Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 2 › Seite 14
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1853-09-15, Seite 14
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Lehre. — Falſche Lehrer 16 · Anhang · Tanz 9
krank darniederliege; ich veranſtaltete, daß ich
von dem weiterem Verlauf der Krankheit ſogleich
Nachricht empfinge.
Früh Morgens am zweiten Feiertage reiſte ich
über Freiburg nach Baſel, wo eine kleine
Anzahl von Lutheranern nach einem Gottesdien⸗
ſte verlangte. Dieſem wohnten am Sontage
nach Weihnachten auch einige Leute aus dem
Badiſchen bei. Es konnte ſich daraus eine
weitergehende Frucht für unſere lutheriſche Kir⸗
che entwickeln.
Am Sonntag Abends war ich wieder in der
Nähe von Ihringen. Es wurde mir die Nach⸗
richt überbracht, daß das ſchwer erkrankte Kind
aus unſerer Gemeine Ihringen bereits am Tage
zuvor geſtorben, daß die Mutter in tiefer Be⸗
trübniß und die Gemeine in großer Verlegenheit
ſei, weil der unirte Pfarrer des Orts der Ber—
digung des Kindes mit Gewalt ſich bemächtigen
wolle. Mein Beſuch im Orte war daher in
mehrfacher Hinſicht nothwendig, und ich ging
in der Nacht unbedenklich in denſelben, obgleich
die Häſcher in Erwartung meiner Ankunft die
ganze Nacht auf den Beinen waren. Auf den
Wunſch der Eltern ſegnete ich in ſtiller Mitter⸗
nacht die Leiche des Kindes zur Beerdigung ein,
die am andern Morgen durch den Ortsgeiſtli⸗
chen, in Begleitung von Polizeidienern, vorge⸗
nommen werden ſollte, ſprach der trauernden
Mutter Troſt zu und wollte gegen Morgen den
Ort wieder verlaſſen, als ich, kaum aus dem
Hauſe getreten, von zwei Häſchern angefallen
und nebſt zwei Familienvätern unſerer Gemein⸗—
de arretirt wurde. Nachdem ich in Begleitung
von zwei Gensdarmen im Amtsgefängniſſe auf
der alten Neichsfeſte Breiſach angekommen war,
wurde ich zuerſt ſtrenge durchſucht; es wurde
mir Alles abgenommen, und beſonders gefähr⸗
lich wurde ein Schriftchen, das ich gerade bei
mir führte: „Wahrung der Rechte der lusheri⸗
ſchen Kirche in Preußen“ (Petitionen an das
Preußiſche Staatsminiſterium und an die Kam-⸗
mern) Breslau 1848, von dem Brigadier erfun⸗
den, was mir jedoch nach dem zweiten Verhör
zurückgegeben wurde. Auf befondere Bitten wur—
de mir mein Neues Teſtament mit den Pſalmen
überlaſſen. Ich wurde zuerſt in eine Zelle zu
ſechs andern Gefangenen gebracht, wo ich einen
Tag und eine Nacht ohne Licht und ohne beſon—
dere Tageshelle, verblieb. An meinen Mitge⸗
fangenen bewährte ſich auf eine wunderbare
Weiſe die Kraft des Wortes Gottes. Ich durfte
nicht aufhoͤren, Pfalmen und Gebete ihnen vor⸗
zuſprechen, und bei ihrer Enilaſſung dankten ſie
mir noch mit Hand und Mund. Das war mir
wirklich ein erhebender und geſegneter Eingang.
Nach 26 Stunden kam ich ins erſte Verhör.
Das Protokoll wurde an das Oberkriegsgericht
in Karlsruhe eingeſandt und von dieſem wurde
ich nach 10 Tagen als Kriegsgefangener auf vier
Wochen erklärt. (Es beſteht im Lande ſeit der
Revolution im Jahre 1849 Kriegszuſtand).
