Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 20 › Seite 115

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-04-26, Seite 115

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(Einge ſandt von Dr. Sihl er.)
Unioniſtiſch- kirchliche Anſchauungen des
Hrn. Profeſſors Ph. Schaff.

II. Artikel.

Wie dies Urtheil über das Pabſtthum, ſo hat
ſich nun auch, wie Herr Schaff ferner bemerkt,
das „über die andern hervorragenden Erſchei⸗
nungen des Mittelalters, die Kreuzzüge, die
Mönchsorden und ihre Stifter, die religiöſe
Kunſt, die Scholaſtik und Myſtik in demſelben
Maße günſtiger geſtaltet, als ſie aus dem Stau⸗
be der Vergangenheit an's Tageslicht gezogen
und in ihrem ganzen Zuſammenhange bekannt
wurden. . . . . . . In dieſer veränderten An⸗
ſchauung des Mittelalters liegt nun aber ein
enormes Zugeſtändniß an den Katholicismus
und ein tödtlicher Schlag für den bigotten Ul—

traproteſtantismus.“

Herr Profeſſor Schaff hätte uns nun gewiß—
lich keinen geringen Gefallen gethan, wenn er
ſich etwas näher über dieſen „bigotten Ultra⸗
proteſtantismus“ erklärt hätte, ob er nämlich
die ſchriftgemäße Anſchauungsweiſe der luthe⸗
riſchen Kirche von jenen „hervorragendeu Er—
ſcheinungen des Mittelalters“ auch darunter be⸗
greife, oder blos die puritaniſch- geſetzliche der
Neformirten; denn was jene betrifft, ſo hat ſie
einen fröhlichen Muth, ihres geſunden Grun—
es und guten Gewiſſens ſich bewußt, daß der
Schlag nicht gar ſo „tödtlich“ ſein werde, den
ſie durch die unioniſtiſche Anſchauungsweiſe je—
ner Erſcheinungen erleiden werde; denn dieſe
führt eben keinen ſo kräftigen Arm und mächti—
ges Schwert, deſſen gewaltige Streiche alles
Feindliche und Fremdartige darnieder würfe,
nämlich das Schwert des Geiſtes, das Wort
Gottes; denn an dieſes, als Regel und Richt⸗
ſchnur, als Licht und Leuchte, müſſen doch am
Ende mittel- oder unmittelbar, alle Erſcheinun—
gen der Kirchen- und Weltgeſchichte gehalten
und von ihm gerichtet werven.

Vielmehr iſt es den gelehrten Herrn Unioni⸗
ſten eigenthümlich — da ſie eben keinen gewiſ—
ſen Grund der Lehre haben — auch weiter hin⸗
aus den Maßſtab des göttlichen Wortes nicht
ſonderlich anzuwenden, ſondern in ihrem krank—
baften liebelnden und menſchelnden Pietismus
einen großen Reſpekt vor allem menſchlich Groß⸗
artigen und Scheinbaren zu beweiſen und in
Vergangenheit und Gegenwart dem Menſchen⸗
geiſte mit ſeinen Gaben und Kräften dieſe und
jene Denkmale zu errichten, ja ihm hin und her
ſogar Capellchen an den großen Dom der Kirche
anzubauen.

Doch wollen wir bigotten und bornirten Lu⸗—
theraner gerne von den Unioniſten lernen, wenn
ſie uns etwas Rechtſchaffenes lehren können, das
der Prüfſtein des göttlichen Wortes als wahr
befindet. Sie mögen uns alſo die Ausbeute der
neueren Forſchungen nicht vorenthalten und uns
den Nachweis führen, wie z. B. die Kreuzzüge
und die Mönchsorden nicht etwas weſentlich
Krankhaftes ſeien; denn bis jetzt können wir,

— 114—
die Sache nach der Geſundheit des evangeliſchen

Glaubens und Lebens beurtheilt, nur etwas

Krankhaftes darin entdecken.

