# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 11 10_S58 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) * ausgeſprochen: „Wir wollen dem himmliſchen Vater von Herzen Dank ſagen, der durch Dr. Luther die Summa des Evangelii, daß in dem Glauben an unſern HErrn Jeſum Chriſtum alle unſere Seligkeit enthalten ſei, vunderbar und glücklich zu dieſer unſerer⸗ Zeit wieder hergeſtellt hat.“ Er nennt ihn den „ausgeſandten Apoſtel des reinen Evangelü, den vornehmſten Verthei⸗ diger der reinen Lehre und den tapferſten Zeu⸗ gen des wahren Chriſtenthums.“ Selbſt Cal⸗ vin ſchrieb Folgendes an einen Freund: „Ich wünſche vor allem, daß Ihr bedenkt, welch' ein großer Mann Lutherus ſei, welche ausgezeichnete Gaben, welch ein tapferes und beſtän diges Ge⸗ müth er beſitze, wie groß die Gewalt ſeiner Lehre ſei, mit der er bis hierher unabläſſig bemüht ge⸗ weſen iſt, das Reich des Antichriſts zu ſtürzen und zugleich die heilſame Lehre auszubreiten. Ich habe oft geſagt: geſetzt auch, daß er mich ei⸗ nen Teufel nennte, ſo wollte ich ihm doch die Ehre erzeigen, in ihm einen ausgezeichneten Knecht Gottes zu erkennen. Ich beſchwöre da⸗ ber Euch und Euere Collegen, vor allem darauf bedacht zu ſein, mit dieſem ausgezeichnetſten Knechte Chriſti, dem wir alle ſo viel zu verdan⸗ ken haben, gemeinſchaftliche Sache zu machen.“ Schon dieſe wenigen Zeugniſſe rechtfertigen die Behauptung, daß Luther und nur er das auserwählte Rüſtzeug Gottes geweſen ſei, wo⸗ durch die Reformation ihrem eigenthümlichen Weſen, nemlich der Lehre nach, nicht nur tapfer und weiſe angefangen, ſondern auch herrlich und glücklich hinaus geführt worden ſei, alſo, daß ihm allein der Ehrenname Reformator zu komme Dieß behaupten wir weder um eiteln Ruhmes willen, noch aus Geringſchätzung der Gaben derer, welche ihm Gott als Mitarbeiter an die Seite geſtellt hat, ſondern nur deßhalb, weil wir der Wahrheit nichts vergeben dürfen. Wenn wir nun dagegen proteſtiren müſſen, daß offen⸗ bare Gegner der Lutherlehre, wie Zwingli undCal⸗ vin in eine Reihe mit Luther geſtellt und als Beförderer eines und deſſelben Werkes angeſehen werden, während ſie anſtatt Reformatoren eher Deformatoren zu nennen wären, ſo werden wir uns auch bald hinſichtlich Melanchthons über— zeugen köͤnnen, daß er bei ſeinen unleugbaren großen Verdienſten um die Neformation, den⸗ noch auf den Beinamen Reformator keinen An⸗ ſpruch machen könne, und zwar um ſo weniger, weil er ſpäter, indem er eine Brücke von der ſtrengen lutheriſchen Richtung zur reformirten Kirche bildete, die Reformation Luthers nach dieſer Seite hin bei Vielen theils rückgängig ge⸗ macht, theils gehindert hat. Wollen wir einen ſichern Maaßſtab zur Be⸗ urtheilung Melanchthons gewinnen, ſo haben wir vor allem daranf zu achten, daß er ſich nicht immer gleich geblieben iſt, ſondern ſpäter und zwar ſchon vom Jahre 1536 an, beſonders aber nach Luthers Tode ein ganz anderer wurde als er früher war. Fruher hielt er feſt an der heil⸗ ſamen Lehre, er war einer der treueſten und thä⸗ tigſten Mitarbeiter Luthers und