# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 10 27_S29 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Chriſtum mit wahrem Glauben zueignet, war ganz verſchwunden. Der Glaube überhaupt! wurde für etwas ſehr Geringes angeſehen, näm- lich für nicht mehr, als was auch die Gottloſen haben können; ein Glaube, der nur im Kopfe und im Maul ſei und keine lebendige Frucht zu bringen im Stande ſci, ja, bei offenbaren Tod⸗ ſünden doch beſtehen könne. Die Liebe wurde nicht als eine Frucht des Glaubens betrachtet, ſondern als etwas durch die Gnade Eingegoſſe— nes; daher auch nicht dem Glauben, ſondern der Liebe die ſeligmachende Kraft zugeſchrieben wurde. Aber auch von den guten Werken ſelbſt war die papiſtiſche Lehre weit von der geſunden Lehre der heiligen Schrift entfernt. Man trieb nicht auf die von Gott in den heil. 10 Geboten befohlenen Werke; nicht auf die Werke, die ei— nem jeden nach ſeinem Stand und Beruf zu thun gebühren; ſondern auf beſondere Regeln, die aus menſchlicher, ſelbſterwählter Andacht entſprungen waren. Daher ſo viele Orden und Brüderſchaften, die ihre Heiligkeit in beſondern Regeln ſuchten, nach denen ſie lebten, wozu ſie aber weder Befehl noch Erempel in der heiligen Schrift hatten. Dieſe Werke, wenn ſich z. B. ein Mönch caſteiete, faſtete, ſo und ſo viel be— tete, gewiſſe Gelübde auf ſich nahm, in beſon⸗ drer Kleidung einherging, hielt man für die rechten, guten Werke; ja, man ſchrieb ihnen eine ſolche Heiligkeit, Kraft und Güte zu, daß auch die, welche in gemeinen Ständen ohne ſolche Regel lebten, derſelben zu ihrer Gerechtigkeit mitgenießen könnten. Es ging ſo weit, daß ſich auch Fürſten in der Kutte begraben ließen, die ein Möuch getragen hatte, um dadurch der Heiligkeit deſſelben theilhaftig zu werden. Die Werke, die ein frommer Chriſt, der in ſeinem ordentlichen Lebensberuf blieb, nach den heil. 10 Geboten that; wenn der Fürſt wohl regierte; der Hausvater das Seine fleißig und redlich that, die Kinder in Gottesfurcht aufzog; wenn ein Gatte dem andern eheliche Liebe uud Treue erwies; die Kinder ihre Eltern ehrten und ih— nen wohlthaten im Alter: alle dieſe Werke wurden für gemeine weltliche Werke geachtet. Mochte immerhin der Sohn den Vater in Man⸗ gel und Elend laſſen; wenn er in's Kloſter ging und Goͤtt mit mönchiſcher Heiligkeit diente, ſo glaubte er ein viel köſtlicheres Werk zu thun. Der Eheſtand war den Prieſtern als ein gemei— ner weltlicher Stand verboten, und doch ganz im Widerſpruch damit wurde die Ehe unter die 7 Sacramente gerechnet. Die Regeln Chriſti, die er in ſeiner Bergpredigt vom rechten chriſt⸗ lichen Leben giebt, z. B. ſich nicht ſelbſt rächen, Unrecht geduldig leiden, die Feinde lieben, Haß mit Wohlthat vergelten, ſich ſelbſt und ſeinen Lüſten abſagen, in wahrer Selbſtverleugnung leben; alle dieſe Regeln gab man im Papſtihum für ſogenannte evangeliſche Rathſchläge aus, die nicht jedem Chriſten geboten, ſondern nur denen vorgegeben ſeien, die eine höhere Voll— kommenheit zu' erreichen ſtrebten. Wie konnte nun bei dieſer Unzahl von Irr⸗ thümern jemand einen deutlichen gewiſſen Un⸗ — 28— terricht vom Weg zur Seligkeit bekommen? Ach betrachten, aus welchem hervorgeht, daß die Re⸗ wie ſchwer mußte es damals ſein, ſelig zu wer— den! Denn aus dieſer papiſtiſchen Lehre vom Glauben und guten Werken mußten entweder phariſäiſche Heilige oder verzweifelnde Gewiſſen kommen. Und doch wollen wir glauben, daß Gott auch damals, wie zu Elias Zeit, ſeine 7000 gehabt habe, die ihre Kniee nicht gebeugt haben vor Baal, die aus dem, was ſelbſt in der papiſtiſchen Kirche noch von Chriſto und ſeinem Verdienſt Richtiges gelehrt wurde, durch des heiligen Geiſtes Licht einen gewiſſen Troſt des Glaubens gefaßt haben, während das Uebri⸗ ge als Streu und Stoppeln im Feuer der An⸗ fechtung bei ihnen verzehrt worden iſt. Unter den namhafteſten Mißbräuchen des Papſtthums ſind auch noch aufzuzählen: die Verſtümmelung des Sacraments, da man den Laien den Kelch entzog' und ihnen folglich nur das halbe Sacrament reichte, wo— rüber ſich ſchon vor Luthern die Böhmen von der römiſchen Kirche getrennt hatten; ferner die Verkehrung des Sacraments in ein ſogenann⸗ tes Meßopfer, dem man die Kraft zu⸗ ſchrieb, daß es nicht allein den Lebenden Ber— gebung der Sünden erwirke, ſyndern auch den Todten im Fegfeuer Linderung und Erlöſung verſchaffe; ferner die Anrufung der Hei— ligen; die Berehrung der Bilder und ſo viele abergläubiſche Gebräuche, denen man zum Theil einen ſaeramentlichen Character bei— legte; ſo viel geiſtloſes Geſänge und Geplärre, von welchem Chriſtus längſt zuvor geſagt hat: „Dies Volk nahet ſich zu mir mit ſeinem Mun— de und ehret mich mit ſeinen Lippen, aber ihr Herz iſt ferne von mir. Aber vergeblich dienen ſie mir, dieweil ſie lehren ſolcht Lehren, die nichts denn Menſchengebote ſind.