Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 14 › Seite 106
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-03-02, Seite 106
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſangbuch
nie geſehen habe, von Angeſicht zu Angeſicht
ſchauen werde.
„Meinem einigen hinterlaſſenen Sohn überlaſſe
ich von irdiſchen Gütern wenig, dabei aber einen
ehrlichen Namen, deſſen er ſich ſonderlich nicht
wird zu ſchämen haben...
„Es weiß mein Sohn, daß ich ihn von ſeiner
zarten Kindheit an dem HErrn meinem Gott zu
eigen gegeben, daß er ein Diener und Prediger
ſeines heiligen Worts werden ſoll; dabei ſoll er
nun bleiben, und ſich daran nicht kehren, daß er
wenig gute Tage dabei haben möchte, denn da
weiß der liebe Gott ſchon Rath zu, und kann das
äußerliche Trübſal mit innerlicher Herzensluſt und
Freudigkeit des Geiſtes gnugſam erſetzen.
„Die heilige Theologiam ſtudire in reinen
Schulen und auf unverfälſchten Univerſitäten,
und hüte dich ja vor Syncretiſten, denn die
ſuchen das Zeitliche, und ſind weder Gott noch
Menſchen treu.
„In deinem gemeinen Leben folge nicht böſer
Geſellſchaft, ſondern dem Willen und Befehl
deines Gottes.
„Inſonderheit
10 thue nichts Böſes, in der Hoffnung, es
werde heimtich bleiben, denn es wird nichts ſo
klein geſponnen, es kommt an die Sonnen.
2) Außer deinem Amte und Beruf erzürne dich
nicht. Merkſt du denn, daß dich der Zorn erhitzet
habe, ſo ſchweige ſtockſtille, und rede nicht eher ein
Wort, bis du erſtlich die zehen Gebote und den
chriſtlichen Glauben bei dir ausgebetet haſt.
3) Der fleiſchlichen ſündlichen Lüſte ſchäme
dich, und wenn du dermaleinſt zu ſolchen Jahren
kommſt, daß du heirathen kannſt, ſo heirathe mit
Gott und gutem Rath frommer, getreuer und
verſtändiger Leute.
4) Thue Leuten Gutes, ob ſie dir es gleich
nicht zu vergelten haben, denn was Menſchen nicht
vergelten können, das hat der Schöpfer Himmels
und der Erden längſt vergolten, da er dich er—
ſchaffen hat, da er dir ſeinen lieben Sohn ge—
ſchenket hat, und da er dich in der heiligen Taufe
zu ſeinem Kinde und Erben auf- und angenom⸗
men hat.
5) Den Geiz fleuch, als die Hölle; laß dir
gnügen an dem, was du mit Ehren und gutem
Gewiſſen erworben haſt, obs gleich nicht allzuviel
iſt. Beſcheret dir aber der liebe Gott ein Mehres,
ſo bitte ihn, daß er dich vor dem leidigen Miß—
brauch des zeitlichen Guts bewahren wolle.
„Summa: bete fleißig, ſtudire was Ehrliches,
lebe friedlich, diene redlich, und bleibe in deinem
Glauben und Bekenntniß beſtändig, ſo wirſt du
einmal auch ſterben und von dieſer Welt ſcheiden
willig, fröhlich und ſeliglich! Amen.“
Dieſes ſchöne Teſtament iſt zugleich ein Zeug⸗
niß, daß Paulus Gerhardt dem reinen lutheriſchen
Bekenntniß bis an ſein Ende treu geblieben, und
noch zuletzt denſelben Abſcheu vor Halbheit und
Unentſchiedenheit in Sachen des Glaubens be—
wahrte, der vor zehn Jahren die Urſache ſeiner
Entlaſſung war. „Die heilige Theologiam ſtu⸗
dire in reinen Schulen und auf unverfälſchten
Univerſitäten, und hüte dich ja vor Syncretiſten,
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denn die ſuchen das Zeitliche, und ſind weder Gott
noch Menſchen treu.“ Dieſe im Angeſicht des
Todes, nach einem ſolchen Leben, ausgeſprochenen
Worte waren ein ernſtes heiliges Vermächtniß
für den Sohn, ſeit ihrer Bekanntmachung auch
für die ganze evangeliſch-lutheriſche Kirche.