that und ſchrieb nicht leicht etwas öffentlich vohne deſſen Rath und Urtheil. Später ſtand er verwaiſt da und —58— war ſich ſelbſt überlaſſen; er wurde oft wiver dei⸗ nen Willen bei a ulek ſchwierigen Kirchen⸗ händeln and iheologiſchen Streititleiten zu Ra⸗ the gezogen. Er gerieth überdieß, was das Schlimmſte war, in die Gemeinſchaft vielet un⸗ lauterer Leute, welche ſich unter dem Vorgeben, Friede und Eintracht in der Kirche befördern zu wollen, bei ihm einzuſchmeicheln und ſein unbe⸗ gränztes Vertrauen zu gewinnen wußten. Dieſe Gemeinſchaft, beſonders auch mit ſeinem Schwie⸗ gerſohne Peucer, ſo wie der Briefwechſel, in dem er mit mehreren Gegnern der luth. Lehre ſtand, wirkte um ſo ſchädlicher auf ihn ein, da er bei ſeiner Charakter- und Glaubensſchwäche ſchon ohnehin zu unzeitiger Nachgiebigkeit geneigt war. Dieſe Nachgiebigkeit will der „Kirchen⸗ freund“ nicht nur entſchuldigen, ſondern ſogar rechtfertigen, inden er behauptet „ſie habe ihren Grund keineswegs bloß in natürlicher Schüch⸗ ternheit und Charakterſchwäche, ſondern eben ſo ſehr in der tiefen Demuth und zarten Gewiſſen⸗ haftigkeit Melanchthons“ gehabt. Was würde der „Kirchenfreund“ dazu ſagen, wenn man ähn⸗ licherweiſe von Petri Verleugnung behanpten wollte, ſie habe ihren Grund keineswegs bloß in ſeinem Ungeharſam gegen Chriſti Warnung und Menſchenfurcht gehabt, ſondern eben ſo ſehr in der Pflicht der Selbſterhaltung wie der klugen Anbequemung an die obwaltenden Umſtände? Daß es aber eine falſche Demuth und Gewiſſen⸗ haftigkeit ſei, die in göttlichen Dingen den Wi⸗ derſachern weicht und daß es dabei vielmehr nach dem Grundſatze gehen müſſe: cedo nulli, das haben wir bereits bei dem erſten Vergleichungs⸗ punkte aus den Worten Luthers bei Gal. 2, 6. vernommen. Jene Behauptung von dem eigentlichen Grunde der Nachgiebigkeit Melanchthons ſucht der Kir⸗ chenfreund“ noch weiter dadurch zu rechtfertigen, daß er ſagt: „Unter allen Reformatoren fühlte er am meiſten die ſchwere Verantwortlichkeit, die auf ihnen laſtete und ahnte am deutlichſten die Verwirrungen und Gefahren, welche noch in V künftigen Tagen aus dem großen Riſſe der abendländiſchen Chriſtenheit folgen würden und wirklich gefolgt ſind. „Will man dies umſchrei— ben, ſo kommt ungefähr folgender Sinn heraus: der große Riß der abendländiſchen Chriſtenheit, der durch die Trennung der Papiſten und Ne⸗ formirten von den Lutheranern entſtand, ſo wie alle die Verwirrungen und Gefahren, welche bis auf dieſe Stunde daraus gefolgt ſind, laſtet mit ſchwerer Verantwortlichkeit auf Luther und ſeinen Mitarbeitern, folglich ſind ſie und na— mentlich Luther, weil ſie dieſe Verantwortlich⸗ keit nicht einmal fühlten, Schuld an jenem Riſſe und allen daraus entſtandenen Uebeln; ſie hätten nicht ſo ſtarr und ſteif an der rechten Lehre feſthalten ſol⸗ len, wie ihre Gegner an der falſchen Lehre feſt hielten; die Letztern aber hatten deßhalb keine ſchwere Verantwortlichkeit und fühlten ſie daher auch nicht; Melanchthon aber war unter allen der einzige, der ſie fühlte und durch ſeine