Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 21 › Seite 175
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-06-10, Seite 175
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nitter alle Erkenntniß der Wahrheit. Wenn
ſie aber auch im Schwange gehet, ſo ſtehet es
auch wohl um alle andern Dinge, es ſei Reli⸗
gion, Gottesdienſt, Gottes Ehre, und daß man
recht verſtehen kann, was von allen Ständen
und Dingen zu halten ſei. Darum laſſet uns
nie müſſig und ſicher ſein, ſondern ſtets wieder
den vorn anfangen, wie geſchrieben ſteht: Wenn
der Menſch meinet, er habe es zum Ende ge⸗
bracht, ſo thut ihm wohl von Nöthen, daß er
viederum von Neuem vorn anhebe. Denn es
ſteis Gefahr, daß der Teufel die reine Lehre
dis Glaubens hinwegnehme, und uns von Neuem
nit der Lehre der Werke und Menſchenſatzungen
aufahe zu blenden und zu plagen. —
(Fortſetzung folgt.)
Lerne auch Undank ertragen.
Wit müſſen leben unter undankbaren Leuten,
und uns nicht darum ärgern, noch darum auf—
hören wollen, Gutes zu thun; ſondern, wie
Calomo Sprüchw. 5, 16. ſagt, „unſer Brünn⸗
kein laſſen auofließen“ und immer Gutes thun,
uns nicht daran kehren, ob man übel dafür dan⸗
ket; gleichwie Gott „ſeine Sonne täglich läſſet
aufzeben — beide über Dankbare und Undank⸗
bare“. Matth. 5, 45. Denn wo du es um
der Welt Dank thuſt und meineſt dich
wobl zu verdienen, ſo wirſt du das Widerſpiel
inden, und geſchieht dir recht und
tillig, wie einem, der eine ledige taube Nuß
aufbeißet, und das Maul voll Dreck krieget.
Daß du nun willt heftig zürnen und Berge um⸗
perfen, und darum nichts mehr Gutes thun,
o biſt du kein Chriſt mehr; thuſt dir ſelbſt wehe,
Ind richteſt doch nichts aus. Sieheſt du nicht,
do du daheim biſt, and lebeſt in der Welt, die
da voll Untugend und Undankbarkeit iſt? wie
renn ihr Reim lautet: Qui retribuunt mala
I•e bonis: die da Gutes mit Argem bezahlen.
Ver das nicht lernen will, der mag aus der
Belt laufen; denn es iſt nicht Kunſt, allein bei
fommen Leuten ſein und denen Gutes thun,
ſendern bei böſen Leuten bleiben können, und
doch nicht auch böſe werden. Darum lerne nur
ein Chriſt von Jugend auf (damit er's hernach
gewohnet ſei und vertragen könne), daß er jeder⸗
nann Gutes thue, und Böſes dafür gewarte
Coch daſſelbe nicht lobe und billige, ſondern, ſo
dil er kann, nach ſeinem Amt ſtrafe und wehre).
denn das iſt die beſte Probe und
zeichen eines rechten guten Wer⸗
kes, wenn die, denen damit gedienet, nicht al⸗
kein undankbar ſind, ſondern auch Böſes dafür
tben. Denn ſolches iſt auch dafür gut, daß der
Renſch nicht darum ſich gut dünken laſſe, und
hhn ſelbſt gefalle; ſo iſt es auch vor Gott ſo gar
hülden und köſtlich, daß die Welt nicht werth
nuß ſein, daſſelbe zu belohnen.
(utder in der —
nofriede 3 um Gottes Wortes willn.
—
Du klagſt, daß meine Lehre ſo eingeriſſen ſei,
u lein Haus i, da nicht ein Aufruhr und
Zwietracht uͤber mir ſei. Mein Emſer, wer hat
dich gebeten, daß du alſo ein edles Gezeugn iß
wider dich ſelbſt gibeſt meiner Lehre? Wie
möchte meine Lehre baß geſt ärkt werden, denn
durch ſolch ihres örgeſten Feindes Bekennt⸗
niß? Gott treibt dich, wie Caipham Joh. 18,
14., daß auch dein Haß muß mein beſtes reden.
Ich habe meiner Hoffnung, daß ich in Gottes
Namen angefangen und das rechte Wort Gottes
lehre, kein ſtärker Beweiſung und Wunderzeichen,
denn daß ſie ſo geſchwind in alle Welt ohn mein
Treiben und Suchen, dazu durch unzählig Wi⸗
derſtand und Verfolgung aller Gewaltigen und
Gelehrten vermehrt wordeſt iſt und Uneinigkeit
anrichtet. Und wenn ſie das nicht thäte, wäre
ich längſt verzagt und matt worden. Denn daß
ſolch Werk und Rumor eigentliche Art ſei des
göttlichen Wortes bezeuget Pſ. 147, 15. und
Chriſtus Luc. 21, 15. und Matth. 10, 34 —
36. „Ihr ſollt nicht wähnen, daß ich kommen
bin, Frieden zu ſenden“ ꝛc. Und du heiliger
Prieſter Gottes gibſt für friedliche Lehre, die
nicht ärgern ſoll, zu ſchreiben und berufeſt dich
auf das jüngſte Gericht. Lieber, mache St. Si⸗
meon zum Lügner, da er ſagt Luc. 2, 34.:
„Chriſtus iſt zu einem Zeichen geſetzt, dem wi—
derſprochen werden ſoll“ ꝛc. Alle Streit und
Kriege des Alten Teſtam. ſind Figur geweſen der
Predigt des Evangelii, das muß und ſoll Streit,
Uneinigkeit, Hader und Rumor anrichten. In
ſolchem Weſen iſt geſtanden die Chriſtenheit zun
Zeiten der Apoſtel und Märtyrer, da ſie am be⸗
ſten ſtund.