Mein Vergehen war: Übertretung der polizeili⸗
chen Ausweiſung aus Ihringen. Es wurde
mir durch den freundlich geſinnten Oberbeamten
mit der Zeit manche Erleichterung zu Theil. Ich
— 2—
kam allein in eine Zelle, erhielt in den Abend⸗
ſtunden Licht, durfte Beſuche der Meinigen an⸗
nehmen, die aus weiter Ferne zu mir kamen,
und in den letzten 14 Tagen durfte ich täglich
eine Stunde im Freien mich ergehen, wozu der
Oberbeamte mir ſeinen eigenen Garten, auf ei—
ner alten Feſtungsteraſſe gewährte. Auch durfte
ich ſchreiben und mir verſchiedene Bücher kom—
men laſſen, täglich auch einige Augenblicke mit
meinen mitgefangenen Glaubensgenoſſen aus
Ihringen ſprechen, welche gleiche Strafe erhielten.
Ich habe ſelige Stunden innerhalb der engen
Mauern meiner Gefängnißzelle verlebt; das
Wort Gottes gewährte mir unerſchöpflichen Troſt,
und mit beſonderer Erhebung feierte ich die Fe⸗
ſte der Beſchneidung Chriſti, ſo wie das Epipha—
niä und die Sonntage. Und ſo habe ich denn
auch tröſten können meine lieben Gemeinglieder,
die da mit mir waren in allerlei Trübſal, mit
dem Troſte, damit ich getröſtet wurde von Gott
(2. Kor. 1, 3. 6.) Von demſelben Gott alles
Troſtes empfing auch meine Gattin eine ganz
beſondere Stärkung und Kraft.
Am 26 Jannar 1852 ſchlug die Stunde
meiner Befreiung. An demſelben Tage Abends
126. Pſalm und mit dem Liede: „Verzage nicht
du Häuflein klein, obgleich die Feinde Willens
ſein, dich gänzlich zu verſtören.“
Aber meine Gefüngnißthüren ſchienen ſich nur
zu öffnen, um mich neuen Leiden und Verfol⸗
gungen entgegenziehen zu laſſen. In den erſten
Tagen nach meiner Verhaftung wurde in meine
Wohnung in Durlach der erwähnte Beſchluß
des Miniſterii des Innern abgegeben, wornach
ich binnen drei Tagen bei Vermeidung von
Zwangsmaßregeln, in meinen mir entfremdeten
Geburtsort Kembach bei Werthheim am Main
mich zu begeben habe, um dort polizeilich über—
wacht zu werden, damit mir die Reiſen zu mei⸗
nen Gemeinen, die ich, ſo lange die Schafe hir—
tenlos ſind, nicht unterlaſſen durfte, was ich je⸗
derzeit erklärt hatte, ganz unmöglich gemacht
würden. Dieſer ſchwere Beſchluß war vor mei⸗
ner Verhaftung gefaßt worden, und würde,
ſchen getreten wären, längſt ausgeführt worden
ſein. Nun aber ſcheint er für eine Zeit lang
aufgehoben zu ſein, und ſo konnte ich denn einen
hellen Blick in des Herrn Führungen thun, deſ⸗
ſen unerferſchliche Hand und Rath Schweres zu⸗
ließen, damit das Schwerſte, das wir in ſeiner
Tiefe oft nicht erkennen, abgewendet werde.
Denn: „Er decket mich in ſeiner Hütte zur böſen
Zeit, Er verdirgt mich heimlich in Seinem Gezelt
und erhöhet mich auf einen Felſen. Er wird
nun erhöhen mein Haupt über meine Feinde,
die um mich ſind; ſo will ich in ſeiner Hütte
Lob opfern, ich will ſingen und lobſagen dem
HErrn.“ Pſ. 2, 5. 6.
— ——
Ein Dieb darf ſeinen Raub behalten, wenn
er unverſchämt genug iſt, die Miene eines recht⸗
mäßigen Eigenthümers anzunehmen
K. R.
empfingen mich meine lieben Kinder mit dem pan
wider die griechiſchen Chriſten wehren könnte;
wenn dieſelbe und mein Gefängniß nicht dazwi⸗
(Eingeſandi von A. 5.)
Welthändel.
