Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 21 › Seite 190

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-06-10, Seite 190

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Von der Lebensregung in der lutheriſchen
Kirche und für ſie. ö
(Zum Eingang des Jahres 1851,)
(Ans Piarrer Löhe's kirchlicheu Mittheilungen
aus und über Nord⸗Amerita.)

Als wir im Jahre 1842 unſere Wirkſamkeit
für die Intheriſche Kirche in Nordamerika began⸗
nen, ſahen wir die lutheriſche Kirche Deutſch—
lands nicht wie ein Muſter und Vorbild an,
nach welchem die Kirche über dem Meere erzogen
werden ſollte. Mit Ausnahme der neuerſtan⸗
denen lutheriſchen Kirche in Preußen begegnete
uns wenig tröſtliches, wenn wir das Auge
über das Vaterland ſuchend hinſchweifen ließen.
Ganze Landeskirchen waren von der Union ver⸗
ſchlungen, ohne daß ſich jemand ſeines Glau⸗
bens gewehrt hätte, und was noch den Namen
lutheriſch trug, führte ihn größtentheils mit
Unrecht, ſchämte ſich wol noch ſeiner. So ganz
war alles in die Hände des Unglaubens und
der Lauheit gerathen, daß ein Lutheraner, wenn
irgendwo einer auftrat, in den eigenen Grenzen
für einen Fremdling angeſehen wurde. Von
einem Nechte des lutheriſchen Glaubens, in den
alten Grenzen gehegt oder gepflegt zu werden,
war keine Rede mehr. Es war in Deutſchland
nicht beſſer als in Nordamerika,‚, und es waren
hier wie dort nur wenige, die das beklagten.
Es iſt noch kein Jahrzehent, und es iſt vieles
anders geworden. Die lutheriſche Richtung
hat in Nordamerika einen nicht geahnten Fort⸗
gang gehabt; eine geſtrenge Schaar rechtgläu—
biger Paſtoren hält dort des HErrn Hut; es
iſt wie wenn zu ihnen die lutheriſche Kirche
ausgewandert und für die alte deutſche Heimath
keine große Hoffnung mehr wäre; wenigſtens
benehmen ſie ſich ſo, und ſelbſt die Wolwollend⸗
ſten unter ihnen ſchauen mit ernſter Beſorgnis
zu uns herüber. Und doch regt ſichs auch bei
uns und zwar nicht mehr ſo gar im Verborge⸗
nen, daß man nicht mit Fingern auf die neue
Lebensregung hindeuten und freudig ausrufen
könnte: da, da! Zwar die rechtgläubigen Lei⸗
ter der lutheriſchen Landeskirche werden große
Noth haben, wenn ſie die hausgeſeſſenen Feinde
nicht mehr anerkennen und auf — ich will nicht

einmal ſagen kirchlich confeſſionelle, ſondern nur

chriſtliche Entſchiedenheit dringen wollen. Wie
ſollen ſie das vielköpfige Ungeheuer des Unglau⸗
bens und ſein Gewürm und Geſchwirm los
werden und wann wird man anders als im
Vertrauen auf den Schlaf und die Blindheit des
gottloſen Volkes lutheriſches Weſen fördern kön⸗
nen? Aber ſeis drum; es ſind doch auch in
den Landeskirchen die hervorragenden Männer
dem Glauben der Väter zugethan, und wenn
ſie das Übel nicht bewältigen können, wie ſie
wünſchen, umſonſt iſt ihr Bemühen doch auch
nicht. Sie ſinden doch Gehilfen in Arbeit und
Gebet, ein Schläfer nach dem andern wacht auf,
die Zahl und Macht der Beſſeren mehrt ſich;
ver Kampf iſts werth, daß man auch ihm ein
Glückauf zu rufe und nicht ſein Ende beſchreie.
Moge es gelingen, daß die Landeskirchen auf
dem gefahr⸗ und mühevollen Wege des Zuwar⸗

