer ihn achten, bald ſogar lieben, um
ſo mehr da ihre Angekoks (Zauberer) ihnen er—
klärten, er ſei ſelber ein großer Angekok, alſo
keineswegs gekommen, um ihnen zu ſchaden.
Gott war mit Seinem treuen Knechte.

Während dieſer Mühſale kam Egede in Ge—
fahr, von ſeinen Begleitern allein zuräckgelaſ—
ſen zu werden. Da nemlich das Schiff, wel⸗
ches von Dänemark aus verſprochen war, nicht
ankam und nun die Lebensmittel, die man von
Europa mitgebracht hatte, zu Ende gingen,
wollte der größte Theil des Schiffsvolkes heim—
kehren und packten bereits ein. Egede rührte
indeß keinen Finger und rief den Einpackenden
zu, ſie würden bald wieder auspacken müſſen.
Er hatte recht vorausgeſagt. Im Juni 1722
kamen, ſtatt eins, zwei Schiffe, welche durch
ſchlimmes Wetter auf der See zurückgehalten
waren. Ein bequemerer Bauplatz und Hafen
wurde jetzt aufgeſucht und dort die Anſiedlung
Godthaab (Gute Hoffnung) gebaut. Gottes
Segen war offenbar bei allem Werk. Egede
nahm zwei grönländiſche Knaben in ſein Haus,
um aus ihnen Lehrer heranzubilden, u. ſchrieb
in grönländiſcher Sprache die „Einfältigen Ka—
techismusfragen“ für ſeine Schüler. Bon Mon⸗
tag bis Freitag zog er in der Negel von einer
Hütte zur anderen und unterrichtete; Sonna—
bends arbeitete er daheim auf die ſonntägliche
Predigt. Mehr und mehr kamen ihm die Hei⸗
den entgegen und das Gerücht von dem pelles-
Se, d. i. Prediger, verbreitete ſich über das ganze
Land, ſo daß nicht ſelten Leute aus weiter Fer⸗
ne kamen, ihn zu hören und namentlich auch
die Bilder zu ſehen, mit welchen er ihnen die
bibliſche Geſchichte u. dgl. m. vorzuſtellen ſuch—
te. Bis zu dieſer Stunde, ſchreibt er im J.
1722, habe ich keine ſonderliche Andacht oder
Bewegung bei ihnen vernommen, doch beginnt
nach und nach der Geiſt u. das Licht der Wahr—
heit bei ihnen durchzuſchimmern.

Im J. 1723 kam von Kopenhagen der Pre⸗
diger Albert Top und legte, nachdem er bei
Egede die Anfangsgründe der Grönländiſchen
Sprache gelernt hatte, die Kolonie Nepiſene an.
Die Schiffe, welche in dieſer Zeit kamen, be—
nutzte Egede, um die Küſten Grönlands weiter
hin zu unterſuchen; er fand die Kirchentrümmer
aus den Tagen der alten Norweger und pre⸗
digte hin und her unter den Grönländern, wel⸗
che jetzt ſchaarenweis zu ihm heranſtrömten und
ihn oftmals zu Hunderten von einem Orte zum
anderen begleiteten. Nicht genug konnten ſir

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