Schon ſeit mehreren Monaten haben die Leute
in Europa und ſelbſt hier nach der Türkei ge⸗
ſchaut und befürchtet, daß dort ein Krieg aus⸗
brechen und alsdann ſich über ganz Europa ver⸗
breiten werde. Da nämlich die Türken auf die
ſchändlichſte Weiſe gegen die Chriſten in Monte⸗
negro, einem gegen den türkiſchen Paſcha, einen
frühern Chriſten, empörten Lande hauſten, hat⸗
ten die Kaiſer von Rußland und Oeſtreich den
Sultan bewogen, jener Verwüſtung Schranken
zu ſetzen. Alsdann forderte der Kaiſer von
Rußland, Nikolaus, daß der Türkiſche Sultan,
Abdul Meſchid, ihn als den Beſchützer der grie⸗
chiſchen Chriſten in der Türkei anſehen ſollte.
Als ſolcher verlangte Nikolans, daß zum Patri⸗
archen (oberſten Biſchof) immer nur ſolch ein
Mann gewählt werden ſolle, mit welchem er zu⸗
frieden ſei, und daß allezeit neben dieſem Patri⸗
archen ein Rußiſcher Geifilicher in Conſtantino⸗
pe! ſtehe und von der türkiſchen Negierung an⸗
erkannt werde. Auf dieſe Weiſe wollte Niko⸗
laus dafür ſorgen, daß die griechiſche Kirche ſol⸗
che Patriarchen hätte, die, von der türkiſchen Re⸗
gierung unabhängig, auch den Mißhandlungen
namenilich ſollte der rußiſche Geiſtliche in Con⸗
ſtantinopel dazu dienen, die griechiſchen Ehriſten
zu ſchützen, auch wenn der Patriarch vielleicht
in des Sultans Solde ſtände und nach dem
Willen veſſelben ſeine Kirche zu regieren trachtete.
Dieſe Forderungen indeß ſchlug der türkiſche Sul⸗
tan rund ab, und nun entſtand unter den Tür⸗
ken einerſeits, und unter den Ruſſen andererſeits
eine große Erbitterung und heftiges Verlangen
nach Krieg, während die griechiſchen Chriſten in
der Türkei, denen Abdul Meſchid vie beſten Ver⸗
ſprechungen gab, erklärten, ſie begehrten den
Schutz des Nikolaus gar nicht. Große Rüſtungen
Nikolaus
ſammelte eine anſehnliche Seemacht im ſchwar⸗
zen Meere und ließ ein mächtiges Landheer auf
wurden anuf beiden Seiten gemacht.
die Türkei zuziehen und zwei Fürſtenthümer, die
Moldau und Wallachei, welche unter ruſſiſchem
Schutze ſtanden, aber dem Türken jährlich Tribut
oder Schoß bezahlen mußten, beſetzen. Während
dem hatten Frankreich und England ihre Flot⸗
ten zuſammengethan und ſie dicht an die See⸗
ſtraße der Dardanellen, welche vom mittelländi⸗
ſchen Meer in das Marmora-Meer und ſo nach
Conſtantinopel führt, gelegt, mit der Beſtim⸗
mung, ſobald als Abdul Meſchis es begehre,
auf Conſtantinopel zu ſegeln und gegen die Ru⸗
ſen zu ſchlagen. Der Kaiſer von Oeſtreich zwar
machte ſich dazwiſchen und behauptete, er wollt
Frieden vermitteln. Aber bald zeigte es ſich,
daß er dem Ruſſen beiſtehe und Truppen an die
türkiſche Grenze ſchicke, um einige ſchöne Länder
abzubekommen, wenn Rußland die Türkei erobere.
Schon glaubte man nächſtens Nachricht von ei⸗
ner blutigen Seeſchlacht zwiſchen den Ruſſen auf
der einen, und den Türken, Engländern und
Franzoſen auf der andern Seite zu erhaltem
Allein dem Kaiſer der Franzoſen, Louis Napo⸗
leon gelang es, einen Vorſchlag zu machen,
der zwiſchen Rußland und Türkei den Frieden
herſtellen ſoll und auch von beiden angenommen
iſt. Doch ſtehen annoch beide Partheien einan⸗
der gar erbittert gegenüber.
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