Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 7 › Seite 58

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-11-10, Seite 58

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Das 4. Gebot 16

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*

ausgeſprochen: „Wir wollen dem himmliſchen
Vater von Herzen Dank ſagen, der durch Dr.
Luther die Summa des Evangelii, daß in dem

Glauben an unſern HErrn Jeſum Chriſtum alle

unſere Seligkeit enthalten ſei, vunderbar und
glücklich zu dieſer unſerer⸗ Zeit wieder hergeſtellt
hat.“ Er nennt ihn den „ausgeſandten Apoſtel
des reinen Evangelü, den vornehmſten Verthei⸗
diger der reinen Lehre und den tapferſten Zeu⸗
gen des wahren Chriſtenthums.“ Selbſt Cal⸗
vin ſchrieb Folgendes an einen Freund: „Ich
wünſche vor allem, daß Ihr bedenkt, welch' ein
großer Mann Lutherus ſei, welche ausgezeichnete
Gaben, welch ein tapferes und beſtän diges Ge⸗
müth er beſitze, wie groß die Gewalt ſeiner Lehre
ſei, mit der er bis hierher unabläſſig bemüht ge⸗
weſen iſt, das Reich des Antichriſts zu ſtürzen
und zugleich die heilſame Lehre auszubreiten.
Ich habe oft geſagt: geſetzt auch, daß er mich ei⸗
nen Teufel nennte, ſo wollte ich ihm doch die
Ehre erzeigen, in ihm einen ausgezeichneten
Knecht Gottes zu erkennen. Ich beſchwöre da⸗
ber Euch und Euere Collegen, vor allem darauf
bedacht zu ſein, mit dieſem ausgezeichnetſten
Knechte Chriſti, dem wir alle ſo viel zu verdan⸗
ken haben, gemeinſchaftliche Sache zu machen.“
Schon dieſe wenigen Zeugniſſe rechtfertigen
die Behauptung, daß Luther und nur er das

auserwählte Rüſtzeug Gottes geweſen ſei, wo⸗

durch die Reformation ihrem eigenthümlichen
Weſen, nemlich der Lehre nach, nicht nur tapfer
und weiſe angefangen, ſondern auch herrlich und
glücklich hinaus geführt worden ſei, alſo, daß
ihm allein der Ehrenname Reformator zu komme
Dieß behaupten wir weder um eiteln Ruhmes
willen, noch aus Geringſchätzung der Gaben
derer, welche ihm Gott als Mitarbeiter an die
Seite geſtellt hat, ſondern nur deßhalb, weil wir
der Wahrheit nichts vergeben dürfen. Wenn
wir nun dagegen proteſtiren müſſen, daß offen⸗
bare Gegner der Lutherlehre, wie Zwingli undCal⸗
vin in eine Reihe mit Luther geſtellt und als
Beförderer eines und deſſelben Werkes angeſehen
werden, während ſie anſtatt Reformatoren eher
Deformatoren zu nennen wären, ſo werden wir
uns auch bald hinſichtlich Melanchthons über—
zeugen köͤnnen, daß er bei ſeinen unleugbaren
großen Verdienſten um die Neformation, den⸗
noch auf den Beinamen Reformator keinen An⸗
ſpruch machen könne, und zwar um ſo weniger,
weil er ſpäter, indem er eine Brücke von der
ſtrengen lutheriſchen Richtung zur reformirten
Kirche bildete, die Reformation Luthers nach
dieſer Seite hin bei Vielen theils rückgängig ge⸗
macht, theils gehindert hat.

