Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 9 › Seite 66

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-12-22, Seite 66

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bekenntnisſchriften 2

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Pabſt und Kirchenpolizei nachlaſſen
ſollte, um den Frieden der Kirchen wieder herzu⸗
ſtellen. Es iſt uns auch befohlen worden, die
Artikel des Bekenntniſſes ein wenig zu durchgehen,
und zu hören, wer etwa in einem Artikel
anderer Meinung ſei und etwas davon
verwerfe. Und haben die Fürſten ausdrücklich
verſichert, ſie wollten bei der Formel der Eintracht
bleiben.“-Hierauf erzählt Melanchthon, wie man
Bucern und inſonderheit Blaurern, denen man
nicht ganz, namentlich im Artikel vom heiligen
Abendmahl, traute, ziemlich heftig erſt zu Leibe
gegangen ſei, ehe man ſie zur Unterſchrift unter
die Augsburgiſche Confeſſion, deren Apologie
und die Schmalkaldiſchen Artikel und deren An⸗
hänge zugelaſſen habe. (Luthers Werke, a. a. O.
S. 2460.)

Aus dieſen Berichten der Augen- und Ohren⸗
zeugen geht unwiderſprechlich erſtlich dieſes her⸗
vor, daß die Fürſten das gemeinſame Wieder⸗
durchleſen und Unterſchreiben der Confeſſion und
Apologie von Seiten ihrer Theologen nicht deß—
wegen angeordnet haben, damit dieſe Bekennt⸗
niſſe noch einmal geprüft, ſondern damit die
Theologen, inſonderheit die ſpäter noch hinzu⸗
gekommenen, geprüft würden, ob ſie auf Grund
derſelben in Einigkeit des Glaubens ſtünden;
weil die redlichen Kurfürſten weit davon entfernt
waren, ſich mit Irrgläubigen gegen den gemein⸗
ſamen Feind, den Pabſt, verbinden zu wollen,
welche fleiſchliche Maxime jetzt ſo oft ſich geltend
machen will.

Was die Fürſten ferner unter den Dingen
verſtanden, in welchen man etwa noch weichen
könne und möchte um gemeinen Friedens willen,
iſt deutlich aus obiger Stelle in Melanchthons
Brief an Camerarius zu erſehen. Sie meinten
damit nicht irgend einen von den Lehrartikeln,
die ſie in Angsburg mit der Erklärung bekannt
hatten, daß ſie „ehe hier vor Seiner Kaiſerlichen
Majeſtät niederknieen und ſich den Kopf abhauen
laſſen, ehe ſie Gott und ſein Evangelium verleug⸗
nen wollten“, wie ſich unter anderen Markgraf
Georg von Brandenburg ausdrückte; ſie meinten
damit vielmehr Adiaphora, Mitteldinge, in
welchen etwa aus Liebe zu Einigkeit der Kirche
gewichen werden könnte, worunter inſonderheit

die päbſtlich-⸗ biſchöfliche Jurisdiction, Ordina⸗

tion ꝛc., Ceremonieen, Verwendung der Kirchen⸗
güter und dergleichen gehörten. Wie fern der
Kurfürſt von dem Gedanken an etwa nöthige
Veränderungen der Augsburgiſchen Confeſſion
war, als er von den zu Schmalkalden verſam⸗
melten Theologen eine nochmalige Durchſicht der⸗
ſelben und Vergleichung über dieſelbe verlangte,
erſehen wir aus dem Antwortſchreiben, welches
dieſer theure Fürſt an Luthern ſchon am 7. Ja⸗
nuar erließ, nachdem Luther ihm die bereits ent⸗
worfenen Schmalkaldiſchen Artikel überſendet
hatte. Darin heißt es, wie Innius in ſeiner
Reformationsgeſchichte anführt: „Er (der Kur⸗
fürſt) habe die Artikel zweimal durchleſen, und
ſich überzeugt befunden, ob er gleich ein Laie, daß
ſie in der Wahrheit gegründet, und mit der

