Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 14 › Seite 108

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-03-02, Seite 108

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Luther 5 · Obrigkeit · Obrigkeit 18 · Staatsſchule

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(Eingeſandt.)
Der „Lutheriſche Botſchafter“ und die
Revolution.

Wenn Ungläubige der Empörung der Völker
gegen ihre rechtmäßige Obrigkeit das Wort reden,
ſo iſt es nicht zu verwundern, denn ſie empören
ſich ja ſelbſt gegen das Wort der höchſten Maje⸗
ſtät im Himmel. Wenn es aber ſelbſt ſolche thun,
die doch die Bibel für Gottes Wort anerkennen,
ſo wird man genöthigt zu glauben, daß es ihnen
entweder mit Anerkennung der heiligen Schrift
kein Ernſt iſt, oder daß ſie nur aus Menſchen⸗
furcht die despoͤtiſchen Ausſprüche des herrſchenden
Zeitgeiſtes unterſchreiben.

Sehr leid hat es uns gethan, auch ſelbſt in dem
„Lutheriſchen Botſchafter“, einem Blatte, welches
doch einen ganz rein lutheriſchen Standpunkt ein⸗
nehmen will, folgendes dem Weltgeiſt ſchmeichelnde

Urtheil zu leſen:

1) in Nro. 11 des 1. Jahrganges: „um allen
Mißverſtand zu vermeiden, müſſen wir hier er⸗
wähnen, daß wir entſchieden für die Freiheit
der Völker ſind, und den Standpunkt, welchen
viele religiöſe Blätter gegen dieſelbe einnehmen,
nicht billigen. Wir bedauern es zwar eben ſo
ſehr, als jene, daß ein Schwindel des Unglau⸗
bens ſich mit in die jetzigen Freiheitsbeſtrebungen
miſcht, und erkennen ſehr wohl, daß, wenn der⸗
tſelbe die Oberhand behalten ſollte, nichts Gutes
daraus entſpringen kann. Aber wir erkennen
auch, daß, ſo lange die Religion durch ungläubige
und falſchgläubige Regierungen in Ketten ge⸗
ſchlagen wurde, dieſelbe ſich nicht entwickeln
konnte. Wenn Revolution ſtets ein Verbrechen
iſt, ſo waren die Väter unſerer glorreichen Re⸗
publik Verbrecher, ſo waren auch alle proteſtanti⸗
ſchen Fürſten Deutſchlands zur Zeit der Refor⸗
mation Verbrecher; und dies zu behaupten, wäre

Hochverrath gegen Gott, die Religion, die Frei⸗
Und wenn religiöſe

heit und die Menſchheit.
Zeitſchriften und Prediger im Allgemeinen auf
der Seite des Abſolutismus ſtehen, ſo kann dies
nur zur Folge haben, daß Menſchen, welche Men⸗
ſchenliebe im Herzen tragen, und das meineidige
Betragen der Europäiſchen und vorzüglich der
Deutſchen Fürſten verabſcheuen, dadurch gegen
die Religion eingenommen werden, während im
entgegengeſetzten Falle alle Geſetze gegen die
Religion leicht verhindert werden könnten; und
für die Religion brauchen wir keine Geſetze. Das
Chriſtenthum iſt ſich ſelbſt genug und blühte un⸗
ter heidniſchen Kaiſern.“

2) In No. 12 desſelben Jahrgangs: „Wenn
die Völker das zu ſchwere Joch abſchütteln, oder
kräftig die meineidigen Fürſten an ihr Verſprechen
erinnern, ſo nennen einige Blätter dies gottloſe
Rebellion; wenn aber Könige und Fürſten gegen
das Geſetz rebelliren, und das Volk in den Staub
treten, ſo ſagt man, ſie nehmen ihre Rechte wie⸗
der. — O, die Verblendung!“

In dem erſt angeführten Urtheil aus No. 11
findet ſich eine grobe hiſtoriſche Unrichtigkeit. Es
wird nemlich das Verhalten der proteſtantiſchen
Fürſten zur Zeit der Reformation als Beweis an⸗

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geführt, daß die Revolution nicht immer ein Ver⸗(aus dem Unglauben, aus entſchiedener Oppoſition
Aber wer hat je auch nur mit gegen alle menſchliche und göttliche Aurorität her⸗
einigem Schein der Wahrheit dieſe Fürſten der vor, die nicht blos Vernichtung des Throns, ſon⸗

brechen ſei.

