Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 7 › Seite 50

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-11-10, Seite 50

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reißen, zerbrechen, verſtöͤren und verderben ſollſt
und pflanzen und bauen ꝛc. ꝛc. Und ſo er ſie mit
Dr. Luthers harten Schriften hat ſchrecken wol⸗
len, ſo mögen ſie Gott darum zur Rede ſetzen,
werden aber vergeblich mit ihm drob rechten.“
Hierher gehört aber fermer, was Matth.
Ratzenberger von beiden Männern, als Au⸗
genzeuge, berichtet: „So modeſte (beſcheiden)
Philippus M. in ſeinen publicis scriptis (öf⸗
fentlichen Schriften) war, ſo liederlich ließ er ſich
erzürnen vel in privatis, vel in publicis disputa-
tionibus(in offentlichen u. Privat⸗Diſputationen),
daß er manchen Opponenten, wo er ſein Argu⸗
ment nicht ſo zierlich oder förmlich kunnte vor⸗
bringen, wo es wohl von nöthen wäre geweſen,/
nicht wollte aushören, und ihn hieß ſtille ſchwei⸗
gen und einem andern Raum geben. Hergegen
hatte Lutherus allezeit dieſen Brauch und
Weiſe, ſo heftig er ſonſt war in ſeinen oöͤffentlichen
Streitſchriften, ſo placide und ſanftmüthig war er
gegen jedermann vel in privatis colloquiis (in
Privatunterredungen) vel in publicis disputatio-
nibus (in öffentlichen Disputationen) im Collegio,
alſo daß oftmals, wo ſchon ein Opponent im Col⸗
legio ein ſchwaches Argument furbrachte, ſo aſſu⸗
mirte Lutherus ſolch liederlich Argument allezeit
ſelbſt, gab ihm gar eine zierliche Formam nnd
Art, denn wie es war fürgebracht worden, und
confirmirte daſſelbe allezeit mit ſolchen wichtigen
Umſtänden, weit herrlicher, denn es dem Oppo⸗
nenten hätte können einfallen; hernach ſo ſolvirt
er (loͤſte er auf) daſſelbe Argument wieder mit
voͤrtrefflichen Gründen, alſo daß männiglich nicht
allein wohl damit zufrieden war, ſondern gar viel
mehr daraus leruen konnie, denn er ſelbſt gemei⸗
net hätte.“ (S. Halliſche auserleſene Anmerk. II.,
267.) So, wie hier geſchildert, erſcheint Me⸗
Auchthon ſelbſt auf dem Reichstag zu Augsburg
1530, einige Monate nach Ubergabe der Confeſ⸗
ſion: auf der einen Seite, was die Lehre betrifft,
nachgiebig, was ſeine Perſon betrifft, heftig und
auffahrend. So ſchreibt u. A. der fromme Hie⸗
rouymus Baumgärtner von Augsburg, wo ſich
derſelbe als Abgeordneter der Stadt Nürnberg be⸗
fand, an Lazarus Spengler in letztgenannter
Stadt: „Gott hat uns zu ſondern Enaden verord⸗
net, daß die Confeſſion heraus und einmal überge⸗
ben iſt, ſonſt würden unſere Theologis längſt ein
anderes bekannt haben. Philippus iſt kindiſcher,
denn ein Kind worden. Darum bitte ich euch um
Gottes und ſeines Wortes willen, ihr wollet das
Euer auch dazu thun und Dr. M. Luther ſchrei⸗
ben, daß er doch als der, durch den Gott ſein Wort
erſtlich der Welt wiederum eröffnet, dem Philippo
mit Gewalt einreuen und doch die frommen Für⸗
ſten, ſonderlich aber ſeinen eignen Herrn vor ihm
warnen und zu Beſtändigkeit vermahnen.

Er iſt auch in ein ſolch Vermeſſenheit gerathen,
daß er nit allein niemand wil hören anderſt da⸗
von reden und rathen, ſondern auch mit unge⸗
ſchickten Schelten heraus fehrt, damit er jeder⸗
mann erſchräck und mit ſeiner Aeſtimation und
Authorität dempfe. Ich ſchreib ſolches nit gern
on ihm, dieweil er bisher von männiglich alſo
groß geacht geweſen, dabei ich es auch bleiben
laſſen und gleichwol offt wieder mein Gewiſſen
ihm hab viel zugeben.“ (Vom 13. u. 15. Sept.
1530. S. Samml. von Alten und neuen theol.
Sachen. 1730. 7
Ob aber die Nachgiebigkeit in Glaubensſachen,
wie ſie an Melanchthon gerühmt wird „in tiefer

