Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 20 › Seite 119

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-04-26, Seite 119

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ich: Ich vergeſſe, was dahinten iſt, und ſtrecke
mich zu dem, was da vornen iſt; und jage nach
dem vorgeſteckten Ziele, nach dem Kleinod, wel—
ches vorhält die himmliſche Berufung Gottes in
Chriſto Jeſu. (Phil. 3, 12-—14.))

Nun, lieber Bruder! ich denke es wird für
dies Mal ſchier genug ſein. Ich hoffe, daß Du
mit mir Eines Sinnes biſt. Laß Dich ja in
dieſer fährlichen Zeit, wo der Unglaube und die
Geringſchätzung der ſeligmachenden Wahrheit
wie ein Krebs immer mächtiger um ſich greifen
und der Schmelzofen, worin der liebe Gott ſeine
Gläubigen läutert und auserwählt macht, im—
mer heißer wird, nicht berücken und aus Deiner
Feſtung locken. Bedenke ſtets, daß Du den
Schatz, den Dir der HErr Chriſtus erworben
und am Tage Deiner Taufe geſchenket hat, in
einem irdenen Gefäße trägſt, welches leicht, ſehr
leicht zerbrochen werden kann. Verſorge Deine
Lampe bei guter Zeit mit Oel, damit ſie nicht
verlöſche, wenn es mit einem Male, ehe wir's
vermeinen, heißen wird: der Bräutigam kommt,
ſtehet auf und gehet ihm entgegen! —

Gottes Gnade und ſeliger Friede ſei mit Dir
und Deinem ganzen Hauſe. Ich verbleibe in
herzlicher Liebe

Dein
treuer Bruder

Heinrich.

— — —
Warum iſt das Bekenntniß: Ich glaube
an die Bibel! nicht hinreichend?
(Schluß.)

Sieh' lieber Leſer, wenn du nicht mit ſolchen
bochweiſen Wortverdrehern willſt zuſammen ge⸗
worfen werden, ſo kann es dir nicht genug ſein
mit ſolchem Bekenntniß. Allen den Leuten ge⸗
genüber, die vorgeben, an die Bibel zu glau⸗
ben, dabei aber Alles ſich nach Gefallen ausle⸗
gen, heben wir Lutheraner unſren kleinen Ka—
techismus und die andern Bekenntnißſchriften
boch auf und ſprechen: So, wie es hierin kürz⸗
lich verfaßt und begriffen und aus Gottes Wort
einfach gezogen iſt, ſo glauben wir an die
Bibel; darin, in den ſchönen Bekenntnißſchrif⸗
ten iſt es recht gradaus und deutlich geſagt wie
Gottes Wort im rechten Glauben ſoll verſtan—
den werden. Da wird nichts verdreht und
gedeutelt, ſondern einfach u. groß ſteht's da u.
wenn du mir nur ſagſt: ich glaube was in mei⸗
nem kleinen Katechismus nach Gottes Wort zu⸗
ſammengefaßt iſt, dann weiß ich genug. Dann
bekennſt du mit mir: „Ich glaube, daß Jeſus
Chriſtus wahrhaftiger Gott, vom Vater in E—
wigkeit geboren und auch wahrhaftiger Menſch
von der Jungfrau Maria geboren, ſei mein
Herr“ ꝛc. — Dann antworteſt du mit mir auf
die Frage: Was iſt das Sacrament des Al—
tars? — „Es iſt der wahre Leib und Blut un—
ſres Herrn Jeſu Chriſti u. ſ. f. — kurz, dann
iſ's aus mit dem Wortverdrehen und Deuteln
und iſt ein feſt Wort und ein feſter Elaube und
ein feſt Bekenntniß da.

—118—

Darum iſt's alſo zum zweiten nicht genug,
blos zu ſprechen: ich glaube an die Bibel, ſon—
dern es muß auch geſagt werden wie du an die
Bibel glaubſt.

Zumdritten ſei noch eins angeführt, das
mit dem Vorigen eng zuſammen hängt. Es iſt
nicht genug blos zu ſprechen: ich glaube an die
Bibel, — weil, wenn Jederder Got—
tes Wort in Schule und Kirche leh—
ret, dieſelbenach eigenem Gutdün-
kenauslegen darf, die armen Chri⸗
ſten-Gemeinden nimmermehr ei⸗
nen feſten Glauben bekommen.

Denke nur einmal nach, wie es eben unter
uns ſteht. Wie vielerlei Glaube iſt allein in
deiner Kirche, lieber Leſer, ſeit dir's gedenkt, ſchon
gepredigt worden?“) Gewiß ſo vielerlei Glaube,
als Pfarrer da droben auf der Kanzel geſtanden
haben. Da kommt in eine lutheriſche Gemeinde
einmal ein Prediger, der ſpricht: ich glaube an
die Bibel, iſt aber reformirt und lehrt alſo refor⸗
mirten Glauben. Dann kommt Einer, der nennt
ſich evangeliſch oder unirt, und behaup⸗
tet an die Bibel zu glauben und predigt, wiers
ihm in den Sinn kommt, bald lutheriſch, bald re⸗
forirmt, bald chriſtlich, bald unchriſtlich ſchwankt
hin und her wie ein Rohr im Winde! —

