Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 7 › Seite 61
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-11-10, Seite 61
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Ie unbeſehen fortzuwerfen, weil es von den ſ. g.
Katholiſchen auch beobachtet wurde? Dann hät⸗
Uin wir nicht taufen dürfen, weil auch im Papſt⸗
ihum getauft wird. Wir hätten nicht beten dür⸗
fen, weil auch „die Katholiſchen“ beten ꝛe. Die
Ropiſten haben ja nur Irrthümer zur Wahrheit
hinzugethan und dadurch freilich die Wahrheit
ſilbſt entſtellt und in der That aufgegeben. Die
Irtthämer that Luther ab, aber die
Pahrheit behielter. Heißt das, etwas
us der „katholiſchen“ Kirche mit herüberneh⸗
nen? Nein! Es heißt: behalten, was die
„Latholiſchen“ ſelbſt aus der apoſtoliſchen Zeit,
—aus den erſten Jahrhunderten überkommen ha⸗
ben, wo noch an keinen Papſt gedacht ward.
und wenn es zur Zeit des Papſtthums aufge⸗
fommen wäre, es ſtritte aber nicht wider Gottes
Wort; wozu es dann abthun? Nimmt man
darum den Thaler nicht, weil er auch durch die
Hände von Dieben und Betrügern gegangen iſt?
Gottes Wort, nicht ein ſolch äußerliches Ding,
ch es unter den Papiſten auch Statt finde, ent⸗
ſheidet in allen Stücken, auch in den Kirchen⸗
gebräuchen. Darnach hat z. B. Luther das An⸗
beten der Heiligen verworfen; denn das iſt ein
Gebrauch, der falſcher Lehre huldigt, der Irr⸗
Ilthre, daß es noch andere Mittler gebe, als den
Gottes und Marien Sohn; die Bilder Chriſti,
der Apoſtel und anderer Heiligen aber hat er da⸗
nit nicht verworfen, weil man die recht gut in
Kirchen und ſonſt wo haben kann, um ſich durch
nes Anſchauen derſelben beſſer an dieſe zu erin⸗
nern. Wer uns nun noch heute dies letztere ver⸗
bieten würde, der würde uns etwas zur Sünde
nachen, was keine Sünde iſt, uns die Macht
dazu nehmen, wozu wir als Chriſten Macht ha⸗
ben, unſere'chriſtliche Freiheit ganz gegen Got⸗
* its Wort beſchränken, uns auf greuliche Weiſe
hechten. Sehen Sie, darum proteſtirt Luther
ind die ganze lutheriſche Kirche bis auf den heu⸗
tigen Tag gegen die ſchändliche Anmaßung der
„Meformirten, ſolche Ceremonien zu verbieten, die
. unbeſchadet der reinen Lehre beobachtet werden
bönnen, als da ſind: ein Crucifir in der Kirche
in haben oder ein Bild, das heilige Perſonen
4 und Gegenſtände darſtellt, Hoſtien beim heil.
Abendmahl zu gebrauchen, das Kreuzeszeichen zu
nachen u. dgl. Wohl verſtanden aber, die lu⸗
beriſche Kirche gebietet ſolche Ceremonien
nicht, macht kein Geſetz daraus, ſondern pro⸗
teſtirt gegen das Verbot derſelben und
wahrt durch die Beobachtung derſelben ihre chriſt⸗
liche Freiheit.
4 Ausführlicher finden Sie Belehrung über die—
ſen Gegenſtand im Corcordienbuch: Augsb. Conf.
Rt. XXVI. (in der New⸗Norker Ausg. S. 44):
„Auch werden dieſes Theils viele Ceremonien ꝛc.
