# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 11 10_S50 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) reißen, zerbrechen, verſtöͤren und verderben ſollſt und pflanzen und bauen ꝛc. ꝛc. Und ſo er ſie mit Dr. Luthers harten Schriften hat ſchrecken wol⸗ len, ſo mögen ſie Gott darum zur Rede ſetzen, werden aber vergeblich mit ihm drob rechten.“ Hierher gehört aber fermer, was Matth. Ratzenberger von beiden Männern, als Au⸗ genzeuge, berichtet: „So modeſte (beſcheiden) Philippus M. in ſeinen publicis scriptis (öf⸗ fentlichen Schriften) war, ſo liederlich ließ er ſich erzürnen vel in privatis, vel in publicis disputa- tionibus(in offentlichen u. Privat⸗Diſputationen), daß er manchen Opponenten, wo er ſein Argu⸗ ment nicht ſo zierlich oder förmlich kunnte vor⸗ bringen, wo es wohl von nöthen wäre geweſen,/ nicht wollte aushören, und ihn hieß ſtille ſchwei⸗ gen und einem andern Raum geben. Hergegen hatte Lutherus allezeit dieſen Brauch und Weiſe, ſo heftig er ſonſt war in ſeinen oöͤffentlichen Streitſchriften, ſo placide und ſanftmüthig war er gegen jedermann vel in privatis colloquiis (in Privatunterredungen) vel in publicis disputatio- nibus (in öffentlichen Disputationen) im Collegio, alſo daß oftmals, wo ſchon ein Opponent im Col⸗ legio ein ſchwaches Argument furbrachte, ſo aſſu⸗ mirte Lutherus ſolch liederlich Argument allezeit ſelbſt, gab ihm gar eine zierliche Formam nnd Art, denn wie es war fürgebracht worden, und confirmirte daſſelbe allezeit mit ſolchen wichtigen Umſtänden, weit herrlicher, denn es dem Oppo⸗ nenten hätte können einfallen; hernach ſo ſolvirt er (loͤſte er auf) daſſelbe Argument wieder mit voͤrtrefflichen Gründen, alſo daß männiglich nicht allein wohl damit zufrieden war, ſondern gar viel mehr daraus leruen konnie, denn er ſelbſt gemei⸗ net hätte.“ (S. Halliſche auserleſene Anmerk. II., 267.) So, wie hier geſchildert, erſcheint Me⸗ Auchthon ſelbſt auf dem Reichstag zu Augsburg 1530, einige Monate nach Ubergabe der Confeſ⸗ ſion: auf der einen Seite, was die Lehre betrifft, nachgiebig, was ſeine Perſon betrifft, heftig und auffahrend. So ſchreibt u. A. der fromme Hie⸗ rouymus Baumgärtner von Augsburg, wo ſich derſelbe als Abgeordneter der Stadt Nürnberg be⸗ fand, an Lazarus Spengler in letztgenannter Stadt: „Gott hat uns zu ſondern Enaden verord⸗ net, daß die Confeſſion heraus und einmal überge⸗ ben iſt, ſonſt würden unſere Theologis längſt ein anderes bekannt haben. Philippus iſt kindiſcher, denn ein Kind worden. Darum bitte ich euch um Gottes und ſeines Wortes willen, ihr wollet das Euer auch dazu thun und Dr. M. Luther ſchrei⸗ ben, daß er doch als der, durch den Gott ſein Wort erſtlich der Welt wiederum eröffnet, dem Philippo mit Gewalt einreuen und doch die frommen Für⸗ ſten, ſonderlich aber ſeinen eignen Herrn vor ihm warnen und zu Beſtändigkeit vermahnen. Er iſt auch in ein ſolch Vermeſſenheit gerathen, daß er nit allein niemand wil hören anderſt da⸗ von reden und rathen, ſondern auch mit unge⸗ ſchickten Schelten heraus fehrt, damit er jeder⸗ mann erſchräck und mit ſeiner Aeſtimation und Authorität dempfe. Ich ſchreib ſolches nit gern on ihm, dieweil er bisher von männiglich alſo groß geacht geweſen, dabei ich es auch bleiben laſſen und gleichwol offt wieder mein Gewiſſen ihm hab viel zugeben.