Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 13 › Seite 98

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-02-18, Seite 98

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densboten,“ oder ſonſt wo, das gilt mir gleich!
Sieh doch, Martin, ich habe hier meine Farm,
mein gutes Haus, meinen Obſtgarten, meinen
Viehſtand, mein Weib, meine Kinder, und gute
Rachbarn, und das Bischen baar Geld, das ich
für mich und für das Reich Gottes nöthig habe,
liefert mir mit Gottes Hülfe mein Handwerk, das
ich ſo nebenbei mit treiben kann. Nun ſind mir
ſchon ſeit einigen Jahren Zeitungen, kleine Trak⸗
tätlein, auch große Papierbogen mit ungeheuren
Buchſtaben ins Haus getragen, worin die Leüte
das Land California anpreiſen, und ſagen, da
Lönne man das Geld nur ſo aus dem Flußſand
herausholen, da brauche man nur eine Hacke und
ein Sieb mitzunehmen, da könne man Goldes
genug zuſammenbringen. Sieh, das ſteht auch
gedruckt, und die Leute ſagen alle, es ſei ſo, aber
das ſicht mich ja gar nicht an. Ich habe ja Alles
was ich brauche, und noch was darüber, da
müßte ich ja ein Narr ſein, wenn ich mein Haab
und Gut und meine Ruhe und meinen Frieden
im Stich laſſen wollte, und ſollte nun nach Califor⸗
nien hinziehen auf Ebentheuer, und erſt ſuch en,
was ich hier ſchon habe. Und wie, wenn
ich's gar nicht fände, und müßte im Hunger und

Kummer umkommen imfremden Lande? — Und

das wäre doch noch möglich, daß ich dort auch
wieder eine Farm kriegte, obgleich ſicherlich mit
ſchwerer Mühe und harter Arbeit, und wo nicht,
ſowäre es ja doch nur was Zeitliches, was ich dar
an geſetzt hätte, obgleich ich ein großer Narr gewe⸗
ſen. In dieſem Caſus aber mit den Evangeli⸗
ſchen iſt's ja ganz unmöglich, daß ich da finden
ſollte was ich hier habe, nämlich rechte Ruhe,
Friede, Freude und Seligkeit, es wäre ja nichts
als Aberwitz; wenn ich's nur ſuchte, und da
hätte ich nicht Zeitliches, ſondern meine ewige
Seligkeit daran geſetzt.

Ich mein e ſo: Ich bin ein armer, verlorner und
verdammter Sünder, wie ich ſchon aus dem kleinen
Catechismus Lutheri gelernt, die Bibel bezeugt,
und mein Herz und Leben mir leider noch in meinen

alten Tagen die Erfahrung davon an die Hand
giebt; das hat mein Herz mit Sorge und Betrüb⸗
niß erfüllt, und wird mir noch mitunter, wenn
der Teufel mit mir anfängt zu raiſonniren, und
mir ſeine feurigen Pfeile ins Gewiſſen hin⸗
ein zu ſchießen, ganz ängſtlich und ſchwul zu
Muthe, daß es ordentlich einen tüchtigen und
tiefen Glaubensgriff koſtet in Gottes Barmher⸗
zigkeit und wahrhaftige Zuſage hinein auf Chriſti
Verdienſt, daß ich nur das Stehen behalte. Meine
Süunden kann ich nicht wieder gut machen, ab⸗
büßen könnte ich ſie auch nicht, das müßte in der
der Hölle geſchehen; und gienge wohl die lange
Ewigkeit darüber hin; mit dem Beſſerwerden, wo
unſer Schullehrer und der neue Pfarrer immer
auf losſteuerte, wills auch nicht gehen, und ſehe
auch nicht ab, wenn's beſſer ginge als es geht,
wie dadurch meine alte Schuld ſollte bezahlt wer⸗
den; kurz, ich weiß aus mir ſelber keinen Rath,
und es iſt ſchier aus mit mir. Selig werden
möchte ich aber doch gar zu gern, und da frage
ich, wie werd' ichs und zwar recht gewiß, daß
kein Zweifel im Gewiſſen hangen bleibt.
Da kommt nun meine liebe lutheriſche Kirche,

