Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 13 › Seite 106
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-02-18, Seite 106
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gabe an denſelben Melanchton zugeſendet, wel⸗
cher aber denſelben (Brief) aus leicht zu erra⸗
thenden Gründen nicht übergeben, ſondern wie⸗
der nach Genf zurückgeſchickt hat, wo er in der
dortigen Bibliothek aufbewahrt worden iſt. Ver⸗
öffentlicht fiuden wir dieſen Vrief in den bekann⸗
ten „Sammlungen von alten und neuen theo⸗
logiſchen Sachen, Urkunden ꝛc.“ Leipzig. Jahr⸗
gang 1722, Seite 626 — 628. Man meine
jedoch nicht, daß Calvin darum an Luther ge⸗
ſchrieben hat, weil beide in einem freundlichen
Briefwechſel geſtanden haben, oder weil Calvin
ſich Luthern habe nähern wollen. Vielmehr er⸗
zählt Calvin im Eingange ſeines Schreibens,
daß er von anderen dazu genöthigt worden ſei
und daß ihn eine gewiſſe Verlegenheit dazu ge⸗
trieben habe, daß nehmlich gewiße Franzoſen
ſich von ihm in einer wichtigen Angelegenheit
nicht haben weiſen laſſen, ſich auf Luthern be—
rufend. Er fährt nehmlich ſodann alſo fort:
„Uebrigens, weil ſie (die Franzoſen) unſchlüſ⸗
ſig ſind und im Zweifel ſtehen, ſo tragen ſie Ver⸗
langen, dein Urtheil zu hören, welches, wie ſie
es denn mit Recht hoch achten, ihnen zu großer
Beſtärkung dienen wird. Sie haben mich daher
gebeten, einen eigenen ſicheren Boten an Dich
zu ſenden, welcher Deine Antwort über dieſe
Sache uns zurückbrächte. Ich aber, weil ich nicht
nur dafür hielt, daß es für ſie höchſt wichtig ſei,
durch deine Auctorität unterſtützt zu ſein, damit
ſie nicht immer ſchwanken möchten, ſondern weil es
mir auch ſelbſt höchſt erwünſcht war, mochte ich
ihnen nicht abſchlagen, was ſie begehrten. Daher
bitte ich Dich, Hochgeehrteſter Vater in dem
HErrn, inſtändig durch Chriſtum, Du wolleſt
Dich nicht beſchwert fühlen, den Eckel mei⸗
net⸗ und ihrethalben zu überwinden,
daß Du erſtlich den in ihrem Namen geſchriebe⸗
nen Brief, und meine Büchlein ) in Muße⸗
ſtunden wie zum Zeitvertreib überlaufeſt, oder
das Leſen jemanden übertrageſt, der Dir über
den Geſammtinhalt berichte, und daß Du ſodann
Deine Meinung mit wenigen Worten uns ſchrei⸗
beſt. Ich thue es zwar ungern, daß ich Dir bei ſo
wichtigen und verſchiedenartigen Geſchäften dieſe
Mühe machen ſoll, aber da ich es nur nothge⸗
drungen thue, halte ich mich verſichert, daß Du
mir nach Deiner Billigkeit Verzeihung wiederfah⸗
ren laſſen wirſt.
Hieraus erſieht der Leſer, welche Geſinnung Cal-—
vin bei Luther gegen ihn vorausgeſetzt hat, nicht,
wie der „Friedensbote“ berichtet, Zuneigung und
Gunſt, ſondern „Eckel,“ den höchſten Wider⸗
willen und eine ſolche Verachtung ſeiner Schrei⸗
berelen, daß er ſie kaum des Durchblätterns
würdigen werde.
Noch mehr Licht fällt aber auf das Verhält⸗
niß, in welchem dieſe Männer damals zu einander
geſtanden, wenn wir noch den Brief Calvins
vom 16. Januar 1545 an Melanchton hinzu⸗
nehmen, von welchem der obige an Luthern ab⸗
zugebende begleitet war. Es befindet ſich der⸗—
ſelbe in der von Beza veranſtalteten und im
2) Dieſe Büchlein behandelten die Sache, Über welcht dit
Uneinigkeit zwiſchen Cal vin und Ienen Franzoſen entſtanden
war.