Aug sburgiſchen Confeſſion völlig über—

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einſtimmten; werde ſie daher auch allezeit beken⸗
nen, wo es die Nothdurft erfordere, es ſei vor einem
Concilio, oder vor der ganzen Welt.“ (III, 291.)
Gerade die Uebereinſtimmung der Schmalkaldi⸗
ſchen Artikel mit der Augsburgiſchen Confeſſion
machte alſo den Kurfürſten ſo getroſt und freudig,
dieſelben als ſein Bekenntniß mit zu vertreten.
Merkwürdig iſt in dieſer Beziehung noch Folgendes.
Als Luther zu Schmalkalden erkrankte und zwar
ſo ſchwer, daß er ſich des Lebens ſelbſt verzieh,
beſuchten ihn alle in Schinalkalden bei dem Con⸗
vente gegenwärtige fürſtliche Perſonen. Was
Luther damals im Angeſichte des Todes mit dem
Kurfürſten geſprochen, findet ſich in einem Proto⸗
kolle vor, welches der berühmte Geſchichtsforſcher
Freiherr von Seckendorf in dem fürſtlichen Ar⸗
chive zu Weimar aufgefunden hat. Darin heißt
es: „Luther äußerte: nach ſeinem Tode werde
ſich auf der Univerſität Wittenberg ein Zwieſpalt
ereignen und ſeine Lehre geändert werden. Sol⸗
ches erweckte bei dem frommnen Herrn ſorgliche
Gedanken, die er. bald hernach, als Lutherus
wiederum geneſen, und er (der Kurfürſt) nach
Wittenberg den dten Mai kam, Luthero und
Pomerano (Bugenhagen) eröffnete, wobel Dr.
Brück das Wort führte. Nemlich, es höre Seine
Kurfürſtliche Gnade, daß Melanchthon und
Creuziger andere Redensarten in denen Artikeln
von der Rechtfertigung und guten Werken, als
Lutherus, brauchten, klagte beſonders hart,
daß Melanchthon in Herausgebung
der Augsburgiſchen Confeſſion einige
Worte geändert. Dieſes, ſprach der Kurfürſt,
und Anderes geſchiehet, weil Wir und Ihr, Herr
Doctor Martinus, noch leben, was wird geſche⸗
hen, wenn wir beide die Augen zuthun? Unſer
älteſter Prinz iſt ein Kind und unſer Bruder noch
jung, und an geſchickten Leuten großer Mangel.
Ermahnete hierauf Lutherum, dieſe Dinge nicht
gering zu halten, und bezeugte: Ob er wohl
wiſſe, daß der Univerſität Aufnahme Melanch⸗
thonis Gelehrſamkeit und Ruhme zugeſchrieben
werde, ſo wolle er doch dieſen lieber miſſen, als
der Wahrheit Abbruch geſchehen laſſen, ſollte auch
darüber die Univerſität eingehen. Er werde daran
weniger Sünde thun, als Herzog Georg, der
aus Liebe zu dem alten Irrthum die Univer⸗
ſität Leipzig laſſe in Abnahme gerathen.“ (Siehe:
Hist. Lutheranismi III, fol. 165. Junius'
Ref. Geſch. III, S. 317.) Hier erfüllte ſich
recht herrlich die Weiſſagung des Propheten:
„Die Fürſten werden fürſtliche Gedanken haben,
und darüber halten.“ Jeſ. 32, 11. Bei Be⸗
trachtung ſolcher wahrhaft rührenden Treue eines
gottſeligen weltlichen Regenten in Bewahrung
der reinen Lehre für ſich und ſein Volk, erfüllt
es in der That mit Wehmuth, zu leſen, wie man
einem ſolchen die Krone der Treue vom Hanupte
reißen zu wollen ſich nicht ſcheut. Nicht zu über—
ſehen iſt hierbei, daß der Kurfürſt ſich ſo mißbil—
ligend über Melanchthons Aenderungen an der
Confeſſion ausſprach, noch ehe derſelbe die be⸗
rüchtigte Aenderung zu Gunſten einer Union mit
den Schweizern an dem zehnten Artikel der Con⸗
feſſion von dem heiligen Abendmahle vornahm.

