Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 7 › Seite 51
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-11-10, Seite 51
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4liebe Mel. wirklich verirrt hat und zu vermuthen,
wohin er ſich noch verirrt hätte, wenn er nicht von
. L. wäre zurückgehalten worden; er hätte nämlich
Wie der „Kirchenfreund“ſelbſt zugeſteht „bei ſeiner
Echüchternheit und Friedensliebe den Papiſten
nnd auch andern irrendenPartheien)viel zu viel
achgegeben und die Reformation größtentheils
wieder rückgängig gemacht;“ Davon giebt nament⸗
lich auch der Briefwechſel zwiſchen dieſen beiden
ſrrunden zur Zeit des Augsburger Reichstag hin⸗
länglich Zeugniß.
Zum Beweiſe, daß ſich L. von Mel. habe be⸗
ſinftigen laſſen, wird folgender Vorfall nach dem
Bericht des Letztern erzählt: „Luther zeigte ſich
einſt über die Maßen erzurnt (bei welcher Gele⸗
ſenheit, ob in perſönlichen oder in Glaubensſa⸗
chen, wird nicht geſagt); rings herrſchte tiefe
Stille. Keiner wagte gegen den brüllenden Lö⸗
wen ſeine Hand aufzuheben. (ſollte wohl Mel.
dieſen Ausdruck gebraucht haben und warum hat
er nicht lieber die Schaam ſeines geiſtlichen Va⸗
ters zugedeckt ?) Nach einer Weile hielt ihm Mel.
den Vers vor:
ö Sei auch Beſieger des Zorns,
3edDu beſtäudiger Sieger im Kampfe.
K. fing an zu lächeln und ſagte: „wir wollen
rnicht mehr darüber ſtreiten.“
ßaber auch Mel. nicht immer ſo fanftmü⸗
thig war, als man gewöhnlich annimmt, gehet ans
dem hervor, was ſein vertrauter Freund und
SchuͤlerCamerarius erzählt: Die Galle habe näm⸗
lich oft in ihm eine größere Heftigkeit der Ge⸗
nüthsbewegungen hervorgebracht, weßhalb er ſehr
reizbar geweſen ſei; wenn dieß aber auch zuweilen
be ſchnell und heftig geſchehen, daß es ge—
ſchienen, als ſey er ſeiner ſelbſt
Enicht mehr mächtig, ſo habe ſich doch bald
das Ungewitter wieder gelegt und er ſei ſogleich
zur Beſonnenheit zurückgekehrt, und wie er leicht
zu heftigem Zorn bewegt wurde, ſo war auch wie⸗
derum niemand leichter zu beſänftigen geweſen
als er.
Die bei Vielen zur Lieblings idee gewordene Ver⸗
gleichung des Freundſchaftsbundes zwiſchen Lu⸗
ther und Melanchthon mit einer Ehe, in der
jener das männliche, die ſer das weibliche Prinzip
darſtellt, köunen wir ebenfalls, auch auf die Ge⸗
fahr hin, tadelſüchtig zu erſcheinen, nicht zu der
unſrigen machen; Luther hat gerade in. den ent⸗
ſcheidenſten Momenten, wo es galt Bahn zu bre⸗
chen oder das Feld zu behaupten, allein dage⸗
ſauden; Mel. dagegen hätte wegen ſeiner allzu—
großen Nachgiebigkeit. die Reformation größten⸗
theils wieder rückgängig gemacht, wenn ihm nicht
L. gewehrt hätte. Soll daher mit jenem Vergleich
viel geſagt werden, daß an der Durchführung
des Reformationswerkes Luther und Melanchthon
gleichen Antheil gehabt hätten, ſo müſſen wir
unſere entgegengeſetzte Uberzeugung ausſprechen;
ſoll aber damit nur auf Luther's treue Liebe zu
Mel., ſowie auf Mel. freiwillige Unterthänigkeit
unter L's Lehre hingedeutet werden, ſo wollen wir
jenen Vergleich gern gelten laſſen und müſſen nur
bedauern, daß Mel. ſolchem Bunde nicht immer
treu geblieben iſt und daß oft diejenigen, welche
ihn ſonſt am meiſten rühmen, ihm gerade in jener
rühmlichen Eigenſchaft am wenigſten ähnlich zu
werden ſuchen.