Wollen wir einen ſichern Maaßſtab zur Be⸗
urtheilung Melanchthons gewinnen, ſo haben
wir vor allem daranf zu achten, daß er ſich nicht
immer gleich geblieben iſt, ſondern ſpäter und
zwar ſchon vom Jahre 1536 an, beſonders aber
nach Luthers Tode ein ganz anderer wurde als
er früher war. Fruher hielt er feſt an der heil⸗
ſamen Lehre, er war einer der treueſten und thä⸗
tigſten Mitarbeiter Luthers und that und ſchrieb
nicht leicht etwas öffentlich vohne deſſen Rath
und Urtheil. Später ſtand er verwaiſt da und

—58—

war ſich ſelbſt überlaſſen; er wurde oft wiver dei⸗
nen Willen bei a ulek ſchwierigen Kirchen⸗
händeln and iheologiſchen Streititleiten zu Ra⸗

the gezogen. Er gerieth überdieß, was das
Schlimmſte war, in die Gemeinſchaft vielet un⸗

lauterer Leute, welche ſich unter dem Vorgeben,
Friede und Eintracht in der Kirche befördern zu
wollen, bei ihm einzuſchmeicheln und ſein unbe⸗
gränztes Vertrauen zu gewinnen wußten. Dieſe
Gemeinſchaft, beſonders auch mit ſeinem Schwie⸗
gerſohne Peucer, ſo wie der Briefwechſel, in dem
er mit mehreren Gegnern der luth. Lehre ſtand,
wirkte um ſo ſchädlicher auf ihn ein, da er bei
ſeiner Charakter- und Glaubensſchwäche ſchon
ohnehin zu unzeitiger Nachgiebigkeit geneigt
war. Dieſe Nachgiebigkeit will der „Kirchen⸗
freund“ nicht nur entſchuldigen, ſondern ſogar
rechtfertigen, inden er behauptet „ſie habe ihren
Grund keineswegs bloß in natürlicher Schüch⸗
ternheit und Charakterſchwäche, ſondern eben ſo
ſehr in der tiefen Demuth und zarten Gewiſſen⸗
haftigkeit Melanchthons“ gehabt. Was würde
der „Kirchenfreund“ dazu ſagen, wenn man ähn⸗
licherweiſe von Petri Verleugnung behanpten
wollte, ſie habe ihren Grund keineswegs bloß in

ſeinem Ungeharſam gegen Chriſti Warnung und
Menſchenfurcht gehabt, ſondern eben ſo ſehr in

der Pflicht der Selbſterhaltung wie der klugen
Anbequemung an die obwaltenden Umſtände?
Daß es aber eine falſche Demuth und Gewiſſen⸗
haftigkeit ſei, die in göttlichen Dingen den Wi⸗
derſachern weicht und daß es dabei vielmehr nach
dem Grundſatze gehen müſſe: cedo nulli, das
haben wir bereits bei dem erſten Vergleichungs⸗
punkte aus den Worten Luthers bei Gal. 2, 6.
vernommen.

Jene Behauptung von dem eigentlichen Grunde
der Nachgiebigkeit Melanchthons ſucht der Kir⸗
chenfreund“ noch weiter dadurch zu rechtfertigen,
daß er ſagt: „Unter allen Reformatoren fühlte
er am meiſten die ſchwere Verantwortlichkeit, die
auf ihnen laſtete und ahnte am deutlichſten die

Verwirrungen und Gefahren, welche noch in V

künftigen Tagen aus dem großen Riſſe der
abendländiſchen Chriſtenheit folgen würden und
wirklich gefolgt ſind. „Will man dies umſchrei—
ben, ſo kommt ungefähr folgender Sinn heraus:
der große Riß der abendländiſchen Chriſtenheit,
der durch die Trennung der Papiſten und Ne⸗
formirten von den Lutheranern entſtand, ſo wie
alle die Verwirrungen und Gefahren, welche
bis auf dieſe Stunde daraus gefolgt ſind, laſtet
mit ſchwerer Verantwortlichkeit auf Luther und
ſeinen Mitarbeitern, folglich ſind ſie und na—
mentlich Luther, weil ſie dieſe Verantwortlich⸗
keit nicht einmal fühlten, Schuld an jenem
Riſſe und allen daraus entſtandenen Uebeln;
ſie hätten nicht ſo ſtarr und ſteif
an der rechten Lehre feſthalten ſol⸗
len, wie ihre Gegner an der falſchen
Lehre feſt hielten; die Letztern aber hatten
deßhalb keine ſchwere Verantwortlichkeit und
fühlten ſie daher auch nicht; Melanchthon aber
war unter allen der einzige, der ſie fühlte und
durch ſeine Nachgiebigkeit jenem Riſſe vorzubeu⸗
gen ſuchte. Da ihm dieß aber, wie die Geſchichte

lehrt, gicht gelungen iſt und im Gegentheil die
Spaltungen vergrößert und faſt unheilbar ge⸗
worden ſind, ſo muß die Schuld davon haupt⸗
ſächlich an Melanchthon liegen, der ſich in der
Wahl der Mittel geirrt hat. —