Die Umſtände, welche die Amtsentſetzung Pau⸗
lus Gerhardts herbeiführten, lieſ't man am beſten
bei E. L. G. Langbecker*) und Otto Schulz“*).
Der reformirte Kurfürſt Friedrich Wilhelm
hatte, um ſeinem von den Kämpfen zwiſchen der
lutheriſchen und der reformirten Geiſtlichkeit ſeit
ſo langen Jahren beunruhigten Lande endlich
kirchlichen Frieden zu geben, die beiden Parteien
zu einem Religionsgeſpräch eingeladen, ob ſich
vielleicht eine verſöhnende Ausgleichung der ſtrei⸗
tigen Punkte finden laſſe. Paulus Gerhardt ver⸗
ſprach ſich wenig von dieſen Zuſammenkünften;
er erklärte ſich durch ein in ſtreng logiſcher Form
adgefaßtes Gutachten dagegen, weil dabei nichts
herauskommen könne, als derſelbe Syneretismus,
d. h. dieſelbe Vermengung von zweierlei Bekennt⸗
niſſen, zu welchem ſich die Rintler Theologen hät⸗
ten verleiten laſſen, ein Friede, der kein rechter
Friede ſei. Gleichwohl nahmen die Zuſammen⸗
künfte ihren Anfang. Die Berliniſche Geiſtlich⸗
keit wich keinen Schritt von der Concordienformel,
die Reformirten dagegen ließen dieſelbe nicht
gelten.
Paulus Gerhardt war die Seele der Berlini⸗
ſchen Geiſtlichkeit. Sein amtliches Geſchäft war,
die Angriffs⸗ und Vertheidigungsſchriften zu ent⸗
werfen; dieſe ſind mit größter Gewandtheit und
Schärfe, nicht ſelten ſelbſt mit Witz verfaßt, und
liefern einen neuen Beweis, daß ſich ſcharfer Ver⸗
ſtand gar wohl mit dichteriſchem Gemüth ver⸗
einige. Denn wenn man dieſe, nach dem Zeit⸗
geſchmack ſo wunderlich mit Latein durchſchoſſenen
Artikel lieſ't, ſollte man kaum meinen, daß der⸗
ſelbe Mann zu derſelben Zeit ſich und den
Seinigen zu Troſt die ſchönſten geiſtlichen Lieder
dichtete.
Die Zuſammenkünfte hatten keinen Erfolg.
Der große Kurfürſt ſah ſich in ſeinen Erwartun⸗
gen getäuſcht; er ſah die Parteien, ſtatt verſöhnt,
nur in noch klarer gewordenen Gegenſätzen aus
einander treten. Dazu kam, daß die Berliniſche
Geiſtlichkeit ein dem Kurfürſten mißfälliges Auf⸗
treten ihres Sprechers Reinhart in der vorletzten
Sitzung am 22. Mai 1663 in Schutz nahm und
als in ihrem Sinne geſchehen anerkannte und bil⸗
ligte. Dies zog ihr Drohungen der Ungnade des
Kurfürſten zu. Man nimmt an, daß P. Gerhardt
damals das Lied: „Iſt Gott für mich, ſo trete
gleich alles wider mich“ gedichtet habe.
Der große Kurfürſt erließ darauf unterm 16.
September 1664 ein Edict, in welchem den Geiſt⸗
lichen beider Parteien bei Vermeidung der Ent⸗
laſſung vom Amte und anderer Beſtrafung ſtreng
und ſcharf befohlen wird, einander weder mit an⸗
züglichen Namen zu verunglimpfen, noch auch
*) Leben und Lieder von Paulus Gerhardt. Berlin
1841.
