Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 13 › Seite 102

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-02-18, Seite 102

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genannt hätte, ſo thäte er ihr nicht Unrecht.
Denn wenn ein Körper lutheriſch zu ſein vor⸗
giebt und ſich in Lehre und Praxis nicht als lu⸗
theriſch zeigt, wie die Indianopolisſynode in
der Praris vor Zeit gethan hat, ſo mag man ſie
immerhin „verworren“ nennen. Da aber dieſe
in oben benannter Sitzung durch die Beſchlüſſe:
daß ſie fernerhin keine Kandidaten⸗Licenz mehr
ertheilen, auch nicht geſtatten wolle, daß ihre
Prediger gemiſchte oder unirte Gemeinden weder
organiſiren noch als ſolche mit Wort und Sa—
crament bedienen, das Unlutheriſche abgeſtellt
hat, welche Beſchlüſſe Hr. C. in No. 5. des „Lu⸗
iheraner“ leſen kann, ſo iſt der Ausdruck „ver⸗
worren“ in gegenwärtiger Zeit eine Benennung,
mit der er die lutheriſche Indianopolisſynode

nur ſchmäht. Hr. C. der ſelbſt zu keinem kirch⸗

lichen Körper gehört, ahmt hierin allen denen
independenten Predigern nach, die ohn e Grund
auf Synoden ſchimpfen.

Nennt Hr. C. aus obigem Grunde aber die
genannte Synode „verworren“, ſo hat er ſich
mit das Urtheil geſprochen, denn dann iſt er,
als ein reformirter Prediger, der ſelbſt ein e ge⸗
miſchte Gemeinde bedient, mit vollem Recht ein
„verworrener Prediger.“

Hr. C. ſcheint mich meines Standpunktes hal⸗
ber ſehr zu bedauern, wenn er ſchreibt: „Schade
für Hr. W., weil er gute Gaben beſitzt und
Gottes Wort predigt, daß er durch un⸗
mäßige lel Verbreitung des Altlutherthums
ſich des heilſamen Einfluſſes auf Cincinnati
entzieht.“

Es kömmt einem doch ein unwillkührliches
Lächeln an über dies Gerede. Er tadelt mich,
als lutheriſchen Prediger deßhalb, daß ich unmä⸗
ßig (ſoll doch hier heißen „eifrig“) gewiß ein
Zeugniß, das, ſo lobenswerth es auch iſt, mir
nicht gebührt) das Altlutherthum verbreite, und
doch giebt er mir das Zeugniß, daß ich Got tes
Wort predige.

Wodurch wird denn von mir und den luther.

„Predigern überhaupt das ſogenannte Altluther⸗
tyum verbreitet? Doch hauptſächlich durch die
Predigt. Und wenn dieſe nichts anderes denn
Gottes Wort iſt, ſo muß ja doch das Lu⸗
therthum (oder die luther. Lehre), das durch
Wort und Schrift gepredigt wird, Gottes Wort
ſein! Des ſel. Dr. Luther's Lehr iſt Pauli Lehr
und wir ſprechen mit dem letzteren 1 Theſſ. 2, 13.:
„Darum auch wir, ohne Unterlaß, Gott danken,
daß ihr, da ihr empfinget von uns das Wort
göttlicher Predigt, nahmet ihr es auf, nicht als
Menſchen Wort, ſondern (wie es denn wahrhaftig
iſt) als Gottes Wort.“ Oder vermag Hr. C. zu be⸗
weiſen, was nochnie Jemand zubeweiſen vermocht

hat, daß unſere luther. Kirche auch nur in einem
Punkte irre? Vermag er es zu beweiſen aus
Gottes Wort? Dann ſogleich wollen wir auf⸗
hören, durch Wort und Schrift das ſo verachtete
Altlutherthum zu verbreiten. Bis dahin behaup⸗
ten wir kühn mit dem theuren Paſtor Löhe:

„Dieſe lutheriſche Kirche iſt, weil ſie Wort und
Sacrament in reinem Bekenntniß hält, die Brun⸗
nenſtube der Wahrheit — und von ihren Waſ⸗
ſern werden in allen andern Kirchen geſättigt,

10²2—.—

die geſättigt werden! — Die Kinder dieſer Kirche
ſtehen in heiterer Ruhe mit leuchtenden Angeſich⸗
tern und ſcharfen Schwertern um die Quelle, von
welcher alle ſelig werden, die da ſelig werden. —
Hier iſt Israels Zug und in ſeiner Mitte die
Lade des Worts und Saeraments, und über
der Lade der Herr. Ja, hier iſt das Allerhei⸗
ligſte des Hauſes Gottes, und wenn man ſpricht:
„Gott ſende dir Hülfe vom Heiligthum und ſtärke
dich aus Zion;“ ſo iſt Heiligthum und Zion
hier bei der Kirche des reinen Bekenntniſſes, bei
deren Wort und Sacrament der Herr wohnt herr⸗
licher als im Tempel des alten Teſtaments!
Von hier aus geht alles Heil; denn hier iſt un⸗
verhüllt, nicht ſtückweiſe, ſondern völlig, wie es
nur immer dieſſeits des Grabes möglich
iſt, die klare Wahrheit des Evangeliums. Was
andere Gemeinſchaften an Wahrheit beſitzen, ver⸗
einigt ſich hier vur Wahrheit. Die vollkommene,
im Feuer der Jahrhunderte bewährte, die Welt
überwindende Wahrheit befindet ſich hier! Hier
wird ſie bekannt, Proteſt eingelegt gegen jede Fäl⸗
ſchung, kein Wörtlein wird aufgegeben!

So iſt es geweſen, ſo iſt's wieder. Der Herr
wird's ferner verleihen, der mit uns iſt.“ (L. 3
B. B. v. d. K.)

Herr C. mag wiſſen, daß wir gegen die Be⸗
nennung „Altlutherthum“ „Altlutheraner“ pro⸗
teſtiren. Wir kennen nicht zwei, ſondern nureine
luther. Kirche. Es gibt in Wahrheit keine neue.
Welche Lutheraner von den Bekenntniſſen dieſer
einen luther. Kirche abweichen, wie Z. B. die
öſtlichen ſogenannten luth. Synoden mit ihrem
Prof. Schmucker und Dr. Kurtz ꝛc. ſind keine
Lutheraner, ſo hoch ſie auch auf dieſen Namen
halten mögen.

So viel in Bezug auf das, was Herr C. über
die luthr. Gemeinde hier und über die lutheriſche
Kirche überhaupt ſchreibt.

Herr C. fährt in ſeinem Bericht fort: Noch
mehr als dieſes Zeichen des Fortſchritts iſt die
neulich ſich erſt conſtituirende deutſche presbyteri⸗
aniſche Kirche unter der Aufſicht des Hr. Sch.
(ſoll heißen Schaad), einem früheren Mitglied
der ev. Synode der V. St.“

Wenn ich hierüber einige Worte bemerke, ſo
geſchieht es allein aus der Abſicht, den Leſern
doch einmal zu zeigen, welche Ränke und Advo⸗
katenkniffe von einem geweſenen „Unirten“ bei
Gründung dieſer Gemeinde gebraucht worden
ſind, und wie leicht ſich unſer deutſches Volk oft
von Speichelleckern der Amerikaner betrügen läßt.
Hr. Sch., früher Prediger an der hieſigen unirten
St. Peters Kirche, legte ſein Amt aus der Ur⸗
ſache nieder, weil er die Union und das Treiben
dieſer Gemeinde als Gottes Wort widrig er⸗
kannt hatte. Dieſe Handlungsweiſe iſt gewiß lo⸗
benswerth und Hr. Sch. verdient um deswillen
alle Achtung. Sie war hier in C. der zweite Be⸗
weis von der Unhaltbarkeit der Union. Doch
was that Hr. Sch.? Er ſchloß ſich hierauf glied⸗
lich an die deutſch reformirte Synode an, in der
Abſicht, eine zweite deutſch reformirte Gemeinde
zu gründen; verließ aber nach zwei Monaten
ſchon wieder dieſen Körper und ward Glied der
en gl. presbyterianiſchen Kirche (old school).

