Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 7 › Seite 62
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-11-10, Seite 62
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theidigt Luther dieſe Beichte in ſeinem Schrei⸗
ben an die Frankfurter. Dort ſagt er nämlich
unter andern. „Wenn tauſend und abertauſend
Welten mein wären, ſo wollte ich alles lieber ver⸗
lieren, denn ich wollt dieſer Beicht das geringſte
Stücklein eines aus der Kirchen kommen laſſen.
— Sie iſt der Chriſten erſte, nöthigſte und nütz⸗
lichſte Schule, darin ſie lernen Gottes Wort und
ihren Glauben verſtehen und üben; welches ſie
nicht ſo gewaltig thun in öffentlichen Lektionen
und Predigten.“ An einer andern Stelle ſchreibt
er davon alſo: „Es muß ja eine Form und
Zucht in den Kirchen bleiben, welche ohne die
Beichte nicht zu erhalten will ſein. Und ſollte
dahin wohl gerathen, wo die Leute in der Beich⸗
te nicht gewohnten, die Sünde zu achten und der
Abſolution oder Vergebung zu warten, daß mit
der Zeit die Abſolution und Vergebung der
Sünde ganz verlaſſen und umgekehrt Ding wer⸗
den ſollte und die Leute aus eigener An⸗
dacht wieder zum Sakrament liefen wie vorhin.
So muß man ja auch dem tröſtlichen, freien
Evangelio den Raum laſſen, daß es ſowohl einem
jeglichen Menſchen, als Vielen mag geſagt wer⸗
den. Was iſt aber die Abſolution anders, denn
das Evangelium, einem einzelnen Menſchen
geſagt, der über ſeine bekannte Sünde Troſt da⸗
durch empfahr! So ſtehet da Chriſti Exempel,
Matth. 9, da er den Gichtbrüchigen einzeln ab⸗
ſolvirt, und Lue. 7 die Sünderin.“ Weiter
ſchreibt er: „Denn obwohl ein Prediger auf der
Kanzel auch das Geſetz und Evangelium lehret,
ſo läßt er's doch dabei bleiben, übet, fragt und
forſcht Niemand, wie ers faſſe, kann auch nicht
ſehen, wo es fehlet, wen er weiter tröſten oder
ſtrafen ſolle, weil er keine ſonderliche Perſon vor
ſich hat, die er üben mag ꝛc. ꝛc.“
Ich hoffe Ihnen durch dies alles genügend dar⸗
gethan zu haben, daß die Privatabſolution ſo we⸗
nig wie das Kreuzeszeichen für Sie ein Hinder⸗
niß ſein kann, einen lutheriſchen Paſtor zu beru⸗
fen. Iſt es Ihnen ſonſt ein Ernſt, ſo wird Sie
das nicht abſchrecken. Wenn es Sie oder An⸗
dere zurückhält, das heil. Predigtamt unter Sich
aufzurichten, ſo iſt es eben ein Zeichen, daß Ih⸗
nen überhaupt nicht viel daran gelegen iſt. Wenn
Sie dann aber doch noch das Concordienbuch
annehmen wollen, ſo wiſſen Sie ſelbſt nicht, was
Sie damit eigentlich thun. Denn eben das Con⸗
cordienbuch lehrt uns, wie wir ſolche Kirchenge—
bräuche und Ordnungen, wie das Kreuzeszeichen
und die Privatabſolution zu halten Freiheit und
Necht haben.
Daß Ihnen und Andern in Ihrer Gemeine
dergleichen unbekannt iſt und bei der Confirma⸗
tion am Altar nicht auferlegt ward, kann Ihnen
auch kein Anſtoß ſein, da Sie Sich doch überzeugt
haben müſſen und Jeder ſich aus dem Concor⸗
dienbuch überzeugen kann, daß es kutheriſche Ge⸗
bräuche und Ordnungen ſind. Zudem ſind Ih⸗
nen bei der Confirmation Ceremonien weder ge⸗
boten noch verboten, ſondern Sie haben gelobt,
Gottes Wort und Glauben zu halten.
Wort aber lehrt uns, wie ich Ihnen gezeigt habe
gute und erbauliche Ceremonien zu beobachten.
Sie brechen alſo Ihr Confirmationsgelübde nicht.