“ (Vom 13. u. 15. Sept. 1530. S. Samml. von Alten und neuen theol. Sachen. 1730. 7 Ob aber die Nachgiebigkeit in Glaubensſachen, wie ſie an Melanchthon gerühmt wird „in tiefer —50— Demuth und zarter Gewiſſenhaftigkeit“ ihren Grund haben kann und ob dagegen die Unbeug⸗ ſamkeit Luthers aus Hochmuth entſprungen ſey, darüber wollen wir ſeine eigene Erklärungehören, die er in ſeinemCommentar über den Brief an die Galater (Kap. 2, B. 6.) giebt, wenn er ſagt: „daß wir uns das liebe, tröſtliche Evangelium, den Glauben und Chriſtum ſelbſt, ſollten rauben laſſen, das iſt allzuviel, und das können, noch ſollen, noch wollen wir nicht leiden und müſſe nur in Abgrund der Höllen ewiglich verflucht ſeyn die verdammte, ſchädliche und got⸗ tesläſterliche Demuth, ſo in die ſer Sache ſich drücken laſſen und weichen will, ſondern jedermaun, ſo er anders Chriſtum nicht verleugnen will, ſey hierin nur ſtolz und muthig, ſteif und trotzig. Darum ſoll auch hierin, ob Gott will, mein Kopf härter ſein, denn meiner Feinde allerſammt, wenn ihr noch einſts ſo viel wären, und will auch in dieſer Sache an⸗ ders nicht ſeyn noch gehalten werden, denn eigen⸗ ſinnig, hart, ſteif, ſtolz ꝛc. ꝛc. Und ſoll dieß mein Reim ſein: Cedo nulli, das iſt, beiſeits aus, was im Wege iſt hier fähret er daher, der niemand weichet. Und thut mir nur im Herzen ſanft und wohl, daß man mich in dieſer Sache halsſtarrig, eigenſinnig und trotzig nennt; denn ich bekenne es hier oͤffentlich, daß ich in dieſer Sache ſteif, trotzig und eigenſinnig bin, und ſolchen meinen Eigenſinn und harten Kopf, ob Gott will, auch behalten will, und um ein Haar breit nicht wei⸗ chen, es gehe wie es wolle.“ Wir müſſen hierbei noch auf Einzelnes in der angeführten Schilderung Luthers aufmerkſam machen. Es heißt von ihm: „der Kampf war ſein eigentliches Element,“ gerade als ob L. uur im⸗ mer gern Gelegenheit zu Zank und Streit geſucht und ſich dabei ſo wohl befunden hätte, wie der Fiſch im Waſſer, da doch der Anfang und Fort⸗ gaug der Reformation zur Genüge zeigt, daß er zum Kampf gezwungen und gedrungen worden iſt. „Alle ſeine Thaten ſind Schlachten;“ das iſt ohngefähr ebenſo, als wenn man von demPro⸗ pheten Elias behaupten wollte, alle ſeine Thaten waren die, daß er die Baalspfaffen ſchlachtete; Daß L. gar nicht blos gekämpft, ſondern wie Me⸗ lanchthon in obiger Stelle bezengt, auch gepflanzt und gebanet habe, das lehrt ſchon ein flüchtiger Überblick des großen Reformationswerkes. Er banete aber, wie Nehem. 4 geſchrieben ſteht, am Tempel des HErrn alſo, daß er mit der einen Hand die Arbeit that und mit der audern die Waffen hielt gegen alle, welche ſolchen Bau hin⸗ dern wollten. Was ſoll man aber zu der Behauptung ſagen: „in allen ſeinen Worten riecht man Pulver?“ Dazu gehört fürwahr eine ſehr feine Naſe oder eine ſtarke Einbildungskraft. Wie nun gewiß nur wenige Leſer der Schriften L. dieſem Urtheile bei⸗ ſtimmen werden, ſo werden dagegen viele Leſer ähnliche Erfahrungen gemacht haben, wie der theure Churfürſt Johann Friedrich der Großmü⸗ thige in ſeinem Gefängniß, indem er ſagte: Dr. M. Luthers Schriften herzeten, gingen durch Mark und Bein und hätten rechten Geiſt in ſich; denu wenn er gleich einen Bogen anderer Schrif⸗ ten läſe und nur ein Blättlein Luthers dagegen halte, ſo finde er mehr Saft und Kraft auch mehr Troſt darin, denn in einem ganzen Bogen anderer Scribenten. “ * Soll aber mit der Behauptung, in allen Wor⸗ — ten L's. röche manPulver, ſo viel geſagt werden, daß er bei jeder Gelegenheit Zeugniß gegen aller⸗ lei Feinde der Wahrheit abgelegt habe, ſo können wir dieß nur für etwas ſehr lobens⸗ und nachah⸗ mungswerthes halten, beſonders in unſerer an babyloniſcher Verwirrung und kräftigen Verfüh⸗ rung ſo reichen Zeit. ö Wenn ferner an L. getadelt wird, daß er nicht ſelten allzu ſtürmiſch geweſen ſey, ſo ſteht dieſer Tadel in offenbarem Widerſpruche mit dem eben daſelbſt gemachten Zugeſtändniß, daß er ſich beſon⸗ ders zum Urheber der Reformation und zum Vor⸗ kämpfer dabei geeignet habe. Der Ausdruck, er habe ſich nicht ſelten wie ein ungebändigtes Roß lanfen laſſen, iſt eben ſo unedel als unwahr und ein neuer Beitrag zu vielen ähnlichen Schmaͤh⸗ reden. Der Vorwurf, L. habe die derbſten Ausfälle anf Perſönlichkeiten wie Eck, Emſer, Heinrich VIII. gemacht, lantet ähnlich, als wenn man dein Helden David ſein Verfahren gegen Goliath zum Vorwurf machen wollte, auſtatt daß man mit den Töchtern Iſraels rühmen ſollte: „Saul hat tauſend geſchlagen, aber David zehntauſend.“ Man leſe nur die bitteren und derben Streit⸗ ſchriften der Feinde L. und vergleiche da⸗ mit ſeine Gegenſchriften, ſowie ſeine deßhalb ver⸗ faßten Vertheidigungsſchriften (3. B. wegen Eck bei Walch, 15, 1533 u. folg. und wegen Heinrich VIII. ebendaſelbſt 19, 435 fg.), ſo wird man ohne Zweifel zu einer andern llberzeugung kom⸗ men, es ſey denn, daß man ſelbſt an Irrthümern feſt hielte, die L. ſcharf ſtraft. Von Melanchthon wird dagegen geſagt: „er ſollte L's. wilde Kraft bändigen, ſeine Leideu⸗ ſchaftlichkeit dämpfen und ihn von ſo manchem unbeſonnenem Schritte abhalten.“ Die dabei angeführten Worte L's. beweiſen aber nicht was ſie beweiſen ſollen, indem er darin nur ſeine und Mel. ganz verſchiedene Thätigkeit charakteriſirt und ſagt, daß er, L., Klötze und Steine ausrotten, Dornen und Hecken weghauen müſſe, Mel. dage⸗ gen auf dem alſo zubereiteten Felde ſäuberlich u. ſtille daherfahre, ſäe und begieße mit Luſt. obige Behauptung iſt folglich ebenfalls als eine aus der Luft gegriffene anzuſehen, bis ſie durch beſtimmte Zeugniße begründet wird. Daſſelbe gilt auch von der dabei hingeworfenen Bemer⸗ kung: „wir können nicht wiſſen, wohin ſich L. in ſeinem Zorne noch verirrt hätte ohne den guten Genins dieſes edeln jungfräulichen Geiſtes. Aber es läßt ſich leicht vermuthen.“ L. hat ſich dem⸗ nach in ſeinem Zorn ziemlich oft verirrt, wohin aber, wird wohlweislich nicht geſagt, wahrſchein⸗ lich aber hat man dabei an ſeine gewaltige Be⸗ ſtrafung derer gedacht, die falſche Lehre, nament⸗ lich im Abendmahl des HErrn, vertheidigten. Sonſt wären wir ſehr begierig, ſowohl über die ſchon geſchehenen mannigfaltigen Verirrungen des zornentbraunten L., als auch über die noch nicht geſchehenen, „aber leicht zu vermuthenden,“ nähern Anfſchluß zu erhalten. So muß ſich der theure in Gott ruhende Luther, den Mel. ſelbſt mit tauſend andern ſeinen Vater, Lehrer, Wagen Iſrael und ſeine Reuter nennt, mit einem Men⸗ ſchen vergleichen laſſen, der in ſeinem blinden Zorn umher reuut, ſchäumt und wüthet, nichts als Schrecken und Verderben anrichtet und noch mehr angerichtet haben würde, wenn ihn nicht Mel. zurückgehalten hätte! Dagegen haben wir hinlänglichen Grund zu wiſſen, wohin ſich der Die