Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 9 › Seite 70

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-12-22, Seite 70

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m meiner ſelbſt willen, das Nöthige hierauf zu
widern.

Gleich am Anfange möchte ich Herrn Suhr
nzeigen, daß ich kein ſogenannter „proteſtanti⸗
cther“, ſondern ein evangeliſch-lutheriſcher Predi⸗
er bin, und ich auch keine Gemeinde bediene, die
ich proteſtautiſch nennt. Denn ſowohl ich als
neine Gemeinde bekennen uns ohne allen Rück⸗
alt zu dem lutheriſchen Concordienbuche von
580, welches die hieſigen ſogenannten prote⸗
tantiſchen Prediger und Gemeinden nicht thun,
aher wir uns gegen dieſe Benennung verwahren
nöchten.

1. Wenn Herr Suhr in ſeinem Aufſatze wört⸗
ich alſo ſagt: „Es thue ihm um ſo mehr leid, in
ſie Brownstowner Gemeinde die Brandfackel der
Zwietracht geworfen zu ſehen, als erſt vor einigen
Jahren es dem frühvollendeten Bötticher durch
die mühſamſten und uneigennützigſten
Anſtrengungen gelungen war, die damals durch
pfaffenintriguen zerſtreuten Glieder wieder zu
ammeln“ u. ſ. w., ſo iſt hierauf zu erwidern, daß
rſt zu der Zeit, als Herr Bötticher in die hieſige
Bemeinde als Prediger kam, ſich die Glieder der⸗
elben zerſtreuten und eine wirkliche Trennung
tattfand, ſo daß mehrere Familien, durch ihr Ge⸗
viſſen dazu gedrungen, von der Gemeinde ab⸗
raten und ſich eine eigene Kirche baueten. Und
erſt ſeirdem ich hier das heilige Predigtamt ver⸗
walte, haben ſich nicht allein die damals Abge⸗
retenen faſt insgeſammt, ſondern auch noch meh—
rere andere Familien, die noch niemals zur Ge—
meinde gehört, an dieſelbe angeſchloſſen.

Daß Herr Bötticher „uneigennützig“ in hie⸗
ſiger Gemeinde ſein Amt verwaltet haben ſoll,
kann Herr Suhr nur denjenigen als baare Wahr⸗
heit vor Augen legen, welche von der ganzen
Sache nichts wiſſen, oder falſch berichtet ſind.
Als Herr Bötticher an die hieſige Gemeinde als
Prediger kam und ſich gewohnter Weiſe gleich
einem Knecht auf ein Jahr dingen ließ, ſo gab
er ſich mit dem Lohn von 200 Dollars jährlich
gänzlich zufrieden. Nachdem das erſte Jahr ſei⸗
nem Ende nahte, wurde er von der Gemeinde ge⸗
fragt: Ob er wieder bleiben wolle? Worauf er
entgegnete, daß er es nicht mit Gewißheit ſagen
könne, denn er ſei geſonnen, nach Deutſchland zu
gehen. Doch als einige Monate verfloſſen, er⸗
klärte er der Gemeinde, daß er zwar bleiben wolle,
aber nur dann, wenn die Gemeinde ihm, anſtatt
200, 250 Dollars Lohn gebe, welche Summe ihm
auch von mehreren Gliedern der Gemeinde bewil⸗
ligt wurde. Wozu ich nebenbei bemerken möchte,
daß ein Prediger ſammt Familie mit einem jähr⸗
lichen Gehalt von 200 Dollars in hieſiger Ge⸗
meinde ſein reichliches Auskommen findet. Da
nun aber ein nicht geringer Theil der Gemeinde⸗
glieder mit dieſer unbilligen Forderung gänzlich
unzufrieden war, ſo geſchah es, daß der Lohn an⸗
ſtatt um 50, nur um etwa 38 Dollars erhöht
wurde, womit ſich Herr Bötticher, weil er eben
mußte, ganz hochherzig zufrieden gab, und die
Gemeinde, welche ihn noch gerne länger behalten
hätte, fein ſäuberlich verließ.