Mögen nämlich auch dieſe und jene Einzel⸗
nen der Kreuzfahrer u. Mönche einfältige und
aufrichtige Chriſten geweſen ſein, die durch Be—
wahrung des heiligen Geiſtes bei ſchon damali⸗
ger Verderbung der Lehre, auf dem 2. Artikel
des chriſtlichen Glaubens feſtſtanden, ſo ſind u—
bleiben doch beide Thatſachen, als geſchichtliche
Ereigniſſe, krankhafte Erſcheinungen, deren Ent—
ſtehung von Innen her nur aus der Verſchüt—
tung und Unkenntniß der evangeliſchen Lehre zu
begreifen iſt; denn wäre damals die evange⸗
liſche Lehre von der Rechtfertigung als ge—
meinſames Kirchenlicht, Kirchengut, Kirchen—
ſchatz in ſolcher Anerkennung geweſen, als jetzt
innerhalb der evangeliſchen Chriſtenheit: ſo wä—
ren ſchwerlich die Kreuzzüge und weder damals
noch früher das Einſiedler-Kloſter-Mönchs⸗
und Narrenthum entſtanden; denn unleugbar
iſt es, daß beide einer geſetzlichen Werkheiligkeit
u. ſchwärmeriſchen Wahn, als innerlichem Ent⸗
ſtehungsgrund, ihren demgemäß unevangeli⸗
ſchen Urſprung verdanken. Ein geſunder evan⸗
geliſcher Chriſt nämlich und ſogar nach ſeinem
äußerlichen Berufe, ein Taglöhner oder Laſtträ—
ger, iſt gerade darin wahrhaft ein Geiſtlicher u.
Mönch, daß er innerlich, ohne ſeinen äußern
Beruf zu verlaſſen, ſtetiglich von der Welt aus—
geht und in Gott einkehrt, welches geſchieht
durch den Glauben; andererſeits aber iſt er
eben ſo ſehr dieſer oder jener beſtimmte Berufs⸗
menſch, indem er von Gott ausgeht und ſich in
der Welt, je nach ſeinem beſondern Beruf, als
Chriſt erzeiget, welches geſchieht durch die Lie—
be. Desgleichen liegt einem Chriſten von evan⸗
geliſcher Erkenntniß u. geſundem Glauben herz⸗
lich wenig an, ob er das gelobte Land und das
Grab des Erlöſers äußerlich mit beſitze und es
nicht in den Händen der Ungläubigen laſſe.
Die Hauptſache iſt und bleibt ihm, daß er durch
und in dem wahren und lebendigen Glauben
an den HErrn Chriſtum bereits jetzt in der
Stadt Gottes und im himmliſchen Jeruſalem
geiſtlich lebe, daß ſein Wandel im Himmel und
daß er ein Bürger mit den Heiligen ſei und
Gottes Hausgenoſſe, ja ein König und Prie⸗
ſter vor dem Herrn, er lebe nun leiblich in Pa⸗
läſtina oder in Grönland. Hat er doch Chri⸗
ſtum, ja den dreieinigen Gott durch den Glau⸗
ben in ihm wohnend, als in einem lebendigen
Tempel und beſitzt in Gott bereits das himm⸗—
liſche Canaan, was kann ihm ſo viel an dem ir—
diſchen liegen, vas doch dereinſt mit der Erde
verbrennen muß.

Auch hier gilt es, davon abzuſehen und von
dem eigentlichen Weſen dieſer Erſcheinungen zu
unterſcheiden, was ſie zufallens hin u. her Gu—
tes und Heilſames gewirkt haben, als z. B. die
Evangeliſirung unſerer Väter durch iriſche und
engliſche Mönche, was dieſe aber nicht als ſol—
che, ſondern als lebendige und begabte Chriſten
ausrichteten; und was ähnlicher Weiſe in der
beſſern Zeit der Klöſter und Kloſterſchulen im
deutſchen Mittelalter zur Chriſtianiſirung und

Sittigung unſerer Väter durch gottſelige und
begabte Mönche geſchehen iſt.