“ (Matth. 15, 8. 9.) Einen ſolchen Schutt von Irrthümern und Mißbräuchen gab es binwegzuräumen, wenn eine wahre Beſierung in der Kirche bewirkt werden ſollte. Welches Menſchen Kraft hätte ſolches vermocht! Und wenn die Weiſeſten u. Mächtigſten der Erde alle ihre Weisheit und Macht darauf verwendet hätten, ſie würden nichts ausgerichtet haben, wenn nicht der OErr ſelbſt, der zur Rechten Gottes ſitzt, beſchloſſen gehabt hätte, dieſer antichriſtiſchen Tyrannei ein Ziel zu ſetzen, das Geheimniß der Bosheit of— fenbar zu machen und ſeinem Volk eine gründ⸗ liche Hülfe zu ſchaffen. Nicht Luther's Werk iſt die Neformation, ſondern das Werk deſſen, der einſt laut unſres Tertes zu den treuloſen Hirten Israel's ſprach:, Siehe, ich will an die Hirten und will meine Heerde von ihren Hän— den fordern; und will es mit ihnen ein Ende machen, daß ſie nicht mehr ſollen Hirten ſein, und ſollen ſich nicht miehr ſelbſt weiden. Ich will meine Schaafe erretten aus ihrem Maul, daß ſie ſie forthin nicht mehr freſſen ſollen. Denn ſo ſpricht der HErr HErr: Siehe, ich will mich meiner Heerde ſelbſt annehmen und. ſie ſuchen; wie ein Hirte ſeine Schaafe ſucht, wenn ſie von ſeiner Heerde verirret ſind.“ Wir wollen nun endlich noch einen Grun formation ein Werk Gottes war, und dieſer iſt: 3. weil dieſelbe mit demeheilſamſten und geſegnetſten Erfolge gelikn“ wurde. Sie kam nicht nur trotz alles Widerſtandes von Seiten des Papſtthums zu'Stande, ſondern . ſie war auch der Art, daß die zahlloſen Schäden der Kirche gründlich geheilt wurden. Was die fühnſten Erwartungen beim erſten Auftreten— Luther's nicht hoffen konnten, das kam zu Stande. Pabſt, Kaiſer und Reich haten ſich verbunden, den Mönch zu Wittenberg und ſeine Lehre zu unterdrücken, und ſie vermochten es nicht. Kein Bann, keine Acht, kein Feuer und.“ Schwert woilte mehr helfen; ſie kam zu Stande, die herrliche Reformation der Kirche! Auf Lu⸗ ther's Seite war nichts, als das Wort, das mächtige Wort der Schrift; auf Seiten der Geg⸗ ner eine Macht, wie ſie kein mächtiger Eroberer je in's Feld geführt hat. Auf Seiten Luther's war nichts, als der Glaube, der den Mächten der Hölle trotzig die Stirn bot, und Gut und. Blut, Leib und Leben freudig für die Wahrheit in die Schanze ſchlug; ein Glaube, der ſich wei⸗ gerte von irgend einem menſchlichen Arm Hülfe anzunehmen, ſondern allein auf den Schutz des HErrn der Heerſchaaren vertraute. Auf Seiten des Papſtthums alle Künſte der Lüge und Bos⸗ heit und alle Kräfte der Finſterniß. O wahr⸗ lich ein ungleicher Kampf vor Menſchen-Au⸗ gen, ein Kampf David's mit Goliath; ja, der ungleichſte, von dem je die Geſchichte erzählt hat.⸗ Und doch mußte der Sieg auf Luther's Seitt! fallen, weil der Gott Zebaoth mit ihm war; weil Chriſtus IEſus ſelbſt durch dieſen ſeinen, Knecht den ungleichen Streit führte. Und wie herrlich kam ſie zu Stande! Es war eine Reformation im wahren Sinne des Worte; nicht eine mechaniſche Wiederherſtellung. von etwas früher Beſtandenem; auch nicht ein gewaliſamer Umſturz des Beſtehenden — nicht eine Revolution, die mit frevelnder Hand in die Rechte Anderer greift. Ja unbegreiflich iſts, und ein Zeichen ihrer Blindheit und Unwiſſen⸗ heit, wenn ſich bisweilen die Umſturzmänner unſrer Tage auf Luther's Werk zur Beſchöni⸗ gung ihres Frevels berufen. Nein! es war eine wahre Reformation, das heißt: eine leben⸗ dige Neugeſtaltung der Kirche auf dem uralten. Grund des göttlichen Wortes. Die Schrift und nichts als die Schrift war das Fundament des herrlichen Neubau's. Sie kam durch die Re⸗ formation zu ihrem vollen Rechte, als die oberſe und alleinige Richterin in allen Glaubensſa⸗ chen. Sie blieb nicht mehr ein todter Schatz, der ſich in den Bibliotheken der Kloͤſter verbarz, ſondern ſie kam in Brauch und Uebung. Durch die meiſterhafte Ueberſetzung derſelben in die; deutſche Sprache, ein Werk, durch welches al⸗ lein ſich Dr. Luther unſterbliche Verdienſte er⸗ worben hat, und an welchem der beſondere Bei“ ſtand des heiligen Geiſtes gar deutlich zu ſpun reu iſt, kam die heilige Schrift in Jedermanns⸗ Hände. Eben dies war es, was die Reforma⸗