Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 7 › Seite 59
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-11-10, Seite 59
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ſieheſt du doch über mir und du machſt's mir
trübe? Kurz, das Schaaf mußte herhalten,
es mußte dem Wolfe das Waſſer trübe gemacht
haben. Alſo meine Schwärmer auch, die haben
das Feuer angezündet, wie ſie ſelbſt gar herrlich
Erühmen als eine Wohlthat, und wollen nun die
Schuld der Uneinigkeit von ſich ſchieben auf uns.
Wer hieß Dr. Carlſtadt anfangen? Wer hieß
Zwingel und Oecolampad ſchreiben? Haben ſie
ts nicht vor ihm ſelbſt gethan? Wir hät—
ten gern Friede gehabt und noch, ſie wollten's
aber nicht zugeben! nun iſt die Schuld unſer: das
iſt recht. Ich wollte aber dennoch
gerne, wenn ſolche Schwärmer Gott
janicht fürchten wollten, daß ſie
ſich doch vor den Leuten ein wenig
ſchämeten und nicht ſounverſchäm⸗
te Lügen ſchreiben. Sie ſagen, daß man
ſolle Friede haben und hören ſelbſt nicht auf, ſol⸗
chen Unfrieden zu mehren, wie jedermann ſehet
und höret, iſt auch ihre Freude, je weiter es ge⸗
bet. Item, ſie ſagen, es ſey eine geringe Sache
und iſt doch jetzt kein Stück, das ſie ſo faſt trei⸗
ben, ſorgen und anhalten; die andern Stücke
alle liegen ſtille. Hier werden ſie Märtyrer und
Heilige, wer hier nicht mit ſchwärmet, der iſt kein
Chriſt und kann nichts in der Schrift noch im
Geiſt, ſo treffliche große Kunſt iſt's, wer Brod
und Wein ſagen kann, in der Kunſt arbeitet jetzt
der Heilig Geiſt alleine; Es iſt aber in der Wahr⸗
heit nichts anders, denn daß unſer der leidige
Teufel vurch ſie noch dazu ſpottet, als ſollte er
jagen: Ich will mit der That alles Unglück und
lmeinigkeit anrichten und darnach das Maul
wiſchen und mit Worten ſagen: Ich ſuche und
begehre Liebe und Einigkeit, wie der Pſalter auch
ſagt: Sie reden von Friede mit ihrem Nächſten,
aber Böſes haben ſie imHerzen, Pſ.28,3. —Wohl⸗
„an, weil ſie denn ſo gar verrucht ſind und alle
Welt ſpotten, will ich eine lutheriſche Warnung
nazu thun und ſage alſo: Verflucht ſey
ſolche Liebe und Einigkeit in Ab⸗
grund der Hölle; Darum, daß ſolche Ei⸗
nigkeit nicht alleine die Chriſtenheit jämmerlich
ertrennet, ſondern ſie nach teufeliſcher Art noch
zu ſolchem ihrem Jammer ſpottet und närret.
Nun ich wills nicht ſo arg auslegen, daß ſie es
aus Bosheit thun, ſondern durch den Satan alſo
verblendet ſind und machen vielleicht bei ſich ein
ſlch Gewiſſen, das ſie beiſſet, nemlich: Wir ha⸗
ben wahrlich ein groß Argerniß angericht und
ſeuer angezündet, ſo wollen wirs nur mit Wor⸗
uen lleiſtern und zuſtreichen und vorgeben, Glimpf
uu finden, es ſey nicht groß Ding. Und ob wir
die Sache verlören, wären wir damit zuvorkom⸗
men, daß wir nicht Großes verloren hätten und
ein klein Schöndlein eingelegt, und wie man von
den Süngern ſagt, wenn ſie fehlen. nur ein Fer⸗
kl gemacht.“
Mein, mir nicht, lieben Herren, des Friedens
und der Liebe. Wenn ich einem Vater und v
Mutter, Weib und Kind erwürget und wollt ihn
auch dazu würgen und darnach ſagen: Halt
Friede, lieber Freund, wir wollen uns lieb ha⸗
ben, die Sache iſt nicht ſo groß, daß wir ſollten
num uneins werden: was ſollt er zu mir ſa⸗
Frieden ſchließen.