—50—

Demuth und zarter Gewiſſenhaftigkeit“ ihren
Grund haben kann und ob dagegen die Unbeug⸗
ſamkeit Luthers aus Hochmuth entſprungen ſey,
darüber wollen wir ſeine eigene Erklärungehören,
die er in ſeinemCommentar über den Brief an die
Galater (Kap. 2, B. 6.) giebt, wenn er ſagt: „daß
wir uns das liebe, tröſtliche Evangelium, den
Glauben und Chriſtum ſelbſt, ſollten rauben
laſſen, das iſt allzuviel, und das können, noch
ſollen, noch wollen wir nicht leiden und müſſe
nur in Abgrund der Höllen ewiglich verflucht ſeyn
die verdammte, ſchädliche und got⸗
tesläſterliche Demuth, ſo in die ſer
Sache ſich drücken laſſen und weichen
will, ſondern jedermaun, ſo er anders Chriſtum
nicht verleugnen will, ſey hierin nur ſtolz
und muthig, ſteif und trotzig. Darum ſoll auch
hierin, ob Gott will, mein Kopf härter ſein, denn
meiner Feinde allerſammt, wenn ihr noch einſts
ſo viel wären, und will auch in dieſer Sache an⸗
ders nicht ſeyn noch gehalten werden, denn eigen⸗
ſinnig, hart, ſteif, ſtolz ꝛc. ꝛc. Und ſoll dieß mein
Reim ſein: Cedo nulli, das iſt, beiſeits aus, was
im Wege iſt hier fähret er daher, der niemand
weichet. Und thut mir nur im Herzen ſanft und
wohl, daß man mich in dieſer Sache halsſtarrig,
eigenſinnig und trotzig nennt; denn ich bekenne
es hier oͤffentlich, daß ich in dieſer Sache ſteif,
trotzig und eigenſinnig bin, und ſolchen meinen
Eigenſinn und harten Kopf, ob Gott will, auch
behalten will, und um ein Haar breit nicht wei⸗

chen, es gehe wie es wolle.“

Wir müſſen hierbei noch auf Einzelnes in der
angeführten Schilderung Luthers aufmerkſam
machen. Es heißt von ihm: „der Kampf war ſein
eigentliches Element,“ gerade als ob L. uur im⸗
mer gern Gelegenheit zu Zank und Streit geſucht
und ſich dabei ſo wohl befunden hätte, wie der
Fiſch im Waſſer, da doch der Anfang und Fort⸗
gaug der Reformation zur Genüge zeigt, daß er
zum Kampf gezwungen und gedrungen worden
iſt. „Alle ſeine Thaten ſind Schlachten;“ das
iſt ohngefähr ebenſo, als wenn man von demPro⸗
pheten Elias behaupten wollte, alle ſeine Thaten
waren die, daß er die Baalspfaffen ſchlachtete;
Daß L. gar nicht blos gekämpft, ſondern wie Me⸗
lanchthon in obiger Stelle bezengt, auch gepflanzt
und gebanet habe, das lehrt ſchon ein flüchtiger
Überblick des großen Reformationswerkes. Er
banete aber, wie Nehem. 4 geſchrieben ſteht, am
Tempel des HErrn alſo, daß er mit der einen
Hand die Arbeit that und mit der audern die
Waffen hielt gegen alle, welche ſolchen Bau hin⸗
dern wollten.

Was ſoll man aber zu der Behauptung ſagen:
„in allen ſeinen Worten riecht man Pulver?“
Dazu gehört fürwahr eine ſehr feine Naſe oder
eine ſtarke Einbildungskraft. Wie nun gewiß nur
wenige Leſer der Schriften L. dieſem Urtheile bei⸗
ſtimmen werden, ſo werden dagegen viele Leſer
ähnliche Erfahrungen gemacht haben, wie der
theure Churfürſt Johann Friedrich der Großmü⸗
thige in ſeinem Gefängniß, indem er ſagte: Dr.
M. Luthers Schriften herzeten, gingen durch
Mark und Bein und hätten rechten Geiſt in ſich;
denu wenn er gleich einen Bogen anderer Schrif⸗
ten läſe und nur ein Blättlein Luthers dagegen
halte, ſo finde er mehr Saft und Kraft auch mehr
Troſt darin, denn in einem ganzen Bogen anderer
Scribenten. “ *

