Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 9, Nummer 5 › Seite 29

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-10-27, Seite 29

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Chriſtum mit wahrem Glauben zueignet, war
ganz verſchwunden. Der Glaube überhaupt!
wurde für etwas ſehr Geringes angeſehen, näm-
lich für nicht mehr, als was auch die Gottloſen
haben können; ein Glaube, der nur im Kopfe
und im Maul ſei und keine lebendige Frucht zu
bringen im Stande ſci, ja, bei offenbaren Tod⸗
ſünden doch beſtehen könne. Die Liebe wurde
nicht als eine Frucht des Glaubens betrachtet,
ſondern als etwas durch die Gnade Eingegoſſe—
nes; daher auch nicht dem Glauben, ſondern
der Liebe die ſeligmachende Kraft zugeſchrieben
wurde.

Aber auch von den guten Werken ſelbſt
war die papiſtiſche Lehre weit von der geſunden
Lehre der heiligen Schrift entfernt. Man trieb
nicht auf die von Gott in den heil. 10 Geboten
befohlenen Werke; nicht auf die Werke, die ei—
nem jeden nach ſeinem Stand und Beruf zu
thun gebühren; ſondern auf beſondere Regeln,
die aus menſchlicher, ſelbſterwählter Andacht
entſprungen waren. Daher ſo viele Orden und
Brüderſchaften, die ihre Heiligkeit in beſondern
Regeln ſuchten, nach denen ſie lebten, wozu ſie
aber weder Befehl noch Erempel in der heiligen
Schrift hatten. Dieſe Werke, wenn ſich z. B.
ein Mönch caſteiete, faſtete, ſo und ſo viel be—
tete, gewiſſe Gelübde auf ſich nahm, in beſon⸗
drer Kleidung einherging, hielt man für die
rechten, guten Werke; ja, man ſchrieb ihnen eine
ſolche Heiligkeit, Kraft und Güte zu, daß auch
die, welche in gemeinen Ständen ohne ſolche
Regel lebten, derſelben zu ihrer Gerechtigkeit
mitgenießen könnten. Es ging ſo weit, daß
ſich auch Fürſten in der Kutte begraben ließen,
die ein Möuch getragen hatte, um dadurch der
Heiligkeit deſſelben theilhaftig zu werden. Die
Werke, die ein frommer Chriſt, der in ſeinem
ordentlichen Lebensberuf blieb, nach den heil.
10 Geboten that; wenn der Fürſt wohl regierte;
der Hausvater das Seine fleißig und redlich
that, die Kinder in Gottesfurcht aufzog; wenn
ein Gatte dem andern eheliche Liebe uud Treue
erwies; die Kinder ihre Eltern ehrten und ih—
nen wohlthaten im Alter: alle dieſe Werke
wurden für gemeine weltliche Werke geachtet.
Mochte immerhin der Sohn den Vater in Man⸗
gel und Elend laſſen; wenn er in's Kloſter ging
und Goͤtt mit mönchiſcher Heiligkeit diente, ſo
glaubte er ein viel köſtlicheres Werk zu thun.
Der Eheſtand war den Prieſtern als ein gemei—
ner weltlicher Stand verboten, und doch ganz
im Widerſpruch damit wurde die Ehe unter die
7 Sacramente gerechnet. Die Regeln Chriſti,
die er in ſeiner Bergpredigt vom rechten chriſt⸗
lichen Leben giebt, z. B. ſich nicht ſelbſt rächen,
Unrecht geduldig leiden, die Feinde lieben, Haß
mit Wohlthat vergelten, ſich ſelbſt und ſeinen
Lüſten abſagen, in wahrer Selbſtverleugnung
leben; alle dieſe Regeln gab man im Papſtihum
für ſogenannte evangeliſche Rathſchläge aus,
die nicht jedem Chriſten geboten, ſondern nur
denen vorgegeben ſeien, die eine höhere Voll—
kommenheit zu' erreichen ſtrebten.