— 59—.—
gen? O wie lieb ſollte er mich haben! Alſo,
die Schwärmer erwürgen mir Chri⸗
ſt um, meinen Herrn, und Gott Va⸗
ter in ſeinen Worten, dazu meine
Mutter, die Chriſtenheit, ſammt
meinen Brüdern, wollen dazu mich
auch todt haben und ſagen darnach:
Ich ſolle Friede haben, ſie wollen
der Liebe mit mirpflegen.“
Hieraus iſt klar, daß allerdings von Luther
keine Union der beiden Richtungen des Prote⸗
ſtantismus zu erwarten war;“ Daß aber auch
alle derartige Unionsverſuche ſamt und ſonders
vergeblich ſeyn müſſen, dafür wollen wir nur je⸗
ne bekannte Stelle über Pſ. 110, V. 2. anführen:
„Es fahen wohl jetzt (1539) etliche Klüglinge an
zu flicken, wollen den Sachen rathen und den
Hader ſchlichten, geben für, man ſollte auf beiden
Seiten weichen und nachgeben; die laſſen wir
zwar machen und verſuchen, was ſie können, gön⸗
nen ihnen der Mühe wohl; werden ſie aber den
Teufel fromm und mit Chriſto eins machen, ſo
ſind ſie die erſten. Ich halte es aber, es ſey mit
ſolchem Flickwerk eben, (wie Jeſus Sirach am 22.
V. 7. ſagt,) als wenn man Scherben wollte zu⸗
ſammenflicken; und ſind zwar bereits der Schu⸗
ſter viel geweſen, ſo ſichs unterſtanden, aber auch
umſonſt gearbeitet, und beide Drath und Stich
verloren.“
Dennoch hat Lu ther es nicht an heilſamen
Rathſchlägen zur Förderung einer wahren Union
fehlen laſſen, wie dieß namentlich die Geſchichte
der Wittenberger Concordie im J. 1536 zeigt;
und als im folgenden Jahre zurBefeſtigung der⸗
ſelben die beiden Abgeordneten der Schweizeriſchen
und anderer Gemeinden ſich mit ihm in Gotha
unterredeten, bewies er ſich gar freundlich und
leutſelig gegen ſie und ließ ſich unter Andern, wie
Mattheſius erzählt, alſo vernehmen: „Das wäre
das Beſte zur Sache, daß ſie forthin ſtillſchwiegen
und recht lehreten und frei und rund he⸗
raus bekenneten: Lieben Freunde, Gott hat
uns fallen laſſen, wir haben geir⸗
ret, laſſet uns nun fürſehen und recht lehren;
denn mit dem Umhermanteln läßt es ſich nicht
thun, man kann auch der Leute Gewiſſen mit ſol⸗
chem Umſchweifen nicht ſtillen, Gott werde auch
der Lehre halber eine ſcharfe Rechnung fordern,
darum dürfen wir in unſerm Amte Gott nichts
vergeben.“
Wenn nun ferner „der Vermittelungsverſuch
Calvins durch ſeine Abendmahlslehre“ erwähnt
wird, ſo erhellet ſchon aus dem Bisherigen zur
Genüge, daß wir auch dieſen, ſo wie alle früher
oder ſpäter ausgedachten Vermittlungsverſuche
ein für allemal als der Wahrheit zuwider, zu—
rückweiſen müſſen; denn wir können nun einmal
keine Vermittelung anerkennen zwiſchen Gottes
und des Menſchen Gedanken und Wegen, denn
ſie ſind ſo weit von einander, als der Himmel
von der Erde; keine Vermittelung zwiſchen Got⸗
tes Wort, das eitel Wahrheit iſt und Menſchen⸗
wort, das eitel Lügen iſt; keine Vermittelung
zwiſchen dem chriſtlichen Glauben und der menſch⸗
lichen Vernunft, denn ſie können doch nimmer
Was iſt die Vermittelung
1
zwiſchen Wahrheit und Irrthum anders als eine
Zwittergeſtalt? was vermittelt Licht und Fin⸗