Wie ergieng es nun aber ſeiner kleinen deutſch re⸗
formirten Gemeinde? Die Presbyterianer, dit
Hr. Sch. nun als. den Ihrigen beſoldeten, ver⸗
langten natürlich auch, daß er eine Gemeinde
ihrer Benennung gründe. Die Gemeinde ward
hierauf in einer der hieſigen engliſch presbyteri⸗
aniſchen aufgenommen, und ſchrecklich — ohne
über dieſen ihren Schritt und über die Lehren
der presbyterianiſchen Kirche unterrichtet zu ſein;
nur zum Übertritt durch Vorſpieglung von einer
von engliſchem Gelde zu erhaltenden neuen Kirche
bewogen. Einigen Gliedern gingen dann ſpä⸗
ter die Augen auf, erkannten erſt durch eigenes
Forſchen die Lehre des Calvinismus und die des
Lutherthums und ſahen reumüthig ein, in welche
Irrthümer ſie ſich durch den Schachergeiſt des Hr.
Sch. verirrt hatten.

Wahrlich, das iſt ein Zeichen des Fortſchritts,
wie Hr. C. ſchreibt, aber ein Zeichen der alten
Lüge des Satans! Pfui!

Hr. C. ſchreibt ferner: „Unter den übrigen
alle der evangeliſch unirten Richtung zugetha⸗
nenen (Gemeinden), aber alle independent, iſt die
bedeutendſte die des Pfr. R. an der Elmſtraße,
die ſich beſonders durch lebendiges Chriſtenthum
auszeichnet.“

Hr. C. ſcheint einen wunderlichen Begriff von
„lebendigem Chriſtenthum“ zu haben. Weiß er
nicht, daß das erſte Kennzeichen von lebendigem
Chriſtenthum in einer Gemeinde, abgeſehen von
der Bekenntnißfrage, eine chriſtliche d. h. auf
Gottes Wort gegründete Gemeindeordnung iſt?
Iſt hier auch nur Etwas von Kirchenzucht? Kann
hier nicht Jud, Heid und Türk zum Sacrament
laufen? Würdigt ſie ihren Prediger nicht herab
als einen elenden Menſchenknecht zu kirchlichen
und Privatzwecken?

Hiermit mag es genug ſein. Schließlich lege
ich euch liebe Leſer, die ihr um das Wohl der
Kirche zum Herrn betet, unſer geringes Werk
hier recht dringend an das Herz, fürbittend unſer
zu gedenken. Er, der Herr, helfe uns dereinſt
aus allen Irr- und Wirrſalen zu ſeinem himm⸗
liſchen Reich, Amen.

Cincinnati, im Febr. 1851.

Th. Wichmann.

——

Oeffentliches Beten von Laien.

Auch in der luth. Kirche hat ſich jüngſt hie
und da der Wunſch ausgeſprochen: es möge doch
auch den Laien das öffentliche Beten geſtattet
werden. Zur Warnung ſolcher Antragſteller
möge hier eine Beſchreibung der in der deutſch
reformirten Kirche in Amerika ſtattfindenden Ge⸗
betsverſammlungen einen Platz finden, welche in
der letzten Nummer der ref. Kirchenzeitung ſich
findet und alſo lautet:

Die Betſtunden werden verſchiedener Weiſe
gehalten. Im Lande werden ſie gewöhnlich in
Privathäuſern oder auch in der Kirche gehalten.
In Städten aber dagegen mehrſtentheils in den
dazu beſtimmten Localen; aber ſei es immer wo
es will, es ſind die Betſtunden dazu beſtimmt,
dem Herrn ein Lob- und Dankopfer zu bringen.

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