Jahre 1576 zu Lauſanne erſchienenen Samm⸗
lung der Brief Calvins (No. b0.). Darin
heißt es unter Anderem alſo: „Weil ihnen“ (den
Franzoſen) die Sache ſchwierig zu ſein ſcheint,
ſo ſind ſie noch im Zweifel und unſchlüſſig, was
ſie thun follen, bis ſie durch Deine und Luthers
Auctorität beſtärkt ſind. Und zwar fürchte ich,
daß ſie euch deß wegen um Rath fragen wollen,
weil ſie hoffen, daß ihr gelinder gegen ſie ſein
werdet. Du ſiehſt, wie vertraulich ich mit Dir
handle; ich fürchte jedoch nich t, das Maaß zu
überſchreiten, denn ich weiß, wie viel ich mir ge⸗
gen Dich nach Deinem beſonderen Wohlwollen
erlauben darf. In Betreff des Dr. Martin
(Luthers nehmlich) „wird etwas mehr Schwie⸗
rigkeit ſein; denn ſo viel ich aus einem Ge⸗
rücht und aus den Briefen ciniger habe vermer—
ken können, ſo könnte das kaum erſt beſänftigte
Gemüth des Menſchen wegen einer geringen
Urſache wieder gereizt und aufgebracht werden
(exulcerari). Daher wird Dir der Bote den
Brief, den ich an ſelbigen, „Luthern)“ geſchrie⸗
ben habe, vorzeigen, damit Du ihn leſeſt und die
ganze Sache nach Deinem Gutdünken regiereſt;
daß alſo nichts verkehrt und unüberlegt verſucht
werde, was hernach unglücklich ablaufen könnte,
dafür wirſt Du Sorge tragen; und ich weiß,
daß Du dies nach Deiner ſo großen Geſchicklich—
keit wohl thun werdeſt.“ Hieraus geht ſonnenklar
hervor, daß ſich Calvin nur mit Zagen, weil ihn
jene Franzoſen dazu genöthigt hatten, an Lu⸗
thern gewendet und daß er gefürchtet habe, ſelbſt
ſein im Tone bhoher Ehrerbietung geſchriebene
Brief könne leicht den Zorn des kaum ein wenig
ſtill gewordenen Luther auf's neue erregen. Cal⸗—
vin iſt ſo ſcheu, daß er nicht einmal wagt, mit
einem ſolchen Brief geradezu vor Luthern zu
erſcheinen, ſondern es der klugen Berechnung
Melanchthons überläßt, ob durch die Uebergabe
des Briefes nicht leicht nur Uebel ärger gemacht
werden könnte.
Daß Calvin ferner ſelbſt auch ſich unter die
gerechnet habe, gegen welche Luther in ſeinem
„Bekenntniß vom Abendmahl“ vom Jahre 1544
geſchrieben hat, iſt laut eines Briefes Calvins
an Bullinger in Zürich vom 25. November die⸗
ſes Jahres ſo ganz außer Zweifel, daß nur Un⸗
wiſſenheit oder Muthwille es leugnen kann. So
ſchreibt nehmlich Calvin in jenem Briefe (es iſt
der 57. in der citirten Sammlung): „Ich höre,
daß Luther endlich mit grimmigen Schmähungen
nicht ſowohl gegen euch „Schweizeriſche,
Zwinglianer),“ als gegen uns alle
hervorgebrochen ſei. Nun wage ich kaum, euch
zu bitten, daß ihr ſchweiget; weil es unbillig
iſt, unverſchuldeter Weiſe eine ſo üble Behand⸗
lung zu erfahren und ſich nicht rechtfertigen zu dür⸗
fen, und ſchwer zu beſtimmen iſt, ob dies erſprieß⸗
lich ſein werde. Aber das, bitte ich, wollet ihr euch zu
Gemüthe führen, erſtlich, was für ein großer Mann
Luther ſei, und durch was für große Gaben er ſich
auszeichne, mit welchemMuthe, mit welcher Be⸗
ſtändigkeit, mit welcher Geſchicklichkeit, mit welcher
durchdringenden Kraft zu lehren, er bisher das
Reich des Antichriſts zu ſtürzen und zugleich die
Lehre des Heils zu verbreiten, beflißen geweſen.