2. Herr Suhr ſagt in ſeinem Aufſatze weiter

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alſo: „Die Gemeinde um Brownstown hat bis
dahin, wie es alle wahre proteſtantiſche Gemein⸗
den thun und thun müſſen, alljährlich ihr Gefal⸗
len oder Mißfallen an ihrem Prediger durch Ab⸗
ſtimmung an den Tag gelegt. Als Herr Sauer
ſich um die vacante Stelle bewarb, wußte er um
dieſe Anordnung; glaubte aber damals ſeine
prieſterliche Würde durch das Votiren der Ge⸗
meinde nicht gefährdet, jetzt aber, da er in Neſt
warm geworden, will ſich auf einmal das jähr⸗
liche Stimmen mit ſeiner ſchwarzen Würde nicht
mehr vertragen“ u. ſ. w. Wenn Herr Suhr ſagt,
daß ich, als ich in die Gemeinde kam und mich
um die vacante Stelle bewarb, mit dem alljähr⸗
lichen Stimmen und Miethen zufrieden war, und
meine prieſterliche Würde, wie er beliebt ſich aus⸗
zudrücken, durch das Votiren der Gemeinde nicht
gefährdet glaubte, ſo erwidere ich hierauf, daß
dieſes eine grobe Unwahrheit oder, gut deutſch
geſagt, eine Lüge iſt. Denn gleich am Tage der
Wahl, noch ehe dieſelbe ſtattfand, erklärte ich in
der Kirche vor verſammelter Gemeinde: „daß ich,
im Fall die Wahl mich treffen ſollte, nur dann
dieſelbe annehmen werde, wenn ſie mich dem
Worte Gottes und der Praxis der alten Kirche
gemäß ordentlich berufen und den Artikel
ihrer Kirchenordnung, nach welchem ſie ihre Pre⸗
diger nur auf Ein Jahr miethen, ſtreichen wür⸗
den. Und ſo geſchah es denn, daß nach ſtunden⸗
langer Unterredung, wobei ich zum öftern darzu—
thun ſuchte, warum ich mich nicht gleich einem
Knechte oder Viehhirten miethen oder dingen laſ⸗
ſen könne, mich die Mehrheit der Gemeinde gleich
am Tage der Wahl ordentlich berief, und ich
einige Wochen ſpäter eine im Namen der Ge⸗
meinde vom Kirchenrath unterſchriebene ſchriftliche
Vocation erhielt. Auch habe ich es während
der Zeit meines Hierſeins nicht verſäumt, wo ſich
mir eine Gelegenheit darbot, den Gliedern meiner
Gemeinde den nöthigen Unterricht über den
ordentlichen Beruf zum heiligen Predigtamt zu
ertheilen und dabei zugleich zu zeigen, wie dieſer
Artikel ihrer Kirchenordnung, nach welchem ſie
ihre Prediger alle Jahre miethen wollten, gänzlich
gegen die Lehre des göttlichen Wortes vom Be⸗
rufe zum heiligen Predigtamt ſei, und daher in
einer lutheriſchen Kirchenordnung nicht geduldet
werden dürfe. Da nun aber mehrere weſentliche
Artikel einer rein lutheriſchen Kirchenordnung in
der bisherigen gänzlich fehlten, indem z. B. von
dem Bekenntniß der Gemeinde, als einer luthe⸗
riſchen, auch nicht ein Wörtlein geſagt iſt, oder,
nach einem andern Paragraphen derſelben, die
Gemeinde auch ein reformirter Pfarrer mit Wort
und Sacrament bedienen kann, ſo machte ich
mich, ſintemal die Gemeinde doch eine ausſchließ⸗
lich lutheriſche iſt und auch ſein will, nach einem
jahrelangen Geduldtragen (wobei es mir an
trübſeligen Erfahrungen von Seiten derer, die
mich gern als einen gehorſamen Knecht behandeln
wollten, nicht fehlte) endlich daran, eine rein
lutheriſche, dem Worte Gottes gemäße Kirchen⸗
ordnung zu verabfaſſen. Ich legte ſelbige ſodann
der Gemeinde zur Berathung und Beſprechung
vor, wobei ich allerdings bemerkte, daß ich nur