Soll aber mit der Behauptung, in allen Wor⸗

—

ten L's. röche manPulver, ſo viel geſagt werden,
daß er bei jeder Gelegenheit Zeugniß gegen aller⸗
lei Feinde der Wahrheit abgelegt habe, ſo können
wir dieß nur für etwas ſehr lobens⸗ und nachah⸗
mungswerthes halten, beſonders in unſerer an
babyloniſcher Verwirrung und kräftigen Verfüh⸗
rung ſo reichen Zeit. ö
Wenn ferner an L. getadelt wird, daß er nicht
ſelten allzu ſtürmiſch geweſen ſey, ſo ſteht dieſer
Tadel in offenbarem Widerſpruche mit dem eben
daſelbſt gemachten Zugeſtändniß, daß er ſich beſon⸗
ders zum Urheber der Reformation und zum Vor⸗
kämpfer dabei geeignet habe. Der Ausdruck, er

habe ſich nicht ſelten wie ein ungebändigtes Roß

lanfen laſſen, iſt eben ſo unedel als unwahr und
ein neuer Beitrag zu vielen ähnlichen Schmaͤh⸗
reden.

Der Vorwurf, L. habe die derbſten Ausfälle
anf Perſönlichkeiten wie Eck, Emſer, Heinrich
VIII. gemacht, lantet ähnlich, als wenn man dein
Helden David ſein Verfahren gegen Goliath zum
Vorwurf machen wollte, auſtatt daß man mit
den Töchtern Iſraels rühmen ſollte: „Saul hat
tauſend geſchlagen, aber David zehntauſend.“
Man leſe nur die bitteren und derben Streit⸗
ſchriften der Feinde L. und vergleiche da⸗
mit ſeine Gegenſchriften, ſowie ſeine deßhalb ver⸗
faßten Vertheidigungsſchriften (3. B. wegen Eck
bei Walch, 15, 1533 u. folg. und wegen Heinrich
VIII. ebendaſelbſt 19, 435 fg.), ſo wird man
ohne Zweifel zu einer andern llberzeugung kom⸗
men, es ſey denn, daß man ſelbſt an Irrthümern
feſt hielte, die L. ſcharf ſtraft.

Von Melanchthon wird dagegen geſagt:
„er ſollte L's. wilde Kraft bändigen, ſeine Leideu⸗
ſchaftlichkeit dämpfen und ihn von ſo manchem
unbeſonnenem Schritte abhalten.“ Die dabei
angeführten Worte L's. beweiſen aber nicht was
ſie beweiſen ſollen, indem er darin nur ſeine und
Mel. ganz verſchiedene Thätigkeit charakteriſirt
und ſagt, daß er, L., Klötze und Steine ausrotten,
Dornen und Hecken weghauen müſſe, Mel. dage⸗
gen auf dem alſo zubereiteten Felde ſäuberlich u.
ſtille daherfahre, ſäe und begieße mit Luſt.
obige Behauptung iſt folglich ebenfalls als eine
aus der Luft gegriffene anzuſehen, bis ſie durch
beſtimmte Zeugniße begründet wird. Daſſelbe
gilt auch von der dabei hingeworfenen Bemer⸗
kung: „wir können nicht wiſſen, wohin ſich L. in
ſeinem Zorne noch verirrt hätte ohne den guten
Genins dieſes edeln jungfräulichen Geiſtes. Aber
es läßt ſich leicht vermuthen.“ L. hat ſich dem⸗
nach in ſeinem Zorn ziemlich oft verirrt, wohin
aber, wird wohlweislich nicht geſagt, wahrſchein⸗
lich aber hat man dabei an ſeine gewaltige Be⸗
ſtrafung derer gedacht, die falſche Lehre, nament⸗
lich im Abendmahl des HErrn, vertheidigten.
Sonſt wären wir ſehr begierig, ſowohl über die
ſchon geſchehenen mannigfaltigen Verirrungen
des zornentbraunten L., als auch über die noch
nicht geſchehenen, „aber leicht zu vermuthenden,“
nähern Anfſchluß zu erhalten. So muß ſich der
theure in Gott ruhende Luther, den Mel. ſelbſt
mit tauſend andern ſeinen Vater, Lehrer, Wagen
Iſrael und ſeine Reuter nennt, mit einem Men⸗
ſchen vergleichen laſſen, der in ſeinem blinden
Zorn umher reuut, ſchäumt und wüthet, nichts
als Schrecken und Verderben anrichtet und noch
mehr angerichtet haben würde, wenn ihn nicht
Mel. zurückgehalten hätte! Dagegen haben wir
hinlänglichen Grund zu wiſſen, wohin ſich der

Die

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