Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 5 › Seite 37
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-10-27, Seite 37
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In einigen Ausgaben von Luther's Haus⸗
poſtille ſiehen nämlich nach den Worten „je län⸗
ger, je ärger“ noch folgende: „und iſt doch
nicht der Lehre, ſondern der Leute
Schuld.“ Dann folgen die angeführten Wor⸗
te: „Jetzt ſind die Leute mit ſieben Teuffeln ꝛc.“
Die groß gedruckten Worte geben den Schlüſſel
zu den nachfolgenden Worten, die bekanntlich
nur eine Anwendung der Worte Chriſti Luk. 11,
24—26. enthalten zum Beweis dafür, daß die
Leute, welche von der rechten Lehre abfallen,
ſchlimmer werden, als ſie zuvor waren, wie man
dieß an Judas dem Verräther und an dem Auf⸗
kommen und Zunehmen des Papſtthums, ja
auch an ſo vielen unbeſtändigen Lutheranern
ſeit 300 Jahren ſieht, und iſt doch nicht
der Lehre, ſondern der Leute
Schuld.n) Da dachte nun wahrſcheinlich
der katholiſche Schreiber ſo: Fügſt du dieſen
orer jenen Zuſatz bei, ſo vernichteſt du ja ſelbſt
deine ganze Beweisführung, daß das böſe Le—
ben unter den Lutheranern von ihrer Lehre her—
rühren ſolle, ja du giebſt damit ſtillſchweigend
zu, daß ihre Lehre nicht ketzeriſch und teufliſch,
ſondern heilſam und gut ſei. Das kannſt und
darfſt du aber nimmermehr zugeben, darum
willſt du lieber den ganzen Satz weglaſſen.
Wiederum willſt du aber das ganz genau hin⸗
ſchreiben, daß die Lutheraner früher nur mit ei—
nem, ſpäter aber mit ſieben Tenfeln beſeſſen
waren, denn darüber werden ſie ſich tüchtig är—
gern, die Katholiken aber ſich in's Fäuſtchen
lachen. Aber nur gemach, lieber Mann! denn
ſicheſt du nicht ein, wie du damit dir und deiner
Partei ſelbſt das allerſchärfſte Urtheil ſprichſt?
Unter dem Wörtlein „früher“ verſteht ja Luther
nichts anders als die Zeit unter dem Papſt⸗
thum; damals, will er ſagen, waren die Leute
nur mit einem Teufel beſeſſen, der ſie ähnlich
wie jenen armen Beſeſſenen geiſtlich blind, tanb
und ſtumm gemacht hatte. Das Papſithum
damals und jetzt iſt aber immer noch ein und
daſſelbe, folglich hat es noch jetzt wie damals
wenigſtens einen Teufel, wo aber auch nur
tin Teufel regiert, da iſt doch das ganze höl⸗
liſche Reich, da kann nicht zugleich das Him—
melreich oder die Kirche Gottes ſein, da muß
die Kirche des Teufels ſein.
So viel von dieſer Stelle ſelbſt; und nun
noch ein Wort über den Zuſammenhang, in
welchem ſie mit dem Vorhergehenden und Nach⸗
folgenden ſteht, wodurch ſowohl die Lauterkeit
ver lutheriſchen Lehre als auch die Verleum⸗
dungsſucht ihrer katholiſchen Gegner in ein de⸗
ſto helleres Licht tritt.
Vorher nämlich hatte Luther von Chriſti Amt
geredet, daß er uns täglich Sünde und Tod
ausziehe und dagegen ſeine Heiligkeit und Le⸗d
ben auziehe, und fährt dann fort: „Dieſe Pre⸗
vigt ſollte man billig mit großen Freuden hören
und mit herzlicher Dankſagung annehmen und
*) wie auch 2 Petr. 2, 20. geſchrirben ſteht. In an⸗
dern Ausgaben ſteht nach den Worten „je länger, je är⸗
ger“: „Das iſt der leidige Teufel ſelbſt.“ Womit das
Verderben nicht der Lehre, ſondern dem Teufel und ſeiner
Verführung zugeſchrieben wird.