gehalten, als Ordnung der Meſſe und andere
Geſänge, Feſte ꝛc., welche dazu dienen, daß in
der Kirche Ordnung gehalten werde.“ Apologie
r Augsb. Conf. IV. Von der Kirche (S. 147):
Aber wie die Einigkeit der Kirchen dadurch nicht
getrennt wird, ob in einem Lande, an einem
Ott, die Tage natürlich länger oder kürzer ſein,
denn am andern: alſo halten wir auch, daß die
. Gunigkeit der Kirchen dadurch nicht getrennt wird,
—61—
ob ſolche Menſchenſatzungen an einem Ort dieſe,
am andern jene Ordnung haben. Wiewohl es
uns auch wohlgefällt, daß die Univerſal⸗Cere⸗
monien um Einigkeit und guter Ordnung wil⸗
len gleichförmig gehalten werden“. Concordien⸗
formel: Summariſcher Begriff X. Von Kirchen⸗
gebräuchen: Von Ceremonien oder Kir⸗
chengebräuchen, welche in Gottes Wort
weder geboten noch verboten, ſon⸗
dern um guter Ordnung und Wohl⸗
ſtandes willen in der Kirche ein⸗
geführet a. (S. 503.9
Was nun inſonderheit das Zeichen des Kreu⸗
zes betrifft, ſo iſt es ein grober Irrthum, wenn
man meint, dasſelbe rühre von den Papiſten her.
Die Papiſten haben es freilich, aber wie Taufe,
die Evangelien, die allgemeinen Glaubensbe⸗
kenntniſſe und anderes nicht vom Pabſt, noch aus
der Zeit des Papſtthums, ſondern aus der apo⸗
ſtoliſchen Kirche. Dies hängt auch mit gar kei⸗
ner papiſtiſchen Irrlehre zu ſammen, ſondern ſtrei⸗
tet dagegen. Es bekennt dies Zeichen den Ge⸗
kreuzigten, daß er unſere Verſöhnung mit Gott
am Kreuz geſtiftet, uns durch ſein unſchuldiges
Leiden und Sterben von Sünde, Tod und Teu⸗
fel erlöſt hat, während die Papiſten in ihrer fal⸗
ſchen Lehre dieſe Ehre den Heiligen und eigenem
Verdienſt wenigſtens Theilweiſe zuſchreiben.
Der Urſprung dieſes Zeichens iſt Golgatha, wo
das Kreuz ſtand. Da hat der HErr es geehret.
und an demſelben mit ſeinen ausgebreiteten Ar⸗
men ſelbſt die Geſtalt des Kreuzes angenommen.
Fallen wir nun durch ſolches Zeichen, das uns
ſo kräftig an unſern Heiland erinnert von unſerm
Glauben ab! brechen wir dadurch, was wir am
Altar gelobt haben? Ichbitte Sie, lieber Freund,
wie können Sie auf ſolche Gedanken kommen?
Wiſſen Sie nicht, daß Luther ſtets auf ſeinem
Tiſche ein Cruzifir hatte? Leſen Sie nicht in ſei⸗
nem kleinen Katechismus: „des Morgens, ſo du
aus dem Bette fährſt ſollt du dich ſegnen
mit dem heiligen Kreuz ꝛc. ꝛc.“? Ha⸗
ben Sie nicht gehört, daß die erſten Chriſten ſich
damit grüßten, daß ſie ein Kreuz vor die Stirn
machten? Ein hochverdienter lutheriſcher Got⸗
tesgelehrter. Johann Gerhard ſchreibt davon:
Die alten Chriſten, welche unter Heiden wohn⸗
ten, die ſie um des Kreuzes Chriſti willen ſchmäh⸗
ten (1 Cor. 1, 23) zeichneten ihre Stirn mit die⸗
ſem Zeichen. Demit bezeugten ſie, daß ſie ſich
deſſen rühmten, als ihres Ehrenzeichens. Sie
legten dadurch ein Bekenntniß ihres Glaubens
ab, und verkündigten, wie hoch ſie das Leiden
Chriſti ſchätzten.“ Ein alter Lehrer der chriſtli⸗
chen Kirche, Cyrillus, der in den Jahren 350 —
386, alſo in einer Zeit, wo man an die Irrleh—
ren des Pabſithums noch nicht dachte, Biſchof in
Jeruſalem war, ſchreibt davon: „Wir wollen
uns nicht ſchämen, den Gekreuzigten zu beken⸗
nen, ſondern mit Freudigkeit auf die Stirn das
Zeichen des Kreuzes drücken.“ Ein anderer,
Auguſtinus, der um das Jahr 400 lebte ſchreibt
Folgendes derüber: „Um des Kreuzes Chriſti