In Hinſicht auf „religiöſe Kunſt“ ſo wird es
wohl Herrn Profeſſor Schaff nicht unbekannt
ſein, daß die lutheriſche Kirche niemals die pu—
ritaniſch- geſetzliche Anſchauungsweiſe getheilt
hat und auch jetzt nicht theilt; vielmehr geht ſie
auch hier, an der Hand des göttlichen Wortes,
zwiſchen dem abergläubiſchen Mißbrauch oder

doch nur einer unbeſtimmten Gefühls-Myſtik

der heiligen Kunſt, wie beides in der römiſchen
Kirche ſtattfindet, und andererſeits dem ratio⸗
naliſirenden Nichtgebrauch derſelben bei den
Reformirten mitten hindurch, indem ſie den
Schmuck u. die Zierde der heiligen Kunſt nicht

verſchmäht, wo ſie zur Verherrlichuug GOttes

und zur Erbauung der Gemeinde dient. Da⸗
von zeugen ihre durch geiſtliche Poeſie u. Muſik
liturgiſch reich ausgeſtatteten kirchlich-erbauli—
chen mannichfaltigen ſchönen Gottesdienſte, ihr
edler Liederſchatz für Kirche u. Haus, und ſon⸗
derlich die Pflege der heiligen Tonkunſt, nicht
nur unmittelbar zum Dienſt der kirchlichen Er—
bauung der Gemeinde, ſondern auch mittelbar
zur evangeliſchen Kräftigung des Gemüths, da⸗
für z. B. Händelein ſeinen geiſtlichen Ora⸗
torien und noch mehr der tiefe und mächtige
Johann Sebaſtian Bach, ein rechter
Sohn der lutheriſchen Kirche ſelber, vornämlich
in ſeinen Paſſions⸗Oratorien ſo Großartiges
geleiſtet haben, daß ſie darin von keinem Ila—
liener erreicht werden.

Ebenſo wenig aber verſchmäht die lutheriſche
Kirche auch die bildende Kunſt, wo ſie irgend
mittel-oder unmittelbar der evangeliſch-gläu⸗
bigen Anſchauung ihrer Kinder dienſtlich und
förderſam iſt, wie ſie denn gern ihre Gottes—
häuſer mit edlen Gemälden und Bilderwerken
z. B. aus dem Leben und Leiden des HErrn
ſchmückt und wo ſie dergleichen früher mit rö—

miſch-katholiſchen Kirchen überkommen hat, kei⸗

neswegs einen bilderſtürmeriſchen Krieg dawi—
der erhebt, wie das übergeiſtliche Fleiſch der Re⸗
formirten gethan hat.

Aber auch in Hinſicht auf Scholaſtik u. Mu⸗
ſtik iſt ſich die lutheriſche Kirche bewußt ein ge—
rechtes Urtheil gefällt zu haben; denn was zu⸗
nächſt die erſtere anbelangt, ſo hat ſie dieſelbe
nicht ſchlechthin über Bord geworfen, ſondern
nur die Verderbniſſe durch pelagianiſchen und
papiſtiſchen Sauerteig, ſammt den läppiſchen
Wortkriegen und Schulgezänk, deſſen die ge⸗
meinen ſophiſtiſchen Scholaſtiker voll ſind, ſo
wie den Ariſtoteliſchen Schulzwang und todten
Formalismus; was aber in den edleren Scho—
laſtikern noch von zu Grunde liegender geſunder
Wahrheit im Einzelnen geborgen und gerettet
iſt, das erkennt ſie an.

In Betreff der Myſtiker ferner, ſo ſcheidet die
lutheriſche Kirche auch hier, nach Gerechtigkeit
und Wahrheit, ſolche Erzeugniſſe, darin der be⸗
ſchauliche Sinn und die geiſtliche Uebung den
Schriftgrund weſentlich feſthält, von ſolchen Er—
zeugniſſen, die dieſen Grund fahren laſſen und
deshalb in eitel Enthuſiaſterei, loſe Träume,
Nebel u. Flatterwerk zerrinnen; es liegt durch⸗

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