*) Paul Gerhardt's Geiſtliche Andachten u. ſ. w. Ber⸗
lin 1842.
einander durch bloße Schlußfolgen Lehren beizu⸗
meſſen, die ungereimt oder gottlos ſeien, auch von
der Gegenpartei geleugnet würden, am aller⸗
wenigſten aber dürfe beides auf der Kanzel vor⸗
kommen. Die Geiſtlichen aber ſollten durch Aus⸗
ſtellung von Reverſen ſich verpflichten, den
kurfürſtlichen Edicten nachzuleben. Von der luthe⸗
riſchen Geiſtlichkeit der Stadt Berlin weigerten ſich
zunächſt der Probſt Lilius und der Archidiaconus
Reinhart, einen ſolchen Revers zu unterſchreiben,
und wurden alsbald, im April 1665, ihres Amtes
entſetzt; Lilius, der ſich im Anfang des folgenden
Jahres zur Ausſtellung eines Reverſes bewegen
ließ, ward ſogleich wieder in ſein Amt eingeſetzt.)
**) „Dieſelbe Verfügung, durch welche Lilius
in ſein Amt wieder eingeſetzet wurde, enthielt auch
den Auftrag an das Conſiſtorium, Paul Gerhardt
zur Unterſchrift des Reverſes aufzufordern, und
im Weigerungsfalle ihm die Entlaſſung von ſei⸗
nem Amte anzukündigen. Wie gemäßigt Paul
Gerhardt ſich auf der Kanzel und im Leben be⸗
zeigt haben mochte, bei dem großen Kurfürſten
ſtand es feſt, daß er bei dem Religionsgeſpräch im
Jahre 1662 und 1663 nächſt Reinhart der hef⸗
tigſte Gegner des Friedens zwiſchen den Refor⸗
mirten und Lutheriſchen geweſen ſei. Als man
Reinhart im Conſiſtorio den Vorwurf machte, daß
er ſeine Collegen zur Widerſetzlichkeit verleite, hatte
er mit einiger Wärme erklärt, es verhalte ſich nicht
ſo, er ſelbſt habe vielmehr Reinhart, wenn er habe
weichen wollen, zugeredet; er ſei älter an Jahren
und älter im Amte, und da ſollte es ihm leid thun,
wenn er Andern erſt folgen ſollte. Bei einer ihm
zugeſloßenen Krankheit hatte er auch ſeine Colle⸗
gen zu ſich eingeladen, und ſie ernſtlich ermahnt,
den Revers nicht zu unterſchreiben, wenigſtens
waren alle dieſe Umſtände dem großen Kurfürſten
hinterbracht worden, und ſomit erſchien es der
Abſicht desſelben ganz angemeſſen, daß man, nach
Reinharts Entfernung und Lilius' Rücktritt vom
Kampfe, zunächſt den bedeutendſten und, wie man
glaubte, den heftigſten Gegner der Reformirten,
der zugleich die Seele des Berliniſchen Miniſterii
war, auf irgend eine Weiſe unſchädlich mache.
„Paul Gerhardt wurde am 6. Februar 1666
zugleich mit Lilius vor das Conſiſtorium geladen,
und zur Ausſtellung des Reverſes aufgefordert.
Man bewilligte ihm anfangs zur Abgabe ſeiner
Erklärung noch eine Bedenkzeit von acht Tagen,
er nahm ſie im erſten Augenblick der Beſtürzung
auch an, erklärte aber noch in der nämlichen
Sitzung, er habe ſich ſchon längſt bedacht, und
werde ſich wohl nicht ändern, worauf ihm die Ab⸗
ſetzung vom Amte im Namen des Kurfürſten an⸗
gekündigt wurde.
„Hatte des alten Lilius und des geachteten, aber
minder geliebten Reinharts Abſetzung bei dem
Magiſtrat und der Bürgerſchaft große Beſtürzung
*) Bekanntlich iſt Lilius wegen dieſer Untreue ſpäter in
große Gewiſſensnoth, ja an den Rand der Verzweiflung ge⸗
kommen, doch endlich nach bußfertigem Bekenntniß ſeiner
Uebelthat unter Gerhardt's evangeliſchem Zuſpruch mit dem
Troſt der Vergebung in dem HErrn entſchlafen.
D. Red.
**) Paul Gerhardt's Geiſtliche Andachten ꝛc. von Otto
Schulz. Berlin 1842. S. 67 ff.
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