Empörung wider ihre Obrigkeit beſchuldigen kön⸗
nen? Ihre Obrigkeit war bekanntlich der Kaiſer,
welchem ſie allerdings in dem Stück widerſtanden,
daß ſie ſich durch nichts zur Verleugnung oder
zum Abfall von der erkannten Wahrheit des
Evangelii bringen ließen, ja endlich ſogar zur
Nothwehr griffen, um ihrer eigenen Unterthanen
Leben und Gewiſſensfreiheit zu ſchützen. Aber
wer dürfte dies eine Empörung nennen? Denn
daß ſie trotz aller kaiſerlichen Edicte und Drohun⸗
gen feſt bei dem Evangelio blieben, darin befolg—
ten ſie das Wort des Apoſtels Petrus: „Man
muß Gott mehr gehorchen, als den
Menſchen“ (Ap. Geſch. 5, 29.); daß ſie aber
ihrer Unterthanen Leib und Leben ſchützten, dies
thaten ſie vermöge ihres von Gott befohlenen Am⸗
tes. Gleichwohl iſt es bemerkenswerth, daß es
erſt nach Luthers Tode zu offnen Feindſeligkeiten
zwiſchen dem Kaiſer und den proteſtantiſchen Für⸗
ſten kam; denn dieſer hochherzige Glaubensheld
ſah die Sache Gottes durch menſchliche Schutz⸗
mittel nur gefährdet, hatte darum ſtets von Ge⸗
waltmaßregeln abgerathen, und durch ſein Gebet
den Frieden erhalten. Luther rieth mit Beſtimmt⸗
heit (unterm 6. März 1530) dem Kaiſer Land
und Leute Preis zu geben, und die Sache Gott
zu befehlen; und nur, wenn der Kaiſer verlangte,
daß die Fürſten ihre eigenen Unterthanen um des
Glaubens willen plageten, tödteten und verjag⸗
ten, ſo ſollten ſie ihm nicht gehorchen. „So ſind
ja, ſchreibt er, aller Fürſten Unterthanen auch des
Kaiſers Unterthanen, ja mehr denn der Fürſten,
und ſchickt ſich nicht, daß Jemand mit Gewalt
des Kaiſers Unterthanen wider den Kaiſer, ihren
Herin, wollte ſchützen; gleichwie ſich's nicht ziemt,
daß der Bürgermeiſter zu Torgau wollte die Bür⸗
ger mit Gewalt ſchützen wider den Kurfürſten zu
Sachſen, ſo lange er Kurfürſt zu Sachſen iſt.“

Hätten die proteſtantiſchen Fürſten dieſen Rath
Luthers auch nach ſeinem Tode befolgt, ſo wäre
es vielleicht nicht zu der unglücklichen Schlacht
bei Mühlberg gekommen, in welcher der Kurfürſt
Johann Friedrich der Großmüthige gefangen ge⸗
nommen wurde und auf ſeine Kurwürde ver⸗
zichten mußte. Dieſer unglückliche Ausgang lehrte
deutlich genug, daß Gott keinen Wohlgefallen
daran hatte, daß die proteſtantiſchen Fürſten die
heilige Sache des Evangelii mit dem Schwerte
vertheidigen wollten. Obgleich es Nothwehr war,
ſo war es doch eine Verletzung der göttlichen
Ordnung, daß ſie gegen ihren rechtmäßigen Herrn,
den Kaiſer, die Waffen ergriffen. Hielt nun ſelbſt
die damalige Haͤndlungsweiſe jener Fürſten, wenn

nicht aus, ſo iſts dagegen bei den jetzigen revolu⸗
tionären Beſtrebungen in Deutſchland mehr als
zu deutlich und offenbar, daß ſie einen dem Worte
Gottes durchaus feindſeligen Charakter haben.
Der „Lutheriſche Botſchafter“ bekennt ſelbſt, daß
ſich ein Schwindel des Unglaubens in die jetzigen

man ſie ſtreng nach Gottes Wort prüft, die Probe!