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tens und der allmähligen ſtillen Bewältignng
der Verhältniſſe werden, was ſie ſollen! —
Während ſich aber die Landeskirchen mühen
und Laocoon mit den Schlangen ringt, grünt
es hie und da auf dem Boden der Union und
des Unglaubens aufs neue und es entſtehen
neue Gemeinden lutheriſchen Bekenntniſſes, wo
man es nicht gedacht hätte. Und ſo kräftig und
eifrig regt es ſich, daß es ſcheint, als wolle Golt
neben die müden Landeskirchen eine jugendliche,
von Staat und Staatsformen freiere lutheriſche
Kirche zur Erquickung und Stärkung ſtellen —
als wolle er die Landeskirchen durch ſie zum Ei⸗
fern reizen und die einen den andern zur Läu⸗
terung und Reinigung erhalten. Zwar die
Laſideskirchen ignoriren bis dato das Ganze ſo
ziemlich, es liegt für ſie im Frühlingsſproßen
der Kirche keine Belehrung. Sieht man doch

ſelbſt die mächtig heranwachſende lutheriſche Ge—

meinde in Preußen vom Standpunkt der Lan⸗
deskirchen noch immer wie eine Art von Secte
an, ſie, die in des HErrn Namen den Landes⸗
kirchen ein ganz anderes Geſicht zu zeigen beru⸗

fen iſt und deren Leben und Weſen in Wahrheit
lutheriſch genannt werden muß, am meiſten den

randeskirchen gegenüber. Mögen indeß die
Landeskirchen ignoriren und murren, wie der
ältere Sohn über die Hermkehr des jüngeren,
verloren geglaubten mißliebig ſchmollte: des
HErrn Thau iſt ein Thau des grünen Feldes
und fällt den neuen lutheriſchen Gemeinden zu.
Wenn es die Brüder in Norpamerika wüßten,
wenn ſies wachſen ſähen, wie es manchen unter
uns vergönnt iſt; ſie hätten trotz aller Verſchie⸗
denheit ihrer eigenen kirchlichen Neugeſtaltung

gewiß das Herz, ſich freuen zu können und wir

würden von ihnen herüber manch Hoſianna ver—
nehmen. Aber ſie ſehen nicht das Morgenroth
der alten Heimath; es iſt noch zu tief unter ih⸗
rem Horizonte. Darum bleibt auf ihren Stir—
nen die Beſorgniß finſterer als nöthig, ſtehen.
Dieſe amerikaniſchen Mittheilungen haben
von ihrer Entſtehung an das Schickſal, mehr
gekauft als geleſen zu werden. Die aber von
unſern Käufern, welche zugleich Leſer ſind, kön—
nen wir wol für Chriſten nehmen, die ein Herz
für die Ausbreitung des Reiches Gottes haben
— nicht bloß für die Ausbreitung unter den
Heiden, ſondern auch unter den ſogenannten
Chriſten. Sollte es nun dieſe nicht freuen, zu
merken, daß der Leuchter von Deutſchland nicht
genommen wird, ſondern daß ihn der HErr,
nun er hie und da wankt, anderwärts im Va⸗
terland aufgeſtellt und hell ſcheinen läßt? Wir

gönnen ihnen ſolche Freude und wollen ſie

ihnen in dieſen Blättern, die von
Nordamerikas Erleuchtung predigen und vor⸗
nehmlich handeln, zu weilen verſchaffen.
Amerika hat zuerſt die erneuernde Kraft des h.
Geiſtes erfahren, es führe den Reigen, aber es
ſei uns zuweilen auch vergönnt, einen Finger⸗
zeig auf das Frühlingsgrün im Vaterland zu
geben.