Nachgiebigkeit jenem Riſſe vorzubeu⸗ gen ſuchte. Da ihm dieß aber, wie die Geſchichte lehrt, gicht gelungen iſt und im Gegentheil die Spaltungen vergrößert und faſt unheilbar ge⸗ worden ſind, ſo muß die Schuld davon haupt⸗ ſächlich an Melanchthon liegen, der ſich in der Wahl der Mittel geirrt hat. — Eine ähnliche Bewandiniß hat e nit der Be⸗ merkung: „Melanchthon licbte den Frieden über alles“ (alſo auch mehr als die Wahr⸗ heit des Evangelii, gegen das Wort des HErrn Zach. 8: „liebet Wahrheit und Friede“) „und daher begreifen wir den tiefen Schmerz, den er in ſeinen ſpäteren Jahren über die ſteigende Zer⸗ riſſenheit im Proteſtantismus, ſo wie die Sehn⸗ ſucht, welche er nach Einheit der Kirche, nach Befreiung auch von der Wuth der Theologen (a rabie theologorum) empfand.“ Wer trug aber die Schuld von dieſer ſteigen⸗ den Zerriſſenheit der Kirche, wer hinderte die Einigkeit im Geiſte (denn die Einheit der Kirche bleibt unter allen Trennungen unverſehrt laut des dritten Artikels ich glaube eine heil. chriſtl. Kirche)? Waren es nicht die, welche Zertren⸗ nung und Aergerniß anrichteten neben der Lehre, die ſie gelernt hatten (Röm. 16, 170? Wer waren die Theologen, von deren Wuth Melanch⸗ thon befreit zu werden wünſchte? Der „Kir⸗ chenfreund“ wird antworten: Es waren die lu⸗ ther. Zeloten, welche die Sache auf die Spitze trieben; wir aber müſſen erklärend hinzu ſetzen: Es waren dies namentlich die Jenaiſchen Theo⸗ logen (denn die Wittenberger hielten es ſämmt⸗ lich mit Melanchthon), deren Eifer in jener ge⸗ fährlichen Zeit wir die Erhaltung der reinen Lehre hauptſächlich zu verdanken haben. Ge⸗ ſetzt nun, ja, zugegeben, daß ſie in Worten ge— gen die Perſon Melanchthons vielfach gefehlt und ſogar etwas bewieſen hätten/ was man für Wuth halten könnte, ſo muß man doch be— dauern, daß Melanchthon nur darüber, nicht aber über ſich ſelbſt leid getra⸗ gen, indem er doch ja ſelbſt durch ſein beharr— liches Abirren don dem Wege der Wahrheit zeranlaſſung zu allen jenen Streitigkeiten ge— geben hat. Auf den immer wiederholten Borwurf der Re⸗ formirten, als ob Luther und die Lutheraner an der entſtandenen Trennung Schuld wären, indem ſie nicht genug Friedensliebe bewieſen hätten, iſt immer wieder auf die Antwort hinzuweiſen, die Luther in ſeiner Schrift: „Daß die Worte Chriſti noch feſte ſteben: Das iſt mein Leib,“ giebt. Aufs erſte, daß wir da anheben, da ſie ⸗ ſchreiben, Bücher machen und vermahnen, man ſolle um dieſer Sachen willen die chriſtliche Ei— nigkeit, Liebe und Friede nicht zerreißen, denn es ſey ein gering Ding (ſagen ſie) und ein kleiner Hader, um welches willen die chriſtliche Liebe nicht ſolle gehindert werden, und ſchelten uns, daß wir ſo ſteif und hart darüber halten und Un⸗ einigkeit machen. Siehe doch da, lieber Menſch, was ſoll man doch ſagen? Es gehet uns wie dem Schaaf das mit dem Wolfe zur Tränke ins Waſſer kam. Der Wolf trat oben, das Schaaf trat unten ins Waſſer, da ſchalt der Wolf das Schaaf, es machte ihm das Waſſer trübe; Das Schaaf ſprach! Wie ſollt ich dir's trübe machen, 2 U