willen verböhnen uns die Weiſen dieſer Welt und
ſagen: Wie kommt ihr dazu, einen gekreuzigten
Gott zu verehren? — Aber an die Stirn ſoll
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man es zeichnen ꝛc. ꝛc.“ Und Johann Gerhard
lehrt weiter davon: „Alſo machen wir das Zei⸗
chen des Kreuzes, einmal um unſern Glauben zu
bezeugen, daß wir an Chriſtum den Gekreuzigten
glauben, und drücken deshalb dies Zeichen auf
Stirn und Bruſt, zum Zeugniß, daß wir uns
nicht ſchämen, Chriſto anzugehören, ſondern ihn
im Herzen tragen; darnach zur Erinnnerung,
daß wir auch um des Bekenntniſſes Chriſti wil⸗
len Kreuz tragen müßen.“
Eben ſo unbegründet iſt das Mißtrauen, das
Sie gegen einen andernKirchengebrauch, nämlich
das Abſolviren der Einzelnen im Beichtſtuhl he⸗
gen. Daß dies der lutheriſche Brauch iſt und
dit allgemeine Beichte aus der Zeit des Verfalls
herrührt, habe ich Ihnen ſchon nachgewieſen. Sie
können Sich ſelbſt davon überzeugen, wenn Sie
im Concordienbuch die Stellen nachleſen, die von
der Privatabſolution handeln, als: Art. XI und
XXV der Augsb. Conf., Apol. d. Augsb. C.
(S. 153): „wenn ſie alle in einer ganzen Pfarre
auf eine Zeit zum Altar laufen, können ſie nicht
ſo fleißig verhört und unterrichtet werden.“ S.
154: „Wiewohl es nun gut iſt, die Groben,
Unerfahrnen dazu unterweiſen, daß ſie eiliche
Sünden in der Beichte namhaftig machen ꝛc. ꝛc.“
S. 175: Darum wäre es wider Gott (gottlos!),
die Abſolution aus der Kirche alſo abthun ꝛc.
ꝛc. ). Schmalkald. Artikel: 8. Von der Beichte
(S. 309), Luthers kl. Katech.: „Wie man die
Einfältigen ſoll lehren beichten ꝛc. ꝛc.“ Groß.
Katech. (S. 470 am Schluß: „Darum, wenn
ich zur Beichte vermahne, ſo thue ich nichts an⸗
ders, denn daß ich Jedermann vermahne ein
Chriſt zu ſein; wenn ich dich dahin bringe, ſo
habe ich dich auch wohl zur Beichte gebracht.“),
Concordienformel: Art. XI (S. 641: „Darum
behalten wir auch, wie die Augsb. Confeſſ. ſaget,
die Privatabſolution, und lehren, daß es Gottes
Gebot ſei, daß wir ſolcher Abſolution glau⸗
ben ꝛc. ꝛc.“))
Auch dieſer Gebrauch ſtammt nicht aus dem
Pabſtthum. Schon im dritten Jahrhundert fin⸗
den ſich Spuren davon, und zwar ging damals
das Verlangen darnach von den Gemeineglie⸗
dern aus. Was kann auch einem Chriſten tröſt⸗
licher ſein, als nach Joh. 20, 23. Matth. 18, 18.
in der Abſolution Chriſti Stimme, ſein tröſtliches
Wort der Vergebung zu hören? Chriſten iſt ſie
deshalb immer theuer geweſen. Abgeſchafft iſt ſie
von Schwärmern, Irrlehrern und Ungläubigen.
Darum hat ſie auch die lutheriſche Kirche noch
allein behalten. Es hat ihr Kampf gekoſtet, dies
Kleinod zu bewahren. Luther verließ 1522 die
Wartburg, um unter andern auch die von dem
Schwärmer Carlſtadt abgeſchafte Privatabſolu⸗
tion in Wittenberg wieder aufzurichten. In der
Predigt, die er damals über das Amt der Schlüſ⸗
ſel hielt, heißt es: „Es weiß Niemand, was die
heil. Beicht: vermag, denn der mit dem Teufel
oft fechten und kämpfen muß. Ich wäre längſt
von dem Teufel überwunden und erwürgt wor⸗
den, wenn mich dieſe Beichte nicht erhalten hätte.
Denn es ſind viel zweifelhafte und irrige Sachen,
darin ſich der Menſch allein nicht wohl ſchicken
kann, noch ſich begreifen.“ Eben ſo warm ver⸗
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