Es iſt ein ſeliger Unfriede, Aufruhr und Ru⸗
mor, den Gottes Wort erweckt; da gehet an rech⸗
ter Glaube und Streit wider den falſchen Glau⸗
ben; da gehen wieder an die Leiden und Verfol⸗
gung und das rechte Weſen des chriſtlichen Volks.
Luther.
Charakter und Wirkung der wahren luthe⸗
riſchen Lehre.
Der berühmte Rechtsgelehrte Ulrich Zaſius
thut folgendes Geſtändniß: „Ich bewundere
und verehre Luther aus der Seele, denn von
ihm habe ich gelernt, alles Gute Gott als dem,
welcher allein alles wirkt, zu verdanken. In
früherer Zeit ſchmeichelte ich mir, wenn etwas
Lautereres von mir ausgegangen war, wenn ich
etwas mehr Andacht bei mir fand, wenn ich
mich durch irgend ein gutes Werk, eine Wohl⸗
that, eizen Nath um einen Andern verdient
machte. Es begann die Hoffnung, nach der ich
gleichſam einen Rechtsanſpruch auf die Seligkeit
zu haben glaubte. Ich verachtete diejenigen
bei denen ich ein kälteres Streben nach dem hö⸗
hern wahrzunehmen glaubte. Durch Luthers
preiswürdige Lehren von dieſen Irrthum befreit,
halte ich mich fuͤr nichts Anderes, als ein Werk⸗
zeug, durch welches Gott in mir das gute Werk
vollbringt, ſo daß nichis davon meine iſt, als
die Mühe. Glücklich biſt du, Zaſius, daß du
hoch im hohen Alter dieß gelernt haft! — Du
nenneſt dich, lieber Leſer, einen Luthrrauer,
kannſt du auch etwas Ahnliches aus deiner Er⸗
fahrung von der Wirkung der lutheriſchen Lehre
rühmen? Siehe, da haſt du das Bild eines
wahren Lueraners, in dem du dich ſpiegeln
kannſt.
Unſer Zaſius war ein Lutheraner mitten im
Papſtthum; er ſtarb, von ſeinen Zeitgenoſſen
als der größte Rechtsgelehrte ſeiner Zeit bewun⸗
dert, als Profeſſor zu Freiburg 1535 im 7öten
Jahre ſeines Alters.
+——
Päbſtiſche Ketzerei.
Pabſt Johannes XXIèI. erklärte (1325) die⸗
jenigen für Ketzer, welche behaupteten, Chriſtus
und ſeine Apoſtel hätten nichts Eigenes beſeſſen.
Ja, er ließ vier von den Franziskanern, welche
ſich Spirituales (Geiſtlichgeſinnte) nannten und
welche dies behaupteten, deßwegen zu Marſeille
als Ketzer verbrennen; er mochte meinen, bei die⸗
ſer Lehre möchte man ihn am Ende nicht für den
Statthalter deſſen erkennen, der da geſagt hat:
„Er habe nicht, da er ſein Haupt hinlege“. Die⸗
ſer Pabſt hat zwar einen Traktat geſchrieben von
der Goldmacherkunſt unter dem Titel: „Ars me⸗
tallorum transmutatoria“, doch verſtand er beſ⸗
ſer, durch päbſtliche Taren auf ſeinem Peters⸗
ſtuhl, als durch Deſtilliren am Heerde Gold zu
machen. Das Merkwürdigſte jedoch in der Päbſt⸗
lichen Goldmacherkunſt beſteht darin, daß ſie ver⸗
mittelſt ihres Ablaſſes ſogar aus den Sünden
Gold machen können; als daher der leibliche lie⸗
derliche Sohn des unfläthigen Pabſtes, Aleran⸗
ders VI., einmal 100,000 Gülden verſpielt
hatte, ſagte dieſer, „es wären die Sünden der
Deutſchen“,
Anecdote für Prediger.
—
Als der ſel. M. G. Serger (Pfarrer zu Rie⸗
thenau im Würtembergiſchen, geb. 1683) einſt
einen Pfarrer, der ein redlicher, aber ſchüchtener
Prediger war, vor deſſen gnädigem Herrn predi⸗
gen hörte, ſagte er zu demſelben nach der Pre⸗
digt: „Er hätte ihn nun predigen gehört, und
wolle ihm jetzt auch ſagen, wie er ihm vorkäme;
nehmlich wie ein Commandant, der vor einer
Feſtung ſtehe, und ſie gern einnehmen möchte,
aber doch nicht das Herz habe hine inzuſchießen,
ſondern ſeine Stücke, Bomben und Karthaunen
alle darüber hinausrichte; ſo mache ers mit ſei⸗
nem gnädigen Herrn, er möchte ſie gern gewin⸗
nen, und habe doch nicht das Herz, auf ſie los⸗
zubrennen.“ — Es gibt jedoch auch ſolche Pre⸗
diger, die wohl den Muth hätten, ihren Zuhö⸗
rern mitten durch's Herz zu ſchießen, die ſie aber
darum nicht treffen, weil ſie entweder ſelbſt keine
Erfahrung von der Bekehrung der Sünder zu
Gott haben, oder weil ſie doch das Won nicht
recht zu theilen vermöͤgen.
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