Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 5 › Seite 30
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-10-27, Seite 30
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dete.
aus der Schrift ſelbſt überzeugen konnten, daß
ts Wahrheit ſei, was er predigte. Alt und
Jung. Weib und Mann, Alles lernte und
forſchte die Schrift. Die Laien lernten ihr geiſt⸗
liches Prieſterthum erkennen und üben. Gegen
Rieſe Lebensmacht der Wahrheit und des Lichts,
dit die Herzen durchdrang, konnten ja freilich
tie rürftigen Satzungen einer angemaßten Kir—
hendespotie nicht Stich halten.
Und die andere Lebensmacht in der Refor—
mation war der lebendige Glaube an IEſum
Cbriſtum, den Luther ſo mächtig und gewaltig
predigte, der in ihm ſelbſt ſo herrliche Früchte
nieb. Die Leute lernten, was der Glaube an
Jéſum Chriſtum ſei. Tauſende von geängſte—
ten, zerſchlagenen Herzen, die vergeblich in ih—
ten eignen Werken Ruhe geſucht hatten, kamen
turch Luther's Lehre von der Rechtfertigung
zu dem freudigen Glauben, daß ſie begnadig te,
verſöhnte Kinder Gottes ſeien, durch Chriſtum
ESit erfuhren an ihren Herzen die Kraft des
kechte Werke thun, die der Glaube als ſeine ed—
tes zu allem Guten. Kurz, es entſtand ein
freigemacht nicht nur von allen Satzungen der
Welt, ſondern auch von dem Fluch des Geſetzes
Glaubens, das neue Leben Chriſti; ſie lernten
im Geiſt und in der Wahrheit beten; ſie lernten
len Früchte in ihnen hervorbrachte; ſie ſpürten
in ſich die Kraft und den Trieb des Geiſtes Got—
Volk, das Gott dem HErrn geboren wurde, wie
der Thau aus der Morgenröthe. Die Kirche
ward durch die Reformation umgewandelt in
einen Garten, deſſen Blüthenduft uns noch
beute ſo friſch auweht, wie der Morgenhauch
res ewigen Lebens. ö
War nun dies alles das Werk eines Men⸗
ſchen? Nein, nimmermehr! Denn wie hätte
Gottes Werk mächtiger, herrlicher, ſichtlicher her—
vortreten können? Man mußte deurtlich ſehen,
daß ſich der HErr ſeiner Heerde ſelbſt auge—
uommen, ſeine Schaafe geſucht und auf die
lieblichen Auen ſeines Worts geführt hatte.
Müßten wir doch ſchon zugeſteben, daß Gokt
ſein Werk in der Reformation gehabt habe,
wenn ſie nur einiges Gute gewirkt, und eine
theilweiſe Beſſerung in Lehre und Leben herbei⸗
geführt hätte; aber ſie hat mehr gewirkt, als
dies; die Kirche hat durch ſie die ganze, reine
lautere Lehre des göttlichen Wortes wieder er—
langt. Luther war ein Menſch; er hätte kön—
nen fehlen; es hätten ihm dieſe und jene Irr—
thümer des Papſtthums auch noch ſpäter ver—
borgen bleiben können, oder er hätte in der gu—
ten Abſicht, das Richtigere zu finden, der Wahr—
beit in dieſem und jenem Stücke fehlen können.
Und ſiehe, der heilige Geiſt hat ihn in alle
Wahrheit geleitetz er hat alle Artikel der Lehre
aus Gottes Wort ſo klar entwickelt und ausge—
legt, daß die Wahrheit ſeiner Lehre jedem lern—
begierigen Herzen mit überzeugender Kraft ent—
gegenleuchtet. Ich ſage das nicht, um damit
zu beweiſen, unſer Luther ſei unfehlbar gewe—
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tͤn zu einer geiſtigen Lebensmacht erhob, dieſen, ſondern nur ſo viel, daß die Reformation⸗
von iunen heraus der Menſchen Herzen umbil-ganz unverkennbar Gottes Werk, und er nur
Sie erkannten und ergriffen die von Lu⸗das vornehmſte Werkzeug war, deſſen ſich Gott
ther gepredigte Wahrheit lebendig, weil ſie ſich bei der Reformation bediente.