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darnach auch fromm ſein. So kehret ſich's lei⸗
der um und wird die Welt aus dieſer Lehre
nur je länger, je ärger ꝛc.“ Nach jenen Wor⸗
ten aber, daß die Leute ärger würden, denn zu⸗
vor unter dem Pabſtthum, giebt Luther ſelbſt
die Urſache davon an, indem er ſagt: „Was
machts? anders nichis, denn daß man dieſe
Predigt nicht mit Freuden annimmt, ſondern
jedermann ſchlägt es in Wind, nimmt ſich mehr
um Geld und Gut an, denn um den ſeligen
Schatz, welchen unſer HErr Chriſtus zu uns
bringet.“
Bei den anderen beiden Stellen, die hier zur
Sprache kommen ſollen, findet ſich auch nicht
die geringſte Angabe, wo ſie zu finden ſind, und
ich glaube faſt, der ungenannte Herr T. hat es
ſelbſt nicht gewußt, oder er hat gedacht, du
willſt's lieber nicht dazu ſchreiben, ſonſt möchte
einer oder der andre drüber kommen, die Stelle
nach⸗ und dich auf's Maul ſchlagen. Wir Lu—
theraner ſind aber nun einmal nicht ſolche leicht—
gläubige Leute, daß wir uns durch die Verſiche—
rung: „das hat Luther geſagt“ — übertölpeln,
oder uns durch ein Paar Strichelchen vorn und
hinten, auf deutſch: Anführungszeichen, anfüh—
ren ließen. Daher wollen wir auch noch jene
beiden Stellen etwas ſchärfer in's Auge faſſen.
Die eine derſelben leitet der Verfaſſer ſogleich
am Schluß der vorerwähnten mit folgenden
Worten ein: Zu einer ſolchen furchtbaren geſell⸗
ſchaftlichen Umgeſtaltung mußten allerdings die
unvernünftigen religiöſen Lehren der unberufe—
nen Reformatoren führen, welches wiederum
Niemand beſſer als Luther, ſich ſelbſt nicht aus—
geſchloſſen, darſtellt: „So machten wir Secten
und Rotten, wo wir alſo unter den Pöbel, in
das tolle, unverſtändige Volk on allen Unter⸗
ſchied ſpeien und geiffern: Gottes Wort, Got⸗
tes Wort! Es. haben viel großer trefflicher
Leute darinnen gefeilet, und ſtoßen ſich jetzund
viel großer Prediger daran, wiſſen den Moſen
nicht zu predigen, können ſich nicht mal darein
ſchicken, ſind unſinnig, toben, raſen und wü⸗
then, plaudern in's Volk: Gottes Wort, Got⸗
tes Wort, Gottes Wort!“
Hier ſind zwei Stellen, die an verſchiedenen
Orten ſtehen, nach eignem Gutdünken mit ein⸗
ander verbunden und aus ihrem Zuſammen⸗
hange geriſſen worden. Beide ſtehen in dem
Unterricht Luther's, wie man ſich in Moſen
ſchicken ſoll; die erſte §. 32., die andere §. 38.
Kurz vor jener redet Luther davon, wie alle
Macht daran liege, daß man wiſſe, zu wem Gott
dieß oder jenes Wort geſagt habe, damit man
nicht mit den aufrühreriſchen Bauern zufahre
und denke: ihr müßt den Fürſten todtſchlagen,
denn Gott hat es dem Joſua geboten — und
dann fährt er fort: „Und wo wir's anders wer⸗
den verſtehen (nämlich Gottes Wort als zu uns
geſagt, wenn es uns doch nicht gilt), ſo machen
wir Secten und Rotten ꝛc.“ Hier ſieht doch
ieder, der leſen kann, daß Luther ausdrücklich
ein „Wenn,“ alſo eine Bedingung ſetzt, als
wollte er ſagen: Wenn wir das Wort Gottes
ſo freventlich deuteten, wie es die rebelliſchen
nen andern richteſt, verdammeſt du dich ſelbſ,
te.“ (Luther in den Schmalkald. Art. 3, 8)
Bauern gethan haben, ſo würden wir, wie ſie
thun, Secten und Rotien machen; nun hat al
Luther das erſte nicht gethan, denn er hat 11
der Bauern Vornehmen hier und anderwäm
geſtraft, folglich kann auch das zweite nicht
ſtatt haben, daß er ſich ſelbſt mit eingeſchloſſe
bekannt hätte: wir machten Seclen und
ten. Das erhellt noch deutlicher aus den WeE“
ten, die zunächſt auf den bezeichneten Satz fol⸗
gen; denn dieſe lauten ſo: „Ja, lieber Geſell
nichtalſo, es heißt, ob es dir geſagt ſei oer
nicht.“ Damit verwirft ja Luther offenbar die
Bauern und Secten Verdrehung der hl. Schrift.!