dann das heilige Amt in der Gemeinde länger
mit gutem Gewiſſen verwalten könne, wenn die⸗
ſelbe eine ſolche rein lutheriſche Gemeindeordnung
anerkennen und unterſchreiben werde, und daß ich
diejenigen, welche dieſes nicht thun, keineswegs
als Glieder meiner Gemeinde betrachten könne.
Nachdem nun alle Artikel der neuen Kirchen⸗
ordnung mehrmals geleſen und beſprochen waren,
ſo wurde dieſelbe angenommen und von 59 der
74 anweſenden ſtimmfähigen Glieder der Ge⸗
meinde unterſchrieben; worüber ſich freilich die
Anhänger der alten Kirchenordnung ſehr ereifer⸗
ten und mir mittelſt der Worte Tit. 1, 1. be⸗
weiſen wollten, daß ich ein Menſchenknecht ſei.

3. Wenn Herr Suhr ferner wörtlich alſo ſagt:
„Wenn wir die Beſtrebungen des Herrn Sauer,
ſich bei ſeiner Gemeinde auf ſeine Lebenszeit ein⸗
zuniſten, für ſelbſtiſch und phariſäiſch erklären,
ſo dünken uns ſeine Drohungen und Maßnah⸗
men“ u. ſ. w. „Er hat nicht genug daran“, heißt
es weiter unten, „daß er diejenigen, welche nicht
nach ſeiner Pfeife tanzen, in Acht und Bann
erklärt und ihnen die Bedienung mit den heiligen
Sacramenten verweigert, ſondern er wirft auch
auf dieſe Kinder ſeinen teufliſchen Groll und Haß
und will ſie in der mit det Kirche verbundenen
Schule nicht dulden“ u. ſ. f., — ſo erwidern wir
hierauf, daß es uns gar nicht in den Sinn ge⸗
kommen, durch Drohungen oder irgend eine an⸗
dere Maßnahme Jemanden zum Unterſchreiben
unſerer Kirchenordnung zu bewegen. Und wenn
wir lutheriſche Prediger denen, die den ordent⸗
lichen Beruf zum heiligen Predigtamt nicht an⸗
erkennen wollen und nach reichlicher Belehrung
und Unterricht dennoch harten Herzens darauf
beſtehen, daß wir uns alle Jahre auf die Wahl
nehmen und dingen laſſen müſſen, erklären, daß
wir ſie weder als Glieder unſerer Gemeinde an⸗
erkennen, noch ihnen das heilige Abendmahl rei⸗
chen werden, ſo wird dieſes keinem redlichen Lu⸗
theraner als grauſam und unmenſchlich erſcheinen.
Denn welcher wahre Chriſt wollte uns zumuthen,
daß wir wider Gottes Wort und unſer Gewiſſen
handeln und uns durch Reichung des heiligen
Abendmahls an ſolche, die ſich weder in eine
chriſtliche Ordnung fügen, noch ſich unter das
Wort Gottes beugen wollen, fremder Sünden
theilhaftig machen ſollen?

Was nun endlich die Beſchuldigung hinſicht⸗
lich der Kinder anlangt, ſo iſt allerdings wahr,
daß wir die Kinder unſerer Gegner ohne Unter⸗
richt in der Schule gelaſſen. Zwar dachten wir
anfangs gar nicht daran, die Kinder um der
Hartnäckigkeit willen ihrer Eltern aus der mit
der Kirche verbundenen Schule zu weiſen; da
aber letztere, obgleich ſie uns weder für ihren
Seelſorger anerkennen, noch als einen ſolchen,
der ſich nicht alle Jahre dingen läßt, haben wol⸗
len, dennoch allen Ernſtes darauf beſtanden, daß
ſie mit Recht auf unſere Dienſte in jeder Beziehung
Anſprüche machen könnten und daß wir ihre
Kinder unterrichten müßten, ſo geſchah es,
daß wir uns mit Uebereinſtimmung der Gemeinde
(deren ausdrücklicher Wille es gleich am Anfange
war, daß die Kinder derer, welche die neue Kir⸗

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