Gottes-
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wenn Sie einen Kirchengebrauch annehmen, den
Sie nach Gottes Wort halten dürfen, obgleich
Sie in der Kindheit denſelben nicht kannten.
Hätte wohl jemals die Reformation zu Stande
kommen können, wenn Luther und die, welche
ihm folgten ſo geſagt hätten. Wir haben dies
alles vorher nicht gekannt, darum wollen wir auch
nichts davon wiſſen?
Doch mißverſtehen Sie mich nicht; wenn ich
Ihnen hier geſagt habe, daß das Kreuzeszeichen,
Privatabſolution und andere lutheriſche Kirchen⸗
gebräuche löbliche Ordnungen ſind, ſo iſt es mei⸗
ne Meinung nicht, dieſelben Ihnen mit Wort
und Sakrament in einen Rang zu ſtellen. Es
iſt ein himmelweiter Unterſchied zwiſchen dieſen
Gnadenmitteln, die Gott ausdrücklich geboten
und ſolchen Kirchengebräuchen, die löblich und
gut, aber an und für ſich ſelbſt keine Mittel zur
Seligkeit ſind. Nein! da bleibt es dabei, was
der 7te Artikel der Augsb. Conf. ſagt: „Denn
dieſes iſt genug zu wahrer Einigkeit der chriſtli⸗
chen Kirche, daß da einträchtiglich nach reinem
Verſtande das Evangelium geprediget, und die
Sakramente, dem göttlichen Worte gemäß gerei⸗
chet werden. Und iſt nicht Noth zu wahrer Ei⸗
nigkeit der chriſtlichen Kirche, daß allenthalben
gleichförmige Ceremonien, von den Menſchen ein⸗
geſetzt, gehalten werden, wie Paulus ſpricht Epheſ.
4: „Ein Leib, Ein Geiſt, wie ihr berufen ſeid zu
einerlei Hoffnung eures Berufs: Ein Herr, Ein
Glaube, Eine Taufe.“
Wenn hiernach unter Umſtänden einzelne lu⸗
theriſche Gebräuche unterlaſſen werden können
und auch das ein Paſtor in die Freiheit ſeiner
Gemeine ſtellen möchte, ob ſie nach empfangener
Belehrung bisher ungewöhnliche Ceremonien an⸗
nehmen will, alſo auch das Kreuzeszeichen und
die Privatabſolution keine unerläßliche Bedin⸗
gungen ſind, unter denen ein Paſtor durch meine
Vermittelung zu Ihnen gehen würde, ſo iſt das
doch unbedingt zu fordern, daß diejenigen, welche
mit Ihnen zu einer lutheriſchen Gemeine zuſam⸗
mentreten wollen die Kirchengemeinſchaft mit den
„Reformirten“ aufgeben. Hiervon laſſen Sie
mich Ihnen noch einige Worte ſchreiben.
(Schluß folgt.)
—— “ ————
Ein Gleichniß.
„Es war eine edle Jungfrau, gar ſchön und
reich, die ſtaund unter hohen Vormündern, daß
dieſe ſie ſchützen ſollten, denn habgierige angeb⸗
liche Verwandte begehrten ihr reiches Erbtheil.
Da wurden die Vormünder mit den böſen an⸗
geblichen Verwandten eins, die Jungfrau bei
Seite zu ſchaffen und ſich in das Erbe zu theilen.
Wie ſollten ſie es machen? Sie beſchloſſen, ſie
lebendig zu begraben, und ihr vorher einen
Schlaftrunk zu geben. Wie ſie dachten, ſo tha⸗
ten ſie. Sie gaben der Jungfrau giftigen Schlaf⸗
trunk, ſie ſank in Ohnmacht, und ſchien todt.
Die Vormünder baten eine große Trauergeſell⸗
ſchaft, und machten ſehr fromme Geſichter.
Eben wollte man den Deckel des Sarges zu⸗
ſchließen, da erwachte die Jungfrau. Die Leid⸗
tragenden baten ſie, ſtille zu liegen, und verſi⸗
—
Güter verpraſſen.
cherten, daß Alles zu ihrem Beßten geſchehe, aber
ſie ſprang mit einem Schrei des Entſetzens aus
dem Sarge, und eilte ins Freie. Die Vormün⸗
der und Verwandten hinterher, ſie wieder einzu⸗
fangen, und zu begraben. Da ging es an ein
Jagen über Stock und Stein. Von ihrem Tod⸗
tenkleide, dem letzten Reſte ihrer großen Reich⸗
thümer, blieb noch manches an den Sträuchern
ſitzen; aber die Angſt gab ihr Eile, ſie entkam.