Wie konnte nun bei dieſer Unzahl von Irr⸗

thümern jemand einen deutlichen gewiſſen Un⸗

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terricht vom Weg zur Seligkeit bekommen? Ach betrachten, aus welchem hervorgeht, daß die Re⸗

wie ſchwer mußte es damals ſein, ſelig zu wer—
den! Denn aus dieſer papiſtiſchen Lehre vom
Glauben und guten Werken mußten entweder
phariſäiſche Heilige oder verzweifelnde Gewiſſen
kommen. Und doch wollen wir glauben, daß
Gott auch damals, wie zu Elias Zeit, ſeine
7000 gehabt habe, die ihre Kniee nicht gebeugt
haben vor Baal, die aus dem, was ſelbſt in
der papiſtiſchen Kirche noch von Chriſto und
ſeinem Verdienſt Richtiges gelehrt wurde, durch
des heiligen Geiſtes Licht einen gewiſſen Troſt
des Glaubens gefaßt haben, während das Uebri⸗
ge als Streu und Stoppeln im Feuer der An⸗
fechtung bei ihnen verzehrt worden iſt.

Unter den namhafteſten Mißbräuchen
des Papſtthums ſind auch noch aufzuzählen:
die Verſtümmelung des Sacraments, da man
den Laien den Kelch entzog' und ihnen
folglich nur das halbe Sacrament reichte, wo—
rüber ſich ſchon vor Luthern die Böhmen von
der römiſchen Kirche getrennt hatten; ferner die
Verkehrung des Sacraments in ein ſogenann⸗
tes Meßopfer, dem man die Kraft zu⸗
ſchrieb, daß es nicht allein den Lebenden Ber—
gebung der Sünden erwirke, ſyndern auch den
Todten im Fegfeuer Linderung und Erlöſung
verſchaffe; ferner die Anrufung der Hei—
ligen; die Berehrung der Bilder und
ſo viele abergläubiſche Gebräuche, denen man
zum Theil einen ſaeramentlichen Character bei—
legte; ſo viel geiſtloſes Geſänge und Geplärre,
von welchem Chriſtus längſt zuvor geſagt hat:
„Dies Volk nahet ſich zu mir mit ſeinem Mun—
de und ehret mich mit ſeinen Lippen, aber ihr
Herz iſt ferne von mir. Aber vergeblich dienen
ſie mir, dieweil ſie lehren ſolcht Lehren, die
nichts denn Menſchengebote ſind.“ (Matth. 15,
8. 9.)

Einen ſolchen Schutt von Irrthümern und
Mißbräuchen gab es binwegzuräumen, wenn
eine wahre Beſierung in der Kirche bewirkt
werden ſollte. Welches Menſchen Kraft hätte
ſolches vermocht! Und wenn die Weiſeſten u.
Mächtigſten der Erde alle ihre Weisheit und
Macht darauf verwendet hätten, ſie würden
nichts ausgerichtet haben, wenn nicht der OErr
ſelbſt, der zur Rechten Gottes ſitzt, beſchloſſen
gehabt hätte, dieſer antichriſtiſchen Tyrannei ein
Ziel zu ſetzen, das Geheimniß der Bosheit of—
fenbar zu machen und ſeinem Volk eine gründ⸗
liche Hülfe zu ſchaffen. Nicht Luther's Werk
iſt die Neformation, ſondern das Werk deſſen,
der einſt laut unſres Tertes zu den treuloſen
Hirten Israel's ſprach:, Siehe, ich will an die
Hirten und will meine Heerde von ihren Hän—
den fordern; und will es mit ihnen ein Ende
machen, daß ſie nicht mehr ſollen Hirten ſein,
und ſollen ſich nicht miehr ſelbſt weiden. Ich
will meine Schaafe erretten aus ihrem Maul,
daß ſie ſie forthin nicht mehr freſſen ſollen.
Denn ſo ſpricht der HErr HErr: Siehe, ich
will mich meiner Heerde ſelbſt annehmen und.
ſie ſuchen; wie ein Hirte ſeine Schaafe ſucht,
wenn ſie von ſeiner Heerde verirret ſind.“

