Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 9 › Seite 67
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-12-22, Seite 67
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jährigen Reiche, vom Sabbath ꝛc.) zu verleugnen
und zu verwerfen geſtattet. Es iſt einem jeden
aufrichtigen Lutheraner aus der Seele geredet,
was der vortreffliche Rudelbach in der Vorrede
zu ſeiner „hiſtoriſch⸗kritiſchen Einleitung in die
Augsburgiſche Confeſſion von 1841“ ſchreibt,
worin er folgendermaßen beginnt: „Das Grund⸗
bekenntniß unſerer evangeliſchen Kirche iſt, Gott
ſei Dank, nicht etwa bloß ein verwitterter Dom,
wie jene aus dem Mittelalter, deren Heldenge⸗
danken wir anſtaunen, deren Reſtitution aber den
Spätergebornen kaum gelingen wird (denn ein
anderes himmelanſtrebendes Element gab Gott
uns anzubauen im geiſtlichen Liede und in der
Geſchichte ſeiner Kirche), ſondern ein lebendiger
Tempel, deſſen Mauern noch aller Pygmäen ſpot⸗
ten, die daran rüttelten, und deren Kuppel mit
dem Kreuze vollendet ſein wird, wenn die
Kirche ſelbſt in ihrer Vollendung ihrem Bräuti⸗
gam und ewigen Hohenprieſter entgegen geht.
Man ſchreit und wird des Schreiens nicht müde:
Die Augsburgiſche Confeſſion, wenn auch einſt
die Magna Charta der Religionsfreiheit und
Glaubensfreudigkeit unſerer Väter, habe jetzt
ihre Bedeutung verloren; gleich andern Urkun⸗
den aus dem mittelalterlichen Leben der Völker
und der erſten Morgenröthe des erwachenden
Menſchengeiſtes müſſe ſie einer neuen Völker⸗
Aera und dem weithinflatternden Paniere der
Geiſtesfreiheit unter dieſer Platz geben. Wohlan,
hier gilt es nicht Wortwechſel und Luftſtreiche,
ſondern That und unverblümten Kampf. Es
muß ſich die Augsburgiſche Confeſſion durch ſich
ſelbſt, lebendig⸗hiſtoriſch, über alle Schulzänkereien
erheben, legitimiren als das wahre „„Symbolum
nostri temporis““ (Symbol unſerer Zeit), wie
die Concordienformel ſich ausdrückt, und fügen
wir hinzu, als das „„symbolum extremae
mundi aetatis““ (Symbol des letzten Zeitalters
der Welt), als der große Pharus (Leuchtthurm)
der Rechtgläubigke it, an welchem alle Kirchen⸗
ſchiffe Licht und ſichern Hafen ſuchen müſſen,
wenn ſie nicht zerſcheitern wollen.“ . . . „Und nun,
ihr theuren Brüder, wo ihr ſinnend weilen möget
bei den Schäden der Kirche, und laut bekennen
eure freudige Hoffnung zur Wiederaufrichtung
derſelben, laſſet uns ſammt und ſonders mit dem
Bekenntniſſe handeln, wie die klugen Jungfrauen
mit dem Oele vor des Bräutigams Ankunft zur
Mitternachtsſtunde! Denn gewiß, es iſt beſſer,
als das Gefäß, womit viele es verwechſeln, und
auch die Liebesflamme kann ohne dieſes Lebensöl
der Wahrheit nicht emporſchlagen. Laſſet uns
auf das große Wort wohl merken, daß, wenn
erſt das Hahnengeſchrei geſchehen iſt, dann iſt es
zu ſpät zum Kaufen für den Einzelnen wie für
die Völker, welchen Chriſtus der HErr gepredigt
iſt! Ja darum laſſet uns alle Schläfrigkeit, alle
geiſtliche Trägheit, alle Nachläſſigkeit verſcheuchen,
und brennend werden im Geiſte des Bekenntniſſes
zu Ihm, der unſere Herzen gewonnen hat —
und wie ſollte er denn nicht unſeren Mund ha⸗
ben! Denn ſehet: es iſt Zeit, aufzuſtehen vom
Schlafe; die Nacht iſt vergangen und der Tag
herbeigekommen!“
67²
Nothruf der evangeliſch⸗lutheriſchen Kirche in
Preußen an das glaubensverwandte
Deutſchland.“)
Die Generalſynode der evangeliſch-lutheriſchen
Kirche in Preußen entbeut allen Lutheranern des
Auslandes und einem jeden, dem dieſer Nothruf
zu Ohren kommt, inſonderheit die Gnade unſers
HErrn IEſu Chriſti, die Liebe Gottes des Va⸗
ters und die Gemeinſchaft des Heiligen Geiſtes,
jetzt und immerdar. Amen.