Auch wird ſich die nur angedeutete Ahnlichkeit
Vs mit Paulus leichter durchführen laſſen, als
die Mel. mit Johannes. Denkt man daran, daß
E
—51.—
Chriſtus ihn und feinen Bruder Jakobus bei ihrer
Ausſendung den Namen Donnerskinder gab, ſo
kann man wohl nach L's Meinung eine Beſtäti⸗
gung dieſes Namens darin finden, daß Joh. das
rechte Evangelium geſchrieben hat, welches iſt
eine gewaltige Predigt, die alles erſchreckt und
umkehrt und die Erde fruchtbar macht, allein
ſchwerlich möchte ſich an der Wirkſamkeit Mel. et⸗
was Ahnliches auffinden laſſen; und wenn Joh.
das, was er durch Eingebung des heil. Geiſtes
in ſeiner zweiten Epiſtel V. 10 und 11 geſchrie⸗
ben, durch ſein Verhalten gegen den Irrlehrer
Cerinth bethätigte, indem er mit ſeinen Beglei⸗
tern eiligſt das Badehaus verließ, worin dieſer
ſich aufhielt, weil er fürchtete, es würde üͤber die⸗
ſeu Feind der Wahrheit zuſammenſtürzen, ſo
wird man ſich vergeblich bemühen, in dem Leben
Mel. einen ähnlichen Zug aufzufinden.
Wir gehen unn zu dem zweiten Differenz⸗
punkte zwiſchen Luther und Melanchton über,
daß nemlich jeuer ein Mann des Volkes, die⸗
ſer aber ein Gelehrter im eigentlichen Sinne
des Worts geweſen ſei und mehr auf die Gelehr⸗
ten gewirkt habe. Wir machen ihm dieſen Ruhm
und den ehreuden Beinamen: Lehrer Deutſch⸗
lands, keineswegs ſtreitig, allein wir fragen,
wer war denn Melanchthons und anderer Theo⸗
logen Lehrer in allen theologiſchen Disciplinen
und namentlich in allen Lehrartikeln, war es
nicht Luther? Wohl hat er ſeinen Freund wegen
ſeiner Gelehrſamkeit oft und hoch gerühmt; einſt,
als er einige Theologen kurz und treffend charak⸗
teriſirt hatte, ſagte er von Melanchthon: Was
Philippus ſchreibet, das hat Hände und Füße,
die Materie iſt gut, ſo ſind die Worte auch gut;
da kam Philippus ohngefähr dazu und nachdem
er die Vorzüge einiger Freunde lobend anerkannt
und ſich einen Dialektiker genannt, ſetzte er hin⸗
zu: Lutherus vero nobis omnibus antecellit oder
wie es Mattheſius überſetzt: Luther iſt Alles in
Allem. Die ſem Zeugniß wollen wir nur noch
zwei andere hinzufügen. Brentius ſagte: „Wir
ſchreiben zwar und handeln die heilige Schrift
allein gegen Luther ſind wir nur Schuler,“ und
der Straßburger Theolog Fogius hat öffentlich
mit guten derben Worten bezeugt: „du heißeſt
Kleinhans oder Großhans, was du weißt in
theologia, das haſt du dem Luther zu danken.“
Wenn man daher Melanchthon mit vollem
Rechte den Lehrer Deutſchlands nennt, ſo kann
man mit eben demſelben Rechte Luthern den Leh⸗
rer, Vater und Meiſter aller luth. Lehrer ſeiner
und der folgenden Zeit nennen.
Ob von Melanchthons Einfluß auf die Ge⸗
lehrten mehr beſtimmte Zeugniße als von dem
Einfluße Luthers vorhanden ſind, laſſen wir da⸗
hin geſtellt ſein, und wollen nur auf die weit
verbreitete Wirkſamkeit ſeiner 95 Theſen, ſeiner
oͤffentlichen Disputationen, ſeiner academiſchen
Vorleſungen und der großen Menge ſeinerSchrif⸗
ten überhaupt anfmerkſam machen, die ſich durch
ganz Europa erſtreckte und zwar gar nicht bloß
auf das Volk, ſondern auch auf die Gelehrten;
ſind doch allein durch die Heidelberger Disputa⸗
tion, die Luther im Jahre 1518 hielt, vier Theo⸗
logen, Brentins, Snepf, Bucer und Billicanus
füͤr das Reformationswerf gewonnen worden.