Wir wollen nun endlich noch einen Grun

formation ein Werk Gottes war, und dieſer iſt:
3.
weil dieſelbe mit demeheilſamſten

und geſegnetſten Erfolge gelikn“
wurde.
Sie kam nicht nur trotz alles Widerſtandes

von Seiten des Papſtthums zu'Stande, ſondern .
ſie war auch der Art, daß die zahlloſen Schäden
der Kirche gründlich geheilt wurden. Was die
fühnſten Erwartungen beim erſten Auftreten—
Luther's nicht hoffen konnten, das kam zu
Stande. Pabſt, Kaiſer und Reich haten ſich
verbunden, den Mönch zu Wittenberg und ſeine
Lehre zu unterdrücken, und ſie vermochten es
nicht. Kein Bann, keine Acht, kein Feuer und.“
Schwert woilte mehr helfen; ſie kam zu Stande,
die herrliche Reformation der Kirche! Auf Lu⸗
ther's Seite war nichts, als das Wort, das
mächtige Wort der Schrift; auf Seiten der Geg⸗
ner eine Macht, wie ſie kein mächtiger Eroberer
je in's Feld geführt hat. Auf Seiten Luther's
war nichts, als der Glaube, der den Mächten
der Hölle trotzig die Stirn bot, und Gut und.
Blut, Leib und Leben freudig für die Wahrheit
in die Schanze ſchlug; ein Glaube, der ſich wei⸗
gerte von irgend einem menſchlichen Arm Hülfe
anzunehmen, ſondern allein auf den Schutz des
HErrn der Heerſchaaren vertraute. Auf Seiten
des Papſtthums alle Künſte der Lüge und Bos⸗
heit und alle Kräfte der Finſterniß. O wahr⸗
lich ein ungleicher Kampf vor Menſchen-Au⸗
gen, ein Kampf David's mit Goliath; ja, der
ungleichſte, von dem je die Geſchichte erzählt hat.⸗
Und doch mußte der Sieg auf Luther's Seitt!
fallen, weil der Gott Zebaoth mit ihm war;
weil Chriſtus IEſus ſelbſt durch dieſen ſeinen,
Knecht den ungleichen Streit führte.
Und wie herrlich kam ſie zu Stande! Es
war eine Reformation im wahren Sinne des
Worte; nicht eine mechaniſche Wiederherſtellung.
von etwas früher Beſtandenem; auch nicht ein
gewaliſamer Umſturz des Beſtehenden — nicht
eine Revolution, die mit frevelnder Hand in die
Rechte Anderer greift. Ja unbegreiflich iſts,
und ein Zeichen ihrer Blindheit und Unwiſſen⸗
heit, wenn ſich bisweilen die Umſturzmänner
unſrer Tage auf Luther's Werk zur Beſchöni⸗
gung ihres Frevels berufen. Nein! es war
eine wahre Reformation, das heißt: eine leben⸗
dige Neugeſtaltung der Kirche auf dem uralten.
Grund des göttlichen Wortes. Die Schrift und
nichts als die Schrift war das Fundament des
herrlichen Neubau's. Sie kam durch die Re⸗
formation zu ihrem vollen Rechte, als die oberſe
und alleinige Richterin in allen Glaubensſa⸗
chen. Sie blieb nicht mehr ein todter Schatz,
der ſich in den Bibliotheken der Kloͤſter verbarz,
ſondern ſie kam in Brauch und Uebung. Durch
die meiſterhafte Ueberſetzung derſelben in die;
deutſche Sprache, ein Werk, durch welches al⸗
lein ſich Dr. Luther unſterbliche Verdienſte er⸗
worben hat, und an welchem der beſondere Bei“
ſtand des heiligen Geiſtes gar deutlich zu ſpun
reu iſt, kam die heilige Schrift in Jedermanns⸗
Hände. Eben dies war es, was die Reforma⸗

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