—98—
*

und lehrt mich's ganz einfältig, daß Gott wolle,
daß alle Menſchen ſollen ſelig werden, und zur
Erkenntniß der Wahrheit kommen, daß deßwe⸗
gen der liebe Herr Jeſus Menſch geworden, um
an meiner Statt das ganze Geſetz zu erfüllen mit
ſeinem vollkommenen Gehorſam, und auch den
Fluch und die Strafe für alle Sünden der Welt
mit ſeinem unſchuldigen Leiden und Sterben zu
tragen, und ſo meine und der ganzen Welt un⸗
bezahlbare Schuld abzubüßen und zu tilgen und
mir und aller Welt Vergebung der Sünden, eine
vollkommene Gerechtigkeit, Leben und Seligkeit
zu erwerben. Da frage ich wieder, wie kommt
denn nun das zu mir armen Sünder, daß
ich's auch gewiß kriege; und nicht zu zwei⸗
feln brauche, daß es alle Welt kriegt,
ich aber am Ende leer ausgehe? Da
kommt ſie wieder, und — merke Dir, Martin, da
ſteckt das Beſte, — weiſet mich ganz einfältig
hin auf das Wort und die heil. Sacramente, die
bringen das alle mit, ſo daß es mir der liebe
himmliſche Vater damit wie durch ſeine Mittel
wirklich und wahrhaftig in den Schooß ſchüttet,
ſo daß ich und jeder, der das Wort hört, der ge—
tauft iſt, oder der das heilige Sacrament
empfängt, Alles frei umſoͤnſt und wirklich
und wahrhaftig geſchenkt erhalten hat, und nichts
mehr nöthig iſt, da Chriſtus Alles erworben hat,
nnd Gott mir nun Alles frei und umſonſt
und wirklich und wahrhaftig ohne alle Klauſeln
darrreicht und ſchenkt, als daß ich's an⸗
nehmen; und das geſchieht durch den
Glauben, den der heil. Geiſt eben auch durch
das Wort und die heil. Sacramente in dem be⸗
trübten Herzen wirkt. Siehe da iſt für ein ar⸗
mes gedemüthigtes Sünrdeherz Alles ſo einfäl⸗
tig und klar bei einander, da hängt Alles ſo feſt in
einander zuſammen, da iſt Alles ſchon, um es nur
platt herauszuſagen, ſo fix und fertig, und daher
ebenſo gewiß und feſt und tröſtlich, daß dem ar⸗
men Sünder ſchier nichts übrig bleibt, als ſich
zu wundern, zu loben und zu preiſen, ſeinem
Herrn einfältig und kindlich anzuhangen, und
ſeine Luſt, Liebe und Freude über ſolch wunder⸗
lich und ſelig Werk ſeinem Nächſten und aller
Welt in Freundlichkeit, und allerlei Liebesdienſt
kund zu thun. — Aber das iſt's eben, das iſt
den meiſten Leuten zu einfach, da können ſie
mit ihrer Weisheit und ihrem Thun gar nicht
mehr ankommen, da gehört ſchon ein von Gott
einfältig und demüthig gemachtes Herz dazu,
wie die liebe Großmutter wohl im Scherz zu ſa⸗
gen pflegte, wenn der Menſch den Rock
der Gerechtigkeit ſich man ſo fertig
ſoll anziehen laſſen; er möchte doch we⸗
nigſtens gern den Ruhm davon haben, daß er
die Knöpfe und das Kameelgarn da⸗
zu gegeben. Aber da wird nun einmal in
der luth. Kirche nichts aus, und das macht ſie
demarmen Sünder um ſo lieber, denn wenn's
auch nur Knöpfe und Kameelgarn ſind, ich zum
wenigſten, wüßte ſie aus meinem Vermögen
nicht aufzutreiben,
Und das greift ja eben die luth. Kirche nicht
aus der Luft, das gründet ſieſoeinfältig
hin auf's Wort, und allein auf's