Freiheitsbeſtrebungen miſcht; aber dies iſt noch
viel zu wenig geſagt, denn ſie gehen ganz und gar Dank gegen Gott die Vorzüge einer freien Ver⸗

dern auch Vernichtung des Chriſtenthums zum
Zweck hat. Es ſind ſolche Freiheitsmänner, wie
ſie ſchon längſt zuvor St. Petrus beſchrieben hat,
2 Petr. 2, 10.: „Allermeiſt aber die, ſo da wan⸗
deln nach der unreinen Luſt, und die Herrſchaft
verachten, thürſtig, eigenſinnig, nicht erzittern die
Majeſtäten zu läſtern“, denen er auch im vorher⸗
gehenden Verſe ihre Strafe verkündigt.

Das andere Beiſpiel, womit der „Lutheriſche
Botſchafter“, gleich den unzähligen Tagesblättern

dieſes Landes, die Rechtmäßigkeit der Revolution

zu beweiſen ſucht, ſind die glorreichen Väter un⸗
ſerer Republik. Dieſe, ſchließt er, müßten dann
auch Verbrecher geweſen ſein, wenn Revolution
in jedem Falle ein Verbrechen ſei. Dieſen un⸗
theologiſchen Schluß ſollte man in einer theolo⸗
giſchen Zeitſchrift freilich nicht erwarten. Anſtatt die
Handlungen der Menſchen nach den Principien der
Schrift zu beurtheilen, werden hier die Principien
aus den Handlungen der Menſchen gefolgert.
Wenn ſolche Schlüſſe gelten ſollten, welche bibliſche
Lehre bliebe dann noch feſt? Es iſt ja kläglich,
wenn ein Chriſt, geſchweige ein Theolog, ſich den
Namen, den Ruhm und das Anſehen der Men⸗
ſchen ſo blenden läßt, daß er das helle Licht des
göttlichen Wortes nicht mehr ſehen kann! Sei
der Name eines Mannes auch noch ſo groß und
berühmt, dies darf uns nicht im mindeſten be—
wegen, um ſeinetwillen vom Worte der Wahrheit
auch nur einen Finger breit abzuweichen. Ein
anderer Grund endlich, warum der „Lutheriſche

Botſchafter“ ſich für die Revolution erklärt, iſt die

Beſorgniß, daß ein entſchiedenes Zeugniß ſchriſt⸗

getreuer Prediger und religiöſer Zeitſchriften gegen

die Revolution der chriſtlichen Religion ſelbſt

Nachtheil bringen und ſie in den Augen der

Menſchenfreunde verhaßt machen möchte. Dies

iſt wirklich der Sinn des „Lutheriſchen Botſchaf⸗

ters“, obwohl er andere Worte braucht. Er ſagt'
nemlich: „wenn religiöſe Zeitſchriften und Pre⸗

diger im Allgemeinen auf der Seite des Abſolu⸗

tismus ſtehen, ſo kann dies nur zur Folge haben,

daß Menſchen, welche Menſchenliebe im Herzen

haben, dadurch gegen die Religion eingenommen

werden.“ Der „Lutheriſche Botſchafter“ ſetzt alſo -
voraus, daß alle, welche die Revolution verdam⸗
men, auf der Seite des Abſolutismus ſtehen, d. h.
die unumſchränkte Gewaltherrſchaft für die einzig
richtige und beſte Regierungsform halten. Allein
dies iſt ein zu vorſchnelles Urtheil; denn man
kann die Revolution aus ſchriftgemäßen Gründen
verdammen, ohne doch ein Freund oder Verthei⸗
diger der abſoluten Gewalt zu ſein. Man kann
der republikaniſchen Verfaſſung unbedingt den
Vorzug geben, und doch ein entſchiedener Gegner
aller Revolution ſein. Wir wenigſtens würden
es hier zu Lande als ein höchſt verbrecheriſches
Unternehmen anſehen, und uns allen Ernſtes da⸗
wider ſetzen, wenn man den hieſigen Freiſtaat mit
Gewalt ſtürzen und in einen monarchiſchen un⸗
wandeln wollte. Wir erkennen mit herzlichem

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