Die andere 9. 38. beſindliche Stelle lauten
von vorne herein ſo: Davon iſt nun genug ge⸗
redt und iſt wohl zu merken, denn es liegt rie
Macht daran“ (nämlich wie man ſich in Moſen!
ſchicken ſoll); nun folgen erſt die oben ange⸗
führten Worte: „und ſtoßen ſich jetztund vitl
großer Prediger daran ꝛc.“ Luther redet aber 1
auch hier von Niemanden anders, als eben von
denen, welche Gottes Wort verdrehen, namen⸗
lich Moſen, und fügt eben deßhalb noch den
Satz bei, den aber Herr T. abermals weggi⸗
laſſen hat: „verfübren die armen Leute und!
ſtoßen ſie in die Grube.“ 1
Endlich wird in dem-mebrerwähnten Aufſaz
noch eine dritte Stelle aus Luther's Schriften
angeführt, oder, genauer zu reden, aus einer
Lebensbeſchreibung Luther's mitgetheikt, die tin
abgefallener Lutheraner, Caspar Uhlenberg, (er
ſtarb 1617) verfaßt hat, der aber ein berühm⸗
ter und wahrheitsliebender Mann genannt wird.
Er ſagt unter Anderem: Lurber wußte wohl!
Schwenkfeld's Einfluß zu würdigen, ließ ſeingn!
bittern Hohn über ihn aus und deutete in kräf⸗ x
tigen Zügen die Folgen hiervon an. „Ich habe
Sorge,“ ſagt Luther, „derſelben Enthuſiaſten
werden mehr kommen, in grauen Röcken einher.
gehen, die Köpfe hengen, ſauer ſehen, erſofen
in ihren Gedanken und verdüſtert, bleiben deif
auf ihrem Wahn ſtehn, weichen niemands und
das mündliche Wort verachten.“ Dieſe Worte
ſtehen allerdings in Luther's Tiſchreden oay.
XIXVII, s. 85, allein ſie enthalten nicht nur!
eine Schilderung des Schwenkfeld'ſchen In—
thums, ſondern auch des ganzen Papſtthuns,
ſo daß man dem Herrn T. St. Pauli Worte
Röm. 2, 1. zurufen muß: Worinnen du ei⸗
ſintemal du eben daſſelbige ihuſt, das du nich⸗
teſt, „Denn das Papſtthum auch ein eitel En⸗
thuſiasmus iſt, darin der Papſt rühmet: allt
Rechte ſind im Schrein ſeines Herzens, und was
er mit ſeiner Kirchen uriheilet und heißt, das
ſoll Geiſt und recht ſein, wenn's gleich über
und wider die Schriſt oder das mündliche Wort
iſt. Das iſt alles der alte Teufel und altt
Schlange, der Adam und Heva auch zu En⸗
thuſiaſten machte, vom äußerlichen Won Got⸗
tes auf Geiſterei und Eigendünkel führte, und
thut's doch auch durch andere äußerliche Wer⸗
Noch Eins? Wenn Sie gelegentlich an den
Redacteur der katholiſchen Kirchenzeitung ſchrei⸗
ben, ſo ſetzen Sie doch einen Preis darauf, wer
Ihnen nachweiſen kann, wo der auch von un⸗
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