ſterniß, als die Dämmerung vor einbrechende
Nacht? was liegt zwiſchen Warm und Kalt an⸗
ders als Lau? Laue aber will der Herr ausſpei⸗
en aus ſeinem Munde. Nein, wir wollen ſol⸗
che Vermittelungsverſuche nicht, wir wollen bei
Luthers Lehre und in Chriſti Lehre bleiben, denn
er ruft uns heute noch in allen ſeinen Schriften
zu: Dieß iſt der Weg, denſelbigen gehet, ſonſt
weder zur Rechten noch zur Linken, und wer auf
dieſem Wege mit uns wandeln will, dem reichen
wir die Bruderhand im Namen des rechten eini⸗
gen Mittlers zwiſchen Gott und den Menſchen
und wiſſen gewiß, daß an ſolchen dann auch die
Weiſſagung erfüllt werden wird: Ihr werdet
entweihen eure überſilberten Götzen und die gol⸗
denen Kleider eurer Bilder und werdet ſie weg⸗
werfen wie einen Unflath und zu ihnen ſagen:
hinaus! Jeſ. 30, 20. 21.
Iſt es nicht auch ein lautredendes Zeugniß
gegen alle ſolche Vermittelungsverſuche zwiſchen
der luth. und reform. Abendmahlslehre, daß es
ſelbſt unter denen, welche ſich mehr zu der Letztern
hinneigten, noch bis heute nicht zur völligen Ei⸗
nigkeit gekommen iſt: Waren die Stimmführer
derſelben zur Zeit der Reformation, Carlſtadt,
Zwingli, Oecolompadius, Schwenkfeld, Campa⸗
nus u. A., die Luther die ſiebenköpfige Schlange
nennt, unter ſich ſelbſt einig, haben alle die ſpä⸗
tern Vermittlungsverſuche, welche größtentheils
von Seiten der Reformirten ausgegangen ſind,
die Leute von verſchiedenen Anſichten einander
näher gebracht, hat nicht jeder ſeine Anſicht als die
richtigſte feſtgehalten, und kann es auch anders
ſeyn, da es ſich bei den Reformirten, wie der
„Kirchenfreund“ ſelbſt bekennt, nur um „Anſich⸗
ten“ handelt und überdieß ſich auch i in neuer
Zeit die Anſicht immer mehr Anſehen zu verſchaf⸗
fen weiß, als ſey die Lehre vom heil. Abendmahl
kein Artikel des Glaubens, darum ſollte man
nicht darum zanken, ein jeder möchte hier glau⸗
ben, was er wolle!?
Was aber endlich Calvins kirchlichen Einfluß
betrifft, ſo ſagt davon Walch in ſeinerEinleitung
zu den theol. Streitigkeiten innerhalb der luth.
Kirche kurz und bündig: „Nach Luthers Tode
geſchahe die völlige Trennung der Reformirten
von unſerer Kirche, welche inſonderheit Joh. Cal⸗
vinus nebſt einigen andern beförderte. Bisher
betrafen die Streitigkeiten zwiſchen den Luthera⸗
nern und Zwinglianern vornehmlich die Lehre
vom heil. Abendmahle; als aber der Calvinis⸗
mus empor kam, wurden auch die andern ſtreiti⸗
gen Punkte wegen der Communication der gött⸗
lichen Eigenſchaften und der Gnadenwahl je
mehr und mehr rege. Solcher calviniſchen Lehre
fingen verſchiedene, die ſich äußerlich zur Augs⸗
burger Confeſſion bekannten, beizupflichten an,
welches Übel nachgehends weit überhand nahm,
dazu die Hauptgelegenheit Philippus Melanch⸗
thon gegeben hatte.“
Wir müſſen nun zu dem traurigen Geſchäft
übergehen, die Abweichungen Melanchthons von
der Lehre Luthers beſonders hinſichtlich des heil.
Abendmahls nachzuweiſen, und zwar nach den
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