Es giebt heut zu Tage Krittler und Tadler
genug, die ſich berufen glauben, die Neforma—
tion erſt recht zur Vollendung zu bringen. Und
wenn auch zugegeben werden muß, daß in Be⸗
zug auf Kirchenrrgiment und Kirchenzucht nicht
alle Uebelſtände durch die Reformation überwun—
den werden konnten, worüber Dr. Luther ſelbſt
und alle lutheriſchen Lehrer nach ihm manche
Klage führten; ſo iſt doch gerade das, was heut
zu Tage der Reformation zum Vorwurf gemacht
wird, ihre Tugend und Stärke. Man klagt,
daß durch Luther's Härte eine Vereinigung der
beiden proteſtantiſchen Kirchen, der lutheriſchen
und reformirten, verhindert worden ſei; allein
wenn der theure Gottesmann in dieſem Stücke
nicht ſo feſt und unbeugſam geweſen wäre, ſo
träfe die Reformation mit Recht der ſchwere Vor⸗
wurf, daß ſie um menſchlichen Friedens willen
die Wahrheit anfgegeben, und menſchlicher Ver—
nunft in Glaubensſachen ein gleiches Recht ne—
ben dem Schriftwort zugeſtanden hätte.
Solche leidige Krittler und Tadler ſind auch
die, welche, weil ſie ſehen, daß der Proteſtant's-
mus in ſo viele Secien zerfallen iſt, den Ur⸗
ſprung dieſer traurigen Zerriſſenheit in der Re—
formation ſelbſt ſuchen. Sie ſehen mit Sehn—
ſucht hinüber nach der ſchönen Einheit der rö—
miſchen Kirche und klagen, daß dieſe Einheit im
Proteſtantisrsus verloren ſei. Aber ihr Irr—
thum iſt, daß ſie die Einheit nur in der äußeren
Verfaſſung ſuchen, anſtatt auf die Einheit im
Geiſt und Glauben zu ſehn. Was hilft der
römiſchen Kirche ihre Einhrit im Irrthum? Und
was wäre dem Proteſtantismus damit geholfen,
wenn er ſich Nom gegenüber in ſolcher äußer—
lichen Einheit und Geſchloſſenheit zeigen könnte,
wenn er doch innerlich ein Bild der Zerriſſenheit
darſtellt? Die wahre Kirche hat doch die rechte
Einbeit im Glauben, und in dieſer finden ſich
gewiß alle die zuſammen, die auf dem ewig
feſten Grunde fußen, den Luther's Reformation
gelegt hat.
Darum laſſet uns auch, lutheriſche Mitchri⸗
ſten, bei dieſem Grunde bleiben. Iſt unſre
Lehre, iſt unſer Glaube ſo, wie ihn die Kirche
der Reformation gehabt und bekannt hat, dann
iſt's keine Täuſchung, wenn wir uns für Glie—
der der wahren Kirche halten; vorausgeſetzt
nämlich, daß dieſer Glaube auch lebendig in
uns ſei, und ſich durch die Frucht eines recht—
ſchaffenen chriſtlichen Lebens und Weſens er—
weiſe. Wir haben Gott Lob! nicht zu zwei—
feln, ob die Lehre unſrer Kirche die wahre Lehre
des göttlichen Wortes ſei, denn ſie leuchtet hel—
ler denn der Tag; ſondern darauf haben wir
mehr und mehr gründen und befeſtigen und mit
dem Leben nachfolgen. Es ſind uns theure
Schätze überliefert in unſrer lutheriſchen Bibel—
überſetzung, in unſerm lutheriſchen Catechis—
mus, in unſern lutheriſchen Geſangbüchern
Blut daranzuſetzen bereit ſeien.
ren.
unſern Fleiß zu wenden, daß wir uns in der in der letzten Zeit gegen die Methoriſten-Sekte
Erkenntniß dieſer Lehre durch Gottes Gnade
und Bekenntnißſchrikten, in den vielen herrli⸗
chen geiſtreichen Schriften unſerer lutheriſchen
Lehrer. Wir haben in allen dieſen reiche, köſt—
liche, ſelige Weide. Ach daß wir nur dies Al⸗
les recht brauchten. Wir lutheriſchen Chriſten
werden gewiß einmal eine ſchwerere Verantwor—
tung haben, denn andere, weil uns viel gege—
ben iſt.