Verwundert Euch nicht, lieben Brüder, daß
wir uns unterwinden, an Euch dieſen offenen
Brief zu richten, unſern mannigfachen Mangel
Euch zu klagen und Eure brüderliche Fürbitte
und Hülfe um Gotteswillen anzuſprechen. Die
große Noth, in welche der HErr uns um unſerer
und unſerer Väter Sünde willen hat gerathen
laſſen, — das Vertrauen, daß Eure Herzen bei
dem Nothruf Eurer Brüder, die mit Euch Glie⸗
der Eines Leibes ſind, nicht ſteinern und un⸗
empfindlich bleiben werden, — vor allem der
Glaube, daß der alte Gott noch lebt, welcher der
Menſchen Herzen wie Waſſerbäche lenken und
ihre Füße leiten kann auf den Weg des barmher⸗
zigen Samariters, bewegen uns dazu. Derſelbige
Gott aber, welcher noch lebt und noch heute ſo
reich iſt, als er geweſen ewiglich, bekenne ſich zu
dieſem Briefe und bringe ſeinen Inhalt an Eure
Ohren und in Eure Herzen, auf daß Ihr Barm⸗
herzigkeit an uns thut.
Schon einmal haben wir, und zwar durch eine
von unſerm Ober⸗Kirchen⸗Collegium veröffent⸗
lichte Schrift,“*) unſern Nothſtand zu Eurer
Kenntniß zu bringen verſucht. Der HErr hat
auch dieſen Verſuch nicht ungeſegnet gelaſſen;
er hat uns Frucht gebracht, nemlich Liebesgaben
von Euch, und gewiß mehr noch fürbiltende Lip⸗
pen und Herzen. Indem wir nun dafür allen
Gebern und Betern von Herzen danken und rei⸗
chen Gotteslohn wünſchen, müſſen wir gleich⸗
wohl bezengen, daß dieſe eingegangenen Gaben
(im Ganzen 127 Thaler) zu der vorhandenen
Noth nicht in einem ſolchen Verhältniſſe ſtehen,
daß eine Wiederholung unſerer öffentlichen Bitte
den Vorwurf der Ungenügſamkeit oder gar Un⸗
verſchämtheit verdienen dürfte. Und weil uns
gute Freunde verſichert haben, daß im Allge⸗
meinen im Auslande unſere Schickſale und ge⸗
genwärtigen Nothſtände immer noch ſehr wenig
bekannt ſeien, und daß es beſonders einer nähern
Aufzählung und Beſchreibung dieſer Nothſtände
bedürfe, wenn wir den glaubensverwandten
Brüdern des Auslandes an's Herz kommen
wollten: ſo laſſen wir getroſt und mit aller Zu⸗
*) Wir theilen dieſen Nothruf mit, nicht nur um Theil⸗
nahme an den Leiden unſrer Brüder im alten Vaterlande
zu erwecken, ſondern auch zu zeigen, warum wir hier immer
weniger Unterſtützung von dorther erwarten dürfen, da dit
Noih jenſeits offenbar in vitler Beziehung ſchreiender iſt,
als hier.
**) „Der gegenwärtige Stand der evangeliſch-lutheri⸗
ſchen Kirche. Ein Aufruf zur Hülfe, an das glaubensver⸗
wandie Ausland gerichiet vom Ober-Kirchen⸗Collegium
u. ſ. w. Leipzig. 1847.“
verſicht noch einmal unſere Klagelieder öffentlich
erſchallen.