Im Bezug auf das von Melanchthons Bei⸗
hülfe bei der deutſchen Bibelüberſetzung Geſagte
müſſen wir Folgendes bemerken. Melanchthon
revidirte zwar in Gemeinſchaft mit Luther im
Jahre 1522 die von demſelben binnen drei Mona⸗
ten zu Stande gebrachte Ueberſetzung des Neuen
Teſtaments; allein die Reviſion der ganzen Bi⸗
belüberſetzung nach der erſten vollſtändigen Aus⸗
gabe derfelben vom Jahre 15384 war bekanntlich
nicht allein Melanchtons Werk, ſondern es nah⸗
men daran außer Luther noch andere Gelehrte
Theil, als CErueiger, Bugenhagen, Jonas, Auro⸗
gallus.
Es wird noch die Bemerkung hinzugefügt,
„daß ohne Melanchthons Beihüttfe gewiß noch
viel mehr Fehler und Ungenauigkeiten in der
deutſchen Bibelüberſetzung wären.“ Wenn man
ſo etwas von zwei Gymnaſialſchülern ſagte, de⸗
ren einer dem andern bei der Ausarbeitung eines
Penſums geholfen hätte, ſo möchte dieß am rech⸗
ten Orte ſein, wenn man aber ſo von zwei Män⸗
nern redet, wie Luther und Melanchthon und von
einem Werke, wie die Ueberſetzung der heiligen
Schrift, ſo erſcheint uns dieß ganz unſtatthaft;
und zwar beſonders deßhalb, weil die Vorzitge
dieſes Rieſeuwerkes vor allen andern deutſchen
Ueberſetzungen (die jener mehr oder weniger fol⸗
gen,) hinlänglich anerkannt ſind; dann aber
auch deßhalb, weil darin ein ſehr ungerechter
Tadel Melanchthons liegt, als ob er doch noch
immer viele Fehler und Ungenauigkeiten in Lu⸗
thers Bibelüberſetzung überſehen hätte, die erſt
jetzt nach 300 Jahren andere Argusaugen entde⸗
cken müßten, oder man müßte zu dem beliebten
Vorwurfe ſeine Zuflucht nehmen, daß durch Lu⸗
thers Eigenſinn und Launenhaftigkeit die Auf⸗
nahme der Verbeſſerungen Melanch ythons verhin⸗
dert worden wäre.
Bei dem dritten Differenzpunkte wollen
wer die dabei gegebene Schilderung Luthers und
Melauchth ons auf ſich beruhen laſſen, daß nem⸗
lich jener eigentlich kein ſyſtematiſcher, philoſo⸗
phiſch organiſirender Geiſt geweſen ſei und im—
mer aus der Fülle der Unmittelbarkeit heraus
„gewirthſchaftet“ habe (21), daß dagegen Me⸗
lanchthon ein großer Freund der Ordnung gewe⸗
ſen ſei und daß ſeine tüchtigen claſſiſchen Stu⸗
dien in ihm den Sinn für Form und Harmonie
ausgebildet hätten. Als Beweiſe dafür werden
Melanchthens loci theologici und deſſen Augs⸗
burg. Confeſſion angeführt. Das erſtgenanute
Buch hat als das erſte Compendium der luth.
Dogmatick ohne Zweifel einen großen Einfluß
auf die ſtudierende Jugend und die Gelehrten
ausgeubt, auch hat es Luther ſehr gelobt und
empfohlen; allein es iſt auch nicht zu überſehen,
daß es von der erſten Ausgabe an im Jahre 1521
bis zu der letzten von Melanchthon beſorgten
vom Jahre 1555 nicht nur um das dreifache
vermehrt, ſondern auch ſolche Zuſatze und Ver⸗
änderungen erfahren hat, wedurch das Lob, das
es anfangs mit Recht erhielt, ſehr geſchmälert
worden iſt; ja, Luther ſelbſt hat kurz vor ſeinem
Tode den Verfaſſer ernſtlich ermahnen laſſen, da⸗
rin einige Punkte zu ändern was aber nicht ge⸗
ſchehen iſt.
Es wäre gewiß ein dankenswerthes Unterneh⸗
men, einen unveränderten Abdruck der erſten
Ansgabe dieſer loei Melauchthons vom Jahre
1521 nebſt der gegenüberſtehenden deutſchen
Ueberſetzung Spalatins zu veranſtalten und da⸗
bei nicht nur die ſpätern Veränderungen in den
lateiniſchen Anegaben ſo wie in der deutſchen
Ueberſetzung des J. Jonas anzuzeigen, ſondern
die ſelben mit geſchichtlichen Nachweiſungen und
—.
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