Nun, der treue Gott wolle uns durch ſeinen
heiligen Geiſt erleuchten; uns dankbar und
erkennlich machen für alle ſeine geiſtlichen
Segnungen und Wohlthaten; uns mit Liebe
zu unſrer theuren lutheriſchen Kirche erfüllen;
uns den Geiſt des Zeugniſſes und Bekennin iſ⸗
ſes verleihen, wie er in unſern Vätern war, daß
wir auch um ſeiner Wahrheit willen Gut und
Er wolle uns
vor dem Unglauben und Abfall unſrer Zeit be—
wahren, uns und unſren Nachkommen das Licht
ſeines Wortes erhalten, und uns dereinſt kom—
men laſſen zu ſeinem ewigen Lichte, zu der Ver—
ſammlung aller Auserwählten im ewigen Le—
ben! Amen.
EEEE
(Eingeſandt.)
Methodismus.
Die Methodiſten-⸗Sekte eilt ihrem Ende, ihrer
Auflöſung entgegen. Der Leſer weiß, daß die
Glieder-Zahl dieſer Sekte in Europa und Ame-
rika, wie die öffentlichen Blätter melden, jährlich
bedeutend abnimmt. Sie iſt im Verſcheiden begrif—
fen. Noch einige Zeit, ſo wird es heißen: ſie iſt nicht
mehr, wie alle Kinder früherer Zeit. Schon ſeit
Langem hatte ſie an falſcher Lehre gekrankt, doch
bedeutender verſchlimmerte ſich ihr Zuſtand, ſeit—
dem ſie von dem Irrthume der „völligen Heili—
gung“ ergriffen wurde. Ach! die arme Kranke
bildete ſich ein, der Menſch könne hienieden
ſchon völlig ſündenrein und fleckenlos werden,
und verſcheuchte dadurch ihre redlichſten Freunde
von ihrem Sterbelager. Mitleidig und gefühl—
voll nahm ſich der „Lutheraner“ darauf der
Kranken an und ſuchte mit dem Worte Gottes
ſie von dirſem ſeelengefährlichen Wahne zu hei—
len. Allein vergeblich; mit fieberhafter Hitze
klammerte ſie ſich leider immer feſter daran, und
trotz ihrer großen Engbrüſtigkeit hörte ſie nicht
auf, davon irre zu reden. Sie ſuchte nun durch
andre Mittelchen ihre verlorne Geſundheit wie⸗
der herzuſtellen; ſie feierte Wachnächte und Lie—
besfeſte, und oftſahen wir zu unſerem Schmerze
die Leidende aus den Städten in's Freie wan⸗
ken, um auf den Rath eines Quackſalbers auf
den Höhen und unter den grünen Bäumen durch
Laͤgerverſammlungen ſich zu erholen. Doch al—
les vergeblich; ihre Auszehrung wurde nur deſto
gefährlicher. Man ſoll die letzten Stunden ei—
nes Menſchen, ſelbſt ſeines Gegners, nicht ſtö⸗
Darum verharrte auch der „Lutheraner“
im tiefſten Schweigen, wiewohl er von der
Kranken während ihres Lebens viel bitteres Un—
recht erlitten hatte. Allein die arme Patientin
ſcheint nicht mit der Inſichgekehrtheit, die einer
Verſcheidenden gebührt, verbleichen zu wollen.
Wie im Leben ſo oft, hat ſie ſich wiederum ganz
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