Denn dieß geſchah bekanntlich erſt im Jahre
1540.5) Darüber ſtrafte Luther den Melanch⸗
thon alsbald mit den Worten: „Lieber Philippe,
das Buch iſt nicht euer, ſondern der ganzen
bekennenden Kirchen Buch, will euch der⸗
halben nicht gebühren, ſolch Buch ſo oft und
mancherlei Weiſe zu verändern.“ (S. Verthei⸗
digung des Evangeliſchen Augapfels. Leipzig
1673. II, 343.) Der Kurfürſt aber ließ Me⸗
lanchthon noch ernſter an das Gewiſſen reden,
indem er ſeinen treuen Kanzler an denſelben mit
folgender, von Mylius im Sächſiſchen Archiv
vorgefundener Inſtruction alsbald abfertigte:
„Es ſoll ſich M. Philippus angemaßt haben, des
Kur⸗ und anderer Fürſten und Stände Confeſ⸗
ſion, für Kaiſerlicher Majeſtät zu Augsburg ge⸗
ſchehen, in etzlichen Punkten zu ändern, mil—
dern und anderweit drucken zu laſſen ohne Kur⸗
fürſtliche Gnaden und der anderen Vomiſſen
und Bewilligung; deſſen er ſich je billig ſollte
enthalten haben, nachdem die Confeſſio des Kur⸗
fürſten und der anderen Stände fürnehmlich iſt;
davon dem Kurfürſten und den anderen mitver⸗
wandten Ständen aufgeleget wird, daß ſie der
Lehre nicht gewiß, auch unbeſtändig
wären; daran ſich denn auch das Volk ärgerte.“
(S. Dr. G. Mylii explic. Aug. Conf. Jenae.
1596. p. 6.)

Wir meinen, hiermit iſt es geſchichtlich hell und
klar nachgewieſen, daß die lutheriſche Kirche des
Reformationszeitalters nie zweifelhaft geweſen iſt,
ob die Augsburgiſche Confeſſion vollkommen mit
der heiligen Schrift übereinſtiume; daß es ihr
nie in den Sinn gekommen iſt, dieſelbe von Zeit
zu Zeit einer Reviſion unterwerfen zu müſſen;
daß die, u. a. von Melanchthon, gemachten Ver⸗
änderungen nicht als Handlungen unſerer
Kirche angeſehen werden können, ſondem als
unberufene, höchſt ſträfliche Privatunterneh⸗
mungen zu betrachten ſind; daß alſo die ſoge⸗
nannte Generalſynode der amerikaniſch⸗luthe⸗
riſchen Kirche aus der Gemeinſchaft der evan⸗
geliſch-lutheriſchen Kirche damit thatſächlich
ausgetreten iſt, daß ſelbige nur eine ſogenannte
weſentliche Uebereinſtimmung dieſes Grund⸗
bekenntniſſes unſerer Kirche anerkennen will und
daher mehrere der wichtigſten darin niedergelegten
Glaubensartikel (wie die von der Erbſünde, vom
heiligen Predigtamt, von der Kirche, von der
Taufe, vom heiligen Abendmahl, von der Beichte
und Abſolution, von Kirchen-Ordnungen, vom
weltlichen Regiment, vom ſogenannten tauſend⸗

*) Schweizeriſch geſinnt in der Lehre vom heiligen
Abendmahl ſcheint übrigens Melanchthon erſt in Jahre

1543 geworden zu ſein, wie die Ausgabe ſeiner Loci von
dieſtem Jahrt ausweiſ't. (Siehe: Gurricke's Kircheng. III,
403.) In dieſem Jahre ließ daher der Kurfürſt die Sacht
noch einmal unterſuchen durch den Kanzler Brück, welchtr
hierauf berichtete: „Dr. Martinus ſagt, daß er uimmer⸗
mehr gemeint hätte, daß Philippus noch in den Phan⸗
taſeyen ſo ſteif ſtecke. Ich ſagte ihm, wofür Euer Kurf.
Gnaden des Philippi Meinung anſehen, und dafür hielten,
daß er (ſo lange) drückte, bis er ſeine Zeit erſehe, und
ſonderlich ſo er des Doctors Tod erleben würde. Dr.
Martinus meinet, thut ers, ſo werde er ein elender
Menſch werden und ſeines Giewiſſens halben keinen
Frieden haben ꝛc.“ (Luthers Werkt. XVII, 2628.)

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