Wort, und ganz auf's Wort, daran
lehrt ſie Einen hangen ganz und gar und zieht
Einen ſo von Allem andern ab, daß man an ihrer
Hand glauben lernt wie Abraham, wider alles
Sehen, Fühlen und Erfahren, was freilich bei
den Methodiſten, und anderen Schwärmern ein
todter Glaube ſein muß, aber der Lutheraner
weiß wohl, welch ein kräftig lebendig Ding ſol⸗
cher Glaube iſt, namentlich in den hohen ſchwe⸗
ren Anfechtungen, wo Einem ja doch am Ende
Nichts übrig bleibt, als das Wort, an das der
Glaube ſich hängt.

Und wenn ſie Einen ſo auf's Wort allein führt,
ſo hat ſie nicht erſt das Wort ſelbſt zweifelhaft
und zu Nichte gemacht mit ihren Gloſſen oder
„geiſtigen“ Aus-und Einlegungen, ſondern wie's
geſchrieben ſteht, ſo buchſtäblich hin, nimmt ſie
es an, die Vernunft der klugen Leute mag die
Naſe rümpfen, wie ſie will und die Buchſtäbler
über die Schulter anſehen, das gilt ihr gleich, ſie
weiß, was ſie hat.— Und das iſt ja Alles nur
ſo grob hin geſagt, und kurz die Hauptſache zu⸗
ſammengefaßt, wir beide wiſſen aber ja wohl,
wie ſie bei allen, auch den kleinſten Stücklein jeder
beſondern Lehre den ganzen Reichthum Gottes
aus ſeinem Worte herausholt, und Alles darauf

hinzielt, daß des Sünders Herz feſt werde, und

einen unerſchütterlichen und überſchwenglichen
Troſt habe. Ach! ein recht lutheriſcher Chriſt
ſitzt ſeinem lieben Herr Gott ſo recht im Schooße,
und iſteine überaus ſelige n. herrl. Creatur Gottes,
der hat wahrlich das Leben und die volle Genüge,
ja, iſt überſchwenglich reich in allen Sücken, und
dabei doch ſo ſehr nüchtern und einfältig, daß er
in ſeinem alltäglichen Gemüthszuſtande ſo hohe
herrliche, hinmliſche“ aber wirkliche Dinge ge⸗
nießt und auch ganz ordinär weg —beſpricht und
herausſpricht, wie ſie alle Schwärmer mit all
ihrer vorgeblichen Geiſtigkeit, oder Verzükungen
nicht herausträumen und ſchwärmen können.
Das weiß ich nun wohl, daß ein Lutheraner
nun noch immer wachſen und zunehmen kann und
ſoll und muß in dem, was er gelernt hat, wie
ja die lieben Apoſtel immer darauf hinweiſen,
und drängen, daß man den ganzen Reichthum
der Herrlichkeit Gottes in Chriſto Jeſu je mehr
und mehr erfaſſe, durch die immer reichere Er⸗
kenntniß des Wortes, aber wenn mich Jemand
damit locken will, daß Er die Wahrheit erſt recht
gefunden, und einen viel leichtern und ſichern
Weg, und viel größere Schätze, als wie mich
meine lutheriſche Kirche gelehrt hat, ſo ficht mich
das nicht an, er irret mich nicht, denn ich ſu⸗
che die Wahrheit nicht mehr, üch
habe ſie gefunden, und zwar in dem
buchſtäblichen Wort, wie die luth. Kirche es glau⸗
ben lehrt; da prüfe ich auch nicht erſt, ob's wohl
wahr ſein könnte, ſondern es muß falſch ſein,
weil es mit der luth. Kirche nicht ſtimmt, die
doch eben recht ſein muß, weil ſie das buchſtäb⸗
liche Wort glaubt, wie es geſchrieben ſteht, und
Gott kann nicht lügen, oder Anderes im Sinn
haben, als was Er uns hat aufſchreiben laſſen.

Da hör ich gar nicht einmal hin, ſondern wenn

ich ſehe, wie er nicht von ſeinem Ding laſſen

will, ſo verfluche ich ihn getroſt wie einen Irr⸗

ö

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