Seit Jahren erſcheint in Liegnitz. „Das
Kirchenblatt für die Gemeinen
evangeliſch-lutheriſchen Bekennt⸗

niſſes in den preußiſchen Staaten, herausge⸗
geben unter Mitwirkung ſämmtlicher Paſtoren
der bezeichneten Gemeinen von Ludwig Otte
Ehlers, Kirchenrath und Paſtor zu Liegnitz.“
Wer das Wachsthum der preußiſchen Gemein⸗
den, ihr inneres und äußeres Kämpfen und
Gedeihen kennen lernen will, der ſei darauf
verwieſen. Es iſt ein wohlfeiles Blatt und
bringt auch des Erbaulichen und Belehrenden
viel. Wir wollen von nun an zuweilen an
da ſelbe erinnern. Vor der Belebung der nord⸗
amerikaniſch-lutheriſchen Kirche lebte die Kirche
in Preußen wieder auf, und wenn wir oben.
Nordamerika als Chorführer nannten, ſo wars“
nicht die Meinung, daß die preußiſche Kirche
nicht zuvor die Poſaune gehabt hätte; wir rede⸗
ten nur don dem Blättchen. Es iſt derſelbe
Geiſt, der zuerſt in Preußen eine neue lutheri⸗
ſche Kirche ſchuf, welcher hernach übers Meer:
ging und wie hier die alten Wüſtungen bautt,
ſo dort auf dem jungfräulichen Boden der neuen
Welt die verlornen Kinder vereinte. Wer die
lutheriſche Kirche lieb hat, der ſehe auf die
preußiſche Kirche.

Es gibt aber auch noch Gegenden, von de⸗
nen auch das preußiſche Kirchenblatt nur wenig
bringt, entweder weil ſie, obwol zum preußi“
ſchen Staate gehörig, von dem Centralpunkt
der preußiſchen Kirche, von Schleſien und Bres⸗
lau zu weit entfernt ſind, oder weil ſie über⸗

haupt nicht zum preußiſchen Staate gehören.
Wir rechnen hieher inſonderheit die alte „Pfaf-
fenſtraße,“ die Gegend am Rhein zur rechten 1

und zur linken; Gott ſcheint ſich dieſelbe einnal
erwählt zu haben, um, weil die Sünde dort

mächtig geworren iſt, die Uebermacht ſeiner
Gnade zu offenbaren.

In den Niederlan⸗
den, wo reformirte Kühle herrſcht, iſt es doch;
nicht aus mit dem lutheriſchen Leben. Funken
werden auf jenem Boden ſchwer zu Flammen

werden, aber wer weiß, was kommit; es gibt

Feuer, das die Waſſer verzehrt. — Und gehen.3
wir von den Niederlanden rheinaufwärts, ſo⸗
rezt ſichs — und von wo aus? Von Cöln,
wo man etwa am wenigſten der lutheriſchen!
Kirche eine Herberge und ein Bleiben geweiſſagt
hätte. Es iſt noch nicht Jahresfriſt, ſeit die
winzig kleine Gemeinde von Cöln einen Paſtor
in der Perſon des Herrn Karl Räüger aus.
Bayreuth berief. Und wie regt ſichs doch ſchon'
faſt in allen rheiniſchen Städten. Die Arbeit
geht bereits weit über die Kräfte eines einzigen
Mannes. Wenn man einer jeden jener Städt
einen lutheriſchen Paſlor geben könnte, ſo wuͤrde
es höchſt wahrſcheinlich in ihnen allen gehen wit,
in Cöln. „Bittet den HErrn ver Aernte, daß⸗
er rechtſchaffene Arbeiter in ſeine Aernte ſende.“
Wiewol auch ſo ein merkwürdiges Erwachent
aus vem Traum der Union in jenen Gegenden
zu finden iſt. Wir können die Entſtehung der
dortigen Lebensregung nicht von Anfang an er⸗
zählen; aber es iſt ein wundervoller Gottesfin⸗
ger, welcher dort gewirkt hat. — Aelter als die:
Gemeinde in Cöln wenigſtens in ihrer völligen
Geſtaltung, und doch wie jung iſt die Bewa⸗
gung in Naſſan. Wo wäre die Union in

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