Lange irrte ſie in den Feldern und Wäldern als
Bettlerin umher, endlich ſoll ihr eine mitleidige
Seele einen Stall zur Wohnung angewieſen ha⸗
ben. Die Vormünder und Verwandten wollten
die Erbſchaft nicht fahren laſſen, und blieben da⸗
bei, ſie ſei todt; da ſie aber die Jungfrau nicht
begraben konnten, weil ſie dieſelbe nicht mehr
hatten, legten ſie eine ausge ſtopfte Puppe in den
Sarg, deckten einen Deckel darauf, in welchem
Glasſcheiben angebracht waren, ſetzten ſie mit
großem Pompe in einem kirchähnlichen Gebäude
bei, und wenn nun Jemand kommt, und will
von dem Vorgefallenen reden, oder gar für die
Jungfrau etwas von ihrem Gute fordern, ſo
zeigen ſie die Puppe durch“ die Glasfenſter, und
man ſoll glauben, das ſei die Jungfrau, als ob
die wirklich geſtorben ſei. Aber ſie lebt, und
wird länger leben, als ihre Verwandten, die ihre
Das gräulichſte an der
Geſchichte iſt aber, daß ſie wahr iſt. Gott er⸗
barme ſich über das Land, wo ſolche Geſchichten
geſchehen.“
Die Bedeutung dieſes Gleichniſſes, das ich
neulich irgendwo las, werden wohl manche Le⸗
ſer ohne beſondere Deutung ſchon herausge⸗
bracht haben. Zum Ueberfluß will ich noch einige
„Deuter“ herſetzen.
Die „edle, ſchöne, reiche Inngfran“ iſt unſere
liebe, theuere evangeliſch⸗lutheriſche Kirche.
Ihr „reiches Erbtheil“ iſt ihr reines, ſchriftge⸗
mäſſes Bekenntniß, ihre ſchönen Gottesdienſte.
„Die Vormünder“ ſind die hohen Herren in
geiſtlichen und weltlichen Aemtern, die die Ver⸗
pflichtung hatten, ihr Erbe zu ſchützen und zu
wahren. Die „böſen angeblichen Verwandten“
ſind — es mag hart lauten, aber ich kann nicht
helfen! — die Reformirten, welchen die luthe⸗
riſche Kirche von jeher ein Dorn im Ange war.
Die böſen Verwandten und ſchlechten Vormünder
(ſchlecht, weil ſie nicht thaten, was ihres Amtes
war), wollten das Erbe der Jungfrau theilen,
d. h. ihr Bekenntniß, ſoweit es ihnen taugte, ihre
Kirchen und Kirchengüter ſich aneignen. Das
konnten ſie natürlich erſt nach ihrem Tode und
Begräbniß, d. h. nach völliger Vernichtung der
lutheriſchen Kirche, darauf arbeiteten ſie hin. Um
zu dieſem Zwecke zu gelangen, gaben ſie der
Jungfrau zuerſt einen Schlaftrunk, aber einen ſo
ſtarken, daß ſie nach ihrer Meinung für immer
daran entſchlafen ſollte; das iſt nichts ande⸗
res, als die Union, durch die die Leute abge⸗
ſtumpft werden ſollten, ſo daß ſie den Unterſchied
zwiſchen Lutheriſch und Reformirt nicht mehr
merken könnten. Der Schlaftrunk that ſeine
Wirkung, die Jungfrau ſank in Ohnmacht und
Scheintod, es ſchien aus zu ſein mit der lutheri⸗
ſchen Kirche. Aber ſie erwachte wieder wider
alles Hoffen und Erwarten, d. h. es erſtanden
und ſammelten ſich wieder einzelne Lntheraner
und lutheriſche Gemeinden. Denen ging es
freilich und geht es zum Theil noch ſehr kümmer⸗
lich und ſchlecht, wie das im Gleichniß angedeu⸗
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