iſt. Ich pflege oft zu ſagen: wenn er mich
auch einen Teufel nennete, ſo würde
ich ihm doch ſo viel Ehre erweiſen, ihn für einen
ausgezeichneten Knecht Gottes anzuerkennen, der
jedoch, wie er an vorzüglichen Tugenden reich
iſt, ſo an großen Fehlern leidet.“ —
Wie Calvin endlich in Betreff der Augs-
burgiſchen Confeſſion ſpäter geſinm
geweſen, nachdem es nicht mehr in ſeinem Inte⸗
reſſe lag, ſich in dieſelbe mit innerem Widerſtre⸗
ben zu hüllen, ) geht klar aus einer Außerung
hervor, welche Calvin that, als Catharina von
Medici (dieVormünderin König CarlsIX.) 1561
von den Reformirten in Frankreich die Annah⸗
me und Unterzeichnung der Augsburgiſchen Con⸗
feſſion gefordert halte, damit nicht immer mehr
Secten entſtehen möchten. Die Papiſten wa⸗
ren hierüber höchſt aufgebracht, da ſie ahnten, von
welchem unvergleichlichem Vortheil eine ſolche
Union der Lutheriſchen und Reformirten auf
Grund der Augsb. Conf. für den Proteſtantis⸗
mus ſein würde; daher ſich hierüber der Papiſſt
Caniſius in einem Briefe vom 29. Januar 15627
an den auf dem Concilium zu Trient befindli⸗
chen Cardinal Hoſius folgendermaßen ausdrückte:!
„Einige glauben, der Teufel trachte es durch
die franzöſiſche Spitzfindigkeit dahin zu Kingen
daß aus dem Calvinismo und Lutheranisma
Ein Corpus Doctrinac (Ein Lehrſyſtem) wer⸗
den möge.“ VVergleiche Cyprians Unterricht
von kirchl. Verein. der Proteſt. S. 232.] Wie
ſprach ſich hingegegen Calvin hierbei aus? Er
ſchrieb am 10. September 1561 an Beza nach
Poiſſy, wo ſich letzterer damals zur Abhaltung
eines Geſpräches mit den Papiſten aufhielt, un⸗
ter Anderem folgendes: „Die Augsburgiſcht
Confeſſion iſt, wie Du weißt, die Fackel eurer
Furie zur Anſchürung eines Feuers, welches
ganz Frankreich in Flammen ſetzen und verzehren
ſoll. Aber es iſt wohl zu unterſuchen, wozu ſie
aufgedrungen werden ſoll, da die Milde derſel⸗
ben immer den Rechtſchaffenen mißfallen und den
Verfaſſer derſelben ſelbſt gereut und dieſelbe in
den meiſten Stellen dem beſonderen Bedürfniß
Deutſchlands augepaßt iſt. Ich ſchweige, daß die
Kürze derſelben ſowohl dunkel,(aha!),“ als mit
Übergehung mehrerer Hauptſtücke von der größten.
Wichtigkeit etwas Verſtümmeltes iſt. Uebrigens.
wäre es abgeſchmackt die franzöſiſche Confeſſion,
zurückzuſetzen und jene anzunehmen. Ja, auf;
dieſe Weiſe würde für die Zukunft Stoff zum ö
Nachdem Calvin 1538 aus Genf verjagt worden war,
wendete er ſich nach Strasburg, und hier mußte er, um ei⸗
ne theologiſche Profeſſur und das Paſtorat an der nen ge⸗
ſrifteten franzöſiſchen Gemeinde hierſelbſt zu erlangen, dit
Augsburgiſche Confeſſion unterſchreiben. Er thats im Jaht
1539, wie er ſelbſt ſpäter 1557 bekaunte in einem Brieſe!
(Epiſt. 236) an Martin Schalling, Prediger zu Regens⸗
burg, wo er alſo ſchreibt: „Ich weiſe jedoch auch die Augs⸗
burger Confeſſion nicht zurück, welche ich vormals willig und
gerne unterſchrieben habe, wie ſie der Berfaſſer
ſelbſ ausgelegt hat.“ Die letzten Worte zti
gen freilich, daß Calvin bei ſeiner Unterſchrift nicht ehrlich
zu Werke gegangen iſt, ſondern dabei einen jeſuitiſchen gi⸗
heimen Vorbehalt angewendet hat. Uebrigens aber erklän
ſich aus dieſer Unterſchriftsleiſtung, warum Calvin früher ö
auch treue Lutheraner getäuſcht und für einen evangeliſchent
Theologen gegol ten habe, worauf ſich der „Frievensbote“ ſo⸗
oft beruft.
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