Eine ähnliche Bewandiniß hat e nit der Be⸗
merkung: „Melanchthon licbte den Frieden
über alles“ (alſo auch mehr als die Wahr⸗
heit des Evangelii, gegen das Wort des HErrn
Zach. 8: „liebet Wahrheit und Friede“) „und
daher begreifen wir den tiefen Schmerz, den er
in ſeinen ſpäteren Jahren über die ſteigende Zer⸗
riſſenheit im Proteſtantismus, ſo wie die Sehn⸗
ſucht, welche er nach Einheit der Kirche, nach
Befreiung auch von der Wuth der Theologen
(a rabie theologorum) empfand.“

Wer trug aber die Schuld von dieſer ſteigen⸗
den Zerriſſenheit der Kirche, wer hinderte die
Einigkeit im Geiſte (denn die Einheit der Kirche
bleibt unter allen Trennungen unverſehrt laut
des dritten Artikels ich glaube eine heil. chriſtl.
Kirche)? Waren es nicht die, welche Zertren⸗
nung und Aergerniß anrichteten neben der Lehre,
die ſie gelernt hatten (Röm. 16, 170? Wer
waren die Theologen, von deren Wuth Melanch⸗
thon befreit zu werden wünſchte? Der „Kir⸗
chenfreund“ wird antworten: Es waren die lu⸗
ther. Zeloten, welche die Sache auf die Spitze
trieben; wir aber müſſen erklärend hinzu ſetzen:
Es waren dies namentlich die Jenaiſchen Theo⸗
logen (denn die Wittenberger hielten es ſämmt⸗
lich mit Melanchthon), deren Eifer in jener ge⸗
fährlichen Zeit wir die Erhaltung der reinen
Lehre hauptſächlich zu verdanken haben. Ge⸗
ſetzt nun, ja, zugegeben, daß ſie in Worten ge—
gen die Perſon Melanchthons vielfach gefehlt
und ſogar etwas bewieſen hätten/ was man für
Wuth halten könnte, ſo muß man doch be—
dauern, daß Melanchthon nur darüber,
nicht aber über ſich ſelbſt leid getra⸗
gen, indem er doch ja ſelbſt durch ſein beharr—
liches Abirren don dem Wege der Wahrheit
zeranlaſſung zu allen jenen Streitigkeiten ge—
geben hat.

Auf den immer wiederholten Borwurf der Re⸗
formirten, als ob Luther und die Lutheraner an
der entſtandenen Trennung Schuld wären, indem
ſie nicht genug Friedensliebe bewieſen hätten,
iſt immer wieder auf die Antwort hinzuweiſen,
die Luther in ſeiner Schrift: „Daß die Worte
Chriſti noch feſte ſteben: Das iſt mein Leib,“
giebt. Aufs erſte, daß wir da anheben, da ſie ⸗
ſchreiben, Bücher machen und vermahnen, man
ſolle um dieſer Sachen willen die chriſtliche Ei—
nigkeit, Liebe und Friede nicht zerreißen, denn es
ſey ein gering Ding (ſagen ſie) und ein kleiner
Hader, um welches willen die chriſtliche Liebe
nicht ſolle gehindert werden, und ſchelten uns,
daß wir ſo ſteif und hart darüber halten und Un⸗
einigkeit machen. Siehe doch da, lieber Menſch,
was ſoll man doch ſagen? Es gehet uns wie
dem Schaaf das mit dem Wolfe zur Tränke ins
Waſſer kam. Der Wolf trat oben, das Schaaf
trat unten ins Waſſer, da ſchalt der Wolf das
Schaaf, es machte ihm das Waſſer trübe; Das
Schaaf ſprach! Wie ſollt ich dir's trübe machen,

2
U

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