Dann kommt Einer, der predigt von Gottes
Sohn, von Einem Erlöſer, der für uns geſtor⸗
ben, von Glaube und Gnade und Rechtferti⸗
gung, legt ſich aber dieſe hochwichtigen Worte
ganz anders aus, als heilige Schrift und dit
lutheriſche Kirche ſie verſtanden wiſſen will.
Dann kommt wieder ein Anderer, der macht
ſüßliche, feine Reden, alſo daß die alten Frauen
alle Sontage in der Kirche weinen, aber vom
Glauben am Ende gar nichts hören. Darauf
kommt ein Anderer, der hält Sittenpredigten
und ſagt den Leuten immer was ſie thun ſol⸗
len, — woher ſie aber ſollen Kraft nehmen zum
Thun und Troſt für ihre Sünden, davon ſpricht
er nichts. Und zufällig, — nein nicht zufällig,
ſondern durch Gottes Gnade kommt dann auch
einmal ein treu lutheriſcher Paſtor auf die Kan⸗
zel, der den rechten Glauben predigt, wie er im⸗
mer hätte ſollen gepredigt werden von rechts
wegen, — aber da iſt's dann zumeiſt bereits ſo
ſchlimm geworden mit dem Unglauben, daß die
Leute arg zanken und ſchelten über die ſcharfen,
lutheriſchen Prediger. Die Herrn aber, die den
lutheriſchen Glauben von der Kanzel herab zer—
ſtört haben, ſprechen alle: wir glauben an die
Bibel! — Siehſt du nun, was damit geſagt
iſt? Noch gar nichts, da wiſſen wir immer
noch nicht, wie wir eigentlich mit ſolchem Manne
dran ſind; wir müſſen durchaus ein beſtimmtes
Bekenntniß haben.

Und grade ſo, wie in der Kirche, geht es auch
in der Schule, auch da kommt un ter 20 Lehrern
kaum einmal einer in eine luth. Gemeinde, der
den rechten Glauben lehrt.

*) Der Schreiber redet hier davon, wie es in den Dem⸗
ſche Gemeinden hergeht, wo man die ſymboliſchen Bücher
nicht mehr gelten und die Prediger darauf ſchwören läßt.

Nun bitte ich dich, lieber Leſer, was ſoll denn
dabei aus den armen Gemeinden werden? In's
bei ſolcher Wirthſchaft zu verwundern, daß es
ſo ſchlimm iſt? — Mit dem alten Liede müſſen
wir klagen:

Ach Gott vom Himmel ſieh' darein

Und laß dich deß erbarmen,

Wie wenig ſind der heil'gen dein,
Verlaſſen ſind wir Armen!

Dein Wort man läßt nicht haben wahr,
Der Glaub' iſt auch verloſchemgar
Beiallen Menſcheukindern.

Es kann aber nicht anders ſein, da die Pre⸗
diger u. Lehrer nicht einerlei Glauben predigen,
ſondern bald ſo, bald anders, nach ihrem Gul⸗
dünken. So iſt's denn durch die Schuld der
Prediger und Lehrer, die ſelbſt nicht luth. Glau⸗
ben hatten, — „durch die falſchen Propheten,“
wie ſie ein alter Bauer in meiner Gemeinde
nennt, dahin gekommen, daß die Gemeinde kei—

nen feſten Glaubensgrund mehr hat, — und

daher kommt all unſer Elend und Unglück.

Soll es mit uns beſſer werden, ſo muß wie⸗
der das Wort rein und lauter gepredigt und das
Volk im wahren und in einerlei Glauben un ter⸗
wieſen und erzogen werden.
dahin kommen, daß eine lutheriſche Gemeindt
durchaus keinen Lehrer u. Paſtor bekommt noch
annimmt, der nicht gut lutheriſch iſt und ernſ—
lich verſpricht, auch gut lutheriſche Lehr vorzu—
tragen.

Wenn nun ein Lehrer oder Pfarrer in deiner
Gemeinde ſoll angeſtellt werden, — ich meine hier
in einer luther. Gem. — da iſt es Pflicht, nur
einen ſolchen zu ſchicken, der ſelbſt lutheriſch in
und nicht nur ſo heißt. Thun die Behörden
das nicht, dann iſt's Schuldigkeit der Ge⸗
meinde hinzugehen zu dem Pfarrer oder Lehrer
und zu fragen: Was iſt dein Glaube?
Sagt er, wie es dann meiſt geſchehen wird: ich
glaube an die Bibel! — ſo wiſſen wir ſchon,
was wir an der Antwort haben. Damit ſind
wir noch nicht zufrieden, denn das ſagen uns
dir Deutſchkatholiken und Lichtfreunde auch, ſon⸗
dern wir wollen's genauer wiſſen. — Biſt du lu⸗
theriſch, — oder reformirt, — oder wie. Glaubſt
du den kleinen Katechismus von Anfang bis
zu Ende und willſt du darnach treulich predigen
und lehren und nicht ein Wörtlein davon ab—
weichen?“ — Sagt er darauf ein herzlich und
aufrichtig ja und verſpricht's treulich alſe zu
thun, — gut, dann iſt der Mann recht und wir
wiſſen, weſſen wir uns zu verſehen haben. Be—
kommen wir aber keine beſtimmte Antwort und
beißt es wieder: ich glaube an die Bibel! —
dann iſt der Maun nicht lutheriſch, — ſondern
hat irgend einen andern Glauben oder auch
Unglauben, — und ſo kann er von Got und
Rechts wegen nie und nimmer in einer luth.

Gemeinde Lehrer oder Prediger werden. Gegen
ſolche Leute ſollten alle luth. Gemeinden einkom⸗

men und ſollten's durchaus nicht dulden, daß
das Unkraut falſcher Lehre in der Gemeindt
ausgeſtreut werde. Solche Treue fordert der
Herr von uns (Offenb. 2, 10).

Es muß wieder

2222— ae

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