Die Sünden unſerer Väter und unſere Sün⸗
den ſuchte der HErr an uns heim wurch Zulaſ⸗
ſung des bekannten Unionsverſuches, der uns um
Alles bringen wollte und ſollte, was zum Fortbe⸗
ſtehen einer lutheriſchen Kirche in Preußen un⸗
umgänglich gehörte. Das lutheriſche Bekennt⸗
niß ſollte vermöge der Vereinigung der Lutheraner
und Reformirten zu Einer Kirche fortan auf⸗
hören, die einige öffentliche und allgemeine
Lehre unſerer Gemeinden zu ſein. Unſere alten,
allein auf dem Grunde des lutheriſchen Bekennt⸗
niſſes ſtehenden Agenden ſollten uns genommen,
und dafür eine neue Agende aufgedrungen wer⸗
den, welche die lutheriſche Lehre den Reformirten
gegenüber verleugnet und den beſtehenden Lehr⸗
unterſchied durch zweideutige Formulare verdeckt
und verwiſcht. Selbſt bis auf den Namen, den
unſere Kirche von den Vätem her trug, erſtreck⸗
ten ſich dieſe Verſuche, dieſelbe zu zerſtören.
Lutheraner, eine lutheriſche Kirche in Preußen
ſollte es fortan, ſelbſt dem Namen nach, nicht
mehr geben, — nur Evangeliſche und eine evan⸗
geliſche Kirche. Es ward an uns erfüllt, was
geſchrieben ſteht Pſ. 83, 5. 6.: „Wohl her,
ſprechen ſie, laſſet uns ſie ausrotten, daß ſie kein
Volk ſeien, daß des Namens Iſrael nicht mehr
gedacht werde. Denn ſie haben ſich miteinan⸗
der vereinigt und einen Bund wider Dich ge—
macht.“ Nun war aber unſere Kirche durch
den vorausgegangenen Unglauben ſo bis auf
den Tod verwundet, das Haupt ſo krank, das
Herz ſo matt, und das wiedererwachende Glau⸗
bensleben noch ſo jung und voll kindiſcher An⸗
ſchläge, daß Tauſende unſerer Gemeinde ohne
allen Widerſtand, ja die meiſten ohne Wiſſen und
Willen die neue Unionskirche mit der Kirche
ihrer Väter vertauſchten. Kaum Eine Gemeinde
als Gemeinde, faſt nur Einzelne widerſtanden und
wollten in die ihnen zugemuthete Verleugnung
ihres Bekenntniſſes, in die Vernichtung ihrer
Kirche nicht willigen. Weil aber nur Wenige
widerſtanden, ſo ging Gewalt vor Recht. Unſere
Klagen, Bitten und Berufungen auf die alten
Rechte und Privilegien unſerer Kirche verhallten
ungehört; — unſer Widerſtand ward als ſträf⸗
licher Ungehorſam gegen die Obrigkeit angeſehen,
die wenigen bekenntnißtreuen Paſtoren wurden
abgeſetzt, die kleinen bekenntnißtreuen Häuflein
zerſprengt und uns nur die Wahl gelaſſen, ent⸗
weder unſer Bekenntniß und die darauf gegrün⸗
dete Kirche zu verleugnen und der Unionskirche
uns einverleiben zu laſſen, oder die von den Vä⸗
tern vererbten Kirchengüter und Gotteshäuſer zu
opfern, dabei aber die Kirche zu retten, deren
Fundament und Erbgut im höchſten Sinn des
Wortes nicht in Steinen, Silber und Gold be⸗
ſteht, ſondern in dem Worte Gottes, das ewig⸗
lich bleibet. Nun, der HErr, der Gott aller Elen⸗
den, ſtärkte die Schwachen und Armen, daß ſie
richtig und götilich wählten, daß ſie am erſten
trachteten nach dem Reich Gottes und nach ſeiner
Gerechtigkeit, und für das Andere ihren himm⸗
liſchen Vater ſorgen ließen, welcher wohl weiß,
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